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Veröffentlicht am 04.02.2026

Ein toller Held rettet die Wiesel

Freiheit für die Waldwiesel
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Die bekannte Autorin Stepha Quitterer hat mit “Freiheit für die Waldwiesel” ein Buch vorgelegt, das neben einer spannenden Geschichte auch ein Plädoyer für Umwelt- und Naturschutz sowie Tierrechte hält. ...


Die bekannte Autorin Stepha Quitterer hat mit “Freiheit für die Waldwiesel” ein Buch vorgelegt, das neben einer spannenden Geschichte auch ein Plädoyer für Umwelt- und Naturschutz sowie Tierrechte hält. Das einprägsame und farblich eindrucksvoll gestaltete Hardcover zeigt schon den Held der Geschichte, Piet Wiesel, auf dem Weg zu seiner Mission, die Befreiung seiner Familie aus der Wieselfabrik. Die phantasievollen Illustrationen, die sich auch im Buch wiederfinden, stammen von Barbara Jung.

Piet hat es nicht leicht. Er lebt mit seiner Mutter und Schwester Cilli im Wald, der Vater ist tot. Piet, der an einem Kletterwettbewerb teilnimmt, um einen Ausbildungsplatz in der Stadt zu gewinnen, verletzt sich dabei schwer. Sein bester Freund ist schuld an seinem Absturz. Ebenso auch daran, dass alle Wiesel eingefangen und in die Stadt zur Wieselfabrik deportiert werden. Nun macht sich Piet auf den Weg, um seine Familie zu retten. Unterstützung erhält er nicht nur von Krähe Achim, sondern auch von einem Siebenschläfer, Hugo, der gerne Opernsänger wäre. Hugos Freunde, die Ratten, die den Gesang von Hugo so lieben, helfen tatkräftig bei der Befreiungsaktion mit.

Piet Wiesel hat mit vielen Schwierigkeiten auf seinem Weg in die große Stadt zu kämpfen, beinahe wäre er in der Wieselfabrik gelandet. Dabei erkennt er auch, dass angebotene Hilfe nicht immer gut gemeint sein muss. Die Stadt erscheint ihm laut, schmutzig und gefährlich. Allerdings erhält er Hilfe von mutigen Freunden. Auch der Einfallsreichtum der Ratten lässt nichts zu wünschen übrig. Die Situation in der Fabrik, in der die Wiesel gefangen gehalten werden, zeugt davon, dass auch Mitglieder der selben Art, also Wiesel, bereit sind, andere Wiesel zu unterdrücken und zu quälen. Doch gibt die Autorin ihrem Buch einen versöhnlichen und positiven Schluss, sodass die schlimmen Ereignisse auch von den Kindern gut eingeordnet werden können. Das Buch wird für Kinder ab elf Jahren empfohlen.

“Freiheit für die Waldwiesel” ist ein Roman, der schwierige Themen kindgerecht anspricht: Die Gefahr, falschen Freunden zu vertrauen; den Wunsch, nach immer mehr Wohlstand zu streben; die Leichtigkeit, mit der Wiesel von Wieseln gequält werden; Drogen, Ausbeutung und letztlich auch kaltblütiger Mord, wenn man dem verbrecherischen Anführer nicht gehorcht. Möglicherweise könnten Kinder damit überfordert sein, daher eignet sich dieses Buch besonders gut dazu, gemeinsam mit Erwachsenen gelesen und besprochen zu werden, vielleicht auch im Unterricht. Erwachsene werden möglicherweise zeitgeschichtliche Prallelen erkennen, auch hier bietet sich ein Dialog mit den Kindern an.

Trotz dieser schwierigen Themen spart das Buch nicht mit humorvollen Szenen, der positive Ausgang der Geschichte soll Kinder ermutigen, zu erkennen, dass Zusammenarbeit, Mut, Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen auch aus schwierigen Situationen heraus helfen können. Ich habe das Buch gemeinsam mit meinem elf Jahre alten Enkel gelesen, es hat Anlass zu guten Gesprächen geboten und er hat Wiesel Piet sehr gemocht. Kindern, die spannende ebenso wie tiefgründige Geschichten lieben, können wir “Freiheit für die Waldwiesel” empfehlen.

