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Veröffentlicht am 01.02.2026

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Lola im Spiegel
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Ein namenloses 17jähriges Mädchen lebt mit der Mutter in einem kaputten Van auf einem Schrottplatz in der Nähe des Brisbane River. Sie waren viele Jahre lang auf der Flucht, denn die Mutter hat vor langer ...

Ein namenloses 17jähriges Mädchen lebt mit der Mutter in einem kaputten Van auf einem Schrottplatz in der Nähe des Brisbane River. Sie waren viele Jahre lang auf der Flucht, denn die Mutter hat vor langer Zeit etwas sehr Schlimmes getan und wird noch immer von der Polizei gesucht. Deshalb hat die Frau, die sich Erica Finlay nennt, dem Mädchen nie seinen Namen gesagt. Sie will ihre Geschichte erst erzählen, wenn ihre Tochter 18 ist und niemand sie in eine Einrichtung sperren kann. Dann will sie sich auch der Polizei stellen. Ihren kargen Lebensunterhalt verdienen die beiden, indem sie für die grausame Flora Box genannt Lady Flo und ihren Sohn Brandon Drogen ausliefern. Keiner kommt aus diesem Milieu wieder heraus. Doch dann ertrinkt die Mutter, als sie ein Baby rettet, und die Tochter wird erst einmal keine Antworten auf ihre Fragen finden. Die talentierte Zeichnerin gibt jedoch nicht auf und verliert ihren Traum, eine berühmte Künstlerin zu werden, nicht aus den Augen. Immer wieder malt sie sich aus, wie am Ende ihres langen Lebens ein Kunstkenner im Metropolitan Museum Of Art in New York ihre Kunst lobt und ihre Lebensgeschichte erzählt. Doch noch ist es nicht so weit. Das Mädchen findet zwar Unterstützung und Hilfe und begegnet in dem jungen Danny Collins aus reichem Hause der Liebe ihres Lebens, gerät jedoch in lebensbedrohliche Situationen und gewalttätige Auseinandersetzungen, in denen auch Freunde und ein hilfsbereiter Polizist sterben.
Der Roman einer Identitätssuche hat mir – wie schon der Vorgänger “Der Junge, der das Universum verschlang“ – insgesamt gut gefallen, obwohl die Geschichte des Mädchens, das auf der Suche nach sich selbst immer wieder in Spiegelscherben schaut und Gespräche mit jemand namens Lola führt, trotz der dargestellten Grausamkeiten wenig realistisch ist und eher märchenhafte Züge trägt. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass jemand aus diesem Milieu am Rande der Gesellschaft den Aufstieg zur berühmten Künstlerin schafft. Dennoch hat mich die Darstellung, die nicht frei von Längen ist, immer wieder verzaubert. So überwiegt am Ende doch der positive Eindruck.

Veröffentlicht am 23.01.2026

Frei, Freisein, Freiheit

Die Liebe, später
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Anselm und Kora, beide Anfang 60, sind seit über zwanzig Jahren ein Paar. Nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung, gefolgt von einer Herzoperation erholt sich Kora nur langsam. Sie spürt, dass sie nicht ...

Anselm und Kora, beide Anfang 60, sind seit über zwanzig Jahren ein Paar. Nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung, gefolgt von einer Herzoperation erholt sich Kora nur langsam. Sie spürt, dass sie nicht einfach da weitermachen kann, wo sie vor der Operation aufgehört hat. Das ist auch deshalb nicht möglich, weil Anselm in Rente gegangen ist und die Radiostation, für die Kora all die Jahre gearbeitet hat, sie drängt, einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. Kora kann sich zunächst nicht entscheiden, stellt ihr ganzes Leben in Frage. Sie liebt Anselm nach wie vor, war immer glücklich in dieser Ehe, die all die Jahre eine Wochenendbeziehung war, weil Anselm zwischen Berlin und ihrem Haus in Köln pendelte, will aber plötzlich frei sein, was immer das in ihrem Fall heißen mag. Kora geht zurück in ihre Vergangenheit und trifft Freunde aus der Kindheit und Jugend. Da gibt es viele Dinge, die sie verdrängt hat und nun durch eine neuerliche Begegnung zum Abschluss bringen will. Das sind Geheimnisse, von denen Anselm nichts weiß, aber auch er hat ihr nie alles über sich gesagt. In dieser Beziehung gab es schon immer viel Distanz. Der Leser begleitet eine Ehekrise mit lange ungewissem Ausgang. Daneben beschäftigt sich Kora mit dem Problem ihres alten Bekannten Felix, der sie um Hilfe gebeten hat. Die Ehefrau von Felix ist plötzlich spurlos verschwunden, vielleicht bei einer Wanderung in den Alpen ums Leben gekommen, eventuell aber auch unterwegs in ein anderes, neues Leben.
Die überwiegend aus Koras Perspektive auf mehreren Zeitebenen erzählte Geschichte ist nicht frei von Längen, aber sehr interessant und lesenswert. Die Einsichten in die menschliche Existenz bringen den Leser zum Nachdenken, besonders die immer wieder eingestreuten 5-Punkte-Listen. Wir dürfen vor allem nicht vergessen, „dass nichts jemals so bleibt, wie es gerade ist. Der andere nicht. Man selbst nicht. Das Leben.“ (S. 187). Dessen müssen wir uns bewusst sein, wenn wir Zukunftspläne schmieden.

