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Veröffentlicht am 03.12.2025

Das Herz so schwer

Sanna und Lia
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»Sie stoßen sich an ihrer Unfähigkeit, alle Kinder zu retten, die Vorgänge zu stoppen, aus denen resultierend zu viele Kinder geboren werden, dort geboren werden, wo man sie nicht gebrauchen kann. Deshalb ...

»Sie stoßen sich an ihrer Unfähigkeit, alle Kinder zu retten, die Vorgänge zu stoppen, aus denen resultierend zu viele Kinder geboren werden, dort geboren werden, wo man sie nicht gebrauchen kann. Deshalb schweigen die Erzieher, Direktoren und Lehrer und schauen uns nicht oft in die Augen. Sie seufzen nur.« (Seite 42)

Sanna verbringt ihre Kindheit in einem lettischen Kinderheim, es sind die 1980er Jahre. Dort freundet sie sich mit Andrejs an, einem älteren Roma-Jungen, der jedoch eines Tages verschwunden ist. Sanna verliert kurz darauf den Halt und stürzt ab, der Alkohol wird zur Gefahr, als Andrejs plötzlich wieder in ihr Leben zurückkehrt. Erst mit der Geburt der gemeinsamen Tochter Lia kehrt Normalität ein, bis das Schicksal erneut zuschlägt.

Der Mediathoughts Verlag hat mit dem vorliegenden Buch aus der Reihe Literatura Baltica, die Literatur aus Estland, Lettland und Litauen enthält, ein Werk herausgebracht, das für mich zu den Highlights dieses Jahr zählt. Der zweite Band, mit dem der Verlag eigenen Worten zufolge die Reise durch die baltische Literatur fortsetzt, überrascht mit einer schönen Sprache, Sätzen, die ins Herz treffen, sowie einer Geschichte, die sehr berührend ist und zum Nachdenken anregt. Es geht um Fragen nach der Herkunft und der Zugehörigkeit, um die Suche nach der eigenen Identität, aber auch darum, was Familie ist und wer dazu zählt. Können wir unserer Bestimmung entkommen und wenn ja, was macht das mit uns?

»Unsere Erzieherin Lelde schweigt, aber in ihren Augen sehe ich den Schmerz. Vielleicht sind ihre Augen Spiegel und das ist mein Schmerz. Wenn die Spiegel weinen könnten, würden sie den Schmerz vielleicht wegspülen, aber die Spiegel haben sich geschworen, dass sie nicht weinen werden und dass sie nie wieder hierher zurückkehren.« (Seite 51)

Dieses Buch zog mich in die Geschichte rein und ließ mich bis zur letzten Seite nicht mehr los. Ich habe Sanna und Lia begleitet, ihnen zur Seite gestanden, ihre Fehler gesehen, hab mit ihnen gelacht und geweint, habe mich über sie geärgert, aber auch manches mal mit ihnen gefreut. Tief berührt legte ich das Buch zur Seite und hatte das Gefühl, ein ganzes Leben hinter mir zu lassen, obwohl es doch gerade erst begonnen hat. Große Leseempfehlung gibt es dafür von mir.

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Veröffentlicht am 01.12.2025

Großartige Fortsetzung

Schwüre, die wir brechen
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In Malmö wird ein Toter gefunden, anstelle seines Kopfes sitzt auf dem Rumpf ein Krokodilskopf. Jon Nordh und Svea Karhuu ist schnell klar, dass es sich beim Täter um einen Serienmörder handeln muss, als ...

In Malmö wird ein Toter gefunden, anstelle seines Kopfes sitzt auf dem Rumpf ein Krokodilskopf. Jon Nordh und Svea Karhuu ist schnell klar, dass es sich beim Täter um einen Serienmörder handeln muss, als eine weitere Leiche auftaucht, die ähnlich verstümmelt ist. Der unbekannte Killer hinterlässt seltsame Zeichen an den Tatorten, die in Richtung altägyptischer Götter deuten. Die Ereignisse überschlagen sich, als ein junges Mädchen entführt wird, die Ermittler werden unter Druck gesetzt und bald gibt es eine erste Spur.

