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Veröffentlicht am 06.02.2026

✎ Susanne Siegert - Gedenken neu denken

Gedenken neu denken
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Schon lange setze ich mich intensiv mit der NS-Zeit auseinander. Ich lese Erfahrungsberichte, Sachbücher und selten schaue ich auch mal Dokumentationen. Dieses Thema begleitet mich nicht aus Pflichtgefühl, ...

Schon lange setze ich mich intensiv mit der NS-Zeit auseinander. Ich lese Erfahrungsberichte, Sachbücher und selten schaue ich auch mal Dokumentationen. Dieses Thema begleitet mich nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil es mich nicht loslässt. Vielleicht auch, weil ich immer wieder merke, wie brüchig unser Umgang mit Erinnerung ist.

Dem Instagram-Projekt @keine.erinnerungskultur folge ich noch nicht lange, doch es ist schnell zu einer der wichtigsten Stimmen für mich geworden. Susanne Siegert verbindet dort persönliche Biografie mit einer klaren Kritik daran, wie Erinnerung in Deutschland häufig praktiziert wird. Sie fordert eine Erinnerungskultur, die aktiv, pluralistisch und verantwortlich ist, statt sich auf ritualisierte Gedenkformen zu verlassen oder nur symbolische Akte zu wiederholen. Ihr Anspruch ist unbequem: Erinnerung soll nicht beruhigen, sondern herausfordern.

Besonders deutlich wurde das für mich in ihrer Auseinandersetzung mit „Der Junge mit dem gestreiften Pyjama“. Als ich sah, wie sie diesen Film kritisch einordnet, musste ich an meine eigene Reaktion vor Jahren denken. Auch ich hatte das Buch gelesen und sofort gespürt, dass hier etwas nicht stimmt. Trotzdem habe ich damals keine kritische Rezension veröffentlicht. Die Angst vor Reaktionen, vor Missverständnissen, vor moralischer Empörung war größer. Siegerts Analyse hat mich rückblickend darin bestärkt, dass dieses Unbehagen berechtigt war. Manche Darstellungen der NS-Zeit vereinfachen, emotionalisieren falsch oder verschieben Perspektiven - und richten damit mehr Schaden an, als sie aufklären.

Im Buch springt die Autorin immer wieder zwischen persönlichen Erinnerungen und größeren historischen sowie gesellschaftlichen Zusammenhängen. Das hat mich stellenweise irritiert. Ich hatte ein stärker analytisches Sachbuch erwartet, eine distanziertere Sprache. Stattdessen ist der Ton häufig sehr nah, sehr ich-bezogen. Gleichzeitig wäre es zu einfach, genau das als Schwäche abzutun. Diese persönliche Direktheit senkt Hürden, macht das Thema zugänglich und zwingt Leserinnen, sich selbst zu positionieren. Mein Unbehagen speist sich weniger aus der Methode als aus der Spannung zwischen Erwartung und Umsetzung.

Überzeugend ist für mich, wie konsequent Siegert den Blick weitet: weg von etablierten Gedenkorten, hin zu vergessenen Schauplätzen, marginalisierten Opfergruppen und den Nachkommen der Täter
innen. Sie zeigt, wie selektiv Erinnerung funktioniert und wie bequem es ist, Verantwortung an abstrakte Systeme auszulagern. Nicht jede Begriffswahl hat mich dabei überzeugt, manche Formulierungen wirkten auf mich unnötig zugespitzt, doch der Kern ihrer Argumentation bleibt stark.

Ein Punkt hat mich jedoch nachhaltig gestört: die sprachliche Inkonsistenz beim Gendern. Einzelbegriffe wie „Täter:innen“ werden gegendert, zusammengesetzte Begriffe wie „Tätergesellschaft“ hingegen nicht. Das zieht sich durch das Buch und wirkt nachlässig. Gerade bei einem Werk, das Sprache als Machtinstrument ernst nimmt, fällt diese Unschärfe besonders ins Gewicht.

Ich wünsche mir, dass Lehrende, die sich ernsthaft mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, dieses Buch lesen und im Unterricht nutzen. Vor allem die kritische Einordnung populärer Filme und Bücher sollte weitergeführt werden. Solche Werke prägen Geschichtsbilder oft stärker als Schulbücher - und bleiben dennoch häufig unhinterfragt.

