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Veröffentlicht am 11.05.2018

Von Lügen- und anderen Räubergeschichten

Metamorphosen oder Der goldne Esel
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Lügengeschichten, Schwänke, Räuberpistolen: all das findet sich in Apuleius‘ „Metamorphosen„. Der 400. Band der „Anderen Bibliothek“ begibt sich auf schwankhaft-komische Wege.

Man folgt Lucius nach Thessalien, ...

Lügengeschichten, Schwänke, Räuberpistolen: all das findet sich in Apuleius‘ „Metamorphosen„. Der 400. Band der „Anderen Bibliothek“ begibt sich auf schwankhaft-komische Wege.

Man folgt Lucius nach Thessalien, und bereits unterwegs werden ihm so einige Lügengeschichten von gleichsam Reisenden aufgetischt. Wie gut, dass Lucius da nicht an einem Stück Käsekuchen erstickt ist!

An Johann Peter Hebels Schwänke erinnern die Geschichten, die Lucius in Hypata bei einem Geizhals namens Milo erlebt. Mit Hinterlist kommt Milo drumherum, dem Gast ein Essen anzubieten. Was Lucius allerdings mit der Magd Photis macht, entspricht nicht mehr ganz dem, was man bei Hebel lesen kann.

Schwankhaft ist auch die Totenwache, die Thelyphron hält, weil es ein einfacher Verdienst zu sein scheint – freilich: weit gefehlt, denn die Witwe hat andere Pläne. Hat sie doch ihren eigenen Mann umgebracht. Dass ein Toter für kurze Zeit wieder auferweckt wird, damit muss man bei Apuleius rechnen. Schließlich tauchen Hexen, ägyptische Propheten, Magier, Drachen und vieles mehr in seinen Geschichten auf.

Nach derlei eher komischen Geschichten, wird aus den „Metamorphosen“ eine rechte Abenteuergeschichte, denn Lucius, zum Esel verzaubert, wird von Räubern verschleppt und ist nolens volens im zweiten, großen Teil des Buches mit einer Räuberbande unterwegs. Dabei muss Lucius, der Esel, Schreckliches erleben, mehrfachst entkommt er nur knapp dem Tod oder der Kastration. Die Freiheit kommt schließlich erst, nachdem die Räuberbande fliehen muss. Hat sie doch zuvor den Ehemann einer entführten Tochter aus reichem Haus unwissentlich zu ihrem Räuberhauptmann erkoren. Freilich wechselt der Esel noch einige Male den Besitzer, bevor er zum Menschen zurückverwandelt wird.

Eingeflochten sind auch hier immer wieder Lagerfeuer-Geschichten, allerdings weniger schwankhafte, die griechischen Sagen nehmen hier breiten Raum ein, allen voran die Geschichte von Amor und Psyche wie auch die von Charite.

Dem Weg des Lucius folgt man gern, wenn es auch nicht immer leicht ist, ihm zu folgen. Allerdings gewöhnt man sich mit der Zeit daran, dass die Handlung immer wieder von allerlei Geschichtenerzählern unterbrochen wird. Auch habe ich die leicht antiquierte Übersetzung mit der Zeit liebgewonnen. „Ich halte den Vorschlag für ersprießlich, stelle ihn euch aber völlig anheim“ – ebenso „apostrophiert“ Lucius das Mädchen und überführt die „Unfläter“. Da fällt es kaum noch auf, dass das Buch noch in der alten Rechtschreibung gedruckt ist. Wie gesagt: man gewöhnt sich an den Stil der Übersetzung recht schnell und freut sich an solchen Formulierungen.

Sehr hilfreich sind die Anmerkungen, die am Ende des Buches abgedruckt sind und vor allem Sagenfiguren erklären, die einem so nicht unbedingt geläufig sind. Ebenso führt ein Vorwort in Buch und Autor ein – für mich war es fast schon zu ausführlich, die vielen Verweise auf Motive, die anderswo noch in der Literatur auftauchen, hätte ich nicht gebraucht.

Gestaltet ist der Band sehr kunstvoll. Bilder verzieren die einzelnen Kapitel, die Innenseiten des Umschlags sind – dem Untertitel gemäß – in Gold gehalten. Auch das Papier ist von besonderer Qualität und ein Lesebändchen gehört natürlich auch dazu.

Alles in allem sind Apuleius‘ „Metamorphosen“ ein großer Lesespaß. Mir haben es dabei vor allem die Geschichten, die Lucius erlebt, als er als Esel sein Dasein fristet, angetan.

Veröffentlicht am 22.12.2017

Zwei Familiengeschichten

Mudbound – Die Tränen von Mississippi
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Es ist ein Schlammloch, ein „mudbound“, wo die Baumwollfarm, die im Zentrum von Hillary Jordans Buch „Mudbound“ steht, zu finden ist. Zwei Familien leben dort, die auf den ersten Blick unterschiedlicher ...

