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Veröffentlicht am 08.05.2026

Alles beim Alten

Cold Water
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1990, viel hat sich nicht geändert in Nordirland. Noch immer ist die Gewalt tagtäglich präsent. Noch immer inspiziert Duffy den Unterboden seines mittlerweile nagelneuen 5ers nach Semtex. Noch immer kämpfen ...

1990, viel hat sich nicht geändert in Nordirland. Noch immer ist die Gewalt tagtäglich präsent. Noch immer inspiziert Duffy den Unterboden seines mittlerweile nagelneuen 5ers nach Semtex. Noch immer kämpfen Katholiken und Protestanten gegeneinander. Noch immer werden Menschen die Kniescheiben zerschossen. Noch immer verschwinden Männer, Frauen, Teenager spurlos und niemand kümmert sich darum. „Die Neunziger können nicht schlimmer werden(…) Silberstreif, für’n Arsch.“

Alles beim Alten? Nein, nicht ganz, denn Sean Duffy ist auf dem Sprung. Weg aus Nordirland. Weg vom Carrickfergus CID. Weg aus der Coronation Road. Rüber nach Schottland. Mit Frau und Kind. Schluss mit dem Einsatz an vorderster Front, im reicht‘s. Gerade mal vierzig Jahre alt, aber katholisch, Bulle und Nordirland, das zählt so als wäre er siebzig. Also Halbtagsrente, sieben Tage im Monat, nur noch beratende Funktion und Kindermädchen für John Strong, den umgedrehten, paranoiden Spitzel.

Aber noch gilt es, einen letzten Fall zu lösen. Kat McAtamney, ein fünfzehnjähriges Tinkermädchen ist weg, spurlos. Fahrende verschwinden immer wieder und niemanden kümmert’s, nur eine weitere Ausreißerin. Nicht so Duffy. Gemeinsam mit „Crabbie“ McCrabban und Lawson, seinem Nachfolger, verbeißt er sich in den Fall und gibt nicht eher Ruhe, bis dieser aufgeklärt ist. So, wie wir es von ihm gewohnt sind.

Die Reihe um Sean Duffy geht dem Ende zu, was ich mit größtem Bedauern zur Kenntnis nehme, ist es für mich doch eine der besten Serien, die auf dem Buchmarkt zu finden ist. Zum einen liegt das natürlich an der Hauptfigur, dem sympathischen, unangepassten, zynischen Detective mit Herz, zum anderen aber auch an den Fähigkeiten Adrian McKintys (in Belfast geboren und in Carrickfergus aufgewachsen), die “Troubles“, die Politik und deren Auswirkungen auf die Menschen in Nordirland en passant in seine Romane einzuarbeiten. Dazu braucht er keinen Holzhammer, manchmal reicht ein auf den ersten Blick belangloser Nebensatz. Diese gesellschaftspolitische Dimension der Reihe macht sie für mich besonders wertig, hebt sie sich damit doch von den üblichen Krimis/Thrillern, die ihr Augenmerk lediglich auf den Fall und dessen Aufklärung richten, deutlich ab.

Nicht zu vergessen, Duffys ausgeprägte Liebe zur Musik und seine umfangreiche Plattensammlung. Ganz gleich, ob Jazz, Klassik oder Rock/Pop, hat er alles und hat auch zu allem eine Meinung. Speziell zu Phil Collins und Bono, dem von den meisten Iren wegen seiner Steuertricksereien nicht sonderlich geschätzten Frontman von U2. Dieses wiederkehrende Element bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Und auch der Originaltitel „The Detective Up Late“ hat, wie bereits die sechs Vorgänger, einen Bezug zur Musik und ist einer Songzeile aus „Bad as me“, einem Song von Tom Waits entliehen.

Nichtsdestotrotz, schon wegen des Abschieds aus seiner protestantischen Nachbarschaft in der Coronation Road und dem Umzug nach Schottland, bereitet uns „Cold Water“ langsam, aber sicher, auf den Abschied von Sean Duffy und dem Carrickfergus CID vor. Zwei Bände sind noch geplant, aber das war’s dann, wenn man dem Autor glauben darf. Ich vermute, dass das Karfreitagsabkommen1998 den Schlusspunkt setzt, und das würde aus meiner Sicht auch Sinn machen. Auch wenn ich es jetzt schon bedauere.

Veröffentlicht am 18.04.2026

Hard Boiler aus Nordirland

Die kalte Kralle
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Eines Morgens liegt, fein säuberlich abgetrennt, eine Hand vor der Haustür des Privatdetektivs Karl Kane, über deren Herkunft er nur spekulieren kann – entweder will ihm jemand drohen, oder die Katze hat ...

