Profilbild von Jumari

Jumari

Lesejury Star
offline

Jumari ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Jumari über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.03.2026

Martha ist bewundernswert oder jeder Mensch ist anders komisch

Stunden wie Tage
0

Seit ich vor zwei Jahren „Isidor“ von Shelly Kupferberg gelesen habe, ist mir die Geschichte ihres Urgroßonkels nie mehr aus dem Kopf gegangen. Ich freute mich sehr über die Ankündigung des neuen Romans ...

Seit ich vor zwei Jahren „Isidor“ von Shelly Kupferberg gelesen habe, ist mir die Geschichte ihres Urgroßonkels nie mehr aus dem Kopf gegangen. Ich freute mich sehr über die Ankündigung des neuen Romans und ich wurde nicht enttäuscht. Shelly Kupferberg schreibt so poetisch, lebendig und mit so viel Empathie für ihre Protagonisten, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Ich las die Lebensgeschichte der Frau Martha immer mit Tränen in den Augen, weil ich mit ihr fühlen konnte, als wäre sie meine Verwandte. Meine Oma war auch eine Schneidertochter, machte den Haushalt und kümmerte sich um die Buchführung. Martha erinnert mich ein wenig an sie, besonders mit ihrem stolzen Spruch, mit dem sie sich bei den Brüdern Berkowitz um eine Stelle als Hausbesorgerin bewirbt »Ich bin das einzige Kind sehr gewissenhafter, frommer Menschen. Bescheidenheit, Verantwortung und Sparsamkeit wurden mir in die Wiege gelegt. Ich habe schon früh gelernt zu haushalten.« Wie schwer es ihr mit den Jahren fallen wird, allen Anforderungen gerecht zu werden, das weiß sie da noch nicht. Auch die persönlichen Verflechtungen mit der Familie Berkowitz stehen noch in den Sternen. Denn zuerst lernt Martha – die tatsächlich die begehrte Stelle erhalten hat, inklusive einer Wohnung in dem Schöneberger Mietshaus – ihren Willy kennen. Der ist Briefträger und wird nach längerem Werben dann auch ihr Ehemann. So ganz einfach hat der Willy es auch nicht mit seiner Martha, denn die pflegt die oben beschriebenen Eigenschaften nicht nur für ihr Dienstverhältnis, sie ist auch im Privatleben sehr, sehr sparsam und gewissenhaft. Aber Willy nimmt das gelassen und so verläuft die Ehe wie viele, nur leider ohne Kinder, denn nach dem ersten, verlorenen darf Martha nie wieder schwanger werden.
Kinder sind es aber, die ihren Blick oft anziehen, als ihr Dienstherr Henry Berkowitz sein Töchterchen Liane bekommt, stellt sich ein ganz besonderes Verhältnis ein. Henrys Ehefrau, russische Emigrantin und Sängerin, ist nicht die ideale Mutter; Martha ersetzt Liane zwar die Mutter nicht, aber sicher eine liebevolle Tante. Diese innige Beziehung besteht von der Geburt der kleinen Liane bis an ihr bitteres Ende.
