In ihrem autofiktionalen Roman "Menschen wie wir" erzählt die Autorin von dem Leben ihrer Familie zwischen Vietnam und Deutschland. Zuerst ist der Vater für 7 Jahre als Gastarbeiter in die DDR gezogen ...
In ihrem autofiktionalen Roman "Menschen wie wir" erzählt die Autorin von dem Leben ihrer Familie zwischen Vietnam und Deutschland. Zuerst ist der Vater für 7 Jahre als Gastarbeiter in die DDR gezogen und war in dieser Zeit nur einmal für einen Monat zu Besuch bei Frau und Kind in Vietnam. Später konnten dann die Autorin und ihre Mutter auch nach Europa ziehen, in das mittlerweile wiedervereinigte Deutschland.
In vielen kleinen Szenen geht es um Kindheitserinnerungen in Vietnam, Ankommen und Aufwachsen in Deutschland, Fremd-Sein und woanders heimisch werden - auch im Unterschied zur später schon in Deutschland geborenen Schwester, die wiederum ein anderes Verhältnis zu den beiden Ländern hat. Das alles in verschiedenen Zeitperioden, die sich von 1988 über 2002 und 2011 bis zum Herbst 2020 erstrecken. Es findet sich so einiges Interessantes in dem Buch, zum Beispiel auch Songtexte vietnamesischer Volkslieder, in denen es ebenfalls um die Liebe zur Heimat geht, und viel über kulturelle Unterschiede und Zuschreibungen.
Wenn man noch nicht viel über Vietnam und die vietnamesische Kultur weiß, lässt sich ein erstes Gefühl dafür in diesem Buch bekommen. Gefehlt hat mir aber ein bisschen ein durchgängiger roter Faden und Spannungsbogen, zwar waren viele einzelne erzählte Details durchaus interessant, aber so richtig einen Sog zum Weiterlesen hat das Buch bei mir nicht ausgelöst.
Nach ihrem Vorgängerbuch "Die Nacht der Bärin", das auf eindrückliche Art die Dynamik häuslicher Gewalt thematisierte, behandelt die Autorin Kira Mohn nun auch in diesem Werk wieder wichtige Themen der ...
Nach ihrem Vorgängerbuch "Die Nacht der Bärin", das auf eindrückliche Art die Dynamik häuslicher Gewalt thematisierte, behandelt die Autorin Kira Mohn nun auch in diesem Werk wieder wichtige Themen der Gegenwart. Es geht um eine scheinbar heile Familie, die gut situiert ist und auf den ersten Blick alles hat: Vater Alexander hat es in einer Klinik zum Chefarzt gebracht. Zwar schafft er es nur selten rechtzeitig zum gemeinsamen Abendessen nach Hause und auch die Wochenenden sind oft voll Arbeit, doch liebt er seinen Job und ist stolz darauf, für seine Familie so einen Wohlstand geschaffen zu haben. Mutter Nina hat ursprünglich auch Medizin studiert, doch als sich nach Schreibaby Ben dann auch noch Töchterchen Emilia ankündigte, schaffte sie es nicht mehr, das Studium erfolgreich zu beenden, sodass sie heute Teilzeit als Ordinationsassistentin in einer Arztpraxis arbeitet. Die mittlerweile 16-jährige Emilia ist verliebt in ihren ersten Freund Julian, ihr 19-jähriger Bruder Ben studiert unambitioniert vor sich hin und macht beim Computerspielen die Nacht zum Tag. Und wenn man genauer hinschaut, zeigen sich so einige Risse in der Fassade der so heil wirkenden Familie. Ist irgendeines der vier Familienmitglieder wirklich glücklich? Und womit hängen ihre Schwierigkeiten zusammen?
In unterhaltsamer und zugänglicher Sprache lässt uns die Autorin die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive aller vier Familienmitglieder erleben. Dabei entwickeln sich alle vier Handlungsstränge immer mehr in Richtung Eskalation. Das Buch regt durchaus zum Nachdenken über aktuelle gesellschaftspolitische Themen und deren Schattenseiten an. Es geht unter anderem um mangelnde Wertschätzung von Care-Arbeit, um beruflichen Aufstieg und seinen Preis im Familienleben, um den drastischen Einschnitt, wenn aus einem Paar eine Familie wird, um Frauen, die sich bemühen, ihre Söhne progressiv zu erziehen, in einer Welt, in der auch bei der Partnerwahl nach wie vor oft anderes geschätzt wird und es die nicht so einfühlsamen, aber "cool" wirkenden jungen Männer bei den jungen Frauen oft leichter haben, und um vieles mehr. Wie in so vielen momentan neu erscheinenden Romanen gibt es auch hier wieder eine lesbische Liebesbeziehung, das scheint derzeit Programm zu sein. Das Ende kam für mich etwas abrupt, da hätte ich mir durchaus gewünscht, dass so einiges noch weiter auserzählt worden wäre.
Insgesamt ist es ein leicht lesbares, unterhaltsames und gleichzeitig zum Nachdenken anregendes Buch, das ich insbesondere einer modernen, progressiv eingestellten Leserschaft empfehlen kann.
Hazel ist gerade 18 geworden und für ihr letztes Highschool-Jahr gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Wolf aus New York ins fiktive Riverburg im ländlichen Maine gezogen. Schon am ersten ...
Hazel ist gerade 18 geworden und für ihr letztes Highschool-Jahr gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Wolf aus New York ins fiktive Riverburg im ländlichen Maine gezogen. Schon am ersten Tag an der neuen Schule lässt der Direktor, der wohl schon während des Sommers im Schwimmbad ein Auge auf sie geworfen hatte, sie ausrufen und zu sich bestellen, um sie darüber zu informieren, dass er sich jedes Schuljahr eine Schülerin für Sex aussuche, und dieses Jahr die Wahl auf sie falle. Im Gegenzug könne sie sich Fürsprache bei der Aufnahme in ihre Wunsch-Colleges erhoffen.
Doch nun passiert etwas, mit dem der Direktor nicht gerechnet hat und das ihm offenbar in den Jahren davor noch nie passiert ist: Hazel sagt nein. Mutig und selbstbewusst gibt sie sich für so etwas nicht her, und aufgewühlt stürmt sie aus seinem Büro und erzählt später auch ihrer Familie davon. Das setzt, erst einmal gegen Hazels Willen, eine Kaskade an weiteren Aktionen in Gang, die Sache wird öffentlich, manche glauben Hazel, viele stehen aber auch auf Seiten des beliebten und bekannten Direktors und zweifeln die Schilderung der jungen Frau aus der unbekannten, neu zugezogenen Familie an, es kommt zu einer Untersuchung, aber auch zu anonymen Drohungen gegen Hazel und ihre Familie. So zeigen sich Auswirkungen dieses Vorfalls auf Hazels ganze Familie und auch auf viele andere Bewohner und Bewohnerinnen des Ortes. Und was ist eigentlich mit den bisher schweigenden jungen Frauen, mit denen der Direktor das die Jahre davor gemacht hat?
Erzählt wird die Geschichte aus den wechselnden Perspektiven von Hazels Familienmitgliedern: abwechselnd begleiten wir Hazel selbst, den etwa 11-jährigen neurodivergenten, sehr sensiblen und schlauen Wolf, den Vater Gus, der seine Position als neuer College-Dozent sichern will, und die Mutter Claire, die nun endlich als Künstlerin erfolgreich werden möchte. Dahinter steht auch die Frage nach städtischer vs. ländlicher Umgebung und ob es ein Fehler war, aus dem liberalen, städtischen New York nur wegen der beruflichen Chancen des Vaters ins ländliche Maine zu ziehen, insbesondere als jüdische Familie, die dort stärker auffällt und auch in diese Richtung Anfeindungen ertragen muss.
Auch die Auswirkungen auf die Familie des Täters werden thematisiert, wobei wir hier die Perspektive von dessen Frau und Tochter kennen lernen, aber, abgesehen von kurzen Erwähnungen von Opfer-Täter-Umkehr-Versuchen in diversen Medien, nicht die des Täters (diese fehlt dem Buch auch nicht, meiner Meinung nach). So wird noch einmal deutlicher, wie viele Leben von sexuellen Übergriffen solcher Männer, die ihre Machtpositionen derart schamlos ausnutzen möchten, beeinträchtigt werden können.
Insgesamt ist es ein unterhaltsam geschriebenes und interessantes Buch, das sich schnell und leicht liest und insbesondere durch die verschiedenen Perspektiven an Vielfalt und Tiefe gewinnt. Ab der Mitte gibt es aber einen Handlungsstrang, der auf mich aus europäischer Perspektive etwas übertrieben wirkt und stark vom eigentlichen Thema ablenkt. Auch werden nicht alle Handlungsstränge zu einem befriedigenden Abschluss gebracht und einiges blieb für mich am Ende offen bzw. wurde in einem zu sanften und damit unrealistischen Licht gezeichnet. Dafür ein Punkt Abzug für ein ansonsten sehr lesenswertes und empfehlenswertes Buch.
Dieses Buch schließt als dritter Teil die Familiengeschichte ab, die mit "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" begonnen hat und mit "Bei euch ist es immer so unheimlich still" fortgeführt ...
Dieses Buch schließt als dritter Teil die Familiengeschichte ab, die mit "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" begonnen hat und mit "Bei euch ist es immer so unheimlich still" fortgeführt wurde. Im ersten Buch standen die Geschichten der Enkelin Hannah in der Gegenwart und die ihrer Großmutter Evelyn als junges Mädchen zur Zeit des zweiten Weltkrieges im Vordergrund, während es im zweiten Teil stärker um die Mutter Silvia und ihr Leben ging.
Hier im dritten Teil geht es nun wieder um Hannah, die damit zurecht kommen muss, erst einmal ohne Familie in der Welt zu sein, nachdem sowohl Mutter als auch Großmutter gestorben sind. Hannah ist nun 34 Jahre alt und auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, als sich auf einmal ihr bis dahin unbekannter Vater bei ihr meldet. Von den weiteren Geschehnissen in Hannahs Leben handelt hier also ein Erzählstrang.
Auch dieses Buch hat einen zweiten Erzählstrang, und wieder werden beide abwechselnd erzählt. Für diesen werden einige neue Figuren eingeführt: im Zentrum steht das Waisenmädchen Marlen, das ihre Familie durch die Suizide in Demmin nach Kriegsende verloren hat, bei einer Künstlerin unterkommt, von und mit ihr lernt. Mit Marlen erleben wir die Nachkriegsjahre und den Beginn der DDR mit, samt allen Hoffnungen in den jungen, neuen Staat, aber auch die Repressionen werden sichtbar.
Insgesamt liest sich das Buch durchaus interessant, auch wenn es mich etwas weniger gefesselt hatte als die beiden Vorgängerteile. Insbesondere die Hannah-Teile hatten für mich so einige Längen. Ich empfehle jedenfalls, die beiden Vorgängerteile für der Lektüre dieses Buches zu lesen, da man vieles sicherlich dann besser einordnen kann. Es ist ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch, das einen stimmigen Abschluss einer interessanten Familiengeschichte darstellt und das ich gerne gelesen habe.
Peter Seewald beschäftigt sich schon sein ganzes Leben lang mit Glaube und Kirche, war als Jugendlicher Ministrant, ist später aus der Kirche aus- und wieder eingetreten und hat schon einige religiöse ...
Peter Seewald beschäftigt sich schon sein ganzes Leben lang mit Glaube und Kirche, war als Jugendlicher Ministrant, ist später aus der Kirche aus- und wieder eingetreten und hat schon einige religiöse Bücher verfasst. Vor diesem Hintergrund nimmt er sich nun im reifen Alter von über 70 Jahren dem Thema Tod und Hoffnung auf ein Weiterleben bei Gott an.
In diesem persönlichen und unterhaltsamen Werk umkreist er das Thema von verschiedenen Perspektiven, blickt auf sein eigenes Leben zurück, betrachtet Jugendwahn und die Anti-Aging-Industrie sehr kritisch, blickt auf die Coronazeit als Zäsur zurück, beschäftigt sich mit jenen, die auf der Suche nach der Abschaffung des biologischen Todes sind, setzt sich mit Schilderungen von Nahtoderlebnissen und anderen Religionen auseinander und kommt immer wieder zur christlichen Perspektive zurück, die insgesamt einen großen Teil des Buches einnimmt.
Vielleicht ist es auch diese christliche Perspektive, die insgesamt das so facettenreiche und vielfältige Buch abzurunden versucht, sodass es sich nicht in der Beliebigkeit verliert. Wer für diese Sichtweise offen oder selbst christlich gläubig ist, kann viele aufmunternde Gedanken und wertvolle Impulse aus diesem Buch mitnehmen. Wer solchen Perspektiven aber sehr kritisch entgegen steht und nicht wiederholt davon lesen will, was für ein Übel zum Beispiel die Abtreibung mit all den damit verbundenen verlorenen Leben darstellt, dem sei von diesem Buch eher abgeraten.