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Veröffentlicht am 02.02.2026

Verdrängte Schuld

Berchtesgaden
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In ihrem ersten Roman, “Berchtesgaden”, hat sich die bekannte Drehbuchautorin Carolin Otto der unmittelbaren Nachkriegszeit angenommen. Der Krieg ist zu Ende, das Führer- Hauptquartier auf dem Obersalzberg ...

In ihrem ersten Roman, “Berchtesgaden”, hat sich die bekannte Drehbuchautorin Carolin Otto der unmittelbaren Nachkriegszeit angenommen. Der Krieg ist zu Ende, das Führer- Hauptquartier auf dem Obersalzberg verwaist, die amerikanischen Besatzer übernehmen die Macht. Auf dem ausdrucksstarken Cover findet sich das gut gewählte Sujet einer jungen Frau in der Kleidung der damaligen Zeit.

Der Schauplatz des Romans ist Berchtesgaden im südöstlichen Zipfel Oberbayerns. Zwei junge Mädchen, Sophie und Magda, bestaunen das verlassene Haus von Albert Speer, Hitlers Architekten. So viel Wohlstand! Nach einigem Zögern beschließen die Mädchen zu plündern, wie so viele andere auch. Als Sophies geliebter Bruder Max das Beutegut sieht, wirft er der Familie Verrat vor, denn Max ist überzeugter Nationalsozialist und Mitglied der SS. Spät wird Sophie mit den ungeheuerlichen Verbrechen der SS konfrontiert werden, die begangenen abscheulichen Untaten werden von Max lapidar damit gerechtfertigt, dass Krieg war und töten sein Geschäft. Seine Schilderungen werden das, was Sophie bereits als Schreibkraft beim amerikanischen Military Government erfahren hat, an Gräuel weit übertreffen. Max schreckt auch nicht davor zurück, Magda, die ihn bis zur Besessenheit liebt, auszunutzen.

Der Autorin ist es gelungen, ein detailliert recherchiertes Geschichtspanorama darzustellen, ein umfangreiches Quellenverzeichnis findet sich am Ende des Buches. In ihrem Nachwort betont Carolin Otto, dass viele ihrer Charaktere historisch belegt sind, so Dr. Kriss, von den Nazis zum Tode verurteilt, der unter amerikanischer Besatzung Bürgermeister von Berchtesgaden wurde. Mehrere historische Kriegsfotografinnen dienten als Vorbild für die Figur die amerikanischen Reporterin Meg, die erschütternde Bilder macht und in ihr Heimatland sendet, jedoch auch an Raubkunst Interesse hat.

Das Buch beschreibt, wie leicht Schuld verdrängt wird, wie sehr sich die Menschen nach dem Krieg die Normalität zurückwünschten. Sophie ist das Beispiel einer jungen Frau, die sich lange nicht mit dem Kriegsgeschehen auseinander gesetzt hat und die hoffnungsvoll und anfänglich auch naiv in die Zukunft blickt. Sie verliebt sich in den schwarzen GI Sam, der lieber als Sieger in Deutschland bleibt, als die Rassendiskriminierung in Amerika zu erleben. Dennoch verstößt die Beziehung gegen das Fraternisierungsverbot.

Der Halbjude Frank Rosenberg, aus Deutschland geflohen und nun als Besatzer zurückgekehrt, ist für die Verhöre der ehemaligen Nationalsozialisten zuständig. Nur wenige bekennen sich schuldig, die meisten Menschen berufen sich auf Befehlsnotstand. So wie fast alle Familien hat auch Frank eine Tote zu betrauern, allerdings hofft er, dass seine Nichte noch am Leben ist.

Auch die weiteren handelnden Personen sind lebensnah beschrieben. Magda ist mit Mutter und Tante vor den Russen geflohen; Ali, eine Schauspielerin, hat ein Verhältnis und ein Kind mit einem ranghohen deutschen Soldaten; Dr. Kriss versucht, das Leben für die Einwohner von Berchtesgaden zu verbessern.

So findet sich in den parallel laufenden, jedoch auch miteinander verwobenen Handlungssträngen des Buches die Schilderung der damaligen Lebensrealität, die Täter und Opfer, Mitläufer und weiterhin überzeugte Nationalsozialisten zusammenbringt.

