Eindringlich, poetisch, aufrüttelnd!
Die RoutinenMöchten Sie ein Buch lesen, wie Sie sicherlich noch keines gelesen haben?
Eines, in dem durch poetische Sprache und ein kunstvolles Umkreisen des Themas aus verschiedenen Perspektiven tief spürbar wird, ...
Möchten Sie ein Buch lesen, wie Sie sicherlich noch keines gelesen haben?
Eines, in dem durch poetische Sprache und ein kunstvolles Umkreisen des Themas aus verschiedenen Perspektiven tief spürbar wird, was alles falsch läuft im weiblichen Leistungssport, gezeigt am Beispiel des Geräteturnens?
Und sind Sie bereit, sich dafür auf ein anspruchsvolles, nicht linear erzähltes Werk einzulassen, das dafür aber mit einem ganz besonderen Leseerlebnis belohnt und gleichzeitig bildet und aufrüttelt?
Dann könnte "Die Routinen", das Romandebüt von Son Lewandowski, etwas für Sie sein. Es war für mich kein Buch, das inhaltlich schön zu lesen war (dafür ist das Thema zu aufwühlend), dafür habe ich die besondere Sprache umso bezaubernder gefunden.
Hier ein paar Zitate, die das veranschaulichen. Ich hätte aber auch jede beliebige Seite in dem Buch aufschlagen und ähnlich prägnante Formulierungen finden können, denn das ganze Buch ist voll davon:
"Und manchmal sind die Unfälle wirklich tragisch, aber sie sind nicht so tragisch, dass sich etwas verändern müsste. Sie sind nicht so tragisch, dass die Kampfrichter:innen ihre Bewertungsbögen beiseitelegen, aufstehen, zu dem Schwebebalken laufen, ihn abbauen und wegtragen. Hier wissen alle, worauf sie sich einlassen, denn dieser Ort ist kein Spielplatz mehr und zu jedem Element, das erfunden wird, wird der Unfall gleich miterfunden. Darauf haben wir uns geeinigt. Ein Kind, das manchmal bricht." (S. 51)
"Vera Caslavska gilt als die letzte große Turnerin, die eine Frau war. Bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt tritt sie ein letztes Mal an, da ist sie sechsundzwanzig Jahre alt. Mit ihr verschwindet eine Frau, die nicht nur turnte, sondern die Bühne der Olympischen Spiele auch gezielt für den politischen Protest nutzte.
Aber in der Umkleide der Geschichte warten schon, bumm bumm, Kinder, und machen sich bereit. Blauäugig sollen sie sein, von der Mutter die Augen.
Wer von euch kann ein Rad und wer von euch kann die Hymne mitsingen?
Sie sagen Mädels zu uns, wir sind Maschinen. Sie sagen Mädels zu uns, was sollen wir dagegen sagen? Wir sind Kinder, werden Kinder bleiben, und wenn wir uns wehren, holen sie ein neues Kind, das so lange Kind bleiben muss, wie es kann. Was sollen wir tun, außer zu turnen? Wir haben den Protest nie gelernt, denn so waghalsig unsere Körper auch aufgezogen werden, so zurückhaltend wächst der Rest." (S. 102)
„Wir sollen uns nackt fühlen, in jeder Pose. Man soll uns sehen, um jeden Preis. Wir machen uns übersichtlich, die Kleidung knapp, jede Bewegung gleich zu fassen und nach Vorschrift.“ (S. 130)
Diese eindringlichen Zitate zeigen schon, worum es im Kern des Buches geht und was die Autorin durch ihre Darstellung anprangert: Kinder weit vor der Pubertät kommen in die Mühlen des Leistungsturnens, werden dort erniedrigt, objektifiziert, verletzt, gebrochen, gedemütigt und oft genug auch sexuell missbraucht.
Das Buch weist eine besondere, stückhafte Erzählweise auf: es gibt die Ebene der fiktiven Turnerin Amik, die mit 32 Jahren am Ende ihrer Turnlaufbahn angekommen ist, zurückblickt, und eine seltsame, entfremdete Beziehung zu ihrer halb so alten Zimmergenossin Izzy aufweist.
Unterbrochen wird diese Geschichte von vielen historischen Einschüben und Informationen zur Geschichte des weiblichen olympischen Geräteturnens, in denen sich die ungute Entwicklung in diesem Bereich ebenfalls spiegelt und die zeigen, dass das, was Amik und Izzy erlebt haben, eben keine ausgedachten Einzelfälle in einem Roman sind, sondern dass diese Problematiken System haben im Leistungssport - vermutlich nicht nur im Geräteturnen.
Es ist ein subtil tief feministisches Werk, das die Missstände aufzeigt, unter denen ganz besonders Mädchen und Frauen in diesem Bereich zu leiden haben. All die Beispiele von Entfremdung und Missbrauch auf allen Ebenen sind zutiefst überzeugend. Man merkt, dass hier eine Autorin schreibt, die nicht nur sehr talentiert darin ist, sprachlich die Dinge auf den Punkt zu bringen, sondern auch weiß, wovon sie spricht: sie hat selbst Erfahrung in diesem Bereich und außerdem akribisch recherchiert, wie die ausführliche Bibliographie im Anhang zeigt.
Mir hat dieses Buch äußerst erhellend einen mir bisher unbekannten Bereich menschlicher Erfahrung nicht nur intellektuell, sondern auch emotional nahegebracht und es wird sich in die Liste der Werke einreihen, die ich sicher niemals komplett vergessen werde. Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich darauf einzulassen! Möge es auch die erreichen und sensibilisieren, die am nächsten dran und dadurch am besten in der Lage sind, an den Missständen in diesem Bereich etwas zu verändern: für Sport frei von Demütigungen und Missbrauch!