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Veröffentlicht am 25.02.2026

„Die stillen Tage sind in der Überzahl“

Das gute Leben
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Einen unbekannten Autor zu entdecken ist wie in ein fremdes Land reisen. Man hofft, dass die Erzählungen anderer stimmen, dass es dort schön, aufregend und interessant ist. Erst wenn man wieder zu Hause ...

Einen unbekannten Autor zu entdecken ist wie in ein fremdes Land reisen. Man hofft, dass die Erzählungen anderer stimmen, dass es dort schön, aufregend und interessant ist. Erst wenn man wieder zu Hause ist, wird man selbst urteilen. Über Nadine Schneider wusste ich vor der Lektüre von „Ein gutes Leben“ nur das, was ich als Werbetext und kurze Biografie gelesen hatte. Wochenlang lag das Buch in meinem Reader, zweimal begonnen, und war ich nicht über die ersten 20 Seiten hinausgekommen. Als wäre ich in einem fremden Land, aber kurz hinter der Grenze gestrandet. Der dritte Anlauf ist mir dann gelungen und plötzlich war ich mittendrin, konnte nicht mehr zurück und nicht mehr aufhören zu lesen.
Es gibt bereits zwei Romane von Nadine Schneider, 2021 erschien „Wohin ich immer gehe“ und erst 2025 „Drei Kilometer“. Beide habe ich noch nicht gelesen, aus den Klappentexten weiß ich aber, auch diese spielen wie der neueste Roman in Rumänien, handeln von Rumäniendeutschen, von Flucht, Auswanderung nach Deutschland, Überlebenskämpfen. Ich erinnerte mich z. B. an die Romane „ë“ von Jehona Kicaj oder an „Onigiri“ von Yuko Kuhn, oft geht es in heutigen Romanen um die Probleme von nach Deutschland eingewanderter Frauen, die mit unterschiedlichsten Schwierigkeiten konfrontiert und auch in unterschiedlichsten Milieus zu Hause sind. Das lässt mich auch zurückdenken an meine Mutter und Großmutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland einen Neuanfang nach der Flucht wagen mussten.
Dieser Roman bildet ein ganzes Familienleben ab, beginnend mit Christinas Urgroßmutter, dann mit Anni, die Großmutter, die beinahe eine Mutter für Christina war, und mit Helene, Christinas Mutter, die nach Florida auswanderte, ja, eher flüchtete vor der Enge eines geregelten Mutter-Kind-Daseins. Obwohl es Christina ist, die diese Familiengeschichte erzählt, sie zusammensetzt aus Rückblicken, aus selbst Erlebtem, aus Erdachtem und Erträumten, ist Anni der Mittelpunkt dieses Romans.
Anni stirbt nach einer Herz-OP viel zu früh, jedenfalls für Christina ist es zu früh, denn sie erbt das Häuschen von Anni, in dem sie aufgewachsen ist. Das folgende Zitat steht für mich für den ganzen Roman, es zeugt von Liebe und Herzensbildung: „Wir hatten noch Zeit, da war ich mir sicher, wir hatten Zeit, und ich würde sie fragen können, ich würde einmal an irgendeinem guten Tag meinen Mut zusammennehmen und sie alles fragen, und ich würde mich diesmal nicht abwimmeln, mich nicht mit Floskeln abspeisen lassen und mit der wegwerfenden Handbewegung, dem Ausstoßen der Luft, ich würde diesmal nicht zulassen, dass Anni ihre Vergangenheit mit nur einer Geste aus unserem Sprechen verbannte, dass sie mich mit nur einer Geste um etwas betrog, um das Wissen, wer sie war und wer sie ist.“ Christina setzt ihr mit dem im Roman Erzählten einen Gedenkstein, der nicht schöner und größer sein könnt.
Die Kontaktaufnahme zu Helene, ihrer nicht nur räumlich sehr fernen Mutter, gestaltet sich schwierig. So geht man mit Christina zurück in der Zeit, zu ersten kindlichen Erinnerungen an die rumänische Urgroßmutter, das alte Haus, die sengend heißen Sommertage. Dann wieder erlebt man Anni, die Rumänien verlassen will für ein freies selbstbestimmtes Leben in Deutschland, die ihre Heimat noch heimlich verlassen muss und schwanger ist, die bei ihrem Bruder Unterschlupf und später bei „der Quelle“ eine Arbeit findet. „Die Quelle“ und Frau Schickedanz, das sind Annis lebhafteste Erinnerungen, die sie der Enkelin und wie auch der Tochter immer wieder ins Gedächtnis bringt. Man könnte darüber lachen, aber Anni war das sehr ernst, eigentlich zu Hause fühlte sie sich bei der Arbeit, erst in ihrem eigenen Häuschen, das sie erbte, wird sie doch etwas heimisch.
Das gute Leben, danach hat sich Anni immer gesehnt, nach ihrem Tod bleibt bei Christina und Helene die Erkenntnis „Sie war mit dem Erreichen so beschäftigt, dass sie von dem, was sie erreicht hat, schon gar nichts mehr mitgekriegt hat.“
Jede Generation in diesem Roman hat eigene Erfahrungen, zieht eigene Schlussfolgerungen, so wie das im Leben normal ist. Nachträglich ändert man ein Leben nicht mehr. Aber man kann, wie Christina, an jedem beliebigen Ort der Erde Neues beginnen, das Alte muss man deshalb nicht vergessen.
Fazit: Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, geschrieben mit leichter Feder, die so viel Schweres bewältigen kann. Das Zitat „Die stillen Tage sind in der Überzahl.“ drückt für mich Annis Lebensgeschichte und Christinas Nacherleben aus. Das wunderschöne Cover wird dieses Buch zusätzlich auf dem Ladentisch glänzen lassen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Das Dunkle in der Welt zeigt sich früh genug

