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Veröffentlicht am 02.05.2026

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Das Gesetz der Elite
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“Töte die Reichen” Dieser Slogan findet sich nach Attentaten auf Milliardäre an den Tatorten und im Internet. Das erste Opfer ist ein ehemaliger, millardenschwerer Fußballspieler, Jesús Martínez. Seinem ...

“Töte die Reichen” Dieser Slogan findet sich nach Attentaten auf Milliardäre an den Tatorten und im Internet. Das erste Opfer ist ein ehemaliger, millardenschwerer Fußballspieler, Jesús Martínez. Seinem Tod folgen weitere prominente Opfer, alle ermordet auf eine Art und Weise, die Bezug zu ihrem bisherigen Leben hat. Colomba Caselli, ehemalige Vizepolizeidirektorin und Dante Torre, ein genialer Amateurkriminalist, ermitteln. Colomba, die jetzt Privatdetektivin ist, wird von der Familie von Jesús zu dem Fall, an dem auch der Geheimdienst großes Interesse zeigt, hinzugezogen. Dante weicht nicht von ihrer Seite, denn die beiden verbinden schreckliche Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit.

Der bekannte Autor Sandrone Dazieri hat mit “Das Gesetz der Elite: Ihr Reichtum ist ihr Untergang” einen hoch aktuellen Thriller vorgelegt, der sich, oberflächlich betrachtet, auf die weltweiten Einkommens- und Vermögensunterschiede bezieht. Der Vergleich der Welt mit “Dollaronia”, in der wenige Superreiche alles bestimmen, ist durchaus der Realität entsprungen. Der Autor beschreibt die Welt des Geldes als Hochhaus, in den unteren Stockwerken bewohnt von den Durchschnittsverdienern und letztlich den bitter Armen. Und er legt nahe, den Wert des menschlichen Lebens in diesem Szenario zu überdenken, denn letztlich sind diese Menschen “entbehrlich”. Das deckt sich inhaltlich mit dem Eingangszitat des Buches von John Brunner aus “Schafe blicken auf“, das vorschlägt, zweihundert Millionen Menschen, die absonderlichsten und schädlichsten, zu eliminieren. Wie lautet wohl die Antwort der Elite auf die Frage, ob die gesamte Menschheit weiter bestehen solle?

Ebenso fasziniert der Traum vom ewigen Leben. Sandrone Dazieri lässt die Superreichen eine Organisation erschaffen, die es durch Kryokonservierung möglich machen soll, in der Zukunft durch verbesserte medizinische Möglichkeiten weiterzuleben. Doch führt vieles, das der Autor heranzieht, um den Spannungsbogen aufzubauen, die Lesenden gekonnt in die Irre. Denn als es letztlich gelingt, den Täter zu stellen, ergibt sich der Blick auf eine psychisch gestörte und narzisstische Persönlichkeit, die lange Zeit über jeden Verdacht erhaben war.

Besonders herauszustreichen sind die beiden Hauptfiguren Colomba Caselli und Dante Torre. Beide sind schwer traumatisiert. Das Buch wirft im Rückblick nur Schlaglichter auf das Schicksal der Protagonisten, die erahnen lassen, dass sie Furchtbares durchgemacht haben müssen. Colomba, die nicht mehr an vorderster Front ermitteln möchte, kann durch ihre Hartnäckigkeit nicht aufhören, nach dem wahren Täter zu suchen, auch als die Morde bereits geklärt erscheinen, doch immer wieder wird sie von Panikattacken gequält. Dante ist körperlich und psychisch schwer geschädigt und doch der Mastermind bei der Aufklärung der Verbrechen.

Bei aller Düsternis stellt der Autor die Beziehung von Dante und Colomba liebevoll dar, denn Colomba wird Dante, der eine sehr unorthodoxe Lebensweise pflegt, immer beschützen. Obwohl Colomba und Dante nicht zur Welt der Reichen und Schönen zählen, ergibt sich im Zuge der Aufklärungsarbeit für Colomba eine unerwartete und einfühlsam erzählte Liebesgeschichte.