Ich werde die Arbeit von @keine.erinnerungskultur weiter aufmerksam verfolgen. Nicht, weil sie einfache Antworten liefert, sondern weil sie Fragen stellt, die unbequem sind. Und weil Erinnerung nur dann Sinn hat, wenn sie uns zwingt, genauer hinzusehen, statt uns moralisch zu entlasten.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 24.01.2026

✎ Francis Kaiser - Wilmo

Wilmo
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Ich sehe „Wilmo - Ein Bilderbuch über Depression in der Familie“ von Francis Kaiser als einen Versuch, einem Thema, das in vielen Familien präsent ist, ein greifbares Gesicht zu geben. Erzählt wird aus ...

Ich sehe „Wilmo - Ein Bilderbuch über Depression in der Familie“ von Francis Kaiser als einen Versuch, einem Thema, das in vielen Familien präsent ist, ein greifbares Gesicht zu geben. Erzählt wird aus der Perspektive des jüngsten Kindes einer Familie, in der die Mutter an einer Depression erkrankt ist. Genau darin liegt die Stärke des Buches: Es macht sichtbar, was im Alltag oft verschwiegen wird, obwohl Kinder es längst spüren. Vertraute Abläufe brechen weg, Nähe verändert sich, und zurück bleiben Fragen, für die es keine Worte gibt.

Die Geschichte fängt diese kindliche Verunsicherung ein, ohne sie zu beschönigen. Gedanken, die sich viele Kinder machen, werden aufgegriffen und ernst genommen. Mit „Wilmo“ findet die Erkrankung eine bildhafte Gestalt, die erklärbar macht, was sonst diffus und beängstigend bleibt. Depression wird nicht vereinfacht, aber so übersetzt, dass Kinder verstehen können, was passiert - und vor allem, dass sie keine Schuld tragen. Diese Perspektive entlastet und ordnet Gefühle, die sonst namenlos bleiben würden.

Über die eigentliche Erzählung hinaus öffnet das Buch den Blick für das, was Familien konkret brauchen. Umfangreiche Zusatzmaterialien richten sich an Eltern, Angehörige und Fachkräfte und gehen auf die Begleitung unterschiedlicher Altersstufen ein. Dadurch wird „Wilmo“ mehr als ein Bilderbuch: Es wird zu einem Werkzeug, das hilft, Gespräche zu führen und Handlungsspielräume zu erkennen, statt hilflos zu schweigen.

Besonders deutlich wird dabei eine Haltung, die vielen Familien fehlt: Kinder nicht zu vertrösten, nicht zu schützen, indem man ihnen die Wahrheit vorenthält, sondern sie einzubeziehen. Dieses Buch schlägt eine Brücke zwischen kindlicher Wahrnehmung und der oft schwer greifbaren Realität psychischer Erkrankungen - eine Brücke, die längst überfällig ist.

Wer „Wilmo“ liest, bekommt keine distanzierte Fachlektüre, sondern eine emotionale Geschichte, die zeigt, wie leise und gleichzeitig tief Depressionen Familien prägen. Das Buch lädt dazu ein, Scham zu durchbrechen und Sprache zu finden, wo sonst Schweigen herrscht. Enttabuisierung beginnt hier nicht abstrakt, sondern im Alltag, bei den Jüngsten - und bei den Menschen, die Verantwortung für sie tragen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 19.01.2026

✎ Katharina Wieker - Dinorinos 1 Die Dinorinos können alles

Die Dinorinos können alles
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Ein Blick auf „Die Dinorinos können alles“ von Katharina Wieker vermittelt einen soliden Einstieg in eine Kinderbuchreihe über drei lebendige Mini-Dinosaurier und ihren Freund Juri.

Zur kurzen Orientierung ...

Ein Blick auf „Die Dinorinos können alles“ von Katharina Wieker vermittelt einen soliden Einstieg in eine Kinderbuchreihe über drei lebendige Mini-Dinosaurier und ihren Freund Juri.

Zur kurzen Orientierung werden die Dinorinos kurz vorgestellt und es wird knapp erklärt, woher sie kommen. Somit rücken die Figuren unmittelbar ins Zentrum.

Dann setzt die Handlung ein. Das wirkt klar und kindgerecht. Nichts zieht sich unnötig, nichts überfordert. Die Geschichte entfaltet sich Schritt für Schritt und bleibt dabei zugänglich.