Der Schreibstil von Carolin Otto ist beobachtend, erzählend, fast plakativ. Die Stofffülle des Buches und die Vielzahl der handelnden Personen bewirkt jedoch auch, dass die Lesenden zwar einen guten Überblick über die Nachkriegszeit in diesem Lieblingsort des Führers erhalten, allerdings gibt es nur einige Szenen, die tatsächlich berühren. Dennoch ist es die Intention des Romans, aufzuzeigen, wie leicht Unrecht verdrängt wird und wie schwierig die Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse auch heute noch ist. Leider bleiben im Roman viele Handlungsfäden unverknüpft, hier wäre ein zweiter Band wünschenswert.

Carolin Otto hat mit “Berchtesgaden” ein ausgezeichnet recherchiertes Buch geschrieben, das als Plädoyer für die Demokratie verstanden werden soll und das Geschehnisse wieder ins Gedächtnis ruft, über die zu schweigen unerträglich wäre.

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Veröffentlicht am 29.01.2026

Bitteres Erbe

Eine vergessene Schuld
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Der bekannte Autor Arne Jensen hat mit “Eine vergessene Schuld” einen bewegenden Roman vorgelegt, der sich mit der Auswirkung von Verbrechen beschäftigt, die von Vorfahren begangen wurden, jedoch bis heute ...

Der bekannte Autor Arne Jensen hat mit “Eine vergessene Schuld” einen bewegenden Roman vorgelegt, der sich mit der Auswirkung von Verbrechen beschäftigt, die von Vorfahren begangen wurden, jedoch bis heute nachwirken. Schon das stimmungsvolle Cover weist auf einen der Handlungsstränge hin, der in der Kriegszeit und unmittelbaren Nachkriegszeit spielt.

Zwei große Themen beherrschen den Roman. Im Jahr 2023 veröffentlicht der pensionierte Verfassungsrichter Dr. Rudolf Heppner über die sozialen Medien polarisierende Thesen, die sich mit Bürgerpflichten und juristischen Grenzfragen beschäftigen. Eine dieser Fragen ist, ob man den Wehrdienst verweigern dürfe und ob im Kriegsfall Militärgerichte eingeführt werden sollten. Da Heppner selbst nicht präzise Stellung bezieht, reagieren sowohl rechte wie linke Randgruppen mit Kommentaren. Dann wird auf Heppner ein Farbbeutel-Attentat verübt.

Nunmehr schalten sich LKA, BKA und Staatsschutz ein, ein politischer Hintergrund wäre möglich. Daher soll eine junge Psychologin, Jasina Behrens, ein Persönlichkeitsprofil des Richters erstellen. Bei den Gesprächen, die zunehmend privat werden, stößt Jasina auf Ereignisse, die in der Familiengeschichte und Jugend von Heppner liegen und bis heute sein Handeln zu bestimmen scheinen. Doch auch Jasina quält sich mit Schuldgefühlen.

Der zweite Handlungsstrang umfasst die Zeit ab 1942 bis kurz nach Kriegsende 1945. Er ist historisch belegt und wurde vom Autor akribisch recherchiert, nur die Namen wurden im Roman geändert, sind aber im Nachwort nachzulesen.
Raimund Bach ist Marinemaat, halbjüdisch, in Holland stationiert. Als Angehöriger der Marine sind er und seine Familie bisher von den Repressalien der Nationalsozialisten verschont geblieben. Als seine Mutter deportiert wird und er den Marschbefehl an die Front erhält, desertiert Bach. Doch bei Kriegsende hält hin nichts mehr in seinem Versteck. Mit einem weiteren Deserteur, Bernhard Döpper, stellt er sich den kanadischen Besatzern. Jedoch gilt in Holland für deutsche Truppen noch immer das Recht der NS- Zeit. Bach und Döpper werden einige Tage nach Kriegsende vor ein Militärgericht gestellt, der Marinerichter, der die Anklage vertritt, heißt Hans- Friedrich Heppner…….

“Eine vergessene Schuld” behandelt tiefgreifende gesellschaftspolitische und zutiefst menschliche Themen. Welche Rolle darf der Staat spielen, wieweit darf er die Rechte des Einzelnen einschränken? Wäre es in einer Diktatur legitim, den Wehrdienst zu verweigern? Wie weit schuldet man einem Unrechtsstaat Gehorsam? Trifft die Nachkommen derjenigen, die in der Nazi-Zeit Verbrechen begangen haben, noch persönliche Schuld? Tragen sie Verantwortung für das Tun ihrer Vorfahren?