Mein Fazit:

“Das Gesetz der Elite: Ihr Reichtum ist ihr Untergang” ist ein gut gelungener Thriller, der den Spannungsbogen bis zur letzten Seite aufrecht erhält. Die Unterschiede zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen, souverän führt der Autor durch eine den meisten Menschen verschlossene Welt des Reichtums, ohne jedoch eine Verteilungsdebatte anzufachen. Die faszinierenden Charaktere der Protagonisten zeigen unerwartete und bizarre Persönlichkeitsstrukturen, zur besseren Einordnung finden die Lesenden am Beginn des Buches ein Personenverzeichnis. Ich hätte mir gewünscht, mehr über die Vorgeschichte von Colomba und Dante zu erfahren, die der Autor jedoch in seinen zwei bereits vor Jahren erschienen Romanen der Colomba Caselli- Reihe behandelt hat. Durch seine Realitätsnähe lohnt es sich, das Buch auch als Diskussionsgrundlage über die Einflussnahme der Superreichen auf Politik und Gesellschaft zu verstehen. So wirft der Autor, verpackt in einen fesselnden Spannungsroman, zeitgemäße und hochaktuelle Problemstellungen auf, über die es sich lohnt, nachzulesen und nachzudenken.

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Veröffentlicht am 18.04.2026

Ein Opfer sucht seinen Mörder

Noch fünf Tage
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Dieses Opfer ist Liz, Sterneköchin und angestellt bei Familie Harman, Milliardäre, mit diversen Wohnsitzen und zu Sylvester in ihrem Chalet in Davos, das die Lesenden schon auf dem gelungenen und düster-einprägsamen ...

Dieses Opfer ist Liz, Sterneköchin und angestellt bei Familie Harman, Milliardäre, mit diversen Wohnsitzen und zu Sylvester in ihrem Chalet in Davos, das die Lesenden schon auf dem gelungenen und düster-einprägsamen Cover kennen lernen. Liz wird ein besonderes Sylvesterdinner vorbereiten, das sie natürlich abschmecken muss. Dazu taucht sie immer einen Zahnstocher in die Speisen und leckt ihn ab. Doch das Dinner läuft anders als erwartet: Die Harmans sind tot, die Eltern John und Reeta, die Kinder Calliope und Percy. Und Liz weiß, sie hat nur noch fünf Tage zu leben.

Unausweichlich zeigt die Digitaluhr ihres Krankenzimmers die verrinnende Zeit. Liz möchte nur eines, ihre Tochter Cosima bei sich haben. Doch das erlaubt die Polizei nicht, Liz ist verdächtig. Um sich zu entlasten muss Liz schnellstens ihren Mörder finden.

Helena Falke hat ihren Roman “Noch fünf Tage” eingeteilt in die verbleibenden Tage, Stunden, Minuten und Sekunden. Die Lesenden fühlen mit Liz, wie ihr die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt und sie versucht, im Geist ihre Anstellung im Milliardärshaushalt und das Sylvesterdinner zu rekonstruieren. So überprüft sie alle Familienmitglieder und findet kein Motiv, wiewohl John entschlossen war, gesellschaftlich und politisch weiter aufzusteigen. Auch ist er überzeugt, dass Reichtum dazu benutzt werden sollte, die Welt nach seinen Vorstellungen umzuformen- hat er sich dadurch Feinde gemacht?
Reeta gehört eigentlich nicht in diese Kreise und braucht Tipps von Liz, um ihren Platz zu finden. Allerdings ist sie arrogant und rücksichtslos. Zudem stellt sich heraus, dass die Familie durch ein ungewöhnliches, schwer zu beschaffendes und teures Gift getötet wurde. Auch an ihre frühere Anstellung in einem Nobelrestaurant denkt Liz. Da gab es einmal einen Vorfall, an dem Liz keine Schuld traf, trotzdem verlor sie ihren Arbeitsplatz. Ist dieser Vorfall mittlerweile vergessen? Auf Empfehlung ihres damaligen Chefs kam sie zu den Harmans.

