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Veröffentlicht am 21.02.2018

Ein It-Pärchen

Nina & Tom
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Das sind Nina und Tom, beziehungsweise wollen sie es sein - kühl und provokant den Ton angeben, wo sie auch sind, glamourös und auffallend wirken in ihrer eigensinnigen, oft auch zerstörerischen Beziehung, ...

Das sind Nina und Tom, beziehungsweise wollen sie es sein - kühl und provokant den Ton angeben, wo sie auch sind, glamourös und auffallend wirken in ihrer eigensinnigen, oft auch zerstörerischen Beziehung, die über Jahrzehnte hält - bis in den Tod. Denn Nina - mittlerweile 47jährig und Mutter zweier Söhne, ist unheilbar krank - sie wird an Krebs sterben. Das steht von vorneherein fest, denn ihr Mann, der Journalist Tom Kummer, nimmt dieses Ereignis voraus.

Es ist zwar ein Buch über das Sterben, aber mehr noch über das Leben, sein Leben mit Nina, das er dem Leser hier offen und schonungslos - sowohl gegen sich selbst als auch gegen Nina darlegt. Es ist kein herzliches Buch, denn Herzlichkeit ist einfach nicht der Stil von Tom und von Nina auch nicht - sie kultivierten die Distanz, ja, die Arroganz, was häufig verstörend auf mich wirkte. Wenn es nicht so tragisch geendet hätte, wäre es mir stellenweise lächerlich vorgekommen, bspw. Ninas Aufzug, als sie sich - in einer Bar, wie könnte es anders sein - kennenlernten. Übrigens war der von Tom nicht viel besser - sehr extrem stilisiert, sogar mit Nazi-Elementen, auffällig sogar mitten in den 1980ern, als eigentlich alle knallbunt herumliefen. Irgendwie wirkte Nina wie ein masochistisches Huhn, Tom wie ein zerrupfter Krieger einer überirdischen Armee - so kenne ich es als Kölnerin aus dem Karneval und konnte die beiden als Stil-Ikonen - man möge mir verzeihen - nicht so recht ernst nehmen.

Dazu kam ein schonungsloser Umgang mit dem jeweils anderen und auch mit sich selbst - dabei spielten sowohl Drogen als auch Gewalt über lange Jahre hinweg eine Rolle.

Was soll ich sagen: auch wenn ich im selben Alter wie die Beiden bin, wir sprechen einfach nicht dieselbe Sprache, leben möglicherweise gar auf anderen Planeten. Toms Verlust hat mich umso mehr berührt, denn vor dem Tod sind wir irgendwie alle gleich, kapitulieren zwar unterschiedlich, doch in unserer Ohnmacht gegen ihn gibt es keine Abstufung, auch keine Distanz. Allerdings musste ich bis zum Ende lesen, bis die Distanz zwischen mir und dem Buch bzw. seinem Autor sich für kurze Zeit legte. Es fällt mir schwer, dieses Buch weiterzuempfehlen - am besten schauen Sie selbst, ob Sie gewillt sind, diese ungewöhnlichen Menschen kennenzulernen, mit ihnen zu leben und zu leiden.

Veröffentlicht am 19.02.2018

Ein lyrischer Roman

Wie hoch die Wasser steigen
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Und zwar einer zu einem ausgesprochen bodenständigen Thema - auf den ersten Blick zumindest. Es geht nämlich um polnischen Facharbeiter Waclaw, der einen großen Verlust erleidet, sein Kollege und Kumpel, ...

Und zwar einer zu einem ausgesprochen bodenständigen Thema - auf den ersten Blick zumindest. Es geht nämlich um polnischen Facharbeiter Waclaw, der einen großen Verlust erleidet, sein Kollege und Kumpel, der Ungar Matyas, mit dem er seit Jahren gemeinsam arbeitet und auch das Leben - in diesem Falle das Zimmer bzw. die Kajüte teilt, ist nämlich abhanden gekommen. Eines Nachts ist er einfach so von der Ölplattform an der Küste Marokkos, auf der die beiden angestellt sind, gerutscht, hinunter ins Meer, unwiederbringlich und unauffindbar. Bevor er sich an den Gedanken gewöhnen kann, ohne ihn zu sein, begibt er sich auf eine Reise quer nach und durch Europa.

Für ihn geht es darum, Matyas Leuten dessen Sachen zu übergeben, aber auch, einige Orte und Stellen die für ihn von Bedeutung sind - egal, ob er dort tatsächlich war oder nicht, aufzusuchen. Eigentlich sind es zwei Reisen, eine physische und die zweite, parallel stattfindende auf der Suche nach sich selbst. Gibt es dort überhaupt etwas zu finden und wenn ja, ist es das wert - für ihn selber als Menschen.