Shelly Kupferberg beschreibt also nicht nur den Lebensweg der Martha, sondern die tragische Lebens- und Familiengeschichten der Berkowitz‘, auch der mit Berkowitz befreundeten Familie Samulewitsch, aber auch der Mitbewohner, Nachbarn und Bekannten. Mich hat dieses Buch sehr berührt, die schwersten Prüfungen, die alle, auch Martha und Willy bestehen müssen, die überleben wollen und es doch nicht immer können, das las sich trotz des angenehmen, leichten Schreibstils der Autorin überhaupt nicht leicht. Es machte mir das Herz schwer, welchen Qualen die Menschen ausgesetzt waren im Nationalsozialismus. Es sind nicht nur die Folterqualen, es ist der psychische Druck, der die Menschen nachhaltig beschädigt hat. Nicht jeder war und ist in der Lage, diese Traumata zu überstehen.
Ein Schlüsselmoment im Roman war für mich die Beschreibung des Badevergnügens von Liane und Remus im Sommer 1940, er erinnerte mich schlagartig an den Film „Hilde“, der die Geschichte von Hilde Coppi und der „Roten Kapelle“ erzählt. Ich hatte nicht, was ich sonst leider viel zu oft tue, das Nachwort zuerst gelesen. Hier wird Shelly Kupferberg die gut recherchierten Details zu diesem Roman erklären. Für mich wurden die Zusammenhänge noch während des Lesens klar, ich verrate hier keine Geheimnisse, das Schicksal von Liane Berkowitz ist öffentlich nachzulesen u. a. bei Wikipedia. Ich erinnerte mich direkt an ihren Namen beim Lesen, sie ist eine der Frauen aus dem Biografienband „Frauen gegen Hitler - Weiblicher Widerstand im ‚Dritten Reich‘“ von Christiane Kruse, erschienen 2024 beim BeBra Verlag. Und sie war eine von 50 Porträtierten, die mir so stark im Gedächtnis geblieben sind.
Zufällig ist auch in meiner weitverzweigten jüdischen Familienhälfte ein Alex Zadik Berkowitz, er hat sich diesen Namen selbst erwählt, wie einen Künstlernamen, und er starb im KZ Buchenwald. Ich habe mich lange und intensiv mit Recherchen zu Holocaustopfern und überlebenden Familienangehörigen beschäftigt, es ist sehr mühsam und aufwendig, bis so ein Buch entstehen kann. Die Hilfe von dem im „Dank“ erwähnten Johannes Tuchel und seinen Mitarbeitern kam auch meiner Arbeit zugute. Mein Vater wurde im Alter von 24 Jahren 1935 wegen Hochverrats zu zwölf Jahren Zuchthaushaft verurteilt, die nach zehn Jahren endete, weil er von der Roten Armee befreit wurde. Wäre er den Nazihäschern Anfang der 1940er Jahre in die Hände gefallen, hätte auch er ein Todesurteil erhalten. Ich hatte das während des Lesens immer im Hinterkopf, wie unsagbar tapfer Liane Berkowitz und all die anderen Widerstandskämpfer waren. Sie wussten, dass ihnen der Tod drohte. Und haben trotzdem mit ihren Aktionen nicht aufgehört.
Fazit: Shelly Kupferberg gelingt es, Menschen, die schon lange tot sind, in das Gedächtnis zurückzuholen, ihnen ein literarisches Denkmal zu setzen, der einfachen Frau Martha ebenso, wie der Widerstandskämpferin Liane Berkowitz, wie den Bewohnern dieses Schöneberger Mietshauses oder den Samulewitschs. Und es spielt keine Rolle, ob die Romanfiguren fiktiv oder real sind, ich sehe sie alle symbolisch für die Opfer des Nationalsozialismus. Der wunderbare Schreibstil lässt einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen, es fesselt bis zum Schluss. Absolute Leseempfehlung!