In beklemmender Weise fühlen die Lesenden in diesem Thriller die Unausweichlichkeit des Geschehens und den verzweifelten Versuch von Liz, ihre Tochter auch nach ihrem Tod versorgt zu wissen. Der unaufhaltsame Verfall ist spürbar und immer wieder erinnern sie die sich verändernden Digits daran, wie wenig Zeit ihr bleibt. Soll sie das Angebot von Esme, ihrer Pflegerin, annehmen, und sich sedieren lassen? Nein, Liz muss klar denken können und Esme muss ihr bei ihrer atemlosen Suche nach dem Mörder helfen. Hier beschreibt der Roman weitläufig, welche Essen Liz zubereitet hat und wie sich ihr Leben im Nobelhaushalt gestaltete. Dazu auch alle Macken dieser reichen Familie und die Demütigungen, die Liz hinzunehmen hatte. Dabei gab sie sich wirklich Mühe, auf alle Vorlieben und Neurosen einzugehen, immer im Bestreben, das Leben der Familie zu verbessern.

Wenig schreibt die Autorin über Cosima, die geliebte Tochter von Liz, in den Schilderungen über das Leben bei den Harmans kommt sie kaum vor. Umso berührender ist die Szene, als Cosima von Liz erfährt, dass sie sterben werde. Doch Liz hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden, seit sie weiß, dass Cosima versorgt sein wird. Allerdings hätte ich mir hier gewünscht, mehr über das Verhältnis von Cosima und Liz zu erfahren.

Mein Fazit:

“Noch fünf Tage” beschreibt in beklemmender Weise, wie es sich anfühlt, in kurzer Zeit dem sicheren Tod entgegen zu gehen. Der Roman ist ebenso traurig wie spannend geschrieben, durch die genauen Zeitangaben fühlt man mit der sterbenden Protagonistin und ist wie sie lange nicht bereit, das Schicksal zu akzeptieren und entschlossen, den Mörder zu stellen. Mit großer Empathie wird das entsetzliche Geschehen erzählt, das extravagante Leben der Milliardärsfamilie spiegelt gesellschaftliche Vorgänge. Helena Falke wird somit zu einer sprachsensiblen Chronistin des letzten Weges, ohne je pathetisch zu werden. Auch wenn dieser Roman kein positives Ende zulässt, lohnt es sich, die Protagonistin bei ihrem Abschiednehmen zu begleiten.

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Veröffentlicht am 04.02.2026

Ein toller Held rettet die Wiesel

Freiheit für die Waldwiesel
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Die bekannte Autorin Stepha Quitterer hat mit “Freiheit für die Waldwiesel” ein Buch vorgelegt, das neben einer spannenden Geschichte auch ein Plädoyer für Umwelt- und Naturschutz sowie Tierrechte hält. ...


Die bekannte Autorin Stepha Quitterer hat mit “Freiheit für die Waldwiesel” ein Buch vorgelegt, das neben einer spannenden Geschichte auch ein Plädoyer für Umwelt- und Naturschutz sowie Tierrechte hält. Das einprägsame und farblich eindrucksvoll gestaltete Hardcover zeigt schon den Held der Geschichte, Piet Wiesel, auf dem Weg zu seiner Mission, die Befreiung seiner Familie aus der Wieselfabrik. Die phantasievollen Illustrationen, die sich auch im Buch wiederfinden, stammen von Barbara Jung.

Piet hat es nicht leicht. Er lebt mit seiner Mutter und Schwester Cilli im Wald, der Vater ist tot. Piet, der an einem Kletterwettbewerb teilnimmt, um einen Ausbildungsplatz in der Stadt zu gewinnen, verletzt sich dabei schwer. Sein bester Freund ist schuld an seinem Absturz. Ebenso auch daran, dass alle Wiesel eingefangen und in die Stadt zur Wieselfabrik deportiert werden. Nun macht sich Piet auf den Weg, um seine Familie zu retten. Unterstützung erhält er nicht nur von Krähe Achim, sondern auch von einem Siebenschläfer, Hugo, der gerne Opernsänger wäre. Hugos Freunde, die Ratten, die den Gesang von Hugo so lieben, helfen tatkräftig bei der Befreiungsaktion mit.

Piet Wiesel hat mit vielen Schwierigkeiten auf seinem Weg in die große Stadt zu kämpfen, beinahe wäre er in der Wieselfabrik gelandet. Dabei erkennt er auch, dass angebotene Hilfe nicht immer gut gemeint sein muss. Die Stadt erscheint ihm laut, schmutzig und gefährlich. Allerdings erhält er Hilfe von mutigen Freunden. Auch der Einfallsreichtum der Ratten lässt nichts zu wünschen übrig. Die Situation in der Fabrik, in der die Wiesel gefangen gehalten werden, zeugt davon, dass auch Mitglieder der selben Art, also Wiesel, bereit sind, andere Wiesel zu unterdrücken und zu quälen. Doch gibt die Autorin ihrem Buch einen versöhnlichen und positiven Schluss, sodass die schlimmen Ereignisse auch von den Kindern gut eingeordnet werden können. Das Buch wird für Kinder ab elf Jahren empfohlen.

