Wenn Fantasie zur letzten Zuflucht wird
NiemandsstadtNiemandsstadt von Tobias Goldfarb, in seiner neuen Auflage und aktueller den je, entführt seine Leser in ein dystopisch-märchenhaftes Berlin, das gleichzeitig vertraut und völlig fremd wirkt. Zwischen ...
Niemandsstadt von Tobias Goldfarb, in seiner neuen Auflage und aktueller den je, entführt seine Leser in ein dystopisch-märchenhaftes Berlin, das gleichzeitig vertraut und völlig fremd wirkt. Zwischen grauem Alltag, digitaler Dauerbeschallung und innerem Rückzug öffnet sich eine zweite Ebene der Wirklichkeit, denn wir erleben eine Stadt, in der Drachen durch den Himmel ziehen, Fabelwesen durch die Straßen streifen und Gedanken buchstäblich Gestalt annehmen. Was zunächst wie ein leises, seltsames Abenteuer beginnt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer Geschichte mit überraschender Tiefe und klarer Haltung.
Dieses Buch verlangt Geduld und belohnt sie. Der Einstieg ist zunächst fragmentarisch und wirkt fast träumerisch. Die Niemandsstadt fühlt sich nicht sofort greifbar an, sondern wächst langsam, Szene für Szene, Idee für Idee. Gerade für die jugendliche Zielgruppe entfaltet das eine besondere Wirkung, denn statt alles vorzukauen, lädt die Geschichte dazu ein, mitzudenken, mitzuspüren und eigene Bilder entstehen zu lassen. Josefine ist keine klassische Heldin. Still, eigenwillig und tief in ihrer Fantasie verankert, steht sie für all jene, die sich nicht laut behaupten, sondern nach innen stark sind. Daneben setzt Eli einen spannenden Kontrast, ist selbstbewusst, sichtbar, scheinbar perfekt angepasst an eine Welt aus Likes und Reichweite. Das Zusammenspiel der beiden Figuren gehört zu den größten Stärken des Buches. Freundschaft, Loyalität und gegenseitiges Verstehen stehen klar im Mittelpunkt udn der Roman ist so erfrischend frei von einer aufgesetzten Liebesgeschichte. Auch die zentrale Botschaft überzeugt: Fantasie als Gegenpol zu Technik, Dauer-Online-Sein und äußerem Leistungsdruck. Diese Message wirkt nie belehrend, sondern schwingt leise mit und entfaltet gerade deshalb ihre Wirkung. Humorvolle, skurrile Ideen, wie selbstständig wandernde Mülltonnen oder wandelbare Ort, lockern dabei die ernsteren Themen auf und machen die Niemandsstadt zu einem Ort, den man trotz aller Bedrohung nicht verlassen möchte.
Ein ungewöhnlicher, mutiger Jugendroman, der sich traut, anders zu sein. Eine Geschichte über das Träumen, über Freundschaft und darüber, wie wichtig es ist, sich die eigene Fantasie nicht nehmen zu lassen. Für Jugendliche, die gerne zwischen Realität und Magie wandern und die leisen Zwischentöne schätzen, ist dieses Buch auf jeden Fall eine Entdeckung - eigenwillig, aktuell und lange nachwirkend.