»Es war ihr Job, das herauszufinden. Die Identität des Mannes zu klären. Dem Korpus den fehlenden Kopf zurückzubringen. Auf dass ein wenig Würde wieder hergestellt würde. Den Menschen zu fassen, der ihn auf eine absurd grausame Weise getötet und den Leichnam geschändet hatte.« (Seite 41)

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den zweiten Teil der sogenannten Tatort Malmö-Reihe, die übrigens auf dem besten Weg ist, zu einer meiner Lieblingsreihen zu werden und das heißt schon was bei der Menge an Bücherreihen, die ich aktuell lese. Man muss den großartigen ersten Band nicht gelesen haben, um dem Geschehen folgen zu können, denn die Autoren haben ein Händchen dafür, wichtige Dinge so in die Geschichte einzubauen, das man quasi nebenbei erfährt, was man verpasst oder seit dem Reihenauftakt vielleicht wieder vergessen hat.

Auch der zweite, herrlich skurrile und dadurch umso aufregendere Fall der beiden sehr unterschiedlichen Ermittler konnte mich wunderbar unterhalten und insgesamt überzeugen. Trotz einiger Rückblenden konnte ich weder den Grund für die Morde erraten, noch hatte ich den Hauch einer Ahnung, in welche Richtung sich die Ermittlung entwickeln würde. Lediglich eine falsche Fährte konnte ich bereits früh ausmachen, meine Vermutung erwies sich als richtig, was meinen Lesegenuss jedoch nicht im geringsten schmälerte. Die privaten Geheimnisse kochten auch hier an die Oberfläche, ohne das Licht zu erblicken, sodass es weiterhin spannend bleibt, wohin die Reise hinführt. Ich kann es kaum erwarten und freue mich sehr darauf, wenn es nächstes Jahr weitergeht!

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Veröffentlicht am 29.11.2025

Einmal wieder Kind sein

Lieblingsmärchen
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Mit dem vorliegenden Büchlein erinnert Kat Menschik an den sich dieses Jahr jährenden 220. Geburtstag (02. April 1805) sowie den 150. Todestag (04. August 1875) von Hans Christian Andersen, den für mich ...

Mit dem vorliegenden Büchlein erinnert Kat Menschik an den sich dieses Jahr jährenden 220. Geburtstag (02. April 1805) sowie den 150. Todestag (04. August 1875) von Hans Christian Andersen, den für mich und sicherlich viele Millionen andere Menschen auch berühmtesten und großartigsten Märchenerzähler. Hierzu hat sie aktuelle, aber auch ältere Bilder beigesteuert, sodass ein kleines Nachschlagewerk entstanden ist, das außen wie innen wunderschön ist.

Als ich gehört habe, dass Kat Menschik die Märchen von Hans Christian Andersen herausbringt und mit ihren unverwechselbaren Illustrationen versieht, war ich regelrecht entzückt, umso mehr, als ich erfuhr, dass darunter eines meiner Lieblingsmärchen sein würde, nämlich »Das Mädchen mit den Schwefelhölzern«. Diese kleine Auswahl wird ergänzt durch eine Puppenspielversion des Stücks »Die Nachtigall« von Antje König und Karl Huck sowie eine eingescannte Version des Märchens »Das Feuerzeug« von der jungen Kat(hrin) Menschik, die zu meinem persönlichen Favorit geworden ist.

Zum Lesen, Vorlesen, Nachschlagen, Verschenken oder selbst behalten eignet sich dieses kleine Schmuckstück genauso gut wie, um es ins Regal zu stellen und anzuschauen, weil es so zauberhaft gestaltet ist. Viel Freude damit!

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Veröffentlicht am 27.11.2025

Fallen und Aufstehen

Neben Fremden
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Rosa wurde kürzlich pensioniert, sie war Krankenpflegerin in einem Seniorenheim. Ihr Freund ist überraschend verstorben, hinterlassen hat er ihr einen Campingbus, noch ist sie nicht sicher, was sie damit ...