“Freiheit für die Waldwiesel” ist ein Roman, der schwierige Themen kindgerecht anspricht: Die Gefahr, falschen Freunden zu vertrauen; den Wunsch, nach immer mehr Wohlstand zu streben; die Leichtigkeit, mit der Wiesel von Wieseln gequält werden; Drogen, Ausbeutung und letztlich auch kaltblütiger Mord, wenn man dem verbrecherischen Anführer nicht gehorcht. Möglicherweise könnten Kinder damit überfordert sein, daher eignet sich dieses Buch besonders gut dazu, gemeinsam mit Erwachsenen gelesen und besprochen zu werden, vielleicht auch im Unterricht. Erwachsene werden möglicherweise zeitgeschichtliche Prallelen erkennen, auch hier bietet sich ein Dialog mit den Kindern an.

Trotz dieser schwierigen Themen spart das Buch nicht mit humorvollen Szenen, der positive Ausgang der Geschichte soll Kinder ermutigen, zu erkennen, dass Zusammenarbeit, Mut, Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen auch aus schwierigen Situationen heraus helfen können. Ich habe das Buch gemeinsam mit meinem elf Jahre alten Enkel gelesen, es hat Anlass zu guten Gesprächen geboten und er hat Wiesel Piet sehr gemocht. Kindern, die spannende ebenso wie tiefgründige Geschichten lieben, können wir “Freiheit für die Waldwiesel” empfehlen.

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Veröffentlicht am 02.02.2026

Verdrängte Schuld

Berchtesgaden
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In ihrem ersten Roman, “Berchtesgaden”, hat sich die bekannte Drehbuchautorin Carolin Otto der unmittelbaren Nachkriegszeit angenommen. Der Krieg ist zu Ende, das Führer- Hauptquartier auf dem Obersalzberg ...

In ihrem ersten Roman, “Berchtesgaden”, hat sich die bekannte Drehbuchautorin Carolin Otto der unmittelbaren Nachkriegszeit angenommen. Der Krieg ist zu Ende, das Führer- Hauptquartier auf dem Obersalzberg verwaist, die amerikanischen Besatzer übernehmen die Macht. Auf dem ausdrucksstarken Cover findet sich das gut gewählte Sujet einer jungen Frau in der Kleidung der damaligen Zeit.

Der Schauplatz des Romans ist Berchtesgaden im südöstlichen Zipfel Oberbayerns. Zwei junge Mädchen, Sophie und Magda, bestaunen das verlassene Haus von Albert Speer, Hitlers Architekten. So viel Wohlstand! Nach einigem Zögern beschließen die Mädchen zu plündern, wie so viele andere auch. Als Sophies geliebter Bruder Max das Beutegut sieht, wirft er der Familie Verrat vor, denn Max ist überzeugter Nationalsozialist und Mitglied der SS. Spät wird Sophie mit den ungeheuerlichen Verbrechen der SS konfrontiert werden, die begangenen abscheulichen Untaten werden von Max lapidar damit gerechtfertigt, dass Krieg war und töten sein Geschäft. Seine Schilderungen werden das, was Sophie bereits als Schreibkraft beim amerikanischen Military Government erfahren hat, an Gräuel weit übertreffen. Max schreckt auch nicht davor zurück, Magda, die ihn bis zur Besessenheit liebt, auszunutzen.

Der Autorin ist es gelungen, ein detailliert recherchiertes Geschichtspanorama darzustellen, ein umfangreiches Quellenverzeichnis findet sich am Ende des Buches. In ihrem Nachwort betont Carolin Otto, dass viele ihrer Charaktere historisch belegt sind, so Dr. Kriss, von den Nazis zum Tode verurteilt, der unter amerikanischer Besatzung Bürgermeister von Berchtesgaden wurde. Mehrere historische Kriegsfotografinnen dienten als Vorbild für die Figur die amerikanischen Reporterin Meg, die erschütternde Bilder macht und in ihr Heimatland sendet, jedoch auch an Raubkunst Interesse hat.

Das Buch beschreibt, wie leicht Schuld verdrängt wird, wie sehr sich die Menschen nach dem Krieg die Normalität zurückwünschten. Sophie ist das Beispiel einer jungen Frau, die sich lange nicht mit dem Kriegsgeschehen auseinander gesetzt hat und die hoffnungsvoll und anfänglich auch naiv in die Zukunft blickt. Sie verliebt sich in den schwarzen GI Sam, der lieber als Sieger in Deutschland bleibt, als die Rassendiskriminierung in Amerika zu erleben. Dennoch verstößt die Beziehung gegen das Fraternisierungsverbot.

Der Halbjude Frank Rosenberg, aus Deutschland geflohen und nun als Besatzer zurückgekehrt, ist für die Verhöre der ehemaligen Nationalsozialisten zuständig. Nur wenige bekennen sich schuldig, die meisten Menschen berufen sich auf Befehlsnotstand. So wie fast alle Familien hat auch Frank eine Tote zu betrauern, allerdings hofft er, dass seine Nichte noch am Leben ist.

Auch die weiteren handelnden Personen sind lebensnah beschrieben. Magda ist mit Mutter und Tante vor den Russen geflohen; Ali, eine Schauspielerin, hat ein Verhältnis und ein Kind mit einem ranghohen deutschen Soldaten; Dr. Kriss versucht, das Leben für die Einwohner von Berchtesgaden zu verbessern.

So findet sich in den parallel laufenden, jedoch auch miteinander verwobenen Handlungssträngen des Buches die Schilderung der damaligen Lebensrealität, die Täter und Opfer, Mitläufer und weiterhin überzeugte Nationalsozialisten zusammenbringt.

Der Schreibstil von Carolin Otto ist beobachtend, erzählend, fast plakativ. Die Stofffülle des Buches und die Vielzahl der handelnden Personen bewirkt jedoch auch, dass die Lesenden zwar einen guten Überblick über die Nachkriegszeit in diesem Lieblingsort des Führers erhalten, allerdings gibt es nur einige Szenen, die tatsächlich berühren. Dennoch ist es die Intention des Romans, aufzuzeigen, wie leicht Unrecht verdrängt wird und wie schwierig die Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse auch heute noch ist. Leider bleiben im Roman viele Handlungsfäden unverknüpft, hier wäre ein zweiter Band wünschenswert.

Carolin Otto hat mit “Berchtesgaden” ein ausgezeichnet recherchiertes Buch geschrieben, das als Plädoyer für die Demokratie verstanden werden soll und das Geschehnisse wieder ins Gedächtnis ruft, über die zu schweigen unerträglich wäre.

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Veröffentlicht am 29.01.2026

Bitteres Erbe

Eine vergessene Schuld
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Der bekannte Autor Arne Jensen hat mit “Eine vergessene Schuld” einen bewegenden Roman vorgelegt, der sich mit der Auswirkung von Verbrechen beschäftigt, die von Vorfahren begangen wurden, jedoch bis heute ...

Der bekannte Autor Arne Jensen hat mit “Eine vergessene Schuld” einen bewegenden Roman vorgelegt, der sich mit der Auswirkung von Verbrechen beschäftigt, die von Vorfahren begangen wurden, jedoch bis heute nachwirken. Schon das stimmungsvolle Cover weist auf einen der Handlungsstränge hin, der in der Kriegszeit und unmittelbaren Nachkriegszeit spielt.

Zwei große Themen beherrschen den Roman. Im Jahr 2023 veröffentlicht der pensionierte Verfassungsrichter Dr. Rudolf Heppner über die sozialen Medien polarisierende Thesen, die sich mit Bürgerpflichten und juristischen Grenzfragen beschäftigen. Eine dieser Fragen ist, ob man den Wehrdienst verweigern dürfe und ob im Kriegsfall Militärgerichte eingeführt werden sollten. Da Heppner selbst nicht präzise Stellung bezieht, reagieren sowohl rechte wie linke Randgruppen mit Kommentaren. Dann wird auf Heppner ein Farbbeutel-Attentat verübt.

Nunmehr schalten sich LKA, BKA und Staatsschutz ein, ein politischer Hintergrund wäre möglich. Daher soll eine junge Psychologin, Jasina Behrens, ein Persönlichkeitsprofil des Richters erstellen. Bei den Gesprächen, die zunehmend privat werden, stößt Jasina auf Ereignisse, die in der Familiengeschichte und Jugend von Heppner liegen und bis heute sein Handeln zu bestimmen scheinen. Doch auch Jasina quält sich mit Schuldgefühlen.

Der zweite Handlungsstrang umfasst die Zeit ab 1942 bis kurz nach Kriegsende 1945. Er ist historisch belegt und wurde vom Autor akribisch recherchiert, nur die Namen wurden im Roman geändert, sind aber im Nachwort nachzulesen.
Raimund Bach ist Marinemaat, halbjüdisch, in Holland stationiert. Als Angehöriger der Marine sind er und seine Familie bisher von den Repressalien der Nationalsozialisten verschont geblieben. Als seine Mutter deportiert wird und er den Marschbefehl an die Front erhält, desertiert Bach. Doch bei Kriegsende hält hin nichts mehr in seinem Versteck. Mit einem weiteren Deserteur, Bernhard Döpper, stellt er sich den kanadischen Besatzern. Jedoch gilt in Holland für deutsche Truppen noch immer das Recht der NS- Zeit. Bach und Döpper werden einige Tage nach Kriegsende vor ein Militärgericht gestellt, der Marinerichter, der die Anklage vertritt, heißt Hans- Friedrich Heppner…….

“Eine vergessene Schuld” behandelt tiefgreifende gesellschaftspolitische und zutiefst menschliche Themen. Welche Rolle darf der Staat spielen, wieweit darf er die Rechte des Einzelnen einschränken? Wäre es in einer Diktatur legitim, den Wehrdienst zu verweigern? Wie weit schuldet man einem Unrechtsstaat Gehorsam? Trifft die Nachkommen derjenigen, die in der Nazi-Zeit Verbrechen begangen haben, noch persönliche Schuld? Tragen sie Verantwortung für das Tun ihrer Vorfahren?

Der Roman berührt die Lesenden durch die Schilderung von ausweglosen, bitteren Schicksalen, man fühlt die Angst und Bedrängnis der Protagonisten, Mitleid und Abscheu wechseln einander ab. Der vom Autor gesetzte Rahmen spiegelt sowohl die gesellschaftlichen Vorgänge wie die Wertesysteme der Vergangenheit und Gegenwart.

Arne Jensen zeichnet hervorragend die Charaktere seiner Figuren. Bach, verängstigt und in seinem Versteck seiner Freiheit und Menschenwürde beraubt, vertraut darauf, dass er durch das Kriegsende den Nazi- Häschern entgangen ist. Ebenso ungläubig wie sein Freund Döpper muss er erfahren, dass Deutsche auch nach der Kapitulation in den holländischen Lagern noch Kriegsrecht anwenden können. Dr. Rudolf Heppner, der in seiner Laufbahn klare Entscheidungen basierend auf bestehenden Rechtsgrundlagen fällen konnte, kann mit der Vergangenheit nicht abschließen. Sein Gefühl ist es, Verantwortung dafür zu tragen, dass die Geschehnisse der Kriegszeit nicht vergessen werden, denn über sie zu schweigen wäre unerträglich. Die Psychologin Jasina Behrens ist aufgrund ihrer Flucht aus Syrien traumatisiert, ihre professionelle Distanz zu Richter Heppner wird im Verlauf der Gespräche immer schwieriger. Auch die Darstellung der involvierten Behörden einschließlich ihrer Zuständigkeitsstreitigkeiten ist lebendig und realitätsnah. Leider wird nur sehr kurz über den Täter berichtet, da hätte ich mir gewünscht, mehr über seine Person und seine Motive zu erfahren. Somit liegt der Schwerpunkt der Gegenwartserzählung auf Heppner.

Arne Jensen hat mit “ Eine vergessene Schuld” einen eindrücklichen und wirkmächtigen Roman geschrieben. Er widmet ihn den Opfern von Gewalt, Verfolgung und Entrechtung. Gleichgültigkeit und Schweigen lässt die Erinnerung an die Opfer immer mehr verblassen. Dieser Roman mahnt uns, nicht zu vergessen.

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