Aufwühlende Geschichte
Jahre ohne SpracheIn jener Nacht morgens zwischen drei und fünf Uhr, lagen sie alle auf der Decke, vor sich, die ausgehende Glut des Lagerfeuers. Sie hatten sich liegend Tropi Frutti Wodka weitergereicht, ohne sich anzusehen. ...
In jener Nacht morgens zwischen drei und fünf Uhr, lagen sie alle auf der Decke, vor sich, die ausgehende Glut des Lagerfeuers. Sie hatten sich liegend Tropi Frutti Wodka weitergereicht, ohne sich anzusehen. Nach und nach setzte leises Schnarchen ein. Ihr war zum Kotzen. Die Übelkeit verstärkte sich durch die kalte Hand, die auf ihrem Oberschenkel lag. Die steife Hand, die lauerte und sich bei jedem Ausatmen ein Stück weiter nach oben schlich, immer weiter, den Knopf ihrer Jeans öffnete, nach unten abbog, hinein, u.s.w.
Sie lebt in einer Knopffabrik, auf die niemand mehr Anspruch erhebt. Es gibt kein er kein sie nur wir. Niemandem gehört etwas, sie teilen alles. Sie kann gar nicht so genau sagen, wie viele sie sind, denn oft kommt jemand zum Kaffee und bleibt. Für Bullen, Chauvis und die Vergangenheit ist der Eintritt verboten.
An einem Herbsttag, so nass und dunkel, als würde der Regen ihr ins Gesicht spucken, muss sie noch einmal nach Glanitz, nur für eine Stunde. Die Bahnfahrt ist öde, der Ort unverändert, seitdem sie weggegangen ist. Sie legt ihrem Vater den Brief hin, den er unterzeichnen muss, damit sie Geld vom Amt bekommt. Warum sie nicht arbeiten geht, fragt er. Eine sachliche Frage, gegen die es nichts zu wettern gibt, denkt sie und gibt die Frage zurück, warum er nicht arbeitet. Eine Tatsache, die irgendwo in seinem schweren Leib detoniert, er stöhnt. Sie schleicht zur Hintertür hinaus, will niemandem begegnen und macht sich auf den Weg zu ihrer Wahlfamilie.
Fazit: Ann Esswein hat in ihrem zweiten Roman die Eindrücke einer jungen Frau verarbeitet, die diversen Übergriffen ausgesetzt war, die sie lange nicht als solches benennen kann. Die Protagonistin ist vierzehn, als die Mutter die Familie verlässt. Die beiden Brüder sind längst ausgezogen und so lebt sie mit dem Vater allein, der so in seine Trauer gerutscht ist, dass er seine Tochter nicht mehr wahrnimmt. Sie hat einen besten Freund, aber innerhalb der Cliquendynamik verändert sich ihr Verhältnis. Zwischen Park, Bushaltestelle und nächtlichen Besäufnissen verliert die Protagonistin sich selbst. In der Schule wird sie von einer der Besten zu einer der Schlechtesten, bricht alles ab und verschwindet. Sie kann lange nicht benennen, was ihr innerhalb der Clique passiert ist, kann es nicht verstehen und will nicht darüber nachdenken. Die Autorin hat eine besondere Sprache für die traumatisierte junge Frau gefunden. Es wird nur angedeutet, was passiert sein könnte und bleibt auch mir als Leserin unklar. Und genau so ergeht es ja vielen jungen Frauen, die ähnliches erlebt haben. Da ist ein Typ, vielleicht älter als der Rest der Freunde, der ständig mitrumlungert und darauf lauert, dass alle betrunken sind, um dann seine Hände irgendwo unterzubringen, wo sie definitiv nichts zu suchen haben. Es konnte kein klares Nein mehr gesagt werden, was automatisch als Zustimmung zu gelten scheint. Keiner greift ein und damit geben alle dem Schmierlappen recht. Und dann ist das Leben einer jungen Frau rotzeverpfuscht, noch bevor es richtig angefangen hat. Das hat Ann Esswein absolut gekonnt rübergebracht. Ein aufwühlender Roman, der mich nachdenklich gestimmt hat.