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Es ist genau ein Jahr her, dass ich Judith Hermanns Buch „Wir hätten uns alles gesagt“ (das schon 2023 erschienen war) gelesen und rezensiert habe. Ich war sehr beeindruckt und habe lange an dieses kleine ...

Es ist genau ein Jahr her, dass ich Judith Hermanns Buch „Wir hätten uns alles gesagt“ (das schon 2023 erschienen war) gelesen und rezensiert habe. Ich war sehr beeindruckt und habe lange an dieses kleine Buch denken müssen, es hatte mich im tiefsten Inneren erwischt. Nun erscheint ein neuer schmaler Band mit dem großen Titel „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, vielleicht hat die Autorin daran gerade gearbeitet, als ich über sie und mich, unsere Ähnlichkeiten (Vorname, Geburtsstadt, Pellkartofffeln und Quark, das Kind) nachdachte. In diesem Buch sprach sie nie von ihrem Großvater mütterlicherseits, nur der schreckliche Großvater väterlicherseits war thematisiert worden.
Völlig unerwartet habe ich festgestellt, dass eine weitere, prägende Ähnlichkeit vorhanden ist: wir haben beide einen Großvater, der bereits bei unserer Geburt tot war und über den in der Familie eher wenig gesprochen wurde. Womit die Ähnlichkeit abrupt endet. Ihr Großvater war ein SS-Angehöriger, der den Krieg bis auf eine Tätowierung unterm Arm körperlich unversehrt überstand, mein Großvater war Jude und wurde in Auschwitz ermordet, die Mörder nahmen sich nicht die Zeit, ihm eine Nummer zu tätowieren. Einen größeren Unterschied zwischen unseren Großvätern gibt es wohl kaum. Und doch bin ich fasziniert und bewegt von Judith Hermanns Versuch, in der Zeit zurückzugehen.
Wir haben in der Nachkriegsgeneration Traumata, die wir versuchen zu überwinden, zu verstehen, zu „literarisieren“ oder einfach Orte zu sehen, an denen etwas Geschichtliches und Familiäres stattgefunden hat. Wir irren uns in der Hausnummer, wir suchen am falschen Ort, wir sehen einfach nichts und doch sehen wir alles. Judith Hermann ist nach Radom gefahren, der polnische Ort, in dem ihr Großvater im Einsatz war, auch bei der Auflösung des jüdischen Ghettos, bei vielleicht bis heute unaussprechlichen Taten, die er begangen hat, oder auch nicht. Radom zeigt ihr nichts, gibt freiwillig nichts preis, Unverständnis und Ignoranz sind keine ungewöhnlichen Reaktionen. Trotzdem spinnt sie sich ein in einen Kokon, in dieser auf Zeit gemieteten Wohnung und versucht dem Phänomen „Großvater-Täter“ auf den Grund zu gehen. Im Gegensatz zu mir hat sie zumindest Fotos, weiß wie er aussah, wie er posierte. Von meinem Großvater ist nichts als eine Rauchwolke geblieben, und ein paar Urkunden in Archiven sind erhalten, kein Foto, kein Knopf, gar nichts. So denke ich, sie kann froh sein, dass sie nicht nur einem Phantom nachjagt, sondern ein wenig mehr herausfinden will über den Vater ihrer Mutter, die mit ihm bis zum vierzehnten Lebensjahr, bis zu seinem Tod zusammenlebte. Meine Mutter konnte sich nicht einmal an ihren Vater erinnern. Aber ihre Mutter möchte nicht viel erzählen, kann es vielleicht auch nicht. So bleiben beide immer wieder stecken in den unvollständigen Erinnerungen. Die Zeit in Radom geht zu Ende, Judith Hermann will in den Süden, nach Italien, zu ihrer Schwester und deren Familie, aber bevor sie fährt, ereignet sich ein kleines Wunder. „… ganz am Ende habe ich Sabbat gefeiert, zum ersten Mal in meinem Leben.“ Und da habe ich mich für sie gefreut, denn ich habe tatsächlich noch nie Sabbat gefeiert.
