Profilbild von Magnolia

Magnolia

Lesejury Star
online

Magnolia ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Magnolia über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.11.2025

Bedrohlich-schaurige Atmosphäre – gute Story, brillant vorgetragen

Knochenkälte
1

Direkt bedrohlich geht es los. Von Knochen, die überleben, ist die Rede – anders als der Rest des Körpers, der sich je nach Lage mit der Zeit auflöst. Von nackten Wurzeln eines vom Sturm entwurzelten Baumes ...

Direkt bedrohlich geht es los. Von Knochen, die überleben, ist die Rede – anders als der Rest des Körpers, der sich je nach Lage mit der Zeit auflöst. Von nackten Wurzeln eines vom Sturm entwurzelten Baumes wird berichtet, aus denen ein Gesicht starrt.

Und dann ist er es, der sich heillos verirrt. Sein Ziel hat er meilenweit verfehlt, das Navi ist ausgefallen, kein Handyempfang. Mitten auf der Straße steckt ein Schaf fest, er schafft es gerade nochmal so in ein Pub. Dort erfährt er von einem Hotel, das geschlossen ist und doch ist es die einzige Chance, die Nacht nicht im Freien zu verbringen. Auch dieses heruntergekommene Gemäuer wirkt nicht gerade einladend. Mehr noch, es ist geradezu furchteinflößend. Und nicht nur das, auch die Leute in Dorf zeigen ihre feindliche Fratze.

Eigentlich ist der forensische Anthropologe Dr. David Hunter auf der Suche nach einem seit sechs Monaten verschwunden 16jährigen Teenager, der Schneesturm jedoch hat ihn weit abgetrieben und die Straße, die ihn zurückführen würde, ist durch den Einsturz einer Brücke nicht mehr passierbar. Von der Außenwelt abgeschnitten macht er sich auf die Suche nach einem Handynetz, was ihm zwar nicht gelingt, jedoch macht er eine grausame Entdeckung.

Gespannt, ja atemlos folge ich der Beschreibung des Waldes mit all seinen Gefahren, der Bäume und der Wurzeln, die wie ein Netz nicht nur Erdklumpen einspinnen und der Krater, die im Dunkeln so manches verbergen, dazu das unwirtliche Wetter und der tiefe Schnee, in dem es fast kein Durchkommen gibt – es ist eine bedrohlich-schaurige Atmosphäre, die mir Johannes Steck, der Sprecher des Hörbuches, hier vermittelt. Er ist es, der mich über 12 Stunden und 20 Minuten gebannt zuhören lässt. Er gibt jeder einzelnen Figur seine ganz persönliche Note, seine ganz eigene Stimmlage, sodass jeder einzelne sofort erkennbar ist. Ihm zuzuhören, ist Genuss auf ganzer Linie. Die sowieso absolut fesselnde Story gewinnt durch seinen gekonnten Vortrag nochmal, er füllt jeden Charakter mit Leben.

Nicht jeden Band um Dr. David Hunter habe ich gelesen bzw. gehört, diese „Knochenkälte“ jedoch, der nunmehr siebte Band, hat es in sich. Dunkle Geheimnisse inmitten einer angsteinflößenden Kulisse treiben die Story vorwärts, ein Entrinnen scheint unmöglich. Den nächsten Hunter werde ich mir wieder als Hörbuch gönnen, ich bin wieder voll im Hunter-Fieber.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.11.2025

Eine Reise ins Unbekannte – ins Paradies?

Aufbruch ins Paradies
1

Nachdem mich vor ziemlich genau einem Jahr Tara Haigh nach Madeira entführt hat und ich dem „…Ruf des schwimmenden Gartens“ begeistert gefolgt bin, treibt es mich mit ihrem „Aufbruch ins Paradies“ um ...