Es ist ein Schlammloch, ein „mudbound“, wo die Baumwollfarm, die im Zentrum von Hillary Jordans Buch „Mudbound“ steht, zu finden ist. Zwei Familien leben dort, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein können.

Auf der einen Seite ist Henry, weiß, der schon immer – im Gegensatz zu seiner Frau Laura – vom Leben auf einer Farm geträumt hat. Auf der anderen Seite steht Hap, der schwarze Pächter, und seine Frau Florence. In den USA der 1940er Jahre ist das mit Konflikten und einem alltäglichen Rassismus verbunden. Dies spitzt sich zu, als die Söhne der beiden Familien aus dem Krieg zurückkehren und sich anfreunden. Die beiden werden zu Außenseitern, denen das Leben immer wieder schwer gemacht wird.

„Mudbound“ ist in allererster Linie eine doppelte Familiengeschichte. Zwei so grundverschiedene Familien leben zusammen an einem Ort, müssen sich irgendwie einleben und miteinander arrangieren. Der Blick ist dabei nicht nur auf die Konflikte gerichtet, auch das Bewirtschaften der Farm wird zum Thema.

Das Leben auf der Farm ist nicht einfach, das müssen beide Familien bitter erfahren. Für Laura, die als Stadtmensch auf die Farm kommt, ist die Umstellung enorm. Und auch wenn sie Henry liebt, fühlt sie sich doch von dessen Bruder Jamie angezogen, der als Lebemann so gar nicht aufs Land passt. Hap hingegen, der schwarze Pächter, scheint mit seinem Leben zufrieden zu sein, kann seine Familie gut ernähren. Doch wird er von den Weißen übers Ohr gehauen und als er mit seiner Arbeitskraft ausfällt, kommt die Familie in arge Schwierigkeiten.

Diese Mischung, das harte Leben auf dem Land und die Rassentrennung, wird von zwei Seiten betrachtet. – Und das macht das Besondere dieses Hörbuchs aus. Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven heraus. Und so treten die jeweiligen Lebenseinstellungen und Vorurteile klar zutage. Beim Zuhören bleibt es da nicht aus, dass man an manchen Stellen ordentlich schlucken muss. Es gibt keinen kommentierenden Erzähler, der radikale Aussagen oder radikales Verhalten wieder zurechtrückt, indem es verurteilt wird. Der Zuhörer bleibt sich selbst überlassen.

Für mich war es gerade das, was „Mudbound“ so hörenswert gemacht hat.

Veröffentlicht am 03.11.2017

Lesegenuss

Giftzwerg
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Mord in einer Kleingartenanlage: In seinem Krimi „Giftzwerg“ nimmt Bernd Mannhardt Berlins Kleingärtner unter die Lupe. Das Ermittlerduo Hajo Freisal und Yasmine Gutzeit haben es dabei nicht einfach: Nicht ...

Mord in einer Kleingartenanlage: In seinem Krimi „Giftzwerg“ nimmt Bernd Mannhardt Berlins Kleingärtner unter die Lupe. Das Ermittlerduo Hajo Freisal und Yasmine Gutzeit haben es dabei nicht einfach: Nicht nur, dass es bei den Laubenpiepern ordentlich knirscht, der Ermordete war alles andere als beliebt. „Giftzwerg“ ist sein Spitzname gewesen.

Freisal und Gutzeit müssen deshalb einiges an Charme aufbringen, um an Informationen zu kommen. Gesprächig sind die Kleingärtner so gar nicht. Jeder hatte sein eigenes Hühnchen mit dem „Giftzwerg“ zu rupfen, jeder hätte einen Grund gehabt, mit dem Giftzwerg abzurechnen. Hinzu kommt noch die alles andere als rühmliche Vergangenheit des Ermordeten. Viel Arbeit also für das gut aufeinander eingespielte Ermittlerduo.

Bernd Mannhardts Krimi „Giftzwerg“ lebt von seinen Figuren. Ihre Marotten wachsen einem ans Herz, zudem liebt Mannhardt die groteske Übertreibung bei der Beschreibung der Schrebergärtner. Hinzu kommen knackige Dialoge, gerne auch berlinerisch. Das alles macht das Lesen zu einem Genuss.

Veröffentlicht am 26.12.2025

Erzählungen mit unvorhersehbaren Wendungen

Schmaler Grat
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Es ist zumeist das Unvorhergesehene, das die Figuren in Ulrike Schäfers Erzählband „Schmaler Grat“ aus der Bahn wirft.

Dabei wirken die Erzählungen auf den ersten Blick wie aus dem Alltag gegriffen. ...

Es ist zumeist das Unvorhergesehene, das die Figuren in Ulrike Schäfers Erzählband „Schmaler Grat“ aus der Bahn wirft.

