Der maßgebliche Motor für Veränderungen ist unser Begehren: Feministische Denkanstöße 3,5⭐️
Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobernNach Antje Schrupps Ansicht ist das Patriarchat längst vorbei und wir leben in einer Art „postpatriarchalem Chaos“. Daher müssen feministische Strategien überdacht werden, um gegen den aktuellen Trend ...
Nach Antje Schrupps Ansicht ist das Patriarchat längst vorbei und wir leben in einer Art „postpatriarchalem Chaos“. Daher müssen feministische Strategien überdacht werden, um gegen den aktuellen Trend des „Rechts“ der Stärkeren, Gewalt und ökonomischer Überlegenheit anzugehen.
„Damit verbunden ist ein Perspektivenwechsel für feministische Anliegen: Wir kämpfen nicht für das, was uns vermeintlich zusteht, sondern für das, was wir wollen, was uns am Herzen liegt. Der dystopischen Welt der Chaoten, die auf Machtkämpfen, Ausbeutung und Egoismus beruht, setzen wir nicht etwa eine bessere Welt entgegen, sondern eine andere. Eine, die uns besser gefällt. Unsere Welt. Unsere Utopie. Eine Welt, so wie wir sie uns vorstellen. Wir halten uns nicht damit auf, zu beweisen, dass wir recht haben, denn das interessiert sowieso niemanden. Erst recht entschuldigen und rechtfertigen wir uns nicht für unsere Wünsche und Sehnsüchte. Sondern wir tun konsequent das, was wir für richtig halten; jeder im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, so gut wir eben können. Weil wir wissen: ‚Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!‘ Feministischer Aktivismus bekommt auf diese Weise einen anderen Fokus: Er richtet sich nicht an die Machthaber, von denen wir Hilfe und Unterstützung erhoffen, sondern an Mitstreiterinnen und Verbündete, von denen wir glauben und denen wir zutrauen, gemeinsame Anliegen und Ziele voranzubringen. Das können sehr wohl auch Politikerinnen oder andere Personen in Machtpositionen sein – umso besser, denn sie haben Optionen und Möglichkeiten, die uns anderen fehlen. Aber es ist nicht das Amt, das sie zu möglichen Verbündeten macht, sondern ihr persönliches Begehren und die Beziehungen, die uns mit ihnen verbinden. Wir springen nicht auf Themen auf, die andere setzen und die wir mit unseren empörten Kommentaren nur verstärken würden, sondern wir priorisieren das, was uns interessiert.“
Die Autorin zitiert interessante Personen und argumentiert klug; auch wenn ich sagen muss, dass ich der ihr dennoch nicht in allen Punkten zustimme, z.B. was das Kapitel über Begehren angeht.
Teilweise war mir das Buch etwas zu theoretisch und trocken, insgesamt konnte ich jedoch einige interessante Denkanstöße mitnehmen.
„‘Nimm, was du kriegen kannst, und gib nichts zurück‘ – diese Lebensmaxime von Piratenkapitän Jack Sparrow im Spielfilm Fluch der Karibik bringt das Motto dieser neuen Zeit genau auf den Punkt: Wir haben es heute nicht mehr mit Patriarchen zu tun, sondern mit Piraten. Autokraten, die andere Länder überfallen, Tech-Milliardäre im Stil von ‚Move fast and break things‘, Medien, die für mehr Klicks Lügen erzählen: Im postpatriarchalen Chaos ist Skrupellosigkeit eine Tugend. Traditionen gelten für Piraten nicht. Auch keine patriarchalen.
Wenn wir in diesem Chaos unsere Freiheit erobern wollen – und das bedeutet, die Freiheit aller Menschen, denn Freiheit gibt es entweder für alle oder für niemanden –, sind wir dabei auf uns selbst gestellt. Niemand sonst wird das für uns erledigen.“
Um etwas zu verändern, müssen wir alle die Initiative ergreifen, im Kleinen wie im Großen.
„Es gibt Initiativen, denen wir uns anschließen, Bücher, die wir lesen, Ideen, die wir teilen und weiterdenken können, Projekte, in die wir unsere eigenen Ressourcen und Möglichkeiten einbringen können. Es kommt nicht darauf an, wie viel oder wie wenig das ist. Es kommt darauf an, dass wir damit beginnen. Und diesen Weg konsequent gehen, so weit es eben in unseren Kräften steht und uns nicht überfordert. Die wichtigsten politischen Verhandlungen führen wir womöglich nicht mit unseren politischen Gegnerinnen, sondern mit uns selbst: Was ist mir was wert? Was kann und will ich tun? Wo bin ich bereit, mich unbeliebt zu machen? Kann ich über meinen Schatten springen, um dieses Bündnis einzugehen?
Der maßgebliche Motor für Veränderungen ist unser Begehren. Unsere wichtigsten Ressourcen sind die Aufmerksamkeit, die wir der Welt, den Menschen, den Ereignissen widmen, die wichtig sind. Die Klarheit, mit der wir sehen, was notwendig ist, um gutes Leben für alle auf dieser Welt zu ermöglichen. Unsere Beziehungen, unsere Entschlossenheit, unser Einfallsreichtum.“
Vielen Dank an den Aufbau Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar! 📚💚