Nachdem mich vor ziemlich genau einem Jahr Tara Haigh nach Madeira entführt hat und ich dem „…Ruf des schwimmenden Gartens“ begeistert gefolgt bin, treibt es mich mit ihrem „Aufbruch ins Paradies“ um die halbe Welt mit Ziel Neuguinea. Wir schreiben das Jahr 1884. Sie erzählt von „drei jungen Frauen und einer Reise, die alles verändert…“

Noch sind wir in Karlsruhe bei der Familie Berger und ihrer Möbelfabrik, die ihr Auskommen sichert, wenngleich die exquisiten Stücke mit ihren Einlegearbeiten, die dem Familienoberhaupt Gustav so viel bedeuten, immer weniger Käufer finden, die Arbeiter brauchen eher einfaches Mobilar. Die Frage der Produktumstellung stellt sich nach dem Brand, der in den Stallungen ausbricht, nicht mehr. Das Feuer breitet sich auf Werkstatt und Lager aus, auch das Haus ist nicht mehr bewohnbar. Vaters jüngerer Bruder Friedrich ist gerade geschäftlich hier, er macht ihnen einen Neuanfang im fernen Neuguinea schmackhaft - sie brechen auf ins Paradies…

…reisen mit der „Prinz Heinrich“. Mit an Bord sind ihre Vorstellungen, ihre Wünsche und Träume. Sie fahren einer Zukunft entgegen, die ihnen Friedrich in den schillerndsten Farben beschreibt. Die Insel ist voller Palmen, weiß er zu berichten. Mit Palmöl lässt sich gutes Geld verdienen, mehr noch mit Kopra, dem getrockneten Fruchtfleisch der Kokosnuss, daraus wird Kokosöl gewonnen, das vielfältige Anwendungsbereiche abdeckt. Anna, die jüngste von Gustav Bergers Töchtern, will alles darüber wissen. Mehr noch - sie will in dieses lukrative Geschäft einsteigen. Ihr Bruder Ludwig und seine Frau Clara wollen missionarisch unterwegs sein und auch ihre große Schwester Hedwig ist von dem Gedanken infiziert, nochmal ganz neu anzufangen.

Gespannt verfolge ich die Reiseroute, bin beim Landgang in Lissabon dabei, passiere die Meerenge von Gibraltar, durchquere den Suezkanal, mache Halt in Colombo/Sri Lanka, bin in Penang in einer Opiumhöhle, die für eine schicksalhafte Begegnung sorgt. Später dann in Singapur ist es eine rothaarige Frau, die eine unangenehme Wahrheit ausspricht. Dies ist nur ein kleiner Abriss der Schiffsreise, die für so einige abrupt enden wird, für andere wird sie alles verändern. So manch Reisebekanntschaft erweist sich als Luftnummer, es entstehen Freundschaften, Enttäuschungen bis hin zu Verrat bleiben nicht aus, aber auch die Liebe reist mit.

Es ist schon ein Wagnis, alles zurückzulassen, noch dazu in ferne, unbekannte Gefilde. Und das vor 150 Jahren, als diese Schiffsreise eine strapaziöse, mehrmonatige Weltumsegelung bedeutete. Gefährlich war sie obendrein, nicht nur die Unwägbarkeiten einer stürmischen See mussten in Kauf genommen werden, auch wusste man weder von den Gefahren während der Reise noch von denen am Zielpunkt. Tara Haigh beschreibt dies alles so eindringlich, ich war gefühlt mit auf dem Schiff, hab die Landausflüge genossen und mich für Anna, Hedwig und Clara gefreut, hab mit ihnen gehadert und gelitten und auch später dann, nachdem sie endlich angekommen sind, war ich schon auch ernüchtert. Ihr ganzes Leben und das ihrer Familie und ihrer Freunde wird sich grundlegend ändern, in dem jungen Raba haben sie einen deutschsprechenden Einheimischen gefunden, der – so hoffe ich – ihnen in ihrer neuen Heimat in Finschhafen/Neuguinea zur Seite stehen wird. Der zweite Teil der Neuguinea-Saga „Unter fremden Himmeln“ wird am 20.01.2026 erscheinen, ich fiebere diesem Datum jetzt schon entgegen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.11.2025

Absolut fesselnd

Der Kuckucksjunge
1

„Das ist ein Rohrsängernest“ erklärt der junge Biologielehrer Bjarke Venø den Viertklässlern, als sie davor stehen. „Aber es hat Besuch von einem Kuckucksjungen bekommen“ fügt er noch an, als die Kinder ...

„Das ist ein Rohrsängernest“ erklärt der junge Biologielehrer Bjarke Venø den Viertklässlern, als sie davor stehen. „Aber es hat Besuch von einem Kuckucksjungen bekommen“ fügt er noch an, als die Kinder mit ansehen müssen, wie dieses Junge die Brut der Rohrsänger aus dem Nest schmeißt. Es passiert noch sehr viel mehr, Bjarke sammelt eiligst die Kinder ein, beinahe hätten sie die Rucksäcke zurückgelassen, wir sind im Mai des Jahres 1992...