Der Roman berührt die Lesenden durch die Schilderung von ausweglosen, bitteren Schicksalen, man fühlt die Angst und Bedrängnis der Protagonisten, Mitleid und Abscheu wechseln einander ab. Der vom Autor gesetzte Rahmen spiegelt sowohl die gesellschaftlichen Vorgänge wie die Wertesysteme der Vergangenheit und Gegenwart.

Arne Jensen zeichnet hervorragend die Charaktere seiner Figuren. Bach, verängstigt und in seinem Versteck seiner Freiheit und Menschenwürde beraubt, vertraut darauf, dass er durch das Kriegsende den Nazi- Häschern entgangen ist. Ebenso ungläubig wie sein Freund Döpper muss er erfahren, dass Deutsche auch nach der Kapitulation in den holländischen Lagern noch Kriegsrecht anwenden können. Dr. Rudolf Heppner, der in seiner Laufbahn klare Entscheidungen basierend auf bestehenden Rechtsgrundlagen fällen konnte, kann mit der Vergangenheit nicht abschließen. Sein Gefühl ist es, Verantwortung dafür zu tragen, dass die Geschehnisse der Kriegszeit nicht vergessen werden, denn über sie zu schweigen wäre unerträglich. Die Psychologin Jasina Behrens ist aufgrund ihrer Flucht aus Syrien traumatisiert, ihre professionelle Distanz zu Richter Heppner wird im Verlauf der Gespräche immer schwieriger. Auch die Darstellung der involvierten Behörden einschließlich ihrer Zuständigkeitsstreitigkeiten ist lebendig und realitätsnah. Leider wird nur sehr kurz über den Täter berichtet, da hätte ich mir gewünscht, mehr über seine Person und seine Motive zu erfahren. Somit liegt der Schwerpunkt der Gegenwartserzählung auf Heppner.

Arne Jensen hat mit “ Eine vergessene Schuld” einen eindrücklichen und wirkmächtigen Roman geschrieben. Er widmet ihn den Opfern von Gewalt, Verfolgung und Entrechtung. Gleichgültigkeit und Schweigen lässt die Erinnerung an die Opfer immer mehr verblassen. Dieser Roman mahnt uns, nicht zu vergessen.

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Veröffentlicht am 28.01.2026

Bitteres Erbe

Eine vergessene Schuld
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Der bekannte Autor Arne Jensen hat mit “Eine vergessene Schuld” einen bewegenden Roman vorgelegt, der sich mit der Auswirkung von Verbrechen beschäftigt, die von Vorfahren begangen wurden, jedoch bis heute ...

Der bekannte Autor Arne Jensen hat mit “Eine vergessene Schuld” einen bewegenden Roman vorgelegt, der sich mit der Auswirkung von Verbrechen beschäftigt, die von Vorfahren begangen wurden, jedoch bis heute nachwirken. Schon das stimmungsvolle Cover weist auf einen der Handlungsstränge hin, der in der Kriegszeit und unmittelbaren Nachkriegszeit spielt.

Zwei große Themen beherrschen den Roman. Im Jahr 2023 veröffentlicht der pensionierte Verfassungsrichter Dr. Rudolf Heppner über die sozialen Medien polarisierende Thesen, die sich mit Bürgerpflichten und juristischen Grenzfragen beschäftigen. Eine dieser Fragen ist, ob man den Wehrdienst verweigern dürfe und ob im Kriegsfall Militärgerichte eingeführt werden sollten. Da Heppner selbst nicht präzise Stellung bezieht, reagieren sowohl rechte wie linke Randgruppen mit Kommentaren. Dann wird auf Heppner ein Farbbeutel-Attentat verübt.

Nunmehr schalten sich LKA, BKA und Staatsschutz ein, ein politischer Hintergrund wäre möglich. Daher soll eine junge Psychologin, Jasina Behrens, ein Persönlichkeitsprofil des Richters erstellen. Bei den Gesprächen, die zunehmend privat werden, stößt Jasina auf Ereignisse, die in der Familiengeschichte und Jugend von Heppner liegen und bis heute sein Handeln zu bestimmen scheinen. Doch auch Jasina quält sich mit Schuldgefühlen.