Veröffentlicht am 20.01.2026

Der amerikanische Traum ist eine Illusion

Real Americans
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In ihrem Roman “Real Americans“ erzählt Rachel Khong eine amerikanisch-chinesische Familiengeschichte über drei Generationen. Im ersten Abschnitt arbeitet die 22jährige Lily Chen im Jahr 1999 als unbezahlte ...

In ihrem Roman “Real Americans“ erzählt Rachel Khong eine amerikanisch-chinesische Familiengeschichte über drei Generationen. Im ersten Abschnitt arbeitet die 22jährige Lily Chen im Jahr 1999 als unbezahlte Praktikantin bei einem Medienunternehmen. Bei einer Party ihrer Fima lernt sie Matthew kennen, den reichen Erben eines großen Pharmaimperiums. Sie verlieben sich sofort in einander, heiraten bald und bekommen den Sohn Nick. Im zweiten Teil lernen wir Nick im Jahr 2021 kennen. Er lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter auf einer Insel im Staat Washington im Westen der USA und bereitet sich auf sein Studium vor. Nick kennt seinen Vater nicht und versucht in dieser Phase, ihn ausfindig zu machen. Er möchte endlich herausfinden, was seine Mutter ihm all die Jahre verheimlicht hat. Der dritte Teil spielt im Jahr 2030 und liefert den Hintergrund, die Geschichte der Großmutter May. Der historische Hintergrund, China unter Mao in den 60er Jahren, bietet die Erklärung, warum die Wissenschaftlerin May damals mit einem Kollegen floh und in die USA emigrierte. Dadurch erhält nicht nur der Enkel Nick Antwort auf seine Fragen, sondern auch für den Leser werden alle Fäden zusammengeführt.
Khongs umfangreicher, sehr detailreich und teilweise etwas langatmig erzählter Gesellschaftsroman behandelt viele Themen, beschäftigt sich aber vor allem mit der Frage, wie wir zu denen werden, die wir sind. Da geht es um Rasse und gesellschaftliche Klasse, um Identität und Zugehörigkeit, vor allem aber auch um die Entscheidungen, die wir im Leben treffen. Inwieweit sind wir überhaupt in der Lage, über unser Leben zu bestimmen? Nicht nur Lebensumstände, sondern auch Genetik sind dabei wichtige Faktoren. Es ist sicher kein Zufall, dass sich die Wissenschaftler in diesem Roman auch mit Genmanipulation beschäftigen, und diese in den Familiengeheimnissen eine Rolle spielt.
“Real Americans“ ist ein ungewöhnlicher, auf jeden Fall interessanter und lesenswerter Roman.

Veröffentlicht am 20.11.2025

Neues aus dem Graphischen Viertel

Das Antiquariat am alten Friedhof
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Kai Meyers neuer Roman spielt auf zwei Zeitebenen - 1930 und 1945. In der Bücherstadt Leipzig gründen vier junge Leute 1930 den „Club Casaubon“. Felix, Vadim, Julius und Eddie stammten aus vermögenden ...

