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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.02.2026

Keine leichte Kost, aber atmosphärisch dicht

Alma
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Mit einer schönen bildhaften Sprache, mit langen Sätzen, vielen oft geheimnisvollen Andeutungen und Metaphern beschreibt die Autorin Federica Manzon in „Alma“, wie sich die politischen Verwerfungen und ...

Mit einer schönen bildhaften Sprache, mit langen Sätzen, vielen oft geheimnisvollen Andeutungen und Metaphern beschreibt die Autorin Federica Manzon in „Alma“, wie sich die politischen Verwerfungen und der Zerfall des ehemaligen Jugoslawien im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts auf die Menschen der Region um Triest auswirken. Die großbürgerlichen Eltern von Almas Mutter repräsentieren noch das alte Österreich-Ungarn mit seinen konservativen Wertvorstellungen, während ihr kroatischer Vater, obwohl in Triest wohnend, für den sozialistischen Machthaber Marschall Tito arbeitet. Sie hat schon als Kind Mühe, sich in diesem Umfeld zu orientieren, zumal ihre Mutter chaotisch und ihr Vater meistens abwesend ist. Die Situation verschärft sich, als die Familie den gleichaltrigen Serben Vili aufnimmt, der wie viele Menschen nach Triest flieht.
Eindrucksvoll beschreibt Manzon die Entwurzelung besonders der beiden jungen Menschen während ihrer Pubertät und der Zeit, in der sie sich als junge Erwachsene behaupten müssen. Neben dem Privatleben Almas, die ein schwieriges Verhältnis mit Vili eingeht, nehmen die brutalen Auseinandersetzungen zwischen Serben, Kroaten und Bosniern einen breiten Raum in diesem Buch ein. Alma versucht als Journalistin, Erklärungen für den Hass zwischen den jugoslawischen Volksgruppen zu finden und das Verhalten ihres Vaters und Vilis zu verstehen.
Ein atmosphärisch dichter Roman mit einem versöhnlichen Ende.

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Veröffentlicht am 25.01.2026

Spannende Satire

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Kristof Magnusson ist mit „Die Reise ans Ende der Geschichte“ ein ausgezeichneter Roman gelungen, nach meiner Einschätzung eher eine Satire bzw. Parodie zum Genre „Spionagethriller“ als ein Abenteuerroman ...

Kristof Magnusson ist mit „Die Reise ans Ende der Geschichte“ ein ausgezeichneter Roman gelungen, nach meiner Einschätzung eher eine Satire bzw. Parodie zum Genre „Spionagethriller“ als ein Abenteuerroman wie im Klappentext angekündigt. Ein raffinierter Prolog zeigt die Gefahren auf, in der Spione leben. Der Leser weiß aber lange Zeit nicht, in welche Richtung die Handlung läuft und was die Protagonisten miteinander erleben. Da ist zunächst einmal Dieter Germeshausen, ein eher einfach gestrickter kulturell desinteressierter Mann, der aus gekränkter Eitelkeit zum Doppelspion wird und der befürchten muss, dass er auffliegen wird, nachdem der Kalte Krieg beendet wurde. Dann der sympathische junge Dichter Jakob Dreiser, früh erfolgreich, sehr kommunikativ, aber von seinem Leben gelangweilt. Die von einem Botschafter der USA in Rom zurück gelassene Dominique Fishbowl, Alkoholikerin, aber mit dem richtigen Durchblick sowie die von allen unterschätzte Francesca Aquatone, die russischen Botschaftsangehörigen in Rom die italienische Sprache und wohl noch andere Dinge vermittelt. Auf diese Ausgangslage muss man erst einmal kommen, zumal es noch weitere interessante Charaktere gibt. Das Buch ist durchzogen von Seitenhieben auf die deutsche, italienische und sowjetische Gesellschaft und das Lesen bereitet höchstes Vergnügen. Gefallen hat mir auch, dass es anders als in typischen Spionagethrillern kaum Gewalt und keine Toten gibt und dass die typische schwarz-weiß-malerische Unterscheidung von Gut und Böse fehlt. Auch wenn die Handlung nicht durchweg ernst zu nehmen ist, fand ich den Roman spannend und kann ihn nur sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 19.01.2026

Tiefsinnige Erzählungen

Der Fluss der Zeit
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Fünf bisher unveröffentlichte Erzählungen aus dem Nachlass des bekannten Autors Pascal Mercier († 2023). Alle tiefsinnig, teils tragikomisch, nachdenklich, teils beklemmend, teils zum Schmunzeln, auch ...