Der globale Mensch der Gegenwart beim Versuch, sich selbst zu definieren - auch so könnte man Waclaws vorhaben bezeichnen. Autorin Anja Kampmann hat bereits als Dichterin einen Namen und so hat sie mit "Wie hoch die Wasser steigen" einen sehr lyrischen Roman zu einem - zumindest in Teilen - sehr bodenständigen Thema geschaffen. Ich erkenne diese sowohl sprachlich als auch inhaltlich außerordentliche und sehr individuelle Leistung aus ganzem Herzen an, ohne sie jedoch für mich selbst als bereichernd und erfüllend zu empfinden. Zu vage die Darstellung, zu wenig Greifbares, Vorstellung und Wirklichkeit des Protagonisten Waclaw verlieren sich ineinander, ohne mich zu bewegen oder gar mitzunehmen.

Der Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse im März 2018 nominiert mit folgendem Kommentar der Jury: "Eindringlich und in konzentrierter poetischer Verdichtung erzählt Anja Kampmann von der Verlorenheit des Menschen in Zeiten der Globalisierung und von dem Versuch, die eigene Identität wiederzufinden. Ein gegenwärtiger Roman, dessen Sprache überzeitlich Existentielles aufreißt."

Ich habe diese Regungen, die Botschaft der Autorin, wahrgenommen, doch traf sie bei mir leider nicht auf fruchtbaren Boden - der Roman hat mich verwirrt, wodurch sich bereits jetzt, kurz nach der Lektüre, die Eindrücke verwischen, die bleibende hätten sein können.

Veröffentlicht am 09.02.2018

Erinnerungen an das Damals

Unreife Früchte
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nämlich an dasjenige in Polen in den 1980er Jahren, an einen Staat, der inzwischen lange vergangen ist. Wioletta Gregs Werk wird schon auf dem Schutzumschlag als Roman bezeichnet, tatsächlich sind es aus ...

nämlich an dasjenige in Polen in den 1980er Jahren, an einen Staat, der inzwischen lange vergangen ist. Wioletta Gregs Werk wird schon auf dem Schutzumschlag als Roman bezeichnet, tatsächlich sind es aus meiner Sicht eher Geschichten, oft sogar nur kurze Sequenzen aus Kindheit und Jugend der Protagonistin, die zwar durch die agierenden Figuren, den zeitlich aufeinander folgenden Aufbau und den Handlungsort - das Dorf Hektary in Schlesien miteinander verbunden sind - mal enger, mal lockerer - aber durchaus auch allein stehend gelesen werden können.

Es ist weitgehend die Sicht eines Kindes, eines kleinen Mädchens, das zur Jugendlichen heranwächst, aus der die Schilderung erfolgt. Dabei wird früh deutlich, dass der Roman eine stark autobiographische Färbung hat. Ein wenig erinnert es mich an die Schilderungen nord- und osteuropäischer Autoren wie Astrid Lindgren oder auch den Letten Jānis Jaunsudrabiņš aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch findet sich in diesen Wärme und Humor. Beides geht den Schilderungen von Wioletta Greg vollkommen ab, wobei aber durchgehend deutlich wird, das dies ein von ihr angestrebtes stilistisches Mittel ist. Wobei, ganz selten mal habe ich beim Lesen das Gesicht zu einem Lächeln verzogen, das war eher so, dass die Situation als solches lustig war.

Doch insgesamt war die Kindheit in Hektary alles andere als spaßig - zu einer Zeit, in der im sozialistischen Polen Kriegsrecht und damit ein strenges Regime herrschte - auch der Vater von Wiolka - schon der Name ein Hinweis auf die Autorin - war zeitweise inhaftiert und kehrte gebrochen zurück. Sehr subtil werden die politischen und gesellschaftlichen Zustände transportiert - eben durch die Wahrnehmung eines Kindes. Den ein oder anderen mag gerade dies besonders berühren, ich jedoch tat mich - im Einklang mit dem eher kargen Stil - eher schwer mit der Lektüre, deren Bedeutung für die polnische Literatur ich aber durchaus honoriere. Sicher liest es sich eindringlicher, wenn man besser mit den Umständen vertraut ist. Trotz der "starken" Thematik bleibt dies für mich ein kleiner Roman, einer, den ich möglicherweise bald vergessen werde, was er sicher so nicht verdient hat. Da passt der Titel - es sind unreife Früchte, deren ein wenig mehr Reife zumindest aus meiner Sicht nicht geschadet hätte.

Veröffentlicht am 02.02.2018

Übriggeblieben

Fast eine Familie
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une ist die Einzige, die von ihrer ganzen Familie übriggeblieben ist. Es hätte ein so wunderschönes Wochenende werden sollen, die Hochzeit ihrer Tochter Lolly mit Will, einem ganz besonderen jungen Mann. ...

une ist die Einzige, die von ihrer ganzen Familie übriggeblieben ist. Es hätte ein so wunderschönes Wochenende werden sollen, die Hochzeit ihrer Tochter Lolly mit Will, einem ganz besonderen jungen Mann. Doch sie sind alle in Flammen aufgegangen, sowohl Lolly und Will, als auch Lollys Vater und und Junes Exmann Adam und ihr neuer Lebensgefährte Luke. Nichts ist mehr übrig von ihnen - außer die Erinnerungen. Und liegen nicht nur bei June, sondern auch bei einer Reihe anderer Menschen, die in irgendeiner Form mit dem ein oder anderen von ihnen zu tun hatten.