Eines Morgens liegt, fein säuberlich abgetrennt, eine Hand vor der Haustür des Privatdetektivs Karl Kane, über deren Herkunft er nur spekulieren kann – entweder will ihm jemand drohen, oder die Katze hat sie aus einem Müllcontainer geholt und vor die Tür gelegt. Als kurze Zeit später ein zweites Exemplar in der Stadt auftaucht, sind Karl und sein Freund, der Pathologe Tom Hicks alarmiert, denn das scheint dann doch ein Zufall zu viel zu sein. Und als dann auch noch eine fünfstellige Belohnung für die Ergreifung des Täters ausgesetzt wird, gibt es für ihn kein Halten mehr.

Zur gleichen Zeit sucht ihn eine neue Klientin auf. Jemma Doyle ist auf der Suche nach ihrem seit vielen Jahren spurlos verschwundenen Onkel, denn ihr Vater hat nur noch den einen Wunsch, nämlich die Streitereien aus der Welt zu schaffen und sich mit ihm zu versöhnen. Und so beginnt Karl Kane zu ermitteln…

Nach „Die Bestien von Belfast“ und „Die satten Toten“ ist „Die kalte Kralle“ der dritte Teil der Thriller-Reihe des nordirischen Schriftstellers Sam Millar. Hauptfigur ist Karl Kane, der knorrige Privatdetektiv, ein Zyniker mit dem Herz aus Gold, der an chronischem Geldmangel leidet und deshalb immer ein offenes Ohr für eventuelle Aufträge hat, wobei er aber nie seine moralischen Grundsätze verkaufen würde.

Kane ist ein sympathischer, ehrlicher Typ. Bei ihm gibt es kein Drumherumgerede, und jeder, der mit ihm zu tun hat, weiß sofort was Sache ist. Die Fälle, mit denen er zu tun hat sind schon etwas ungewöhnlich – da werden die Opfer gemästet oder gehäutet - und die Ursachen für die verübten Verbrechen liegen meist in der Vergangenheit. So auch hier, denn Millar erzählt in „Die kalte Kralle“ die Geschichte einer Schuld, die gesühnt werden muss.

Aufgeteilt ist dieser hochspannende Roman in zwei Teile, die passenderweise mit „Citizen Kane“ und „Kane kann’s“ überschrieben sind. Den einzelnen Kapiteln sind jeweils Filmtitel – ausnahmslos cineastische Highlights, die ich sehr schätze – sowie zur Handlung passende Zitate aus der Bibel, Filmen und Literatur (hier auffallend viel Chandler) vorangestellt und treiben durch ihre Kürze die Handlung stetig voran.

Ich schätze den trockenen Humor und Sarkasmus des Autors ebenso sehr wie seine ungeschminkte Sprache – Sam Millar ist ein mitfühlender, aber auch streitbarer Zeitgenosse, der dafür verantwortlich ist, dass „Scumbag“ mittlerweile zu meinem aktiven Wortschatz gehört

Und wem die Wartezeit auf den vierten Band mit Karl Kane zu lange wird, sollte die Autobiografie Sam Millars „On the Brinks“ lesen, die spannender als jeder Krimi ist!

Veröffentlicht am 18.04.2026

Private Eye in Belfast

Die Bestien von Belfast
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Schon die Vita des Autors würde genügend Stoff für einen Thriller liefern: IRA-Terrorist mit zig Gefängnisaufenthalten und verantwortlich für einen der größten Raubüberfälle der amerikanischen Geschichte, ...

Schon die Vita des Autors würde genügend Stoff für einen Thriller liefern: IRA-Terrorist mit zig Gefängnisaufenthalten und verantwortlich für einen der größten Raubüberfälle der amerikanischen Geschichte, den Überfall bei Brinks, bei dem er und sein Komplize über 7 Millionen Dollar erbeuten. Es folgt wieder Gefängnis, und nach der Entlassung beginnt Millar zu schreiben.

"Die Bestien von Belfast" ist der erste Band der Reihe um den irischen Privatdetektiv Karl Kane. Handlungsort ist, wie bereits der Titel vermuten lässt, die nordirische Hauptstadt Belfast. Und zukünftige Leser seien vorgewarnt: hier sind starke Nerven gefragt!

