Über Familie, Trauma und die Dinge, die wir nicht erklären können
Der Fluch der Falodun FrauenIch mag Autorinnen, die sich trauen, unschöne Dinge beim Namen zu nennen. Oyinkan Braithwaite gehört definitiv dazu. "Der Fluch der Falodun Frauen" hat mich mit seinem Biss gepackt – einer Direktheit beim ...
Ich mag Autorinnen, die sich trauen, unschöne Dinge beim Namen zu nennen. Oyinkan Braithwaite gehört definitiv dazu. "Der Fluch der Falodun Frauen" hat mich mit seinem Biss gepackt – einer Direktheit beim Erzählen, die ich in der deutschsprachigen Übersetzungslandschaft viel zu selten finde.
Die Geschichte dreht sich um Eniiyi, die am Tag der Beerdigung ihrer Tante Monife geboren wird. Die Familie ist überzeugt: Sie ist ihre Reinkarnation. Und damit auch Teil eines Generationenfluchs, der die Frauen der Familie Falodun systematisch ihre geliebten Männer verlieren lässt. Die Yorubapriesterin Mama G diagnostiziert den Fluch, aber ob Eniiyi ihm entkommen kann – das ist die zentrale Frage dieses Romans.
Was mich sofort fasziniert hat: Braithwaite romantisiert nichts. Weder die Familie, noch die Yoruba-Kultur, noch das Übernatürliche. Der Frauenhaushalt der Faloduns ist keine harmonische Schwesternschaft, sondern ein komplexes Geflecht aus Liebe, Erwartungen, Enttäuschungen und unausgesprochenen Verletzungen. Die Frauen stützen sich gegenseitig, aber sie verletzen sich auch. Sie teilen ein Schicksal, aber jede trägt es anders.
Ich finde diese Komplexität literarisch wertvoll. Zu oft lese ich Bücher, die Familie entweder komplett verteufeln oder idealisieren. Braithwaite tut beides nicht. Sie zeigt, wie generationales Trauma sich vererbt, wie toxische Dynamiken entstehen, wie Liebe und Schmerz nebeneinander existieren können. Das ist schonungslos ehrlich – und genau das macht ihre Stimme so besonders.
Die Yoruba-Kultur durchzieht die Geschichte authentisch. Mama G ist keine mystische Nebenfigur mit weisen Sprüchen, sondern eine reale Person mit eigenen Motiven und Fehlern. Das Übernatürliche wird nicht als literarische Metapher behandelt, die am Ende rational aufgelöst wird. Es ist Teil der Lebensrealität dieser Familie. Braithwaite lässt bewusst offen, was wirklich Fluch ist und was selbsterfüllende Prophezeiung, was Magie und was psychologisches Trauma. Diese Ambivalenz finde ich klug – sie verweigert uns die bequeme Erklärung.
Allerdings hatte ich beim Hören des Hörbuchs durchaus Schwierigkeiten. Die Geschichte springt zwischen verschiedenen Zeitebenen und wechselt zwischen zahlreichen Familienmitgliedern. Namen wie Eniiyi, Monife, Deborah, und die vielen Tanten und Cousinen sind beim Hören schwer auseinanderzuhalten, wenn man keinen visuellen Stammbaum vor sich hat. Ich musste mehrmals zurückspulen, um den Überblick zu behalten.
Das ist mein einziges echtes Manko: Die Erzählstruktur hätte klarer sein können. Ein Who's-Who zu Beginn oder deutlichere Zeitmarkierungen hätten geholfen, besonders im Audioformat. Der Namensreichtum ist kulturell authentisch und ich will nicht, dass Bücher ihre Authentizität aufgeben – aber gerade bei komplexen Personenkonstellationen braucht es strukturelle Hilfen.
Trotzdem hat mich Braithwaites Sprache getragen. Sie schreibt lakonisch, oft dunkel komisch, mit einer Leichtigkeit, die täuscht. Sie erwähnt fast beiläufig die dunkelsten Dinge, findet Töne zwischen Sarkasmus und echtem Schmerz. Diese hypnotische Qualität ihres Erzählens hat mich über die strukturellen Stolpersteine hinweggetragen.
Aus meiner Perspektive als Autorin: Die Balance zwischen magischem Realismus und psychologischem Realismus ist technisch schwierig. Zu viel Übernatürliches, und die Geschichte verliert ihre emotionale Glaubwürdigkeit. Zu viel Rationalität, und der magische Realismus wird zur bloßen Metapher. Braithwaite navigiert diese Linie sicher. Sie gibt uns keine Antworten, aber sie stellt die richtigen Fragen.
Aus meiner Perspektive als Lektorin: Ich sehe die strukturellen Schwächen – die Zeitsprünge, die vielen Namen, die manchmal verwirrende Chronologie. Aber ich sehe auch, dass Braithwaites Stimme stark genug ist, um darüber hinwegzutragen. Manchmal ist eine einzigartige, kompromisslose Stimme wichtiger als perfekte Struktur. Hier ist das der Fall.
"Der Fluch der Falodun Frauen" ist kein gemütlicher Roman. Er fordert Aufmerksamkeit, bietet keine einfachen Antworten, zeigt Familie in all ihrer komplizierten, verletzenden, liebevollen Realität. Aber genau deswegen lohnt er sich – für alle, die Literatur mögen, die herausfordert statt zu trösten.
4 von 5 Sternen – weil die Zeitsprünge und Namen beim Hören manchmal zu viel waren, aber weil Braithwaites Biss und ihre ehrliche Art zu erzählen absolut überzeugen.