Ja, Steinchen für Steinchen fügt sich hier ein gewaltiges Drama ineinander, wie es schockierender und erschreckender nicht sein kann. Wir erfahren es von den Verbliebenen - auf eine oft stille, menschliche, manchmal aber auch befremdliche Art. Es wird halt aus einer ganzen Reihe von Perspektiven erzählt. Alle in irgendeiner Form - häufig erst im Nachhinein - Beteiligten kommen zu Wort und aus meiner Sicht liegt genau hier das Manko des Buches. Es sind einfach zu viele Charaktere im Spiel, es wird ausgesprochen unübersichtlich - wenn auch der Autor die unterschiedlichen Figuren sehr gut darstellen, ihre jeweiligen Persönlichkeiten herausarbeiten kann. Aber aus meiner Sicht verliert sich dadurch die Geschichte, es kommt zu vieles zur Sprache, zu viele Menschen zu Wort - so dass sich die Geschichte in der Vielzahl der einzelnen Stränge verliert.

Und es sind nicht nur die einzelnen Berichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln, die die Geschichte so füllen - nein, auch in den Erinnerungen schweifen die Protagonisten oft ab, so erinnert sich bspw. June seitenlang an eine Kindheitsfreundin, der sie übel mitgespielt hat, die aber sonst nichts mit der Geschichte zu tun hat. Hier führt uns der Autor viel zu sehr auf Abwege, finde ich!

Bewegend, menschlich und eindringlich geschrieben - aber leider hoffnungslos überladen. Ohne im eigentlichen Sinne geschwätzig zu wirken, verplappert sich Bill Clegg an der ein oder anderen Stelle und führt die Leserschaft auf Irrwege. Wen das allerdings nicht stört, den erwartet hier ein gefühlvoller, eindringlicher Roman mit faszinierendem, vielschichtigen Personal, der sprachlich und stilistisch durchaus von hohem Anspruch ist!

Veröffentlicht am 02.02.2018

Rette sich, wer kann

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch
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"Sauve qui peut"; "Rette sich, wer kann" nämlich, hat Maud, die Protagonistin dieses Romans, in ihren Arm tätowiert. Sie ist ein ungewöhnlicher Typ, der ihren Kommilitonen Tim, der sie beim gemeinsamen ...

"Sauve qui peut"; "Rette sich, wer kann" nämlich, hat Maud, die Protagonistin dieses Romans, in ihren Arm tätowiert. Sie ist ein ungewöhnlicher Typ, der ihren Kommilitonen Tim, der sie beim gemeinsamen Hobby Segeln kennenlernt, unglaublich fasziniert, gerade weil sie sehr geheimnisvoll wirkt. Doch nach einiger Zeit wird diese geheimnisvolle Art von Kühle und bald schon von Kälte überlagert - Maud ist einfach unnahbar. Möglicherweise nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst.

Aus ihr und Tim wird durch die Geburt von Zoe bald eine Familie, die auf tragische Art auseinanderbricht - und dann ist Maud allein.

Ihre Zuflucht wird, wie schon vorher, das Segeln. Bald schon findet sie sich in anderen Welten wieder.

Ein schwieriges Buch, das mir Rätsel aufgab, wahrscheinlich mehr, als vom Autor vorgesehen. Dieser, der Brite Andrew Miller nämlich, schreibt versiert und kraftvoll, doch ich empfand diesen ungewöhnlichen Roman, der für viele sicher faszinierend ist, als große Herausforderung.

Miller teilt seine Geschichte in drei völlig unterschiedliche Abschnitte ein, von denen mir vor allem der mittlere, in dem Maud in ihrem Segelboot auf den Weltmeeren unterwegs ist und irgendwann auch ums Überleben kämpft, große Schwierigkeiten bereitete. Dieses Seglerlatein ist wirklich nicht meine Sprache und ich bin in diesem Falle der Faszination Meer - sonst durchaus meine Welt - überhaupt nicht erlegen.

Der erste Teil schildert ihre Beziehung zu Tim bis zum Bruch der Familie und der dritte - ja, der hat etwas sehr Märchenhaftes und Symbolisches, aber das haben sie eigentlich alle drei.

Ich habe große Parallelen zwischen dem Stil des Buches und dem Wesen von Maud empfunden: bestimmte, vor allem schmerzvolle Episoden werden einfach ausgespart bzw. weggeschwiegen - so, wie auch Maud das in ihrer Kommunikation bzw. Nicht-Kommunikation oft tut. Und sie ist definitiv nicht die einzige schwierige Figur im Roman. Ganz klar, wenn Sie zu diesem Buch greifen, dann lassen Sie sich auf etwas besonderes ein - ohne im Voraus sagen zu können, ob es sie faszinieren, oder - wie in meinem Fall - eher irritieren wird.