Der hohe Illustrationsanteil trägt entscheidend dazu bei. Die Zeichnungen von Steffen Winkler lockern jede Seite auf und verhindern, dass der Text erdrückend wirkt. Die große, gut lesbare Schrift unterstützt geübte Erstlesende dabei, dranzubleiben. Mit knapp 80 Seiten ist das Buch kein schneller Happen, sondern eher eine Geschichte für mehrere Abende. Für meine Erstleserin war genau das reizvoll.

Gleichzeitig muss man auf stilistische Entscheidungen hinweisen. Fantasiewörter, ungewöhnliche Lautmalereien und bewusst „falsch“ geschriebene Ausdrücke zur Darstellung von Sprachfehlern können den Lesefluss bremsen und Unsicherheit erzeugen. Doch mein Kind und ich sind darüber ins Gespräch gekommen und so konnte sie lernen, dass Sprache nicht immer perfekt ist und dass Abweichungen dazugehören. Beim Vorlesen empfand ich diese Stellen als willkommene Abwechslung.

Die Mischung aus Humor und Spannung funktioniert meist gut im Vorlesekontext oder beim gemeinsamen Entdecken der Seiten. Der Game Boy als wiederkehrendes Element dürfte vielen heutigen Kindern wenig sagen, für mich war er ein unerwarteter nostalgischer Moment, der mir persönlich ein Lächeln entlockt hat.

Irritierend ist der Klappentext. Er stellt die Suche nach verschwundenen Dinorinos in den Vordergrund, obwohl sie in der Handlung keine Rolle spielt. Stattdessen geht es um das unmittelbare Abenteuer der drei, um ihre Dynamik und ihre Erlebnisse. Das ist nicht schlechter, im Gegenteil, aber es ist etwas anderes, als angekündigt.

Meiner knapp 8 Jährigen hat das Buch so gut gefallen, dass wir in der Bibliothek nach den Folgebänden Ausschau halten müssen.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 09.01.2026

✎ Louise Gooding - Wundervoll anders

Wundervoll anders
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Ich bin mit dem Untertitel „Autismus, ADHS und Legasthenie: Neurodiversität als Stärke entdecken“ gestartet und habe ein Werk erwartet, das Empowerment liefert. Stattdessen bekam ich ein Sachbuch, das ...

Ich bin mit dem Untertitel „Autismus, ADHS und Legasthenie: Neurodiversität als Stärke entdecken“ gestartet und habe ein Werk erwartet, das Empowerment liefert. Stattdessen bekam ich ein Sachbuch, das größtenteils grundlegende Informationen über Neurodivergenzen vermittelt.

Die ersten Kapitel widmen sich dem Aufbau und der Funktion des Gehirns. Ich fand diese Erklärungen anschaulich und gut visualisiert, die Illustrationen bleiben im Gedächtnis und machen den Einstieg besonders für junge Lesende ab etwa sieben Jahren zugänglich. Trotz meiner eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema habe ich Neues gelernt, etwa dass es ein offizielles Symbol für Neurodiversität gibt - und dass meine siebenjährige Tochter es kürzlich einfach so gemalt hat.

Im Anschluss folgen die Abschnitte zu konkreten Diagnosen. Hier zeigt sich für mich ein Ungleichgewicht: Manche Variationen bekommen umfangreiche Erläuterungen - bis zu 2 Doppelseiten-, andere werden nur oberflächlich auf einer halben Seite dargestellt. Dass nicht jede Thematik tiefgehend behandelt werden kann, ist nachvollziehbar, aber ich hätte mir eine gleichmäßigere Darstellung gewünscht.

Der abschließende Teil verortet Neurodiversität historisch und präsentiert bekannte Persönlichkeiten mit verschiedenen neurologischen Profilen.

Ich sehe das Buch als geeignete Einführung für Menschen, die bislang wenig Berührungspunkte mit diesem Thema hatten. Die klare Sprache und die strukturierten Erklärungen erleichtern den Zugang.

Positiv hervorzuheben ist, dass das Buch nicht nur erklärt, sondern auch auf den respektvollen Umgang mit anderen eingeht. Mir gefiel besonders, dass aufgezeigt wird, welche konkrete Hilfe man anbieten kann. Dies fördert echte Inklusion und verhindert, dass Kinder in entsprechenden Situationen überfordert sind.