Bereits der Prolog verlangt dem Leser einiges ab, schildert der Autor doch in direkter und unmissverständlicher Ausdrucksweise die Vergewaltigung einer jungen Frau durch eine Gruppe Jugendlicher. Und der Leser ahnt bereits, dass dieses Verbrechen im weiteren Verlauf der Dreh- und Angelpunkt für einen Rachefeldzug sein wird. Nach zwanzig Jahren taucht im Stadtpark eine männliche Leiche auf und PI Karl Kane soll herausfinden, warum der Mann ermordet wurde. Der Fall wird immer undurchsichtiger, als weitere Männer tot aufgefunden werden und Kane nicht mehr weiß, wem er überhaupt noch trauen kann.

Millars Thriller ist ein klassischer Hardboiler mit einem Protagonisten, der im Laufe seines Lebens schon sehr viel Gewalt gesehen und erlebt hat. Natürlich wird dadurch sein Verhalten beeinflusst, aber er ist trotz allem ein umgänglicher Mensch geblieben, der Gewalt ablehnt. Ganz anders die Kreise, in denen er sich im Zuge seiner Ermittlungen bewegt.

Der Autor beschreibt das Milieu ungeschönt, seine Wortwahl ist drastisch und teilweise recht derb, aber absolut passend und stimmig für diese rabenschwarze Rachegeschichte, in der Gewalt immer Gewalt nach sich zieht. Die Geschichte ist gut geplottet, das Erzähltempo von Anfang an hoch und zieht sich auf diesem Niveau auch bis zum Ende durch. Atmosphärisch dicht, sehr spannend und mit einer sympathischen Hauptfigur – ich freue mich schon auf den zweiten Teil der Serie, die im Oktober unter dem Titel „Die satten Toten“ im Atrium Verlag erscheinen wird.

Veröffentlicht am 18.04.2026

Erinnerungen eines Überlebenden

True Crime
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Auf Sam Millar wurde ich durch die Karl Kane-Reihe aufmerksam und musste feststellen, dass die Lebensgeschichte des nordirischen Autors wesentlich spannender als so mancher Thriller ist. Niedergeschrieben ...

Auf Sam Millar wurde ich durch die Karl Kane-Reihe aufmerksam und musste feststellen, dass die Lebensgeschichte des nordirischen Autors wesentlich spannender als so mancher Thriller ist. Niedergeschrieben hat er diese in seiner Autobiographie „On the brinks“, die unter dem Titel „True Crime“ in deutscher Übersetzung vorliegt.

Geboren 1955 in Belfast, Mutter katholisch, Vater protestantisch. Die Religion an sich spielt keine große Rolle in seinem Leben, aber deren politische Auswirkungen (Nordirland-Konflikt) auf das tägliche Leben in seiner Heimatstadt schon. Die Schule verlässt er zum frühestmöglichen Zeitpunkt und jobbt fortan im Schlachthof. Seine Freizeit verbringt er mit seinen Kumpels in einer Jugendgruppe der IRA. Am 30. Januar 1972 nimmt der Siebzehnjährige an einer Demonstration für Bürgerrechte in Derry teil, die völlig aus dem Ruder läuft, als britische Soldaten in einem katholischen Stadtteil in die Menge schießen und 13 Menschen töten. Die Erlebnisse am „Bloody Sunday“ prägen Sam Millar nachhaltig und radikalisieren ihn.

Seine Beteiligung an Aktionen der IRA bringt ihm 1973 den ersten Gefängnisaufenthalt ein, 1976 folgt der zweite, den er in „Her Majesty’s Prison Maze“, auch Long Kesh genannt, mit einer Vielzahl politischer Gefangener absitzen muss. Er schließt sich den „Blanket Men“ an und überlebt den Hungerstreik von 1981, der zehn Freunde das Leben kostet. Demütigungen, Misshandlungen und Folter sind an der Tagesordnung, Long Kesh ist die Hölle, hier herrschen Zustände wie in Guantanamo – die Gefangenen sind aller Rechte beraubt und werden wie Tiere behandelt.

1983 werden die Proteste eingestellt und ein Ausbruch vorbereitet, bei dem schlussendlich 38 Mithäftlingen die Flucht gelingt. Im gleichen Jahr wird Sam Millar entlassen und reist 1984 mit der Hilfe seines Freundes Tom über Kanada in die USA ein. Er verschafft sich eine falsche Identität und fängt an, sich ein neues Leben aufzubauen. Es sind die verschiedensten Jobs, legal und illegal, die er ausübt, und die ihm den Lebensunterhalt sichern.