Der zweite Handlungsstrang umfasst die Zeit ab 1942 bis kurz nach Kriegsende 1945. Er ist historisch belegt und wurde vom Autor akribisch recherchiert, nur die Namen wurden im Roman geändert, sind aber im Nachwort nachzulesen.
Raimund Bach ist Marinemaat, halbjüdisch, in Holland stationiert. Als Angehöriger der Marine sind er und seine Familie bisher von den Repressalien der Nationalsozialisten verschont geblieben. Als seine Mutter deportiert wird und er den Marschbefehl an die Front erhält, desertiert Bach. Doch bei Kriegsende hält hin nichts mehr in seinem Versteck. Mit einem weiteren Deserteur, Bernhard Döpper, stellt er sich den kanadischen Besatzern. Jedoch gilt in Holland für deutsche Truppen noch immer das Recht der NS- Zeit. Bach und Döpper werden einige Tage nach Kriegsende vor ein Militärgericht gestellt, der Marinerichter, der die Anklage vertritt, heißt Hans- Friedrich Heppner…….

“Eine vergessene Schuld” behandelt tiefgreifende gesellschaftspolitische und zutiefst menschliche Themen. Welche Rolle darf der Staat spielen, wieweit darf er die Rechte des Einzelnen einschränken? Wäre es in einer Diktatur legitim, den Wehrdienst zu verweigern? Wie weit schuldet man einem Unrechtsstaat Gehorsam? Trifft die Nachkommen derjenigen, die in der Nazi-Zeit Verbrechen begangen haben, noch persönliche Schuld? Tragen sie Verantwortung für das Tun ihrer Vorfahren?

Der Roman berührt die Lesenden durch die Schilderung von ausweglosen, bitteren Schicksalen, man fühlt die Angst und Bedrängnis der Protagonisten, Mitleid und Abscheu wechseln einander ab. Der vom Autor gesetzte Rahmen spiegelt sowohl die gesellschaftlichen Vorgänge wie die Wertesysteme der Vergangenheit und Gegenwart.

Arne Jensen zeichnet hervorragend die Charaktere seiner Figuren. Bach, verängstigt und in seinem Versteck seiner Freiheit und Menschenwürde beraubt, vertraut darauf, dass er durch das Kriegsende den Nazi- Häschern entgangen ist. Ebenso ungläubig wie sein Freund Döpper muss er erfahren, dass Deutsche auch nach der Kapitulation in den holländischen Lagern noch Kriegsrecht anwenden können. Dr. Rudolf Heppner, der in seiner Laufbahn klare Entscheidungen basierend auf bestehenden Rechtsgrundlagen fällen konnte, kann mit der Vergangenheit nicht abschließen. Sein Gefühl ist es, Verantwortung dafür zu tragen, dass die Geschehnisse der Kriegszeit nicht vergessen werden, denn über sie zu schweigen wäre unerträglich. Die Psychologin Jasina Behrens ist aufgrund ihrer Flucht aus Syrien traumatisiert, ihre professionelle Distanz zu Richter Heppner wird im Verlauf der Gespräche immer schwieriger. Auch die Darstellung der involvierten Behörden einschließlich ihrer Zuständigkeitsstreitigkeiten ist lebendig und realitätsnah. Leider wird nur sehr kurz über den Täter berichtet, da hätte ich mir gewünscht, mehr über seine Person und seine Motive zu erfahren. Somit liegt der Schwerpunkt der Gegenwartserzählung auf Höppner.

Arne Jensen hat mit “ Eine vergessene Schuld” einen eindrücklichen und wirkmächtigen Roman geschrieben. Er widmet ihn den Opfern von Gewalt, Verfolgung und Entrechtung. Gleichgültigkeit und Schweigen lässt die Erinnerung an die Opfer immer mehr verblassen. Dieser Roman mahnt uns, nicht zu vergessen.

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Veröffentlicht am 05.01.2026

Jennerwein und die Literatur

Kommissar Jennerwein und der tintendunkle Verdacht
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Weimar im Jahr 1806. Bekannte Autoren aller Epochen flanieren durch die Straßen, alles ist lebensecht. Goethe und Kafka, Schiller und Bert Brecht unterhalten sich über Literatur. Virtual Reality macht ...