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.03.2026

Der zerstörte Glaube an Gerechtigkeit

Entscheidung in Spanien
0

Warum habe ich gerade zu diesem Buch gegriffen? Der Name des Autors? Er ist mir bekannt, weil ich regelmäßig die Feuilletonseiten der FAZ lese. Aber das war nicht der Grund, auch der Titel „Entscheidung ...

Warum habe ich gerade zu diesem Buch gegriffen? Der Name des Autors? Er ist mir bekannt, weil ich regelmäßig die Feuilletonseiten der FAZ lese. Aber das war nicht der Grund, auch der Titel „Entscheidung in Spanien“ war es nicht, erst beim Untertitel bin ich stehengeblieben. Es kamen mir gleich mehrere Bücher, die ich vor Kurzem über Literatur vor und im Zweiten Weltkrieg gelesen habe, in den Sinn: Uwe Wittstock mit „Februar 33“ und „Marseille 1940“, Uwe Neumahrs „Die Buchhandlung der Exilanten“, das große Nachschlagewerk von Helmut Kiesel „Schreiben in finsteren Zeiten“ und auch Florian Illies‘ „Wenn die Sonne untergeht“. Immer sind es solche Sachbücher, die die Verknüpfung von Geschichte und Literatur/Literaten bezeugen, die mich besonders interessieren. Nun also der Spanische Bürgerkrieg. „Der große Kampf der Literatur 1936-1939“. Ich war gespannt.
Paul Ingendaay ist ein absoluter Kenner Spaniens, seiner Geschichte und seiner Literatur, das bezeugen auch unzählige Artikel zu Schriftstellern, Büchern oder Ereignissen, die er kommentiert hat. Ein Beitrag brachte mich zum Schmunzeln, er erwähnte im Zusammenhang mit Francos 50. Todestag auch einige wichtige Biografien, insbesondere die „monumentale“ von Paul Preston, der er bescheinigte, dass sie „wohl nur Spezialisten von vorn bis hinten durchlesen.“ (FAZ, 18.11.25) Nach der Lektüre von „Entscheidung in Spanien“ bin ich davon überzeugt, dass Ingendaay wohl einer dieser Spezialisten ist. Sein durch Quellen aus Dokumenten und Büchern belegtes Wissen, an dem er mich als Leser teilhaben ließ, hat mich geradezu überwältigt. Aber nicht erschlagen! Das möchte ich betonen, denn Ingendaay ist es gelungen, eine „Erzählung“ (siehe FAZ.net-Podcast „Jakobsweg und Bürgerkrieg“ vom Dez. 2025) zu gestalten, die trotz der vielen Details gut lesbar und verständlich bleibt. Dass er als berufstätiger Autor dieses Werkes auch wirkliches Durchhaltevermögen bewiesen hat, wird einem als Leser spätestens dann klar, wenn man Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Personenregister studiert hat. Aber wer den Jakobsweg schafft, schafft auch dies. Meine Hochachtung vor beidem!
Zum Inhalt: Der Spanische Bürgerkrieg wurde mir in der Schule als ein Kampf der Kommunisten für ein freies Spanien erklärt, wir lernten das Lied „Spaniens Himmel…“ und wir schauten den Film „Hans Beimler – Kamerad“, da war ich gerade 15 Jahre alt und sehr beeindruckt. Dass dieser Krieg ein guter Übungsschauplatz für Hitlers und Mussolinis Soldaten, besonders die Flieger, und für die Technik war, wird allgemein als Wissen vorausgesetzt. Jetzt, 2026, jährt sich der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum 90. Mal, ich empfinde es als guten Anlass, dieses Buch sehr gründlich zu lesen. Denn es enthält sehr viel mehr als mein damaliges Schulwissen und die bruchstückweise Beschäftigung mit dem Thema in den letzten Jahren (z. B. der Gerda-Taro-Roman „Der Blick einer Frau“, der Film „Liebe am Werk – Gerda Taro & Robert Capa“ oder die Arte-Doku „Der Spanische Bürgerkrieg - Ein langer Weg zur Versöhnung“). Dass es auf Seiten der Republikaner nicht nur Kommunisten waren, die für die Republik kämpften, das wird in diesem Buch überdeutlich, die Rolle der Anarchisten wird herausgehoben, aber auch der Einfluss Moskaus auf die Kriegführung, die die Strategie und Taktik dieses Krieges massiv beeinflusste. Dass es am Ende auch die Übermacht deutscher und italienischer Kampfverbände, insbesondere der deutschen Luftwaffe, war, die den Ausgang des Krieges herbeiführten, wird überdeutlich. Aber dass dieser Krieg dermaßen brutal und blutig auf beiden Seiten geführt wurde, ohne Pardon, das musste ich erst einmal verarbeiten.