Kai Meyers neuer Roman spielt auf zwei Zeitebenen - 1930 und 1945. In der Bücherstadt Leipzig gründen vier junge Leute 1930 den „Club Casaubon“. Felix, Vadim, Julius und Eddie stammten aus vermögenden Familien und teilen die Leidenschaft für Bücher. Dann beginnen sie, wertvolle Bücher zu stehlen. Mit dem Erlös aus dem Verkauf unterstützen sie Vadim, der mit seinem Antiquariat in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Eines Tages schließt sich Eddies Schwester Eva der Gruppe an. Felix verliebt sich in die attraktive junge Frau, doch er hat in Vadim einen Rivalen. Felix wandert in die USA aus. 1945 wird er von den Amerikanern beauftragt, bei der Katalogisierung von Millionen geraubter Bücher mitzuhelfen. Sein erster Einsatz ist auf Patmos, wo er die Vernichtung eines wertvollen Buchbestandes in einem Kloster verhindern soll. Sein nächster Auftrag führt ihn in das zerstörte Leipzig, wo er die Freunde von früher und Eva sucht, die angeblich tot ist. Hier ist das Leben gefährlich. Die Invasion der Russen droht, und gefährliche Spione und Gangster sind überall aktiv.
Die Geschichte hat umfangreiches Personal und viele Handlungselemente, deren Verknüpfung man aufmerksam verfolgen muss. Da ist die Liebesgeschichte zwischen Eva und Felix vor historischem Hintergrund, aber auch ein mysteriöses Manuskript und Okkultismus spielen eine Rolle. Felix gerät in gefährliche Situationen und versucht zu überleben. Er muss sich entscheiden, ob er nach Beendigung seiner Mission in Europa bleibt oder in die USA zurückkehrt.
Ich habe auch den neuen Roman des Autors trotz einiger Längen und einer ungeheuren Detailfülle gern gelesen, aber für mich ist es nicht das beste Buch aus der Serie um das Graphische Viertel. “Die Bücher, der Junge und die Nacht“ hat mir von allen am besten gefallen.

Veröffentlicht am 13.11.2025

Eine entschlossene junge Frau kämpft um den beruflichen Aufstieg

Bernadette Swifts Gespür für Bücher
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Die Handlung des neuen Romans von Eliza Knight spielt Anfang der 60er Jahre in New York. Die junge Bernadette Swift arbeitet als Juniorlektorin bei dem renommierten Verlag Lenox & Park Publishing. Sie ...

Die Handlung des neuen Romans von Eliza Knight spielt Anfang der 60er Jahre in New York. Die junge Bernadette Swift arbeitet als Juniorlektorin bei dem renommierten Verlag Lenox & Park Publishing. Sie träumt davon, als erste Frau Verlagschefin zu werden, aber bis dahin ist es ein langer Weg. Gleich zu Beginn des Romans beauftragt sie ihr unsympathischer Chef Wall mit einem Botengang. Sie soll sein bekleckertes Hemd in die Reinigung bringen und wieder abholen. In der Folge erfährt der Leser, dass Bernadette auf vielfältige Weise benachteiligt und schikaniert wird. Sie muss nicht nur mehr Manuskripte bearbeiten als ihre drei männlichen Kollegen zusammen, sondern verdient auch erheblich weniger als sie. Auch die Sekretärin Sarah beteiligt sich an Sabotageakten und begegnet ihr äußerst unfreundlich. Zum Glück gibt es den sympathischen Kollegen Graham aus einer anderen Abteilung, der sie im Laufe der Geschichte mehrfach unterstützt. Irgendwann beschließt Bernadette, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern sich zu wehren und ihr großes Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Als sie sich einem feministischen Buchclub anschließt, findet sie Freundinnen, die sie auch unterstützen, als sie eine Demo und eine Arbeitsniederlegung organisiert. In diesem Zusammenhang gerät sie in sehr bedrohliche Situationen, als protestierende Männer sehr aggressiv auf ihre Aktionen reagieren. Zum Glück hat sie ihre geliebte Dogge Frank als Partner und kommt Graham immer näher.
Die Autorin macht mit historischer Genauigkeit sichtbar, wie es damals in der Arbeitswelt zuging, vor allem in der männerdominierten Verlagswelt. Sie zeigt, wie wichtig es ist, dass Frauen in einer solchen Situation nicht aufgeben, dass sie sich solidarisch verhalten und Strategien entwickeln, um inakzeptable Bedingungen abzuschaffen. Das geschieht mit viel Witz, wozu auch die aus der Perspektive des empathiefähigen Hundes Frank erzählten Kapitel entscheidend beitragen. Mir hat der Roman insgesamt trotz des unrealistischen Ausgangs der Handlung gefallen, wo sich sämtliche beruflichen und privaten Probleme blitzschnell in Wohlgefallen auflösen und alles gut wird für Bernadette und alle, die ihr nahestehen. Keine große Literatur, aber eine charmante Geschichte, die Mut macht.