…um dann zu Silje Thomsen in die Gegenwart zu wechseln. Nicht das erste Mal ersetzt sie ihre SIM-Karte und schreibt ihrer Tochter kurz ihre neue Nummer. Trotz Wechsel der SIM-Karte hören die beängstigenden Nachrichten nicht auf. „Hab dich.“ Und - ein Abzählreim „Ich zähl eins, ich zähl zwei. Ist noch lange nicht vorbei“ setzt sich kontinuierlich fort. „Ich zähl drei…“, sie bekommt Fotos – sie verschwindet. Spurlos.

Die Kommissarin Naia Thomsen bearbeitet mit Mark Hess diesen mysteriösen Fall, dem bald ein weiterer folgt. Vor einiger Zeit hat eine 19jährige dieselbe Botschaft „Hab dich“ bekommen, bis heute ist ihr Mörder nicht gefunden. Es wird immer bedrohlicher, Thomsen und Hess werden von oben herab ausgebremst und auch ist es eher eine Hassliebe, die zwischen den beiden Ermittlern, die sich von früher kennen, lodert. Jeder ist auf seine Art knallhart, jeder hat genug private Probleme, auch das bekommen wir mit – und doch funktionieren sie als Team.

„Der Kastanienmann“ habe ich nicht gelesen, schon da haben Thomsen und Hess zusammengearbeitet, mehr kann ich eher erahnen als dass ich es wüsste. Ich brauche aber keinerlei Vorkenntnisse, Søren Sveistrups „Kuckucksjunge“ liest sich vom ersten bis zu letzten Satz spannend, er hatte sofort meine volle Aufmerksamkeit. 666 Seiten voller Dramatik, voller brutaler Morde, voller hinterhältigen, nicht durchschaubaren Spielchen, die mich entsetzt und doch gefesselt haben. Ich hatte keinen Durchblick bis dem Ende zu, als sich alles nochmal zugespitzt hat, was ich nie für möglich gehalten hätte.

Alle Figuren, angefangen von Thomsen und Hess über die Mordopfer bis hin zu einer Mutter mitsamt Familie und ihrer Freundin sind ihren jeweiligen Rollen entsprechend gut und glaubhaft dargeboten, die Story, die mit dem Rückblick ins Jahr 1992 beginnt, bleibt danach in der Gegenwart. Man kann der aufwühlenden Handlung gut folgen, wenngleich man erst zum Schluss die Zusammenhänge so richtig fassen kann. Und ja – dieser Thriller ist heftig, er ist nervenaufreibend, er ist absolut fesselnd, ich hab ihn innerhalb kürzester Zeit inhaliert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.11.2025

Drei Frauen, drei Schicksale

Lebensbande
1

Lene, Nora und Lotte – drei Frauen, drei Schicksale. Mechtild Borrmann erzählt von ihnen, sie spannt den Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis hin zum Mauerfall.

Im Herbst 1991 bekommt eine von ihnen einen ...

Lene, Nora und Lotte – drei Frauen, drei Schicksale. Mechtild Borrmann erzählt von ihnen, sie spannt den Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis hin zum Mauerfall.

Im Herbst 1991 bekommt eine von ihnen einen Brief der LVA Mecklenburg-Vorpommern mit der Bitte, Nachweise zu ihrer Tätigkeit vor 1953 und auch danach nachzureichen. Fast dreißig Jahre wohnt sie nun schon hier, sie hat als Krankenschwester gearbeitet, ihr Gustav ist schon einige Jahre tot und nun droht die Vergangenheit sie einzuholen. „Kühlungsborn, Oktober 1991. Ich bin 1953 in Frankfurt an der Oder angekommen, aber mein Entlassungsschein…“ So beginnt sie, ihre Erinnerungen niederzuschreiben.

Im September 1931 begegne ich der 17jährigen Lene, die an einem Tanzabend den jungen Holländer Joop kennenlernt. Ich lese von ihrem Schicksal und von dem ihrer Familie und auch von dem ihres Sohnes Leo, der bei der Schuleinschreibung eine niederschmetternde Diagnose erhält. Er wird in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen. Nora, die her als Krankenschwester arbeitet, hat ein Auge auf Leo und doch kann sie ihn nicht vor der Unbill der Nationalsozialisten beschützen. Leos Schicksal ist so eindringlich beschrieben, bei Lesen hatte ich Herzklopfen, konnte gar nicht glauben, mit welch Chuzpe mit diesen Kindern umgegangen wurde. Alle haben sie mitgemacht, sich freiwillig oder gezwungenermaßen dem Unrechtsregime untergeordnet.

