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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.12.2025

Spannender Krimi mit Einblick in Polizei- und Ermittlungsarbeit und den Gedanken eines Psychopathen

Schonungslos offen
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Alexandra Rau ist Polizeikommissarin, gemeinsam mit ihrem Assistenten Isidor Rogg klärt sie Verbrechen auf. Als eine Serie von vermissten Personen die Region erschüttert, arbeiten die beiden und das gesamte ...

Alexandra Rau ist Polizeikommissarin, gemeinsam mit ihrem Assistenten Isidor Rogg klärt sie Verbrechen auf. Als eine Serie von vermissten Personen die Region erschüttert, arbeiten die beiden und das gesamte Team unter Hochdruck den oder die Täter zu finden. Ohne jede Spur versuchen die beiden, ein Täterprofil zu erstellen - nichtsahnend, dass der Täter nicht schläft und sich durch die Einmischung der Polizei in seine Taten provoziert fühlt. Gerade Alexandra möchte er am liebsten ausschalten. Dazu sind ihm alle Mittel recht und bald ist sie ebenso in großer Gefahr...

Das Cover passt für mich nicht richtig zum Inhalt des Krimis und hat mich nicht sofort angezogen. Der Klappentext allerdings verspricht einen psychologisch dichten und spannenden Krimi - und ich wurde nicht enttäuscht!
Das Buch ist aus zwei Sichtweisen geschrieben: den Großteil nimmt der Erzählstrang rund um die Polizei- und Ermittlungsarbeit und Alexandra ein, der zweite, sehr interessante Teil beschäftigt sich mit Tagebucheinträgen des Täters. Man ist somit direkt mittendrin in den Ermittlungen und auch im Kopf eines Psychopathen. Nicht immer leicht auszuhalten, wenn er seine Gedanken schildert, aber dafür umso spannender und düster ist die Atmosphäre - gerade weil man als Leser den Ermittlern immer einen Schritt voraus ist.
Alexandra war mir sympathisch, auch wenn ich nicht jeden Gedanken nachvollziehen konnte. Man folgt ihr gerne bei ihren Ermittlungen und merkt schnell, dass mit Herzblut bei der Sache ist. Oft verbissen, aber immer motivierend führt sie ihr Team an. Isidor war mit von allen am sympathischsten, man schließt ihn mit seiner lockeren und unbedarften Art direkt ins Herz.
Ein kleiner Kritikpunkt sind für mich die manchmal etwas hölzern wirkenden Dialoge, was der Spannung aber keinen Abbruch tut. Mit ein oder zwei kleinen Detailänderungen im Handlungs- und Erzählsprung wäre die Geschichte für mich noch runder geworden, beispielsweise wenn die Identität des Täters noch länger verschleiert gewesen wäre und man als Leser, ebenso wie Polizei, lange im Dunkeln tappt. Das ist allerdings auch Kritik auf hohem Niveau. Der Krimi lässt sich gut lesen, der Erzählstil lässt einen durch die Seiten fliegen und man ist neugierig, wie die Ermittlungen weiter gehen. Mit dem Ende hätte ich so nicht gerechnet, die Autorin hat mich hier mehr als ein mal überrascht. Generell versteht die Autorin ihr Handwerk und hat hier einen tollen und kurzweiligen Krimi geschaffen. Auf jeden Fall gibt es eine Leseempfehlung von mir!

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Veröffentlicht am 20.11.2025

Ein Blick mehr als zwanzig Jahre zurück - Vergangenheitsbewältigung mit interessanter Herangehensweise

Die Ausweichschule
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Der Autor ist elf Jahre alt und Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt als am 26. April 2002 der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser 16 Menschen erschießt und danach sich selbst. Der Schock und das ...

Der Autor ist elf Jahre alt und Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt als am 26. April 2002 der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser 16 Menschen erschießt und danach sich selbst. Der Schock und das Trauma sitzen bei allen tief, damals wie heute. Mehr als zwanzig Jahre später kommt dem Auto das Ereignis wieder in den Sinn. Er fragt sich, ob er nach so langer Zeit die Wunden nochmal aufreißen sollte? Und überhaupt darf? Ist er dafür genügend traumatisiert?