Auf dem Weg nach Italien wird Judith Hermann in Wien Station machen, da bin ich wieder ganz bei ihr, erkunde das Jüdische Museum mit ihr und spüre in meinem Herzen, wie sie „die Nerven verliert“. Sehe mich selbst völlig aufgelöst im Museum in Auschwitz. Wir sind uns sehr ähnlich, über achtzig Jahre nach Kriegsende sind wir die Enkelgeneration, Opferenkel, Täterenkel, wo ist der Unterschied, wir leben heute, müssen heute klarkommen mit unseren Gedanken und Gefühlen.
Der Besuch bei der Schwester ist keinesfalls problemfrei, aber die südliche Sonne, das südliche Wesen entspannen auch ihr Inneres. Die Erlebnisse sind das Gegenteil des kalten Radoms, die Lichtblicke, das Fröhliche der Kinder, die unwirklich wirkliche Wohnung der toten Agata Alba in Neapel, die aufblitzende Vertrautheit der Schwestern, Pompeji, die Hermeneutikproblematik des Schwagers, all das lässt den Leser wie die Autorin Judith Hermann am Ende hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Der Berg wird nicht abstürzen ins Tal, zumindest nicht so bald. „Ich saß im Zeittäschchen in der Sonne auf einem Stein vor einem Haus, …“ Dieses Zeittäschchen werde ich mitnehmen aus dem Buch, mich hineinsetzen zu Lesen und zum Denken.
Das waren meine Eindrücke zu den Teilen I und II des Buches, Radom und Napoli, Teil III heißt Tidslomme, der mit der existentiellen Frage der Unsterblichkeit (oder Sterblichkeit?) im Vagen bleibt. Dieser dritte Teil passt nicht so ganz zu den ersten beiden, der Zeitsprung kommt zu unvermittelt, die Geschehnisse sind abstrakt, wie durch ein Fernglas betrachtet werden sie erzählt. Fremd und doch sehr persönlich.
Ein Zitat aus dem Buch habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben, es könnte auch mein Gedanke sein. „Was, frage ich meine Mutter, mache ich, wenn du nicht mehr da bist. Oh, sagt sie leichthin. Dann wirst du dich an mich erinnern.“ Der schönste Satz im ganzen Buch. Mein schönster Satz.
Fazit: Der Großvater von Judith Hermann ist in jeder Hinsicht ein Cold Case. Keine Reise und kein Archivbesuch werden der Autorin jemals hundertprozentige Klarheit bringen. Ich denke, am besten ist es, mit einem solchen Zustand seinen Frieden zu machen. Ich bin 16 Jahre älter als die Autorin und habe dementsprechend 16 Jahre mehr mit Archivrecherchen und Ortsbesichtigungen verbracht, irgendwann kommt man zu einem Ende, auch wenn es unbefriedigend ist. Aber dann ist es auch gut. Und: Von Familienmitgliedern darf man niemals das gleiche Interesse erwarten, das einen selbst antreibt. Judith Hermanns Schwester jedenfalls „gräbt“, aber 2000 Jahre früher. Judith Hermann schreibt, übrigens mit vielen Fragen, aber ohne Fragezeichen, das sollte unbedingt so bleiben, beides.
Unbedingte Leseempfehlung und aufgerundete 4,5 Sterne.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Die Liebe zu den Büchern ist wie die Liebe zu den Menschen – unverzichtbar

Die Buchhandlung der Exilanten
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Mit der Thematik Exilschriftsteller habe ich mich 2025 bereits intensiv beschäftigt, dieses neue Buch bringt mich zu einem guten Abschluss. Bereits bei Uwe Wittstocks „Marseille 1940“ und dem 11. Band ...