Bis er eines Tages seinen Kumpel Tom auf der Arbeit besucht – und dieser arbeitet bei Brinks, dem Unternehmen, das Geldbeträge in unglaublicher Höhe befördert. Die Sicherheitsvorkehrungen der Firma sind mangelhaft, was Millar sofort registriert. Und so reift der Plan, der im Januar 1993 mit dem Raub mehrerer Millionen Dollar endet. Aber lange können sich Sam und seine Komplizen nicht an dem Geld freuen, denn das FBI ermittelt fix und verhaftet ihn im November des gleichen Jahres. Allerdings kann man ihm den Raub nicht zweifelsfrei nachweisen, und so geht er „nur“ für den Besitz des Geldes ins Gefängnis, wobei er einen Teil der fünfjährigen Haftstrafe in den USA, und den Rest in Belfast verbüßt. 1997 wird er entlassen, baut sich dann eine Existenz als Schriftsteller auf und wurde mittlerweile mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Im Innersten berührt haben mich vor allem die Beschreibungen seiner Jahre in Long Kesh. Ich bin gleichaltrig und erinnere mich noch gut an die Berichterstattung in den Medien, die Mitglieder und Sympathisanten der IRA als skrupellose Kriminelle bezeichneten, aber kein Wort über das Verhalten der britischen Truppen in Nordirland verlauten ließen. Und über die Haftbedingungen in „Her Majesty’s Prison“ wurde schon überhaupt nicht berichtet.

Ich habe große Hochachtung vor Sam Millar, den das Ausgeliefertsein, die bitteren Erfahrungen, die er damals machen musste, nicht gebrochen haben. Er hat überlebt und ist Mensch geblieben, sensibel, wenn Unrecht geschieht, aber auch zornig gegenüber jenen, die ihre Ideale für einen politischen Posten verkauft haben. Militant ist er nur noch im übertragenen Sinn, denn mittlerweile sind Worte seine stärksten Waffen, auch wenn er dafür regelmäßig in den Facebook-Knast verbannt wird.

Veröffentlicht am 09.02.2026

Aktuelle politische Themen, spannend aufbereitet

Repair Club – Der Countdown läuft
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Mit Spionagethrillern ist das so eine Sache. Wenn Könner wie John le Carré und oder Mick Herron am Werk sind, lese ich sie am liebsten in einem Rutsch, wirken sie realitätsfern und simpel konstruiert, ...

Mit Spionagethrillern ist das so eine Sache. Wenn Könner wie John le Carré und oder Mick Herron am Werk sind, lese ich sie am liebsten in einem Rutsch, wirken sie realitätsfern und simpel konstruiert, fehlt mir meist der lange Atem, um bis zum Ende durchzuhalten. Glücklicherweise vereinen die Repair Club Bände des niederländischen Autors Charles den Tex das Beste aus den beiden Welten der obengenannten Autoren, nämlich den komplexen und kenntnisreichen Plot eines le Carré, garniert mit der beißenden Ironie Herrons, ohne dabei das politische Tagesgeschehen außen vor zu lassen.

Wie bereits im Vorgänger muss sich John Antink, Geheimagent im Ruhestand, auch in „Der Countdown läuft“, Band 2 der Repair Club Reihe, mit einem Ereignis aus seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Bei einem Reparatureinsatz des Clubs kommt ein ihm unbekannter Mann auf ihn zu, zeigt ihm das Foto einer Frauenleiche in einer Wüstenlandschaft und startet gleichzeitig einen Timer mit der Aufforderung, er möge das, was er sieht, reparieren, nämlich den Todesschützen ausfindig machen. Antink war damals dabei, kann sich aber beim besten Willen nur noch undeutlich an die Situation erinnern, hat diese ihn doch damals schwer traumatisiert. Aber wer ist der Unbekannten, der diese Forderung an ihn stellt? Und was ist sein Motiv? Aber die Uhr läuft, und so aktiviert Antink alte Kontakte, um dieses Rätsel innerhalb der ihm zugestandenen Zwei-Wochen-Frist zu lösen.

Ja, natürlich sind die Ereignisse in diesem Thriller fiktional, aber so oder so ähnlich sind mit Sicherheit zahlreiche afghanische Ortskräfte, die die internationalen ISAF Truppen unterstützten, nach Abzug der Truppen zu Tode gekommen oder müssen auch aktuell noch um ihr Leben fürchten, da der Westen, in diesem Fall die Niederlande, sich nicht für deren Schutz verantwortlich fühlten und fühlen.

Ein komplexer, spannender Agententhriller, der tief in der politischen Realität verankert ist, mit einem glaubhaften Plot und einem sympathischen Protagonisten, für den Moral kein Fremdwort ist. Lesen!

Band 3 der Reihe mit dem Titel “Der vergessene Spion“ erscheint Ende 05/2026.