Lotte dann lernt Nora kennen, als es für diese als Krankenschwester Richtung Osten geht. Das Schicksal verbindet sie, sie geben sich gegenseitig Halt, auch und gerade in schwersten Zeiten.

Von Mechtild Borrmann habe ich schon einige Bücher gelesen, keines davon möchte ich missen. Ihr neuestes Buch LEBENSBANDE basiert auf wahren Begebenheiten, sie erzählt auf zwei Zeitebenen von der Zeit des Nationalsozialismus, beginnend 1931 bis hin zum Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus. Jede ihrer Figuren hat trotz der Tragik dieser Zeit auch ihre Glücksmomente und doch ist es eine tieftraurige, eine entsetzliche Geschichte, die ich hier lese. Wir wissen um die NS-Zeit, um die Aussortierung unwerten Lebens, um die Medikamententests. Frauen wurden in sowjetische Arbeitslager verschleppt, auch davon lese ich - viele überlebten die tägliche Schwerstarbeit bei Wasser und Brot nicht.

Dieser gut recherchierte, lesenswerte, intensiv erzählte historische Roman blickt auf eine sehr dunkle Zeit, dessen Schrecken wir nie vergessen dürfen, LEBENSBANDE erzählt davon.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.11.2025

Perfekt inszeniertes Verwirrspiel

Verstummte Narben: Thriller
1

„Verstummte Narben ist das nunmehr zehnte Buch um die Kölner Rechtsmedizinerin Julia Schwarz. Schon der Prolog lässt mich ratlos zurück und als dann mitten im Winter eine leichtbekleidete tote Frau vor ...

„Verstummte Narben ist das nunmehr zehnte Buch um die Kölner Rechtsmedizinerin Julia Schwarz. Schon der Prolog lässt mich ratlos zurück und als dann mitten im Winter eine leichtbekleidete tote Frau vor dem Grab eines 15jährigen gefunden wird, bin ich wiederum infiziert, die raffiniert konstruierte Story lässt mich nicht mehr los. Catherine Shepherd beweist einmal mehr, dass sie eine Meisterin des morbiden Verwirrspiels ist.

Unter dem Leichnam dieser Frau liegt das Foto einer jungen Frau, das darauf geschriebene Datum lässt auf ein unumstößliches Ultimatum schließen. Am 19. Januar um 23 Uhr, also in drei Tagen, wird was geschehen? Noch sind die Kriminalkommissare Florian Kessler und sein Partner Martin Sandhoff samt Team ratlos. Die Zeit spielt gegen sie. Julia entdeckt bei der Obduktion über dem rechten Hüftknochen der Leiche drei kleine Kratzer, die sie nur zu gut kennt. Damals hat ein Serienkiller sein Unwesen getrieben, an seinen Opfern hat er exakt solche Kratzer hinterlassen und nun deutet wiederum alles auf diesen Inhaftierten hin, der den Hochsicherheitstrakt nie wieder verlassen wird. Und doch scheint es so, als sei es ihm gelungen, sich wieder sichtbar zu machen. Ist ein Nachahmungstäter am Werk? Zieht er gar in seinem Auftrag eine erneut mörderische Spur?

Wie nicht anders von Catherine Shepherd erwartet, ist auch dieser neueste, sehr komplexe Fall klug konstruiert. Sie präsentiert so manch undurchsichtigen Typ, lässt hinter die Kulissen blicken, allerdings perfekt dosiert. Denn wenn man meint, man hätte den Durchblick, kommt alles ganz anders. Es bleibt nicht bei diesem einen Mord, weitere folgen. Und da ist dieser eiskalte Kimpel im Gefängnis, seine kryptischen Anmerkungen muten überheblich an. Mit ihm hatte Julia schon in der Vergangenheit zu tun und nun brechen alte Wunden wieder auf.

Das nervenaufreibende, perfekt inszenierte Verwirrspiel zieht sich durchs Buch, so etliche Fährten erweisen sich als falsch und dem Ende zu bin ich wiederum verblüfft, wie sich die losen Fäden gekonnt verbinden. Diese absolut spannende, erbarmungslose Story ist ein Leckerbissen für jeden Thriller-Fan.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere