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Veröffentlicht am 11.03.2026

Verdeutlicht, wie weitreichend und komplex die Folgen eines entschiedenen "Nein" sein können

Hazel sagt Nein
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Der Titel des Romans „Hazel sagt Nein“ nimmt die entscheidende Antwort der 18-jährigen Protagonistin auf die Aufforderung ihres Direktors vorweg, mit ihm eine sexuelle Beziehung einzugehen. Die US-amerikanische ...

Der Titel des Romans „Hazel sagt Nein“ nimmt die entscheidende Antwort der 18-jährigen Protagonistin auf die Aufforderung ihres Direktors vorweg, mit ihm eine sexuelle Beziehung einzugehen. Die US-amerikanische Autorin Jessica Berger Gross entfaltet ihre Geschichte rund um diesen verstörenden und lebensverändernden Moment von Hazel Blum im Büro des Schulleiters.

Hazel ist mit ihren Eltern und ihrem elfjährigen Bruder Wolf im Sommer von Brooklyn in die Kleinstadt Riverburg in Maine gezogen, nachdem ihr Vater dort eine Professur für Amerikanistik angenommen hat. Zunächst ahnen weder Hazel noch ihre Familie, welche weiten Kreise der Vorfall im Büro der Schule ziehen wird, denn die Protagonistin schweigt nicht über das unmoralische Angebot. Ihre Eltern wenden sich an die Präsidentin des Colleges, um Rat zu suchen.

Von Hazel wird es zunächst nicht gewollt, dass das Thema in die Öffentlichkeit gerät. Jedoch greifen Journalisten den Fall auf, wodurch das mediale Interesse wächst. Jessica Berger Gross beleuchtet dabei sowohl Schattenseiten als auch die möglichen Vorteile durch das Rampenlicht, in das Hazel gerät. Besonders eindringlich schildert sie die Auswirkungen auf die einzelnen Familienangehörigen, allen voran für den feinfühligen Wolf, der ausgerechnet mit der gleichaltrigen Tochter des Direktors endlich eine Schulfreundin gefunden hat.

Die Bewohner von Riverburg sind gespalten, wem sie glauben sollen, denn es steht Aussage gegen Aussage. Wie zu erwarten war, stellt der Schulleiter die Situation so dar, als habe seine Schülerin ihn verführen wollte. Er ist ein angesehener Mann, der für die Schule bereits einiges erreicht hat. Es ist erstaunlich, dass er bisher noch von keiner Schülerin angezeigt wurde, denn er hat frühere unmoralischen Beziehungen Hazel gegenüber erwähnt. Auch für ihn und seine Familie hat Hazels „Nein“ Konsequenzen.

Die Autorin versteht es, den Ernst der Lage immer wieder mit feinem Humor aufzuheitern. Sie ist stark darin, die Gefühle und inneren Konflikte der einzelnen Familienmitglieder im Umgang mit Hazels Erlebnis und den weitreichenden Folgen darzustellen. Allerdings ist mir die Darstellung des Konsum von Joints als Mittel zur Entspannung zu sorglos beschrieben.

Zwischenzeitlich verliert sich der Schwerpunkt des Romans in etlichen Nebenhandlungen, während er sich im mittleren Teil zum Hauptthema aufschaukelt, bis ins unglaubwürdige. Dennoch regen gerade die verschiedenen Reaktionen und Auswirkungen zum Nachdenken an. Es ist schwierig zu beurteilen, ob Hazel in jeder Situation die für sie beste Entscheidung getroffen hat.

In ihrem Roman „Hazel sagt Nein“ macht Jessica Berger Gross deutlich, wie komplex und weitreichend die Folgen eines einzigen „Neins“ sein können – für die Betroffene selbst, für ihre Familie und für eine ganze Gemeinschaft. Es braucht Mut, Grenzen zu setzen, und noch mehr Mut, zu ihnen zu stehen. Trotz einiger erzählerischer Schwächen konnte mich der Roman überzeugen und wird noch lange nachhallen. Gerne empfehle ich ihn weiter.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Zwei verbundene, ganz unterschiedliche lesenswerte Geschichten

Great Big Beautiful Life
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„Great Big Beautiful Life“ ist der erste Roman der US-amerikanischen Autorin Emily Henry, den ich gelesen habe. Das Buch verbindet Romance mit einer fiktiven Familiengeschichte, die sich über ein Jahrhundert ...

„Great Big Beautiful Life“ ist der erste Roman der US-amerikanischen Autorin Emily Henry, den ich gelesen habe. Das Buch verbindet Romance mit einer fiktiven Familiengeschichte, die sich über ein Jahrhundert erstreckt. Im Mittelpunkt steht Margaret Grace Ives, die inzwischen betagte Enkelin eines Medienmoguls. Einst als „Prinzessin der Boulevardpresse“ bekannt, hat sie sich nach zahlreichen Skandalen vor Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Die Journalistin Alice Scott spürt Margaret auf Little Crescent Island auf. Dort erklärt sich diese bereit, aus ihrem Leben zu erzählen, allerdings nicht nur Alice, sondern auch dem Literaturpreisträger Hayden Anderson. Beide erhalten eine Probezeit, bis sie sich für einen von ihnen entscheiden wird. Außerdem untersagt Margaret ihnen, sich gegenseitig über ihre Gespräche mit ihr auszutauschen.

Zeit ihres Lebens verfügte Margaret über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, doch bis zu ihrem Rückzug stand sie permanent im grellen Licht der Medien. Emily Henry zeigt eindrücklich, wie man im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten zu Reichtum und Ruhm gelangen konnte. Sie beleuchtet dabei die Macht der Presse, die maßgeblich zur Meinungsbildung beiträgt. Es wird deutlich, dass die schillernde Welt der Berühmtheiten, die verbunden ist mit ständiger öffentlicher Aufmerksamkeit auch eine hässliche Seite haben kann.

Emily Henry wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Alice berichtet von den Ereignissen in der Gegenwart in der Ich-Perspektive, während sie die Rückblicke auf Margarets Geschichte als allwissende Erzählerin wiedergibt. Zu Beginn entwickelt sich die Beziehung zwischen Alice und Hayden nur langsam, gewinnt dann zunehmend an Bedeutung, bis sie zeitweise stagniert. Der Spice zwischen den beiden nimmt im Verlauf der Handlung spürbar zu. Ihre Konkurrenz sorgt anfangs für Misstrauen. Durch die gewählte Erzählperspektive bleiben Haydens Gefühle teilweise verborgen, während die von Alice gut nachvollziehbar sind.

Der Roman „Great Big Beautiful Life“ von Emily Henry sorgt für unterhaltsame Lesestunden. Die Autorin schreibt lebendig, mit emotionaler Tiefe und feinem Humor. Auch wenn einige Entwicklung in der Liebesbeziehung vorhersehbar sind, überzeugt der Roman durch überraschende Wendungen auf beiden Erzählebenen sowie durch gut gehütete Geheimnisse in Margarets Familie. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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Veröffentlicht am 18.12.2025

Ermittlungen in Sachen Tod einer Schlagersängerin in den 1970ern mit zeithistorischem Flair

Die Frau, der Ruhm und der Tod
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Der Kriminalroman „Die Frau, der Ruhm und der Tod“ des Autorinnenduos Christine Grän und Marianne von Waldenfels entführt die Lesenden in die Schlagerwelt der 1970er Jahre. Für Hauptkommisssarin Clara ...

Der Kriminalroman „Die Frau, der Ruhm und der Tod“ des Autorinnenduos Christine Grän und Marianne von Waldenfels entführt die Lesenden in die Schlagerwelt der 1970er Jahre. Für Hauptkommisssarin Clara Frings ist es der zweite Fall nach der Aufklärung eines Journalistenmords im Vorjahr. Vorkenntnisse aus dem ersten Teil sind nicht nötig.

Claras beste Freundin Elfi ist Moderatorin der Sendung „Von Frau zu Frau“. Während einer Liveausstrahlung im Kölner Aufnahmestudio bricht ihr Gast, die Sängerin Mona Lisa, die mit bürgerlichem Namen Monika Lindner heißt, plötzlich zusammen. Sie wurde von Otto Nachtsheim, einem in Köln weithin bekannten und geschätzten Bürger, produziert und gemanagt. Gemeinsam mit seiner Familie ist er bei der Sendung vor Ort anwesend.

Obwohl Clara die neue Abteilung „Gewalt gegen Frauen“ mit Dienstsitz in Bonn leitet, wird ihr der Fall übergetragen. Bald stellt sich heraus, dass neben der Leiterin des Fanclubs auch jedes Mitglied der Familie Nachtsheim ein Tatmotiv gehabt hätte. Nichts ist eindeutig und es könnte auch jemand ganz anderes gewesen sein. Während Clara und ihre beiden Mitarbeiterinnen im Mordfall der Mona Lisa immer wieder auf Lügen stoßen und mühsam die Wahrheit freilegen müssen, sind gleichzeitig weitere Fälle zu bearbeiten.

Das Privatleben der Ermittlerin spielt eine wichtige Rolle. Sie ist mit ihrem obersten Chef liiert, dem sie jedoch ein Geheimnis verschweigt. Außerdem ist sie mit dem Archivar der Dienststelle befreundet. Diese Beziehungen eröffnen zahlreiche Verbindungen zu kulturellen Ereignissen jener Jahre, sowohl regional als auch überregional. So entsteht ein authentisches und atmosphärisches Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse der Jahre 1975 und 1976, in denen die Handlung spielt. Auch viele bedeutende politische Ereignisse sind in die Geschichte eingebettet. Dabei sind die Themen beispielsweise die Gewalttaten der Roten Armee Fraktion und Ost-West-Spionagetätigkeiten. Für mich zeichnete der Kriminalroman ein realistisches Bild jener Zeit, wie ich sie selbst erlebt habe, auch wenn einige Details etwas konstruiert wirken.

„Die Frau, der Ruhm und der Tod“ von Grän & Waldenfels ist ein Kriminalroman, der die damaligen Ermittlungsweisen überzeugend einfängt und nicht nur zeithistorisches Flair bietet, sondern auch glaubhafte Einblicke in die Schlagerszene liefert. Bis zum Schluss bleibt die Spannung erhalten, wer der Täter oder die Täterin ist. Das Ende ist auf eine Fortsetzung ausgelegt. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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Veröffentlicht am 04.12.2025

Grundsolider spannender Thriller

Knochenkälte
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Im Thriller „Knochenkälte“ des englischen Autors Simon Beckett ermittelt der Anthropologe Dr. David Hunter in seinem siebten Fall. Obwohl seit dem Erscheinen des letzten Bands im Frühjahr 2019 mehr als ...

Im Thriller „Knochenkälte“ des englischen Autors Simon Beckett ermittelt der Anthropologe Dr. David Hunter in seinem siebten Fall. Obwohl seit dem Erscheinen des letzten Bands im Frühjahr 2019 mehr als sechs Jahre vergangen sind, setzt die aktuelle Handlung nur etwa eineinhalb Jahre nach dessen Ereignissen ein. Der Titel verweist auf Knochen, die in einer unwirtlichen Region lange im Erdreich verborgen lagen.

Dr. David Hunter, der schon lange als forensischer Berater der Polizei tätig ist, soll an einer Suchaktion im schottischen Carlisle teilnehmen. Er beschließt, bereits am Nachmittag vor der ersten Besprechung von London aus aufzubrechen. Aufgrund starken Regens und der Umgehung einer Unfallstelle verirrt er sich in den Cumbrian Mountains im Nordwesten Englands. Dort fällt sein Navigationssystem aus.

Er strandet im Pub eines abgelegenen Bergdorfs, in dem ihm die Einheimischen unfreundlich begegnen. Sein Handy hat keinen Empfang. Aufgrund eines zweifelhaften Hinweises übernachtet er als einziger Gast in einem heruntergekommenen Hotel, das von einem Ehepaar geführt. Schon beim ersten Gespräch mit ihnen wird deutlich, dass sie vor Ort nicht beliebt sind. Am nächsten Morgen stellt er auf der Rückfahrt fest, dass ein Erdrutsch ein Stück der Straße weggespült hat. Wenig später kappt an dieser Stelle verunfallter Lastwagen die Stromversorgung.

Simon Beckett errichtet diesmal ein Closed Circle Szenario. Dazu gehört auch, dass Dr. Hunter an seinem nächsten Tätigkeitsort nicht so früh erwartet wird und ihn bei der Arbeit niemand vermisst. Außerdem geschieht gerade sehr wenig in seinem Privatleben, das nur am Rand Erwähnungen findet, und aus dieser Sicht nicht nach ihm gesucht wird. Im Dorf gibt es mehrere für den vorliegenden Fall bedeutsame Personen beziehungsweise Gruppen: die bereits erwähnte Familie, die das Hotel betreibt, eine alteingesessene Familie, deren Oberhaupt gerade neunzig Jahre alt geworden ist und dem alle Anverwandten hörig sind sowie die Betreiberin des ortsansässigen Forstunternehmens.

Es ist ein äußerst kompliziertes, für Dr. Hunter kaum zu durchschauendes mit- und gegeneinander im Ort, dem er selbst eine neue Angriffsfläche bietet. Ohne die Identität des Finders einer Leiche preiszugeben, deutet Simon Beckett im Prolog an, dass die Sachlage nicht so einfach ist, wie sie sich zunächst für den Anthropologen und die Leserschaft darstellt. Ohne seine gewohnten Kolleg*innen bleiben ihm nur begrenzte Möglichkeiten, die Funde zu untersuchen, und bald bleibt es nicht beim ersten Toten. Die Funde und die Anwesenheit von Dr. Hunter strapazieren die Nerven der Dorfbewohner und es kommt zu einem neuen Mordfall.

Die Spannung hält Simon Beckett bis zum Schluss hoch, auch wenn die forensischen Details aufgrund des Settings weniger Raum einnehmen als in früheren Bänden. Dafür beschreibt er die regenfeuchte, später verschneite Umgebung, mit der der Ermittler zurechtkommen muss, umso ausführlicher. Dr. Hunter wird körperlich bis zur Grenze der Belastbarkeit gefordert, so dass zwar die Handlung fesselnd bleibt, aber manchmal am Rand der Glaubwürdigkeit steht. In einigen Situationen verhält er sich gegenüber den Dorfbewohner nahezu eingeschüchtert, was in der Folge zum Erhalt der Dramatik beiträgt, aber nicht immer unbedingt realistisch erscheint.

„Knochenkälte“, der siebte Band der Serie um den ermittelnden Anthropologen Dr. David Hunter, von Simon Beckett ist ein grundsolider Thriller in einem Closed Circle Szenario. Er kann unabhängig von den anderen Teilen gelesen werden. Die bedrückende, nicht nur metaphorisch gemeinte eiskalte Stimmung in einem abgelegenen Dorf in den Bergen, das von hohen Bäumen umgeben ist und die sich zuspitzenden Ereignisse sorgen für ein intensives Leseerlebnis. Das Buch ist ein Muss für jeden Dr. Hunter-Fan, ein guter Einstieg in die Serie für diejenigen, die den Ermittler kennenlernen wollen und insgesamt eine spannende Unterhaltung für jeden Trillerlesenden.

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Veröffentlicht am 01.12.2025

Ein Lesevergnügen, das auf wahren Begebenheiten beruht

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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Fünf Jahre nach ihrem Buch „Rückwärtswalzer“ ist Vea Kaisers vierter Roman „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ erschienen. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten, die die Autorin auf ...

Fünf Jahre nach ihrem Buch „Rückwärtswalzer“ ist Vea Kaisers vierter Roman „Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ erschienen. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten, die die Autorin auf eine Weise in Szene setzt, als hätte sie mit der titelgebenden Figur Angelika Moser mehrere lange Gespräche (lat. fabulae) geführt. Das lateinische Wort „rasa“ verweist auf einen Neuanfang, denn die Protagonistin sucht nach einem Weg, ihren Sohn in besseren Verhältnissen aufwachsen zu lassen, als sie selbst es erfahren hat.

Vor wenigen Jahren hat die Buchhalterin eines Wiener Grand Hotels mehrere Millionen Euro veruntreut. Vea Kaiser hat von dieser Tatsache in einer Zeitung gelesen und sie zum Hintergrund ihres Romans gemacht. Sie nimmt die Lesenden zunächst mit in die 1980er Jahre, eine Zeit, in der Angelika bereits in der Verwaltung des Grand Hotel Frohner arbeitet. Sie ist als Tochter der alleinerziehenden Hausbesorgerin Erna aufgewachsen. Ihren Vater hat sie bis dato nie kennengelernt. Mit ihrer Freundin Ingi geht sie gerne auf Vergnügungstour, vielleicht als Ausgleich zu den Zahlenkolonnen, mit denen sie tagsüber jongliert und Ordnung in ihr Leben bringt.

Eines Tages bittet der Hoteldirektor sie um ihre Mithilfe. Sie soll das Zahlenwerk früherer Jahre aufhübschen. Die Verwandten der früheren Besitzer des Hotels erheben Anspruch auf eine Entschädigung, aber der Direktor möchte ihnen zeigen, dass das Hotel unrentabel ist. Angelika erfindet Ausgaben, die das Hotel bezahlt. Bald erkennt sie, dass sich aus dieser Schwindelei auch für sie persönliche Vorteile ergeben könnten.

Erneut gelingt es Vea Kaiser Figuren mit Wiedererkennungswert zu schaffen. Angelika entspricht trotz Herkunft und Beruf nicht dem Klischee einer „grauen Maus“, sondern genießt das Leben, träumt von beruflichem Aufstieg und wünscht sich Unabhängigkeit. Der Seniorchef des Grand Hotels präsentiert sich gern als rechtschaffenes Aushängeschild des Hauses. Erst im Verlauf der Geschichte erlebt man an der Seite von Angelika, wie seine Fassade bröckelt. Mehrere Galans bemühen sich um die Protagonistin, aber ich möchte nicht vorwegnehmen, welchem sie ihr Herz schenkt.

Die Autorin verweist auf die gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich in der österreichischen Hauptstadt. Während sich die einen auf dem Opernball amüsieren, freut man sich in den Hinterhöfen über eine warme Wohnung. Vea Kaiser zeigt die schillernde Amüsiermeile der Nachtkultur als auch deren Schattenseiten mit Alkohol- und Drogenmissbrauch. Sie schreibt nah am Leben, mit viel Verve und einer guten Portion Schmäh.

Auch Angelikas Handeln als Mutter wirkt nachvollziehbar und realistisch, ebenso die beschriebene Art, für das Hotel abzurechnen. Von Beginn an wird deutlich, welches Vergehen sie begangen hat, was der Geschichte eine deutliche Richtung gibt. Im Mittelteil kommt der Roman allerdings durch detailreiche Passagen zu einer gewissen Länge.

Über mehr als drei Jahrzehnte hinweg beschreibt Vea Kaiser in ihrem Roman „Fabula Rasa oder Die König des Grand Hotels“ den Aufstieg und Fall ihrer Protagonistin Angelika. Die Geschichte überzeugt mit lebendigen Figuren, einem atmosphärischen Schauplatz und bedeutsamen gesellschaftlichen Themen. Durch den amüsanten Unterton ist sie unterhaltsam, jedoch auch berührend und hallt lange nach. Gerne empfehle ich sie weiter.

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