Rosa wurde kürzlich pensioniert, sie war Krankenpflegerin in einem Seniorenheim. Ihr Freund ist überraschend verstorben, hinterlassen hat er ihr einen Campingbus, noch ist sie nicht sicher, was sie damit macht. Mit Menschen hat sie es nicht so, die einzige Freundin kennt sie aus dem Seniorenheim. Spontan fasst sie den Beschluss, reisen zu wollen, als ein Anruf sie darüber informiert, dass ihre Mutter ins Krankenhaus gekommen ist. Leben ist das, was passiert, während man andere Pläne macht.

Die Ich-Erzählerin Rosa scheint kein einfacher Mensch zu sein, die schwierige Kindheit und die zerrüttete Beziehung zur Mutter haben sie geprägt, auch ihre zwischenmenschlichen Erfahrungen halten sich in Grenzen, da sie viel zu jung Mutter wurde und früh gezwungen war, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Erst im Alter ließ sie sich auf die Liebe ein, und auch da war es ein verheirateter Mann. Nun ist er tot und zusätzlich zur Trauer in Wellen gesellt sich die Frage, ob das alles war.

Ein leiser Roman über die Sehnsucht nach etwas, was hätte sein können und nach dem, was vielleicht werden kann. Ein Buch darüber, wie es ist, wenn man etwas ändern will, aber nicht aus seiner Haut kann. Über Enttäuschungen und Hoffnungen, über die kleinen Freuden im Alltag und über verpasste Chancen. Ein wahres Lebens-Psychogramm. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 21.11.2025

Wenn Worte schweigsam sind

Blinde Geister
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»Ich kenne diese Stille. Musste sie als Kind so oft ertragen. Früher hat sie in den Sätzen selbst angefangen, in Antworten, die nicht mehr zu den Fragen passten, sich zwischen den Worten breitgemacht und ...

»Ich kenne diese Stille. Musste sie als Kind so oft ertragen. Früher hat sie in den Sätzen selbst angefangen, in Antworten, die nicht mehr zu den Fragen passten, sich zwischen den Worten breitgemacht und so weiter ausgedehnt, bis irgendwann gar nicht mehr gesprochen wurde.« (Seite 103)

Karl und Rita gehen mit ihren Töchtern Martha und Olivia regelmäßig in den Keller. Es sind die 1950er Jahre in Deutschland, der Krieg ist vorbei, außer für Karl, der die Lebensmittelvorräte überprüft und permanent am Radio klebt, um zu hören, ob die Russen kommen. Lange Zeit glaubt Olivia, dies sei normal, erst als Erwachsene verarbeitet sie, was in ihrer Kindheit geschah.

Die Ich-Erzählerin Olivia fängt an über ihr Leben zu sprechen, da ist sie elf Jahre alt. Wirr und ungeordnet ist ihre Geschichte, die Erzählung springt von Ereignis zu Ereignis, so richtig schlau wird man anfangs nicht daraus. Dies ist stimmig und passend, versteht sie als Kind ja nicht wirklich, was da passiert, dieses Gefühl transportiert sie auf mich als Leserin und kommt mir so ganz nah. Je älter Olivia wird, desto weniger mag ich sie, kann nicht nachvollziehen, warum sie so handelt, wie sie es tut, bis sie erwachsen wird, mehr reflektiert und mit mir zusammen aus den vielen kleinen Stücken ein Ganzes erschafft. Langsam dämmert mir, was in Olivias Kindheit geschah, und erst da erschließt sich auch mir die gesamte Breite der Geschehnisse. Verständnis kommt auf und eine Versöhnung mit der Figur ist zum Greifen nah.

Der Debütroman von Lina Schwenk wurde für zahlreiche Preise nominiert, unter anderem für den Deutschen Buchpreis 2025. Zuletzt wurde das Buch mit dem Publikumspreis des Harbour Front Literaturfestivals 2025 ausgezeichnet. Für mich ein großartiges Werk über die Nachkriegsgeneration, die Sprachlosigkeit in den Familien, die Worte zwischen den Zeilen und darüber, ob und wie eine Heilung möglich ist. Sprachlich einfach meisterhaft lässt mich das Werk ergriffen und bewegt zurück. Grandios!

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