Die in diesem Buch – nachdem die Ausgangslage kurz und anschaulich geschildert wurde – nach und nach auftauchenden Schriftsteller, die teilweise auch auf Seiten der Internationalen Brigaden kämpften, aber teilweise auch „nur schauen“ wollten, was in Spanien passiert, haben große Namen: Ernest Hemingway, Orson Wells, Erika und Klaus Mann, ich will sie hier nicht weiter aufzählen, hinzu kamen Fotografen und andere. Dass diese Intellektuellen schreiben, fotografieren und natürlich auch Geld verdienen wollten, liegt in der Natur der Sache. Interessant fand ich die eingestreuten Gedanken und Gefühle von Thomas Mann, der zwar aus der Ferne, aber mit sehr wachem Geist den Ereignissen, soweit er sie verfolgen konnte, seine Aufmerksamkeit widmete. Dass er nicht immer ein empathischer Zuhörer war, selbst wenn der Gast Artur Koestler hieß, verwundert nicht, wenn man seine „Marotten“ kennt. Koestler jedenfalls hat seine klinische Angstneurose das Leben gerettet. Man sollte also auch den Faktor Angst in einem Krieg nicht unterschätzen. An den „Mann“ konnte er diese Erkenntnis nicht so recht bringen.
Den Internationalen Brigaden widmet Ingendaay breiten Raum, aber er betrachtet sie auch mit kritischem Blick. Zitat: „Aber einen Vorteil hat die Republik von Anfang an: Die Kulturwelt – Literaten, Künstler, Musiker, Intellektuelle – ist mehrheitlich auf ihrer Seite. Die kommunistischen Parteien Europas rufen zur Unterstützung der Republik auf, schreiben flammende Artikel und sammeln Geld.“ Sie war aber nicht in der Lage, diesen Vorteil tatsächlich auszunutzen. Dass es maßgeblich an den Kommunisten lag, dass die Spanische Republik nach drei Jahren verlosch und sich der Hass und die grausame Abrechnung der Francisten Bahn brechen konnten, sollte niemand vergessen. Ich denke an die Leichtigkeit, mit der heute nicht genehme politische Gegner von den Linken zu „Faschisten“ degradiert werden. Und dann denke ich daran, wohin dieser ungezügelte Hass führen kann.
Mit dem Kapitel VIER, 1939, endet ein blutiger Krieg, die Opfer sind bis heute nicht alle gefunden, die Narben bis heute nicht alle verheilt. Nach dem Lesen dieses Buches sehe ich Spanien vor mir als eine zerrissene Landkarte, der nördliche Teil geht in blutroten Flammen auf, der südliche erstickt in Blutlachen, der Riss quer durchs Land ist gefüllt mit Toten, verbrannten Büchern, zerstörten Kirchen, zerbombten Städten, hungernden Kindern und trauernden Hinterbliebenen. Vielleicht hätte mich dieses grausame Bild auf dem Buchumschlag eher angezogen als die heile Stadtlandschaft es getan hat.
Fazit: Dieses Geschichtssachbuch liest sich flüssig wie ein Roman, spannend wie ein Krimi und birgt so viele interessante Details, dass ich es gleich noch einmal lesen möchte. Der Spanische Bürgerkrieg ist mir erstmals wirklich nahe gekommen mit all seiner Tragik und mit der (wiederholten) Erkenntnis, dass Kriege immer nur Verlierer hervorbringen, auch wenn sie meinen gewonnen zu haben. Unbedingte Leseempfehlung. Fünf Sterne sind eigentlich nicht ausreichend für die Bewertung.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.03.2026