Da das Buch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025 stand und der Klappentext mich direkt abgeholt hat, habe ich begeistert dazu gegriffen.
Das Buch ist nicht einfach zu lesen, gibt es doch keinen wirklichen roten Faden. Der Autor erzählt aus der Ich-Perspektive: von seinen Erinnerungen an den Amoklauf, dem Bericht, der damals verfasst wurde, seinen Gedanken, ein Buch zu dem Thema zu schreiben und auch Alltägliches von heute. Dort liegt für mich auch der Knackpunkt: der Autor versucht, viele Themen aufzugreifen und schweift oft ab in seiner Geschichte. Er besucht beispielsweise ein Theaterstück eines Dramatikers, mit dem er zuvor am Telefon über seine Erinnerungen an den Amoklauf spricht. Dieser Handlungsstrang wechselt sich ab mit Erinnerungen, Alltäglichem und Überlegungen. Gekennzeichnet oder betitelt wird dies nicht und man muss sich immer wieder neu zurecht finden.
Mehr als interessant sind dafür seine Überlegungen, inwieweit er sich dem Thema des Amoklaufs mehr als zwanzig Jahre später "annähern" darf. Hat er überhaupt das Recht dazu, so viele Jahre später? Er hat den Täter damals gesehen, aber wie klar sind seine Erinnerungen daran noch? Wie viel wurde dazu erfunden in den Erinnerungen? Diesen Fragen widmet er sich vorsichtig, ehrlich und immer wieder innehaltend. Es ist nicht immer einfach zu lesen, durch die Abschweifungen verliert man selbst öfters den roten Faden beim Lesen. Das Thema ist interessant und sensibel und trotzdem aktueller denn je.

Für mich hätte "Die Ausweichschule" verdient den Deutschen Buchpreis gewonnen, es widmet sich einem wichtigen und sensiblen Thema, das auch nach über zwanzig Jahren noch im Gedächtnis sowohl aller Beteiligten als auch von wahrscheinlich ganz Deutschland ist. Die Herangehensweise ist dabei interessant und mit ein paar Abstrichen kann ich das Buch auf jeden Fall weiter empfehlen.

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Veröffentlicht am 17.11.2025

Unterhaltsamer und kurzweiliger Cozy Crime in tollem Setting und mit britischem Humor

Mord in besserer Gesellschaft
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Alice Beeton führt in London gemeinsam mit einer Freundin und einer weiteren Mitarbeiterin eine erfolgreiche Agentur für die Vermittlung von Hauspersonal an gut betuchte Kunden. Ihre Kundin Camille Messent ...

Alice Beeton führt in London gemeinsam mit einer Freundin und einer weiteren Mitarbeiterin eine erfolgreiche Agentur für die Vermittlung von Hauspersonal an gut betuchte Kunden. Ihre Kundin Camille Messent benötigt kurz vor Weihnachten dringend eine neue Haushälterin - just in diesem Moment bewirbt sich die junge Enya Fischer und kann sofort bei den Messents anfangen. Einige Tage später wird Enya tot im Arbeitszimmer der Messents aufgefunden. Als Enyas Freundin in der Agentur aufkreuzt und Alice bei den Ermittlungen um Hilfe bittet, ahnt Alice noch nicht, dass sie damit einiges aufwirbeln wird und sich keine Freunde macht - denn alles deutet auf einen Mord hin und der Mörder läuft immer noch frei herum...

Der Klappentext liest sich bereits unterhaltsam und die Geschichte hat mich in die mir bisher fremde Welt der Reichen und Schönen in London entführt. Man ist direkt in der Geschichte drin, denn Alice lebt und liebt ihre Arbeit als Inhaberin der Agentur. Dabei weicht ihr ihre Hündin Agatha nicht von der Seite. Alice als Person ist gutmütig und hilfsbereit, sie hat stets ein offenes Ohr für ihre Mitmenschen, wird aber auch, vor allem von ihrem Bruder und seiner Frau, gerne mal ausgenutzt. Beim Lesen habe ich öfters mit dem Kopf geschüttelt, wie sich ihr Bruder manchmal aufführt und Alice ausnimmt. Die Nebenfiguren werden toll beschreiben und passen perfekt in das Setting. Auch der Erzählstil passt perfekt in das Setting der reichen Kundschaft.

Die Handlung an sich ist unterhaltsam, wenn auch nicht blutig oder sehr spannend - ein typischer Cozy Crime. Gerade im Mittelteil zieht sich die Handlung etwas, Details werden in die Länge gezogen. So wirklich hatte ich auch keinen Verdächtigen bzw. hatte mich schon schnell auf ein oder zwei eingeschossen, die in Frage kommen. Das Ende wertet diesen Kritikpunkt wieder auf, denn es wird nochmal spannend. Im Buch sind viele Rezepte abgedruckt, die die Geschichte auflockern und zum Nachkochen oder -backen einladen.

Das Buch ist unterhaltsam und kurzweilig, perfekt für die herbstliche Jahreszeit und ein typischer Cozy Crime - zum "zwischendurch lesen" und für Fans von britischem Humor.

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Veröffentlicht am 03.11.2025

Wenn die Wut sich Bahn bricht - aufrüttelndes Buch über eine oft versteckte Emotion

Verdammt wütend
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Die 43-jährige Britt ist im Urlaub mit ihrem Mann, ihrer Tochter und Freunden ihres Mannes als nichts mehr geht: jahrelange, unterdrückte Wut bahnt sich ihren Weg und Britt rastet komplett aus. Wut aufs ...

Die 43-jährige Britt ist im Urlaub mit ihrem Mann, ihrer Tochter und Freunden ihres Mannes als nichts mehr geht: jahrelange, unterdrückte Wut bahnt sich ihren Weg und Britt rastet komplett aus. Wut aufs Leben, auf ihre Mutter, die die Familie verlassen hat als Britt zwölf Jahre alt war und Wut auf ihren Mann und die Freunde. Nachdem die überkochenden Emotionen abgeklungen sind, fragt sich Britt: kann die entladene Wut auch eine Chance auf Veränderung sein?

Der Titel und Klappentext haben mich direkt angesprochen, denn wer von uns ist nicht öfters mal "verdammt wütend" auf die verschiedensten Dinge und Menschen. Britt wollte immer jedem alles recht machen, sie hat Ärger stets herunter geschluckt und sich den Erwartungen von Umfeld und Gesellschaft gebeugt. Seit sie klein ist, versucht sie den Spagat zu meistern, der gerade als Frau schier unmöglich scheint: lieb sein, gut aussehen, aber nicht zu gut, einen Haushalt führen, einen Mann suchen, eine gute Mutter sein. Gerade ihr Mann Espen hat dies stets gut auszunutzen gewusst - Britt kümmert sich um die gemeinsame Tochter, Britt schmeißt den Haushalt, Britt kümmert sich um alles Wichtige. Er wirkt von allen Beteiligten am wenigsten sympathisch, oft habe ich mich beim Lesen gefragt, wie Britt überhaupt so lange mit ihm zusammen sein konnte. Ich konnte Britts Wut fast immer nachvollziehen, der Autorin gelingt es, die Probleme dieser Beziehung in den relativ wenig Seiten auf den Punkt zu bringen. Die Beziehung von Britt und Espen steht stellvertretend für Millionen von Beziehungen, die genau so ablaufen - und aus der man aber ebenso gut ausbrechen kann, Emotionen zeigen darf und kommunizieren kann.

Der Erzählstil ist oft poetisch, in Momentaufnahmen und Erinnerungsstücken setzt sich die Handlung wie ein Mosaik zusammen. Interessant ist auch, dass man als Leser den eigentlichen Ausbruch Britts gar nicht liest sondern nur das Danach. Es zeigt, was Wut losreißen, aber auch schaffen kann, denn Britt kümmert sich danach wahrscheinlich das erste Mal nur um sich selbst.
Die Kapitel sind kurz, oft nur eine halbe Seite lang, sie hätten für mich noch mehr auserzählt werden können, um einen besseren Lesefluss zu erreichen. Generell hätte ich mir noch mehr Seiten und Handlung gewünscht um noch tiefer in die Emotionen eintauchen zu können, wie es dazu kam und was in dem "Danach" passiert, aber auch um mehr von den einzelnen Beteiligten zu erfahren.