Was ich vermisst habe, war die Auseinandersetzung mit Hochbegabung, die im Kontext von Neurodiversität oft eine Rolle spielt. Erst dachte ich, dass sie nicht vorkommt, weil sie nicht pathologisiert wird, doch im Buch ist Synästhesie thematisiert.

Am Ende bietet das Werk ein Register sowie eine Erklärung zentraler Begriffe, was die Nachschlagefunktion verbessert. Insgesamt zeigt sich: In einem Land, das Vielfalt feiert und Unterschiede betont, reicht es nicht aus, nur zu akzeptieren. Wahre Inklusion bedeutet für mich, den gemeinsamen Nenner in den Vordergrund zu stellen, weit über die bloße Aufzählung neurologischer Profile hinaus.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 02.01.2026

✎ Katja Hemkentokrax - Felina Fingerhut 1 und das verhexte Schwarze Loch

Felina Fingerhut und das verhexte Schwarze Loch
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„Felina Fingerhut und das verhexte Schwarze Loch“ von Katja Hemkentokrax ist kurz nach Erscheinen durch eine Schenkung bei uns gelandet. Der Umfang von fast 300 Seiten wirkte zunächst wenig einladend für ...

„Felina Fingerhut und das verhexte Schwarze Loch“ von Katja Hemkentokrax ist kurz nach Erscheinen durch eine Schenkung bei uns gelandet. Der Umfang von fast 300 Seiten wirkte zunächst wenig einladend für die abendliche Leseroutine, weshalb das Buch eine Zeit liegen blieb. Der Zugang kam schließlich über das ungekürzte Hörbuch in der Onleihe, wodurch Text und Audio parallel genutzt wurden. Diese Kombination hat den Einstieg erleichtert und sich als sinnvoll erwiesen.

Die Geschichte entfaltet schnell eine Sogwirkung. Die Handlung ist klar strukturiert, ohne simpel zu sein, und trägt über weite Strecken. Besonders gelungen ist die Entwicklung der Hauptfigur. Felina ist elf Jahre alt, verhält sich altersgerecht, bleibt Kind und wächst dennoch an den Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert wird. Ihre Vorstellungskraft nimmt dabei einen zentralen Raum ein. Digitale Dauerpräsenz oder soziale Medien spielen keine Rolle, was angenehm auffällt und bewusst einen Kontrast zur Lebensrealität vieler Kinder setzt.

Im Kern vermittelt das Buch, dass innere Stärke wichtiger ist als äußere Mittel. Magie dient eher als erzählerisches Vehikel denn als Lösung für alles. Felinas Weg zeigt, dass Durchhaltevermögen, Mut und Eigenvertrauen entscheidend sind. Diese Botschaft wird nicht belehrend transportiert, sondern ergibt sich organisch aus der Handlung. Genau darin liegt eine der Stärken des Romans.

Auch der Humor funktioniert auf mehreren Ebenen. Viele sprachliche Feinheiten, Redewendungen und ironische Spitzen erschließen sich Erwachsenen deutlicher als Kindern, was jedoch kein Nachteil ist. Im Gegenteil: Daraus ergeben sich Gesprächsanlässe, die das gemeinsame Lesen oder Hören bereichern.

Die im Buch enthaltenen Illustrationen unterstützen den Text sinnvoll. Sie sind detailreich, ohne überladen zu wirken, und greifen zentrale Szenen sowie Stimmungen auf. Gerade für jüngere Lesende bieten sie visuelle Ankerpunkte, die das Verständnis fördern und die Fantasiewelt erweitern, statt sie einzuengen.

Einzig die Nebenfiguren hätte ich gerne noch ein wenig besser kennengelernt. Sie bleiben stellenweise blass und Konflikte werden manchmal zu glatt aufgelöst.

Am Ende wartet das Buch mit zusätzlichen Inhalten auf. Ein Nudelorakel, ein Muffinrezept und eine Bastelanleitung für einen Kürbis verlängern das Leseerlebnis und laden zum Mitmachen ein.

Trotz kleiner Schwächen bleibt der Wunsch, Felina auch im nächsten Abenteuer zu begleiten. Das Buch eignet sich für Kinder, die gern in fantastische Rollen schlüpfen und dabei Figuren begegnen möchten, die nicht perfekt sind, aber ihren eigenen Weg finden.

©2026 Mademoiselle Cake