„Denn jetzt sind sie alle wieder menschlich.“

Nelka
0

Svenja Leiber hat sich ein schwieriges und nicht sehr populäres Thema für Ihren neuen Roman ausgewählt: Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Bekannt ist, ohne die 20 Millionen Zwangsarbeiter ...

Svenja Leiber hat sich ein schwieriges und nicht sehr populäres Thema für Ihren neuen Roman ausgewählt: Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Bekannt ist, ohne die 20 Millionen Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern hätte Deutschland den Krieg niemals so lange und hartnäckig führen können.
Bei „Nelka“ geht es in der Hauptsache um junge Frauen, die von der Straße weg nach Deutschland verfrachtet wurden wie Vieh und die in Deutschland oftmals noch schlechter als Vieh behandelt wurden. Und trotzdem haben viele durchgehalten, sich mit dem Wenigen am Leben gehalten, was die Herrenmenschen ihnen überließen. Manchmal war es Essen, manchmal ein Lächeln oder ein heimliches Bad im Teich. Nelka, die Hauptperson in diesem Roman, hatte es von Lemberg/Lwiw/Lwow nach Norddeutschland verschlagen, ihre Kenntnisse vom Apfelanbau, die sie vom Vater erfuhr, sind ihr Überlebensmittel, ebenso wie ihre deutschen Sprachkenntnisse. Marten, der Verwalter des Gutes, auf dem sie schuften muss, erkennt ihre Gabe und nutzt sie aus.
Zwischen beiden entwickelt sich eine sanfte Bindung, aber als der Krieg zu Ende ist, kennen beide nur eins: weg vom Gut. Marten aus Angst vor Vergeltung durch die Zwangsarbeiter, Nelka mit dem Ziel, wieder nach Hause zu kommen.
50 Jahre später wird Nelka nach Deutschland reisen, um Marten, den Hof und Gonda, die Tochter ihre Freundin, zu besuchen. Welchen Grund aber diese Reise hat, das erfährt der Leser erst zum Schluss. Da werde ich auch nicht vorgreifen.
Svenja Leiber hat trotz des unmenschlichen Themas eine sehr poetische Sprache für alle Geschehnisse gefunden. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen, auch wenn es mich mitunter hat traurig werden lassen. Einiges hat mich sehr an die Erzählungen meiner Mutter erinnert, die mit 14 Jahren auf einem Bauernhof Arbeitsdienst leisten musste, als Deutsche sicher noch privilegiert, als Halbjüdin aber missachtet. Ihre heimliche Freundschaft zu französischen Zwangsarbeitern durfte niemals ans Licht kommen.
Hier ein Zitat, das mir sehr gefallen hat: »Menschen sind darauf bedacht, ihre Untaten zu verwischen, Gonda, auch bei uns. Aber die Natur ist wahrhaftig. Die Natur«, sagt Nelka, »spricht immer die Wahrheit. Sie erinnert, ohne dass wir sie dazu auffordern müssen. Nur Menschen sind vergesslich. Die Natur sehen bedeutet, sie zu lesen, auch wenn sie vom Tod handelt.«
Mich hat der Roman an „Irina“ von Sasha Colby erinnert, die darin die Geschichte ihrer Großmutter erzählt, und an Natasha Wodins „Sie kam aus Mariupol“ erinnert. Svenja Leibers Buch passt gut dazu, auch wenn es fiktional ist, wirkt es sehr wirklichkeitsnah. Das trifft auch auf die nach dem Krieg weitererzählten Leben von Nelka und Marten zu. Die Herrenmenschen schütteln sich wie Hunde nach dem Bad, darauf bezieht sich auch die Überschrift meiner Rezension, die gleichfalls ein Zitat ist. Die Zwangsarbeiter aber leiden ihr Leben lang.
Am Ende des Buches gibt es ein Nachwort, dass die Entstehung dieses Romans erläutert, das Interesse der Autorin erklärt. Schade, dass dieser in so wohlklingenden Sätzen verfasste Roman im Nachwort Gendersternchen und betont geschlechtergerechte Sprache verwendet. Das hat mich sehr verwundert. Da mir aber der Roman gut gefallen hat, lasse ich dies nicht in meine Bewertung einfließen.
Fazit: Ich gebe eine Leseempfehlung. Für alle, die sich häufig mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen, ist die Lektüre eigentlich ein Muss. Die Welt der Zwangsarbeiter wird nicht sehr oft so anschaulich und emotional beschrieben.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.02.2026

„Die stillen Tage sind in der Überzahl“

Das gute Leben
0

Einen unbekannten Autor zu entdecken ist wie in ein fremdes Land reisen. Man hofft, dass die Erzählungen anderer stimmen, dass es dort schön, aufregend und interessant ist. Erst wenn man wieder zu Hause ...