Mit der Thematik Exilschriftsteller habe ich mich 2025 bereits intensiv beschäftigt, dieses neue Buch bringt mich zu einem guten Abschluss. Bereits bei Uwe Wittstocks „Marseille 1940“ und dem 11. Band der Geschichte der deutschen Literatur „Schreiben in finsteren Zeiten“ von Gerhard Kiesel habe ich über Schriftsteller, die in Frankreich Exil suchten und gleichzeitig ihre Arbeit weiterführen wollten, einiges gelesen. Uwe Neumahr wendet sich dem Thema über die Unterstützer der Exilschriftsteller zu. In diesem Fall zuerst den beiden Buchhändlerinnen Adrienne Monnier und Sylvia Beach, die in Paris in der Rue de l’Odéon ihre Buchhandlungen führen. Adrienne Monnier, eine zupackende und empathische Frau, Pariserin durch und durch, nennt ihren Literaturtempel „Das Haus der Bücherfreunde“, die US-Amerikanerin Sylvia Beach findet den Namen „Shakespeare und Company“ passend. Schon kurz nach dem ersten Weltkrieg befreunden sich die beiden Frauen und es kommt zu einem regen Austausch der Gedanken; Neumahr verfolgt ihre Entwicklung über viele Jahre mit einzelnen Kapiteln, bis sich um 1943 die Geschichten vermischen. Es sind aufregende und anregende Jahre für die Buchliebhaberinnen und für die Literaten, in der Nachkriegszeit entstehen Freundschaften (aber auch Feindschaften), die sich bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und danach erstrecken. Der komplizierte Umgang mit einigen Künstlern bleibt den beiden Frauen nicht erspart, besonders deutlich wird das in Bezug auf James Joyce, dessen „Ulysses“ zuerst von Sylvia Beach verlegt wird, die aber viel zu gutmütig ist und von Joyce nicht den Dank erhält, der ihr zustünde. Aber ihr ist es wohl zu verdanken, dass die Welt den 16. Juni (1904) noch immer als Blooms-Day feiert.
Als mit Beginn der Hitlerdiktatur Emigranten aus Deutschland in großer Zahl nach Frankreich, besonders nach Paris kommen, sind unter ihnen nicht wenige Schriftsteller und Künstler. Die Buchhandlungen von Adrienne Monnier und Sylvia Beach werden Anlaufpunkt für viele, deren Namen bereits bekannt sind. Neumahr widmet sich diesen Exilanten mit viel Spürsinn, seine Recherchen sind atemberaubend. Monnier und Beach, die nicht nur Kolleginnen im besten Sinne sind, sondern auch Liebhaberinnen sind, müssen ihre Liebe so gut es geht vor der Öffentlichkeit verbergen, auch in Paris ist freie Liebe nicht gleich freie Liebe. Dass sie dann jedoch, zumindest was das gemeinsame Leben in der Wohnung der Monnier angeht, getrenntere Wege gehen, liegt an einer der Exilanten, Gisele Freund. Adrienne Monnier wird diese junge deutsche Jüdin nicht nur beruflich unter ihre Fittiche nehmen und ihr alle möglichen Wege zum Erfolg insbesondere ihrer Fotografien ebnen, sie wird auch ihre (mütterliche) Liebhaberin. Doch die Freundschaft zu Sylvia Beach kann das nicht zerstören.
Teil 2 und 3 beschäftigen sich mit der Zeit des Kriegsbeginns, als plötzlich vor allem deutsche Exilanten unter Generalverdacht gestellt und interniert wurden, und später im Buch mit der der Okkupation Frankreichs, mit den Repressalien nicht nur gegen Juden, auch gegen die allgemeine Bevölkerung. Als zum Beispiel Sylvia trotz aller Hilfsversuche interniert wird, zeigt sich Adriennes wahre Liebe und Freundschaft, sie unterstützt die Freundin ohne zu zögern mit allem, was sie ermöglichen kann. Aber auch andere erhalten ihre Hilfe in größter Not, Walter Benjamin, Arthur Koestler oder Siegfried Kracauer sind nur drei Namen, die ich nennen will. Dass damit nicht jedem das Leben gerettet werden konnte, dafür ist Walter Benjamin ein trauriges Beispiel, er nahm sich in Spanien das Leben, weil er keinen Ausweg mehr sah.
Die beiden Buchhändlerinnen waren aber nicht nur praktisch veranlagt, besonders Adrienne Monnier schrieb auch selbst, verlegte Bücher und Zeitschriften, machte sich für viele literarische Ereignisse stark. Sylvia Beach übersetzte und zeigte eine große Liebe zu englischsprachigen Autoren, die bei ihr Hilfe fanden. Einer ist hervorzuheben: Ernest Hemmingway.
Es ist nicht nur die Breite der Informationen über diese beiden Buchhändlerinnen und ihren Lebensweg, die mich beeindruckt hat, es ist auch die Tiefe, mit der Neumahr seine durch umfangreichste Recherchen ermittelten Details darbietet. Zeitweise läuft er aber Gefahr, dass die Informationen zu ausufernd wirken und ich beim Lesen hoffte, er würde bald wieder zu den Wurzeln, zu den beiden Frauen, zurückkehren. Nun bin ich aber kein Literaturwissenschaftler oder Historiker, ich bin nur ein interessiert lesender Rezipient seiner Arbeit. Und die ist famos!
Der umfangreiche Anhang sollte nicht übersehen werden, die Anmerkungen bergen einige zusätzliche Details, unabhängig von den vielen Quellen. Die Literaturverzeichnisse sind ebenso reichhaltig wie das Personenverzeichnis.
Fazit: ein Buch, das schon zu Jahresbeginn bei mir auf das oberste Treppchen der Sachbücher 2026 steigt. Selten habe ich eine solche Fülle an Informationen so gut lesbar aufbereitet erlebt. Ein Muss für Literatur- und Geschichtsliebhaber. 5 Sterne!

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Ad infinitum oder eine Liste von Verlusten

Im ersten Licht
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Ein Wahnsinnsbuch! Der Österreicher Norbert Gstrein hat mich so sehr gepackt, ich konnte das Buch kaum für die Nacht zur Seite legen. War es zu Beginn noch etwas gewöhnungsbedürftig für mein preußisches ...

Ein Wahnsinnsbuch! Der Österreicher Norbert Gstrein hat mich so sehr gepackt, ich konnte das Buch kaum für die Nacht zur Seite legen. War es zu Beginn noch etwas gewöhnungsbedürftig für mein preußisches Lesegehirn, zog mich das Buch mit jeder Seite mehr in seinen Bann. Und es war tatsächlich das erste, das ich von diesem Autor überhaupt las. Dabei wohnt er gar nicht weit entfernt von mir (es heißt, an der dänischen Grenze), das hätte ich doch merken müssen!
Zu Beginn ein kleines Zitat: „Adrian Reiter, Sohn eines Postbeamten und seines Zeichens Student mit den Fächern Englisch und Geschichte, und das war die große Wiener Gesellschaft, in der er endlich angekommen war, nur um ihr gleich wieder entfliehen zu wollen.“ Der Roman beginnt um 1914 in Österreich, Kriegsbeginn, später der Große Krieg genannt, noch später Erster Weltkrieg, die Perspektiven änderten sich mit den Jahren, die Größe des Landes auch, der Kaiser perdu, das Meer auch. Adrian, Hauptfigur par excellence in diesem Roman ist von seinem Vater, dem k.uk.-Postbeamten, kriegsunfähig geschlagen mit einer Axt und wird sein Leben lang hinken, und doch dem Vater dankbar sein, der ihm jegliche Teilnahme auch am nächsten Krieg damit unmöglich machte. Adrian, der nach Ende des Krieges in einem Hotel arbeitet, alles von der Rezeption bis zum Kellner zur Zufriedenheit ausführt, lernte die Familie Eller kennen, als er noch sehr jung war, jetzt, nach dem Krieg, in den die beiden Söhne notgedrungen mussten, fehlt der eine, Ernest, offiziell für tot erklärt, was der Familie ein Verhängnis wird. Für Adrian war Ernest sein Leben lang „der junge Herr“, und die Erinnerung an die Verluste der Familie begleitet ihn ein Leben lang. Die alte Frau Eller aber findet Gefallen an dem schweigsamen Adrian, beginnt ihn zu mögen und auch zu achten, gibt ihm die Chance seines Lebens. Er kann studieren, sie schiebt ihn in Richtung Englisch und Geschichte, sie ist eine Engländerin ohne ihr England, ohne ihre Downs, sie sieht in Adrian die Zukunft – als Lehrer, als Gast Englands, und ein wenig als Ersatz für den toten Sohn.
Der zweite Sohn der Ellers (der geborene Unsympath in diesem Buch) ist mit Ildiko verheiratet, die ursprünglich dem jungen Herrn Ernest versprochen war. Ihre Tochter Ernestine wird in Adrian die Onkel sehen, auch wenn sich ihre Wege erst sehr viel später noch einmal kreuzen. Adrian hat auch eine Freundin, aber es gelingt ihm nicht, sein Studium und seinen Charakter in Einklang mit ihrem Leben und ihrem Wesen zu bringen.
Im Ersten Teil des Romans, der „Ernest Eller“ heißt, wird die Familie Eller nach dem Krieg in einer Villa eine Art von Versehrtenheim betreiben, in dem vom Krieg verstümmelte und entstellte Männer eine Zuflucht finden. Die grausamen Verunstaltungen sind eine harte Probe für mich gewesen, die Vorstellung, wie der zartbesaitete Adrian mit diesen Männern die Zeit verbringt, ihre Sorgen, Nöte, Ängste miterlebt, sind so realistisch beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre dabei. Diese Nähe, die Gstrein vermittelt, zieht sich durch das ganze Buch, ist aber nie wieder so hart, so existentiell wie in der Villa.
Adrian Reiter wird später Lehrer in Salzburg, das Englisch, das er lehrt, stellt sich als etwas antiquiert heraus, aber das wissen die Schüler ja nicht, und er begreift es erst im Alter. Was aber in seinem Geschichtsunterricht passiert, das lässt Schlimmes ahnen. Er wird seinen Schülern den Großen Krieg, das k.u.k-Kriegsheldentum und jegliche Schlacht erklären, genauestens über alle kriegstechnischen Details belesen, macht er den Eindruck eines echten Kriegsteilnehmers, wenn nicht Kriegshelden. Die Zeit geht auf 1938 zu, wie Gstrein so wunderbar schreibt „1938 das Jahr, wie gesagt, er (Adrian) siebenunddreißig, drei Wochen nach dem Einmarsch, und zuerst tat niemand, als hätte sich viel geändert, …“
Aber da ist ein ganz besonderer Schüler, Martin Baumgartner, Zitat: „Ein selbstbewusster junger Mann, sehr aufgeschlossen, sehr wach, vielleicht nicht ganz in der Zeit lebend, …“ und für diesen gibt es ein eigenes Kapitel, das aber bei weitem mehr bietet als nur dieses Baumgartners Geschichte. Adrian wird heiraten, es wird einen neuen Krieg geben, man wird von „Leuten wie ihnen“ sprechen, wenn man Juden meint, später wird man von nichts gewusst haben.
Die Geschichte des Adrian Ritter ist aber noch lange nicht vorbei, ich habe sie sehr gern gelesen, ich konnte mich einfühlen in einen vollkommen fremden Menschen, seine Gedanken und Ängste, die ihn bis zum letzten Atemzug begleiten. Seine Erfahrungen, seine Verluste sind spürbar in jedem Satz, ich war mit ihm in den Downs und habe den kalten Nebel gespürt. Ich habe mit ihm auf das Bild vom Engel geschaut, der er vielleicht gern gewesen wäre, aber niemals zu spät.
Mehr kann man doch von einem Roman nicht verlangen, als dass er einen einspinnt in einen Kokon aus Fantasie, den man nie verlassen möchte.
Fazit: Lesen! Unbedingt, wer anfängt, kann nicht mehr aufhören und wird dieses Buch lieben und auf ein Treppchen ganz oben stellen.
Nachtrag: Ich lese fast ausschließlich E-Books, so auch dieses. Dementsprechend weiß ich leider nicht, wie das gedruckte Buch auf dem Ladentisch oder in meiner Hand wirken würde. Das Cover erinnerte mich sofort an Lázár von Nelio Biedermann, das ich auch zuerst ignorierte, weil Pferde, naja, nicht mein Metier sind. Erst eine Rezension brachte mich auf die Spur und ich hörte das Hörbuch. Beim Anblick vom Cover „Im ersten Licht“ sah ich auch zuerst das Pferd, aber ich war ja vorgewarnt, es könnte mehr dahinterstecken als ein Pferdebuch. Und der Titel las sich schon geheimnisvoll. Dass er eine Metapher ist für Dinge, die im ersten Licht geschehen, das findet man heraus beim Lesen. Die Annotation des Buches machte es für mich dann noch klarer, dass das etwas für mich sein würde. Meine Interessen beim Lesen liegen vorrangig im 20. Jahrhundert, besonders in der ersten Hälfte, Weimarer Republik, Nazideutschland, Holocaust, Zweiter Weltkrieg, Nachkrieg. Bei Gstrein beginnt alles im Ersten Weltkrieg, der ist bisher etwas kurz gekommen bei meiner Buchauswahl. Norbert Gstrein war mir zumindest vom Namen her bekannt, Österreich und k.uk.-Monarchie erinnern mich an Joseph Roth, Lemberg an Philip Sands, Wien an den jüdischen Hitler-Arzt Bloch oder Isidor von Sally Kupferberg. Auch darüber hinaus nicht sehr viel Österreichisches in meinem Bücherschrank. Zum Ersten Weltkrieg fallen mir jetzt Ernst Jünger und Erich Maria Remarque ein, beide Deutsche, nicht Österreicher. Mein Interesse war jedenfalls trotz des wenig aussagenden Covers geweckt und ich wurde nicht enttäuscht.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 03.02.2026

Blutsverwandtschaft ist auch nur ein Zufall der Natur

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Dieses wunderbare Hörbuch kann ich jedem empfehlen, der Familiengeschichten liebt! Alena Schröders Roman, den ich vor ein paar Wochen las, hat mir so gut gefallen, dass ich mit dem Hörbuch noch einmal ...

Dieses wunderbare Hörbuch kann ich jedem empfehlen, der Familiengeschichten liebt! Alena Schröders Roman, den ich vor ein paar Wochen las, hat mir so gut gefallen, dass ich mit dem Hörbuch noch einmal den Roman nacherlebte, zauberhaft und empathisch gelesen von Julia Nachtmann.
Meine Lieblingsprotagonistin in diesem Buch wie auch im Hörbuch ist Marlen, sie ist der Ausgangspunkt dieser Geschichte und ihre Lebenserzählung hält das Ganze zusammen. Marlen, die Kriegswaise, dem Selbstmordchaos in Demmin am Ende des Zweiten Weltkriegs entkommen, wird auf ihrer Flucht von Wilma, einer Malersgattin in Güstrow, vor den anrückenden und Frauen vergewaltigenden Rotarmisten gerettet. Ihr zufälliges Zusammentreffen wird zu einer bleibenden Symbiose, die erst nach Wilmas Tod und dem Mauerfall 1989 endet. Marlen wird erst die linke, dann die rechte Hand von Wilma, die selbst endlich Malerin sein kann, am Ende wird sie auch ihre Augen ersetzen. Dass Marlens Malkunst so auf der Strecke bleibt, ist traurig, aber die Wege des Schicksals sind eben manchmal auch traurig.
Der zweite Erzählstrang widmet sich Hannah und ihrer Familie und ihren Familienproblemen, mit jeder Menge Klischees ist sie konfrontiert, Alena Schröder baut diese augenzwinkernd und gekonnt in die Handlung ein.
Unter dem Titel "Dieser ganze Familienkram" habe ich das Buch rezensiert, hier will ich mich kürzer fassen.
Ich habe auch die zwei anderen Bücher, die zu dieser Trilogie gehören, gelesen und gehört. Alena Schröder schreibt einfach das Herz und die Seele an, "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" und "Bei euch ist es immer so unheimlich still" erzählen quasi die Vorgeschichte zu "Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel", aber man kann das dritte Buch auch ohne die anderen beiden hören. Ich jedenfalls werde wohl die ersten beiden nun auch noch einmal hören, einfach, weil es Freude macht. Und weil das Ende so rührend schön ist.
Fazit: 100-prozentige Hör- und Leseempfehlung, genau das richtige für Herz und Seele

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