Weimar im Jahr 1806. Bekannte Autoren aller Epochen flanieren durch die Straßen, alles ist lebensecht. Goethe und Kafka, Schiller und Bert Brecht unterhalten sich über Literatur. Virtual Reality macht es möglich.
Alle Beteiligten wollen etwas gegen den Niedergang der Lesekultur tun, daher sind sie Mitglieder von Salomes Lesekränzchen. Doch wie Aufmerksamkeit generieren? Unter dem Motto “LESEN HILFT” stellen sie in der Literatur beschriebene Verbrechen nach. Besonders spektakulär agieren dabei drei Influencerinnen, Ene, Mene und Muh. Dass Autor Jörg Maurer den Dreien die Figur des Konfuzius zugeschrieben hat, zeugt von leiser Ironie. Aber auch von Verachtung, denn als die alltäglichen Klarnamen der Foristen, die über die ganze Welt verstreut leben, publik werden, bleiben die drei Frauen weiterhin Ene, Mene und Muh.

Jennerwein spielt in diesem sechzehnten Fall “Kommissar Jennerwein und der tintendunkle Verdacht” eine völlig andere Rolle als in den bisherigen Bänden von Jörg Maurer. Diesmal reist er durch die Welt und hält Vorträge über den “besonderen Blick”, das sofortige Erkennen, was an einem Tatort ungewöhnlich ist. Doch Jennerwein greift ein, als ein Politiker ermordet wird, der die Sprache vereinfachen wollte. Können seine radikalen Ideen das Motiv für den Mord gewesen sein? Keine Groß- und Kleinschreibung mehr? Das geht gar nicht, findet der Autor und ich pflichte ihm bei, denn das kann den Sinn eines Satzes verändern. Zwischen “ich habe liebe Genossen” und “ich habe Liebe genossen” ist ein himmelweiter Unterschied! Und für einen zum Tode verurteilten Delinquenten kann ein Komma lebensrettend sein: "Wartet, nicht hängen!” ist etwas Anderes als “wartet nicht, hängen!”

Jörg Maurer betont in diesem Buch unter den Schlagwort “LESEN HILFT” die Wichtigkeit von Leseförderung und humanistischer Bildung. Der Erhalt der Schönheit der Sprache- wir sind ja das Land der Dichter- sowie ihrer Klarheit und Präzision- wir sind auch das Land der Denker- wird in zahlreichen Appellen betont. Allerdings meine ich, dass die Zielgruppe hier nicht erreicht wird, denn die in virtuellen Lesezirkeln Engagierten lesen sowieso mit Leidenschaft, Literaturverweigerer werden durch die Aufzählung vieler großer Namen, die den Betroffenen wenig sagen, eher abgeschreckt.

Und Jennerwein? Er hat seinen Auftritt vor allem im zweiten Teil des Buches, wo er Indizien sammelt, um den Politikermord aufzuklären. Leider wird sein Team nur in einer kurzen Sequenz erwähnt, die oft humorvollen gruppendynamischen Prozesse bleiben dabei auf der Strecke. Doch es gibt in der virtuellen Welt von Salomes Lesekränzchen humorvolle Szenen. So leidet die Figur des Shakespeare am Tourette-Syndrom und sondert ausschließlich Schimpfwörter ab. Eine künstliche Intelligenz wird ausgeknockt, indem man ihr Entscheidungsfragen stellt. Hinter phantasievollen Schilderungen verbergen sich jedoch ernste Überlegungen zum Zustand des Bildungssystems und zum Einfluss der Technik auf Sprache und Büchermarkt. Dennoch hätte ich mir von diesem Roman gewünscht, dass, wenn Jennerwein draufsteht, auch mehr Jennerwein drin ist.

Witzig ausgesucht sind die Schlussworte des Buches (da kommt sogar Uschi Obermaier zu Wort, die allerdings nur älteren Lesenden bekannt sein dürfte). Jörg Maurer zitiert Georg Christoph Lichtenberg, der Rezensionen als eine Art Kinderkrankheit bezeichnet, die neugeborene Bücher befällt. Der Büchergeburtstag dieses Romanes ist jetzt schon ein bisschen her, daher hoffe ich, dass diese Rezension nicht als Krankheitssymptom, sondern als Placebo verstanden wird, verabreicht von einem wohlwollenden Jennerwein- Fan. Wer Krimis, Literatur und virtuelle Welten mag, hat hier sicher zum richtigen Buch gegriffen.

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