Einen unbekannten Autor zu entdecken ist wie in ein fremdes Land reisen. Man hofft, dass die Erzählungen anderer stimmen, dass es dort schön, aufregend und interessant ist. Erst wenn man wieder zu Hause ist, wird man selbst urteilen. Über Nadine Schneider wusste ich vor der Lektüre von „Ein gutes Leben“ nur das, was ich als Werbetext und kurze Biografie gelesen hatte. Wochenlang lag das Buch in meinem Reader, zweimal begonnen, und war ich nicht über die ersten 20 Seiten hinausgekommen. Als wäre ich in einem fremden Land, aber kurz hinter der Grenze gestrandet. Der dritte Anlauf ist mir dann gelungen und plötzlich war ich mittendrin, konnte nicht mehr zurück und nicht mehr aufhören zu lesen.
Es gibt bereits zwei Romane von Nadine Schneider, 2021 erschien „Wohin ich immer gehe“ und erst 2025 „Drei Kilometer“. Beide habe ich noch nicht gelesen, aus den Klappentexten weiß ich aber, auch diese spielen wie der neueste Roman in Rumänien, handeln von Rumäniendeutschen, von Flucht, Auswanderung nach Deutschland, Überlebenskämpfen. Ich erinnerte mich z. B. an die Romane „ë“ von Jehona Kicaj oder an „Onigiri“ von Yuko Kuhn, oft geht es in heutigen Romanen um die Probleme von nach Deutschland eingewanderter Frauen, die mit unterschiedlichsten Schwierigkeiten konfrontiert und auch in unterschiedlichsten Milieus zu Hause sind. Das lässt mich auch zurückdenken an meine Mutter und Großmutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland einen Neuanfang nach der Flucht wagen mussten.
Dieser Roman bildet ein ganzes Familienleben ab, beginnend mit Christinas Urgroßmutter, dann mit Anni, die Großmutter, die beinahe eine Mutter für Christina war, und mit Helene, Christinas Mutter, die nach Florida auswanderte, ja, eher flüchtete vor der Enge eines geregelten Mutter-Kind-Daseins. Obwohl es Christina ist, die diese Familiengeschichte erzählt, sie zusammensetzt aus Rückblicken, aus selbst Erlebtem, aus Erdachtem und Erträumten, ist Anni der Mittelpunkt dieses Romans.
Anni stirbt nach einer Herz-OP viel zu früh, jedenfalls für Christina ist es zu früh, denn sie erbt das Häuschen von Anni, in dem sie aufgewachsen ist. Das folgende Zitat steht für mich für den ganzen Roman, es zeugt von Liebe und Herzensbildung: „Wir hatten noch Zeit, da war ich mir sicher, wir hatten Zeit, und ich würde sie fragen können, ich würde einmal an irgendeinem guten Tag meinen Mut zusammennehmen und sie alles fragen, und ich würde mich diesmal nicht abwimmeln, mich nicht mit Floskeln abspeisen lassen und mit der wegwerfenden Handbewegung, dem Ausstoßen der Luft, ich würde diesmal nicht zulassen, dass Anni ihre Vergangenheit mit nur einer Geste aus unserem Sprechen verbannte, dass sie mich mit nur einer Geste um etwas betrog, um das Wissen, wer sie war und wer sie ist.“ Christina setzt ihr mit dem im Roman Erzählten einen Gedenkstein, der nicht schöner und größer sein könnt.
Die Kontaktaufnahme zu Helene, ihrer nicht nur räumlich sehr fernen Mutter, gestaltet sich schwierig. So geht man mit Christina zurück in der Zeit, zu ersten kindlichen Erinnerungen an die rumänische Urgroßmutter, das alte Haus, die sengend heißen Sommertage. Dann wieder erlebt man Anni, die Rumänien verlassen will für ein freies selbstbestimmtes Leben in Deutschland, die ihre Heimat noch heimlich verlassen muss und schwanger ist, die bei ihrem Bruder Unterschlupf und später bei „der Quelle“ eine Arbeit findet. „Die Quelle“ und Frau Schickedanz, das sind Annis lebhafteste Erinnerungen, die sie der Enkelin und wie auch der Tochter immer wieder ins Gedächtnis bringt. Man könnte darüber lachen, aber Anni war das sehr ernst, eigentlich zu Hause fühlte sie sich bei der Arbeit, erst in ihrem eigenen Häuschen, das sie erbte, wird sie doch etwas heimisch.
Das gute Leben, danach hat sich Anni immer gesehnt, nach ihrem Tod bleibt bei Christina und Helene die Erkenntnis „Sie war mit dem Erreichen so beschäftigt, dass sie von dem, was sie erreicht hat, schon gar nichts mehr mitgekriegt hat.“
Jede Generation in diesem Roman hat eigene Erfahrungen, zieht eigene Schlussfolgerungen, so wie das im Leben normal ist. Nachträglich ändert man ein Leben nicht mehr. Aber man kann, wie Christina, an jedem beliebigen Ort der Erde Neues beginnen, das Alte muss man deshalb nicht vergessen.
Fazit: Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, geschrieben mit leichter Feder, die so viel Schweres bewältigen kann. Das Zitat „Die stillen Tage sind in der Überzahl.“ drückt für mich Annis Lebensgeschichte und Christinas Nacherleben aus. Das wunderschöne Cover wird dieses Buch zusätzlich auf dem Ladentisch glänzen lassen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.02.2026