Fünf bisher unveröffentlichte Erzählungen aus dem Nachlass des bekannten Autors Pascal Mercier († 2023). Alle tiefsinnig, teils tragikomisch, nachdenklich, teils beklemmend, teils zum Schmunzeln, auch abstrus. Es geht um das Erinnern, um Brüche im Leben, um Beziehungen. Die Personen werden vom Autor mit ironischer Distanz sehr gut beobachtet und agieren unerwartet, aber überwiegend nachvollziehbar. Ein sprachliches Highlight, die Pointen sitzen.
Einzige Kritik: Warum muss ein so kurzes Buch so teuer sein? Andererseits ist jede Seite ihr Geld wert auch in Relation zu anderen Dingen des Lebens wie Essen gehen und Verreisen.

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Veröffentlicht am 24.10.2025

Raffiniert erzählter zeitgeschichtlicher Roman

Lebensbande
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Mein erster Roman von Mechthild Borrmann und sicher nicht der letzte.
Raffiniert erzählt sie in einer ersten Zeitebene vom Leben der Menschen von 1931 bis 1948 in der westdeutschen Provinz an der Grenze ...

Mein erster Roman von Mechthild Borrmann und sicher nicht der letzte.
Raffiniert erzählt sie in einer ersten Zeitebene vom Leben der Menschen von 1931 bis 1948 in der westdeutschen Provinz an der Grenze zu den Niederlanden. Die Bauerntochter Lene verliebt sich in einen niederländischen Fabrikarbeiter. Ihre Eltern unterbinden die Beziehung und treiben Lene in eine unglückliche Ehe. Als ihr erster leicht behinderter Sohn in die Mühlen der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gerät, lernt sie die Krankenschwester Nora kennen. Die vielen überwiegend schrecklichen Ereignisse werden sehr dicht chronologisch im Perfekt beschrieben.
In einer zweiten Zeitebene erzählt die Autorin im Präsens von Nora, die es nach dem Krieg in die ehemalige DDR verschlagen hat. Die aus der Wende 1989 folgenden Veränderungen veranlassen sie, ihre dramatische, teilweise geheimnisvolle Lebensgeschichte aufzuschreiben. Daher erfährt der Leser die in großen Teilen schrecklichen Geschehnisse der Zeit nach 1931 aus zwei Blickwinkeln. Das gefällt mir gut, ebenso wie der Wechsel der Zeitformen.
Borrmann hat historische Tatsachen und die Schicksale von Zeitzeugen geschickt verarbeitet. Neben den vielen schrecklichen Ereignissen gibt es immer wieder Hoffnung und so etwas wie ein Happy End. Der Roman berührt und die wesentlichen Personen werden mit viel Empathie beschrieben. Der letzte Teil ist sehr dramatisch und führt zu einer überraschenden Wende, die aber wie der ganze Roman durchaus stimmig ist. Ein rundum gelungenes Buch.

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Veröffentlicht am 12.09.2025

Toller Roman

Die Farbe des Schattens
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Schon als ich Susanne Tägders ersten Kriminalroman „Das Schweigen des Wassers“ gelesen hatte, habe ich mich auf das nächste und hoffentlich nicht letzte Buch gefreut. Sie schreibt einfach fantastisch. ...

Schon als ich Susanne Tägders ersten Kriminalroman „Das Schweigen des Wassers“ gelesen hatte, habe ich mich auf das nächste und hoffentlich nicht letzte Buch gefreut. Sie schreibt einfach fantastisch. Was sie schon auf Seite 132 über Uwe Johnson schreibt, gilt auch für sie: „Jede Beobachtung, jede Erinnerung, jedes Wort scheint sehr genau gesetzt.“ Sie beobachtet und beschreibt die Personen, egal ob Opfer, Täter, Ermittler, gründlich und realistisch. Anders als viele andere Krimiautoren nimmt sie die Handelnden ernst. Da ist der nachdenkliche gründliche Kommissar Groth, dem die Fälle extrem nah gehen. Da sind die eher oberflächlichen Kollegen, die den schnellen Erfolg vor die Wahrheit stellen. Der neue Staatsanwalt aus dem Bundesgebiet, arrogant und der Meinung, die verdienten ostdeutschen Ermittler lieferten eine schlechtere Arbeit ab als die Wessies. Ohne dass sein Verhalten wie in vielen Krimis üblich ins Lächerliche gezogen wird. Und natürlich die Eltern und die Brüder des kurz nach der Wende vermissten Jungen, deren Sorgen, Denk- und Verhaltensweisen nachdenklich machen. Es gibt auch Situationen zum Schmunzeln, aber das Schmunzeln bleibt dem Leser oft im Halse stecken.
Neben den aufzuklärenden Taten stehen die Befindlichkeiten der Ostdeutschen nach der Wende im Vordergrund. Helden sucht man in diesem Buch vergeblich. Eher ist es so, dass es fast nur Opfer gibt, die sich aber mit ihrer Situation arrangieren und das Beste daraus machen. Ich freue mich auf Band 3.

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