Dabei wirken die Erzählungen auf den ersten Blick wie aus dem Alltag gegriffen. Da joggt jemand, arbeitet in der Buchhandlung, da kommt Besuch. Und jedes Mal kippt irgendwann die Geschichte: Der Besuch nistet sich ein, man wird ihn nicht mehr los. Die Buchhandlung wird von einem verzweifelten Mann überfallen, die Joggerin fühlt sich verfolgt. Und jedes Mal kommt es zu Reaktionen, die man mit Fug und Recht als irrational bezeichnen kann.

Am eindrücklichsten und irritierendsten zugleich gelingt Ulrike Schäfer dies in ihrer Erzählung „Gesichter„, die man auch als Groteske bezeichnen könnte. Dass die Cheerleader die Tribünenbesucher verprügeln, während ihre Gesichter stets lächeln, bleibt in der Deutung parabelhaft offen.

Der Erzählstil der zumeist eher kurzen Erzählungen ist dabei durchweg nüchtern und eher beobachtend. Nur selten, wie etwa in der letzten Geschichte des Erzählbands, kommt ein psychologisierender Ton hinzu – in diesem Fall mit der Frage, wie wir mit unseren Erinnerungen umgehen, ob wir unsere Freunde aus der Kindheit so in Erinnerung behalten wollen, wie wir sie als Kind wahrgenommen haben, oder ob wir den Sprung in die Gegenwart wagen.

15 Erzählungen sind in „Schmaler Grat“ versammelt, die mit ihren unvorhersehbaren Wendungen den Leser in den Bann ziehen.

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Veröffentlicht am 29.11.2025

Roman über den Widerstand der "Wäldler" in Litauen gegen die Nazis

Europäische Erziehung
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"Europäische Erziehung" heißt Romain Garys Roman über den litauischen Widerstand, die "Waldler". Geschrieben hat er ihn bereits im Jahr 1944. Nun ist er auf Deutsch erschienen. 

Der Roman beginnt fast ...

"Europäische Erziehung" heißt Romain Garys Roman über den litauischen Widerstand, die "Waldler". Geschrieben hat er ihn bereits im Jahr 1944. Nun ist er auf Deutsch erschienen. 

Der Roman beginnt fast wie eine Abenteuergeschichte: Doktor Twardowski gräbt mit seinem Sohn Janek im Wald eine Höhle aus, ein Versteck. "Old Shatterhand" nennt er ihn, den 14-Jährigen. Einen Schlafplatz hat die Höhle, eine Feuerstelle (mit Abzug) und einen großen Kartoffelvorrat. 

Doch bald schon wird deutlich, dass es mehr ist als ein Abenteuer - oder besser gesagt: etwas ganz anderes. Die beiden Brüder von Janek sind tot, sein Vater ist ein Widerstandskämpfer - und bald schon kommt er nicht mehr zum Versteck. Janek ist auf sich allein gestellt. 

Nach und nach beginnt er, die Umgebung zu erkunden, trifft auf Widerstandskämpfer, die sich im Wald verstecken - die sogenannten "Waldler". Für sie wird Janek Kundschafter und Bote und trifft eines Tages auf Zosia, die ähnliche Aufgaben im Widerstand erfüllt, vor allem spioniert sie die Deutschen aus. Gemeinsam überstehen sie den Winter, warten auf Nachrichten von der Front, von Stalingrad. Nicht nur einmal fragt man sich beim Lesen, wie sie denn unter diesen Umständen überleben konnten. 

Janek nimmt sich vor, über das, was er erlebt hat, ein Buch zu schreiben. "Europäische Erziehung soll es heißen und von Freiheit und Würde handeln, von der Ehre, ein Mensch zu sein. Das schließlich seien die europäischen Werte und nicht das, was die Nazis nach Litauen brachten. Dass Janek selbst im Krieg zum Mörder wird und einen deutschen Soldaten erschießt  - für die Partisanen ist es eine Notwendigkeit, ein notwendiges Übel. Für Janek ist es der Moment, der ihn vom Kind zum Mann werden lässt. Ein Mann allerdings, der bitterlich weint. Und er entschließt sich, dem Hass etwas entgegenzusetzen. Dem Kreislauf, der immer triftige Gründe findet, "um einen Menschen zu töten, der einem nichts getan hat" im Namen einer Sache.

Er fasst den Entschluss: "Ich will Musiker werden. Ich will Musik spielen und Musik hören, mein Leben lang". Musik als Versuch, der "zu Eis erstarrten Welt um sich herum" einen Sinn abzutrotzen. Der Welt, in der man "verdammt ist zum Töten und zum Sterben" einen Hoffnungsschimmer entgegenzuhalten. 

Romain Gary hat keinen Roman über Helden des Widerstands geschrieben. Vielmehr ein Buch darüber, was für Leid Krieg und Gewalt mit sich bringt. Und dass das Töten von Menschen nie zu einer Selbstverständlichkeit werden kann. 

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