Das Dunkle in der Welt zeigt sich früh genug

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
0

Es ist genau ein Jahr her, dass ich Judith Hermanns Buch „Wir hätten uns alles gesagt“ (das schon 2023 erschienen war) gelesen und rezensiert habe. Ich war sehr beeindruckt und habe lange an dieses kleine ...

Es ist genau ein Jahr her, dass ich Judith Hermanns Buch „Wir hätten uns alles gesagt“ (das schon 2023 erschienen war) gelesen und rezensiert habe. Ich war sehr beeindruckt und habe lange an dieses kleine Buch denken müssen, es hatte mich im tiefsten Inneren erwischt. Nun erscheint ein neuer schmaler Band mit dem großen Titel „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, vielleicht hat die Autorin daran gerade gearbeitet, als ich über sie und mich, unsere Ähnlichkeiten (Vorname, Geburtsstadt, Pellkartofffeln und Quark, das Kind) nachdachte. In diesem Buch sprach sie nie von ihrem Großvater mütterlicherseits, nur der schreckliche Großvater väterlicherseits war thematisiert worden.
Völlig unerwartet habe ich festgestellt, dass eine weitere, prägende Ähnlichkeit vorhanden ist: wir haben beide einen Großvater, der bereits bei unserer Geburt tot war und über den in der Familie eher wenig gesprochen wurde. Womit die Ähnlichkeit abrupt endet. Ihr Großvater war ein SS-Angehöriger, der den Krieg bis auf eine Tätowierung unterm Arm körperlich unversehrt überstand, mein Großvater war Jude und wurde in Auschwitz ermordet, die Mörder nahmen sich nicht die Zeit, ihm eine Nummer zu tätowieren. Einen größeren Unterschied zwischen unseren Großvätern gibt es wohl kaum. Und doch bin ich fasziniert und bewegt von Judith Hermanns Versuch, in der Zeit zurückzugehen.
Wir haben in der Nachkriegsgeneration Traumata, die wir versuchen zu überwinden, zu verstehen, zu „literarisieren“ oder einfach Orte zu sehen, an denen etwas Geschichtliches und Familiäres stattgefunden hat. Wir irren uns in der Hausnummer, wir suchen am falschen Ort, wir sehen einfach nichts und doch sehen wir alles. Judith Hermann ist nach Radom gefahren, der polnische Ort, in dem ihr Großvater im Einsatz war, auch bei der Auflösung des jüdischen Ghettos, bei vielleicht bis heute unaussprechlichen Taten, die er begangen hat, oder auch nicht. Radom zeigt ihr nichts, gibt freiwillig nichts preis, Unverständnis und Ignoranz sind keine ungewöhnlichen Reaktionen. Trotzdem spinnt sie sich ein in einen Kokon, in dieser auf Zeit gemieteten Wohnung und versucht dem Phänomen „Großvater-Täter“ auf den Grund zu gehen. Im Gegensatz zu mir hat sie zumindest Fotos, weiß wie er aussah, wie er posierte. Von meinem Großvater ist nichts als eine Rauchwolke geblieben, und ein paar Urkunden in Archiven sind erhalten, kein Foto, kein Knopf, gar nichts. So denke ich, sie kann froh sein, dass sie nicht nur einem Phantom nachjagt, sondern ein wenig mehr herausfinden will über den Vater ihrer Mutter, die mit ihm bis zum vierzehnten Lebensjahr, bis zu seinem Tod zusammenlebte. Meine Mutter konnte sich nicht einmal an ihren Vater erinnern. Aber ihre Mutter möchte nicht viel erzählen, kann es vielleicht auch nicht. So bleiben beide immer wieder stecken in den unvollständigen Erinnerungen. Die Zeit in Radom geht zu Ende, Judith Hermann will in den Süden, nach Italien, zu ihrer Schwester und deren Familie, aber bevor sie fährt, ereignet sich ein kleines Wunder. „… ganz am Ende habe ich Sabbat gefeiert, zum ersten Mal in meinem Leben.“ Und da habe ich mich für sie gefreut, denn ich habe tatsächlich noch nie Sabbat gefeiert.
