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Veröffentlicht am 12.02.2026

Shandy

Die Enthusiasten
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Für einen ausgewiesenen Fan von Lawrence Sterne gibt es zu einem bestimmten Termin im Jahr nichts anderes als nach England zu reisen, um dem großen Autor zu huldigen. Victor trifft sich mit einigen Gleichgesinnten. ...

Für einen ausgewiesenen Fan von Lawrence Sterne gibt es zu einem bestimmten Termin im Jahr nichts anderes als nach England zu reisen, um dem großen Autor zu huldigen. Victor trifft sich mit einigen Gleichgesinnten. In diesem Jahr ist allerdings einiges anders, denn ein Fremder behauptet, er habe das zehnte Buch des Tristram Shandy. Das ist eine Sensation, Gerüchte gab es schon, aber sollte das wahr sein. Das Buch muss unbedingt her. Natürlich hat es seinen Preis, den Victor und seine Freunde nicht bezahlen können. Was also tun? Zunächst brauchen sie einen Beweis über die Echtheit des Werkes.

Victor und seine beiden Geschwister sind Teil einer ungewöhnlichen Familie. Bücher spielten in ihrem Leben immer eine große Rolle. Allerdings verschwand ihre Mutter spurlos als sie noch Kinder waren. Der Vater hatte Mühe, diesen Verlust zu überwinden. Und irgendwie mussten die Kinder die richtigen Worte finden, um die Verbindung zu ihrem Vater zu stärken. Die Schwester leistet als Physikerin ihren Beitrag in der Forschung und der Bruder ist als Filmschaffender im Geschäft. Ja, und Victor, dem der einzige Roman des Lawrence Sterne so viel bedeutet. Und nun diese Chance, diese Möglichkeit einer Fortsetzung des Tristram Shandy.

Dieser Roman ist durchaus ungewöhnlich, er verbindet eine turbulente, manchmal etwas tragische, aber auch eine humorvolle Familiengeschichte mit der großen Liebe zu einem außergewöhnlichen Werk der klassischen Literatur. Auch wenn man selbst vielleicht eher zu den Lesern oder Leserinnen gehört, die den Shandy nicht beendet haben, so kann man die Liebe zu den Büchern doch sehr gut nachempfinden. Und auch die Erzählung um die Geschwister fesselt, sie mussten mit dem frühen Verlust klarkommen, mit der Veränderung, die ihr Leben geprägt hat. Und sie sind zu herausragenden Persönlichkeiten geworden. Der Roman sprüht vor Ideen, manchmal etwas überdreht, aber doch gelingt ein toll ausbalanciertes Werk. Der Ideenreichtum des ganzen Romans spiegelt sich auch in der auffälligen Gestaltung des Buchumschlags wieder.

Veröffentlicht am 09.02.2026

Erwünschte Mädchen

Midwatch – Schule der unerwünschten Mädchen
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Im Midwatch-Institut für Waisen, Ausreißerinnen und unerwünschte Mädchen angekommen, staunt Maggie Fishbone gar nicht schlecht. Hier ist sie nicht unerwünscht, sondern willkommen. Sie bekommt die Gelegenheit, ...

Im Midwatch-Institut für Waisen, Ausreißerinnen und unerwünschte Mädchen angekommen, staunt Maggie Fishbone gar nicht schlecht. Hier ist sie nicht unerwünscht, sondern willkommen. Sie bekommt die Gelegenheit, etwas zu lernen und die Talente und Fähigkeiten der Mädchen werden gefördert. Schnell findet Maggie heraus, dass die älteren Mitschülerinnen besondere Aufgaben übernehmen. Und sie selbst hat ein kleines Püppchen erhalten, das ihr in heiklen Situationen helfen kann. Maggie ist schon gespannt, wann sie die Puppe zum ersten Mal einsetzen kann. Als in der Stadt ein Monster auftaucht, erfahren Maggie und ihre Freundinnen, dass die Mädchen mitunter dabei helfen, Kriminalfälle zu lösen oder auch Monster zu fangen.

Sie sind irgendwie nicht gewollt, bis sie ans Midwatch-Institute kommen. Auch da sind sie erstmal vorsichtig. Doch zum Glück erfahren sie schnell, dass sie an dieser Schule doch sehr erwünscht sind. Die Mädchen können sogar ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten. Mit Feuereifer beginnen sie an ihren nützlichen Fähigkeiten zu feilen. Sie suchen den Klassenraum für Verstecken, sie lernen das Morsealphabet oder auch wie man Schlösser knackt. Das wirkt zwar erst etwas seltsam, aber bald stellt sich heraus, dass in der Stadt noch seltsamere Dinge vor sich gehen. Zum Beispiel ist eine Bekannte eines Lehrers verschwunden.

Dieser Roman ist für Kinder ab zehn Jahren gedacht und das wird auch als angemessen empfunden. Auch für Erwachsene bietet das Buch gute Unterhaltung, das es kindgerecht ist, gehört bei einem Kinderbuch eben dazu. Es ist schön zu erfahren, dass Mädchen an dieser Schule erwünscht sind, dass sie gefördert und gemocht werden. Klasse, wie erfindungsreich die Mädchen sind und auch wie sie herausfinden, dass sie was können. Manchmal sind gerade die Kleinen ganz schön schlau und das beweisen sie hier. Die Gruppe von Mädchen, aus denen schnell Freundinnen geworden sind, ergänzt sich sehr gut. Da ist mal Eine, die eher handwerklich begabt ist, oder eine, die durch ihr großes Wissen auffällt. So hat jedes der Mädchen etwas Besonderes. Man denkt sich, dass das Selbstbewusstsein von jungen Mädchen durch die Lektüre solcher Bücher gestärkt werden könnte. Sie haben etwas drauf und nicht so schnell Angst haben. Was sie alleine nicht schaffen, können sie gemeinsam anpacken. Aus der Art einiger Sätze könnte man auf den Gedanken kommen, es könnte sich um den Start einer Reihe handeln, dafür war allerdings bisher kein weiterer Hinweis zu finden. Eigentlich ist das bei den sympathischen Protagonistinnen etwas schade.

Sehr schön vorgelesen wird dieses Hörbuch für Kinder von Merete Brettschneider und Maria Hartmann. Bei erwachsenen Hörern ist es mit der Aufmerksamkeit manchmal nicht so weit her. Man merkt daher vielleicht erst ein wenig später, dass zwei unterschiedliche Leserinnen ihre Kunst verteilen. Wenn man dann das wieso versteht, ist es ein zusätzliches Plus.

Veröffentlicht am 06.02.2026

Dicke Freunde

Sommer auf Perigo Island
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Auf Perigo Island vor der Kanadischen Atlantikküste leben die Freunde Pierce, Bennie und Thomas. Noch können die zwölfjährigen Jungen auf de Insel zur Schulde gehen. Allerdings müssen sie bald zur weiterführende ...

Auf Perigo Island vor der Kanadischen Atlantikküste leben die Freunde Pierce, Bennie und Thomas. Noch können die zwölfjährigen Jungen auf de Insel zur Schulde gehen. Allerdings müssen sie bald zur weiterführende Schule auf dem Festland. Aber in diesem Sommer wollen sie mit dem Zungenschneiden Geld verdienen. Davon will Pierce das Boot seines verstorbenen Vaters reparieren. Auch Bennies Cousine Emily ist in diesem Sommer mit dabei. Es könnte eine herrlich unbeschwerte Zeit werden, jedoch macht sich der ganze Ort Sorgen um Anna Tessier, die seit einigen Tagen spurlos verschwunden ist. Pierce ist sicher, dass sie noch auf der Insel ist.

Das Leben der Fischerfamilien auf Perigo Island ist Anfang der 1990er alles andere als einfach. Die Fischbestände gehen zurück und damit sinken auch die Fangerträge der Fischer. Nach des Vaters Tod ist es für Pierce` Mutter sehr schwer, ihre kleine Familie zu ernähren. Die Fischfabrik streicht immer häufiger die Schichten und der Nebenjob auf dem Festland bringt auch nicht so viel. Pierce will aber unbedingt in die Fußstapfen seines Vaters treten, den er auch drei Jahre nach seinem Tod noch sehr vermisst. Und jetzt ist Anna verschwunden, die Pierce mit ihrer besonders einfühlsamen Art getröstet hat. Es muss etwas passiert sein und Pierce hat auch einen Verdacht.

Dieser Debütroman entführt einen auf eine kanadische Insel, die ein besonderes Flair hat. Anfang der 1990er wirkt sie noch ursprünglich. Allerdings zeigen sich schon die Auswirkungen der Ausbeutung der Fischgründe. Man spürt, dass sich Veränderungen anbahnen. Ein Junge wie Pierce an der Grenze zur Pubertät will das natürlich nicht wahrhaben, zu schwer wiegt der Verlust seines Vaters. In diesem Sommer bahnen sich Änderungen an. Vielleicht auch durch Emilys Besuch. Die Freunde merken, dass etwas anders ist und bleiben doch noch Freunde. Die Lektüre weckt Erinnerungen an die eigene Jugend, an eine Zeit der Veränderungen. Vielleicht war es nicht ganz so dramatisch wie in diesem Sommer für Pierce. Dennoch kann man sich gut in die Zeit hineinversetzten. Diese Freiheit der späten Kindheit, die nie wieder kommt. Dieser schöne stimmungsvolle Roman bekommt eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 27.01.2026

Einfach weiterschwimmen

Die Winterschwimmerin
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Im Sommer starten und dann weiterschwimmen über den Herbst in den Winter hinein. So startet Tekla mit dem Schwimmen im eiskalten Winterwasser. Sie entwickelt eine Vorliebe für das kalte Bad in der freien ...

Im Sommer starten und dann weiterschwimmen über den Herbst in den Winter hinein. So startet Tekla mit dem Schwimmen im eiskalten Winterwasser. Sie entwickelt eine Vorliebe für das kalte Bad in der freien Natur. Jede Minute saugt sie in sich auf, versucht alles aufzunehmen. Von dem Tiger im Gebüsch vermag sie kaum einzuschätzen, ob er ein Traum ist oder wahr. Und doch scheint da eine Verbindung zu sein. Es entsteht eine Flut von Gedanken.

Im Winter kann Eisbaden eine erstrebenswerte Beschäftigung sein, der Gesundheit zuträglich und ein Erlebnis, das mehr bedeutet als die bloße Bewegung. Die Person Tekla bleibt hinter der Beschäftigung des Schwimmens ein wenig versteckt. Und doch fasziniert sie. Wie sie sich dem Schwimmen in der Kälte annähernd. Erst bei fünf Grad kaltem Wasser zählt es. Man fühlt es aber vielleicht schon früher. Menschen, die keine Erfahrung damit haben, finden möglicherweise auch Temperaturen von unter zwanzig Grad als recht kühl. Was für eine Erfahrung wird es sein, sich in kältere Gefilde vorzutasten. Neugierde.

Das Hörbuch wird beeindruckend interpretiert von Marit Beyer. Sie trifft den richtigen Ton, so wie er in dem kleinen Büchlein angeschlagen wird. Teils in Reimen, teils in fortlaufendem Text fließen die Worte. Die unterschiedlichen Formen beschäftigen, vielleicht gerade weil man sie nicht zur ganze entschlüsseln kann. Klar versteht man die Worte, aber nicht immer das Warum. Dennoch zieht einen der Text an. Die Worte haken sich fest und beschäftigen. Ein ungewöhnliche Kombination von Sätzen, Reimen und Erklärungen, die zwar erklären, aber auch wie kleine Stolpersteine wirken. Zwar vermisst man ein wenig die Interpretation, doch so muss und darf man selber ran und behält die eisbadende Tekla länger im Herzen als es unter anderen Umständen der Fall wäre.

Veröffentlicht am 26.01.2026

Unwetter

Grenzfall – Ihr Grab in den Fluten
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Starkregen und heftige Winde führen in der Grenzregion zwischen Österreich und Deutschland dazu, dass eigentlich kleine Bäche über die Ufer treten oder Bäume umstürzen. Die deutsche Seite ist mehr betroffen. ...

Starkregen und heftige Winde führen in der Grenzregion zwischen Österreich und Deutschland dazu, dass eigentlich kleine Bäche über die Ufer treten oder Bäume umstürzen. Die deutsche Seite ist mehr betroffen. Kommissarin Alexa Jahn tut ihren Dienst in der Wache. Die Menschen beginnen anzurufen und Vermisste oder Hilfsbedürftige zu melden. Alexa wäre lieber draußen im Einsatz, aber auch der Telefondienst und die Organisation der Hilfsmaßnahmen ist wichtig. Die Lage verschlimmert sich zunächst. Als auch noch der Strom ausfällt, muss die Einsatzzentrale verlegt werden. Nach einem Hinweis findet Alexa einen Toten, der nicht dem Unwetter zum Opfer gefallen ist.

In diesem sechsten Fall sind Alexa Jahn und Bernhard Krammer Wetterunbilden ausgesetzt. Man möchte nicht mit ihnen tauschen. Besonders Alexas Einsatz ist schwierig und anstrengend. Sie fühlt sich für den Telefondienst in diesem Katastrophenfall nicht besonders gut geeignet. Allerdings muss sie einsehen, dass sie als Zugezogene, die noch nicht die eingehende Ortskenntnis der Einheimischen hat, wohl im Innendienst besser helfen kann. Bernhard sucht auf Österreichischer Seite nach ein paar jungen Erwachsenen, die nach dem Abitur eine kleine Auszeit in einer Hütte verbringen wollten und vom Wetter überrascht wurden. Als sich Alexas und Bernhards Wege schließlich kreuzen, kann das Vater-Tochter-Gespann endlich gemeinsam ermitteln.

Bei den Schilderungen des Unwetters und seiner Auswirkungen fällt einem sofort die Katastrophe im Ahrtal ein. Diese hat auch die Autorin beschäftigt und sie zu der Handlung ihres neuen Romans geführt. Auch das Cover gewährt einen Eindruck, wie es wohl aussehen mag, wenn aus einem Rinnsal plötzlich eine gefährliche Strömung entstehen kann.

Die Arbeit der Einsatzkräfte und Hilfsteams wird eindringlich geschildert, die Kräfte bringen vollen Einsatz teilweise über die Belastungsgrenze hinaus. Auch für Alexa Jahn ist der Einsatz nicht einfach. Sie nutzt eine Pause, um den Hinweisen einer jungen Frau nachzugehen, die gerettet wurde. Mit dem Toten, den sie findet, war nicht zu rechnen. Die folgenden Ermittlungen führen Alexa wieder mit ihrem Vater Bernhard Krammer zusammen, der bei der österreichischen Polizei arbeitet. Wenn die beiden Hand in Hand arbeiten können, laufen sie zu Höchstform auf. Je länger die Reihe nun läuft, desto mehr Normalität bildet sich zwischen Alexa und Bernhard heraus. Beruflich bilden sie ein klasse Team, auch wenn Bernhard immer noch unsicher ist, wie er seine Vaterrolle gut ausfüllen kann. Die Serie wird sehr schön getragen von diesem besonderen Team. Auch der Fall hat es in sich. Wenn man nach und nach erfährt, wie die Dinge zusammenhängen, kann man das Buch vor lauter Anspannung nicht mehr aus der Hand legen.