Es ist ein aufrüttelndes Buch, das zeigt, was passiert, wenn Wut, die in unserer Gesellschaft am besten unterdrückt werden soll, ausbricht. Wut hat ihre Daseinsberechtigung und sollte wie alle anderen Gefühle ebenso beachtet werden. Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle, die sich mit diesem Thema näher beschäftigen möchten.

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Veröffentlicht am 22.10.2025

Ruhiger und eindrücklicher Roman über Geschwisterliebe, Pflichtgefühl und Alkoholsucht

22 Bahnen
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Tildas Alltag ist durchstrukturiert: sie studiert Mathe, sitzt nach der Uni noch an der Supermarktkasse und kümmert such um ihre jüngere Schwester Ida. Die Mutter ist alkoholabhängig, Väter gibt es nicht ...

Tildas Alltag ist durchstrukturiert: sie studiert Mathe, sitzt nach der Uni noch an der Supermarktkasse und kümmert such um ihre jüngere Schwester Ida. Die Mutter ist alkoholabhängig, Väter gibt es nicht und sie versucht, den Alltag irgendwie zu meistern. Als sie eine Promotionsstelle in Berlin in Aussicht gestellt bekommt, kommt sie ins Grübeln und die Freiheit scheint zum Greifen nah. Als Viktor auftaucht, der große Bruder von Ivan, mit dem Tilda früher befreundet war, geraten die Dinge noch mehr in Bewegung. Als Tilda glaubt, dass am Ende doch noch alles gut werden könnte, gerät die Situation zu Hause vollends außer Kontrolle.

Ich bin ziemlich late to the party, aber ich wollte das Buch schon länger lesen und bevor der Film dazu ins Kino kommt. Das Cover finde ich gut gestaltet, es greift das Thema Schwimmen auf, das im Roman eine essentielle Rolle spielt und mit den kurzen Pinselstrichen wirkt es dynamisch.
Der Roman ist aus Tildas Ich-Perspektive geschrieben, man erhält so einen direkten Einblick ins Geschehen. Tilda ist ehrgeizig, opfert sich für ihre Schwester auf, man merkt beim Lesen, dass unter der toughen Oberfläche mehr steckt und Tilda emotional Einiges mit sich herum schleppt. Der Schreibstil ist authentisch und echt, allerdings hat mir die Konstruktion der wörtlichen Rede weniger gefallen, es hat den Lesefluss für mich etwas erschwert. Die Geschichte wirkt leise, dafür trifft sie mit nüchterner Emotionalität und Tatschen, die ungeschönt erzählt werden. Die Handlung ist schnell zusammengefasst und oft plätschert sie eher dahin als dass sich Spannung aufbaut. Sie lebt von den Emotionen, Situationen und Figuren, die allesamt gut gezeichnet sind. Vor allem der Beziehung von Tilda und Ida kommt eine große Bedeutung und Besonderheit zu. Auch Viktor wirkt authentisch, Tilda und ihn verbindet nur die Geschichte rund um seinen Bruder Ivan, aber zwischen den beiden entsteht eine besondere Beziehung, die wenig Worte bedarf.
Die Autorin greift viele wichtige Themen auf: Alkoholsucht, ein trister Alltag, Geschwisterbeziehung und schmerzhafte Erinnerungen und verwebt sie oft als selbstverständlich und gnadenlos, oft leise und unterschwellig in die Geschichte.

"22 Bahnen" ist ein leiser Roman, der von den Beziehungen und Charakteren lebt. An manchen Stellen hat mir die Handlung gefehlt und der Aufbau der wörtlichen Rede ist auch gewöhnungsbedürftig. Nichtsdestotrotz ist der Roman gelungen und den Hype, mit ein paar wenigen Schwächen, wert.

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