Auf dem Weg nach Italien wird Judith Hermann in Wien Station machen, da bin ich wieder ganz bei ihr, erkunde das Jüdische Museum mit ihr und spüre in meinem Herzen, wie sie „die Nerven verliert“. Sehe mich selbst völlig aufgelöst im Museum in Auschwitz. Wir sind uns sehr ähnlich, über achtzig Jahre nach Kriegsende sind wir die Enkelgeneration, Opferenkel, Täterenkel, wo ist der Unterschied, wir leben heute, müssen heute klarkommen mit unseren Gedanken und Gefühlen.
Der Besuch bei der Schwester ist keinesfalls problemfrei, aber die südliche Sonne, das südliche Wesen entspannen auch ihr Inneres. Die Erlebnisse sind das Gegenteil des kalten Radoms, die Lichtblicke, das Fröhliche der Kinder, die unwirklich wirkliche Wohnung der toten Agata Alba in Neapel, die aufblitzende Vertrautheit der Schwestern, Pompeji, die Hermeneutikproblematik des Schwagers, all das lässt den Leser wie die Autorin Judith Hermann am Ende hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Der Berg wird nicht abstürzen ins Tal, zumindest nicht so bald. „Ich saß im Zeittäschchen in der Sonne auf einem Stein vor einem Haus, …“ Dieses Zeittäschchen werde ich mitnehmen aus dem Buch, mich hineinsetzen zu Lesen und zum Denken.
Das waren meine Eindrücke zu den Teilen I und II des Buches, Radom und Napoli, Teil III heißt Tidslomme, der mit der existentiellen Frage der Unsterblichkeit (oder Sterblichkeit?) im Vagen bleibt. Dieser dritte Teil passt nicht so ganz zu den ersten beiden, der Zeitsprung kommt zu unvermittelt, die Geschehnisse sind abstrakt, wie durch ein Fernglas betrachtet werden sie erzählt. Fremd und doch sehr persönlich.
Ein Zitat aus dem Buch habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben, es könnte auch mein Gedanke sein. „Was, frage ich meine Mutter, mache ich, wenn du nicht mehr da bist. Oh, sagt sie leichthin. Dann wirst du dich an mich erinnern.“ Der schönste Satz im ganzen Buch. Mein schönster Satz.
Fazit: Der Großvater von Judith Hermann ist in jeder Hinsicht ein Cold Case. Keine Reise und kein Archivbesuch werden der Autorin jemals hundertprozentige Klarheit bringen. Ich denke, am besten ist es, mit einem solchen Zustand seinen Frieden zu machen. Ich bin 16 Jahre älter als die Autorin und habe dementsprechend 16 Jahre mehr mit Archivrecherchen und Ortsbesichtigungen verbracht, irgendwann kommt man zu einem Ende, auch wenn es unbefriedigend ist. Aber dann ist es auch gut. Und: Von Familienmitgliedern darf man niemals das gleiche Interesse erwarten, das einen selbst antreibt. Judith Hermanns Schwester jedenfalls „gräbt“, aber 2000 Jahre früher. Judith Hermann schreibt, übrigens mit vielen Fragen, aber ohne Fragezeichen, das sollte unbedingt so bleiben, beides.
Unbedingte Leseempfehlung und aufgerundete 4,5 Sterne.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere