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Veröffentlicht am 26.02.2026

Eine denkwürdige Reise durch die Welt der Sprache und Mathematik

Schleifen
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Zu Beginn wusste ich nicht, was ich von diesem Roman halten sollte, und selbst nach der letzten Seite blieb die Frage: Ist das wahnsinnig intelligent oder einfach nur wahnsinnig? Am Ende habe ich beschlossen, ...

Zu Beginn wusste ich nicht, was ich von diesem Roman halten sollte, und selbst nach der letzten Seite blieb die Frage: Ist das wahnsinnig intelligent oder einfach nur wahnsinnig? Am Ende habe ich beschlossen, dass es wohl beides ist – und genau darin liegt seine Stärke.

Sprachlich ist Schleifen ein faszinierendes Experiment. Hirschl macht Sprache nicht nur zum Thema, sondern zum strukturellen Prinzip des Romans. Sie ist hier kein neutrales Transportmittel von Bedeutung, sondern eine Kraft mit realen Konsequenzen. Franziskas Krankheit – die Fähigkeit, Symptome zu übernehmen, von denen sie liest oder hört – wirkt zunächst wie eine bizarre Idee, verliert jedoch schnell ihre rein medizinische Dimension. Sie wird zum literarischen Beweisstück dafür, dass Sprache Wirklichkeit erzeugt.

Je weiter die Handlung voranschreitet, desto deutlicher verschiebt sich der Fokus: Es geht nicht mehr um Krankheit im engeren Sinn, sondern um die Macht der Begriffe, um Diskurse, um Konstruktion. Sprache infiziert, strukturiert, verformt. Und genau hier entfaltet der Roman seine verstörende Aktualität. In Zeiten von Fake News, algorithmischer Echokammern und polarisierenden Wahlkämpfen liest sich dieses Buch wie ein intellektueller Stresstest: Was ist Fakt, was ist Behauptung, was ist bloße rhetorische Simulation von Wahrheit?

Immer wieder musste ich beim Lesen austarieren, ob der Text mich bewusst in die Irre führt oder ob er mir einen philosophischen Kern präsentiert. Diese Ambiguität ist kein Nebeneffekt, sondern spielt sich auf mehreren Ebenen ab: erzählerisch, essayistisch, meta-reflexiv. Er spielt mit wissenschaftlichen Anmutungen, mathematischen Exkursen und sprachphilosophischen Gedankengängen, ohne je ganz preiszugeben, ob wir uns noch im Feld der Erkenntnis oder bereits im Reich der Konstruktion befinden.

Gerade diese Doppelbewegung – zwischen intelligenten Gedankenausflügen und absurder Überzeichnung – macht das Leseerlebnis so intensiv. Das Buch ist unterhaltsam und anstrengend zugleich. Es ist witzig, teilweise urkomisch in seinen sprachlichen Volten, und gleichzeitig erschreckend präzise in seiner Analyse diskursiver Mechanismen. Man liest nicht einfach eine Geschichte, sondern bewegt sich durch gedankliche Schleifen, die das eigene Denken spiegeln und infrage stellen.

Für mich ist Schleifen ein Roman, wie ich ihn bislang nicht gelesen habe. Intelligent und absurd, fordernd und faszinierend. Er richtet sich an Alle die bereit sind, sich auf eine Metaebene einzulassen – auf ein Nachdenken über Sprache selbst, über ihre Macht und ihre Gefährlichkeit.

Am Ende bleibt ein Gedanke, der lange nachhallt: Vielleicht sind selbst die vermeintlichen Grundmauern unserer Gedankenwelt keine festen Strukturen, sondern bewegliche Konstruktionen. Vielleicht ist selbst Mathematik nicht der letzte sichere Hafen, sondern ebenfalls ein philosophisch aufgeladener, mitunter prekärer Raum. Und vielleicht wissen wir tatsächlich weniger, als wir glauben – und erzählen uns die Welt nur so, wie sie uns gerade passt.

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Veröffentlicht am 15.06.2026

Authentisch

Herz König
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"Herz König" ist der erste Roman, den ich von Lily King lese und mir wurde klar, wieso ihre Romane so beliebt sind. Die Geschichte ist knapp, knackig geschrieben, ohne viel Dramatisierung und trotzdem ...

"Herz König" ist der erste Roman, den ich von Lily King lese und mir wurde klar, wieso ihre Romane so beliebt sind. Die Geschichte ist knapp, knackig geschrieben, ohne viel Dramatisierung und trotzdem tiefgründig und von einer starken Ambivalenz charakterisiert. In nur 222 Seiten durchleben wir eine (Liebes-)Geschichte, die sich durch ein ganzes Leben einer Person zieht - gleichermaßen Liebesgeschichte und Entwicklungsroman.
Mit sehr viel Authentizität zeichnet King die Entwicklung einer jungen Frau, die später in ihrem Leben mit den Entscheidungen ihrer Jugend konfrontiert ist, ohne daraus eine eindeutige Moralgeschichte entstehen zu lassen. Der Fokus liegt weniger darauf, ob die Hauptperson etwas richtig oder falsch gemacht hat, sondern darauf, welche unterschiedlichen Wege das Leben für uns bereithält und wie die Menschen unser Leben nachhaltig prägen.
Der Roman zeugt von einer beeindruckenden Ehrlichkeit und Rohheit, die mir das Gefühl gegeben haben, dass die Autorin biographisch sehr viel in die Geschichte hat einfließen lassen.
Ich kann nicht genau den Finger darauf legen, aber der Roman hat mich berührt und gefesselt und hallt noch nach. Die Rohheit von Liebe, die schweren Entscheidungen in der Jugend und gleichzeitig die Erkenntnis, dass ein erfülltes Leben nicht davon abhängt, ob wir "die richtigen Entscheidungen" getroffen haben, machen dieses Buch für mich besonders.

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Veröffentlicht am 01.06.2026

Tiefgründige Einblicke

John of John
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„John of John“ gibt einen tiefen Einblick in das Leben zweier homosexueller Männer auf den Äußeren Hebriden, einer abgelegenen schottischen Inselwelt, auf der die „Moderne“ noch keinen wirklichen Einzug ...

„John of John“ gibt einen tiefen Einblick in das Leben zweier homosexueller Männer auf den Äußeren Hebriden, einer abgelegenen schottischen Inselwelt, auf der die „Moderne“ noch keinen wirklichen Einzug gehalten zu haben scheint. Douglas Stuart zeichnet das Bild zweier Männer, die zwischen religiösen Dogmen, Armut, harter Arbeit und emotionaler Sprachlosigkeit gefangen sind. Die Atmosphäre erinnerte mich stellenweise an Hugos „Die Elenden“ sowie Brontes "Sturmhöhe": Hoffnungslosigkeit, Gewalt und unterdrückte Sehnsüchte prägen den Alltag vieler Figuren.

Besonders berührend fand ich, wie Stuart die innere Zerrissenheit seiner Charaktere beschreibt. Vieles wirkt sehr persönlich und authentisch, als würde der Autor eigene Erfahrungen und Beobachtungen einfließen lassen. Dabei erzählt er nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch von generationsübergreifender Einsamkeit und dem Druck traditioneller Männlichkeitsbilder.
Die beiden Johns verbindet die Sehnsucht nach Freiheit und Nähe, gleichzeitig aber auch die Unfähigkeit, sich wirklich von dem zu lösen, was vertraut und gesellschaftlich akzeptiert ist. Der eine hält trotz Wollallergie und dem langsamen Sterben des Tweed-Handwerks an seiner Arbeit fest, der andere scheint emotional auf der Insel gefangen zu sein, obwohl er sich nach einem anderen Leben sehnt.

Ein Buch, was mich trotz der Länge gefesselt und nicht losgelassen hat und mich einmal mehr zum reflektieren gebracht hat.

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Veröffentlicht am 11.02.2026

Zart, langsam, atmend.

Halber Stein
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Halber Stein ist ein sehr zartes, langsames Buch. Eine Geschichte, die sich in der Natur entfaltet und Leser*in wie auf einem leichten Windhauch durch die Geschichte trägt. Das Buch handelt von Fragen ...

Halber Stein ist ein sehr zartes, langsames Buch. Eine Geschichte, die sich in der Natur entfaltet und Leser*in wie auf einem leichten Windhauch durch die Geschichte trägt. Das Buch handelt von Fragen wie Ankommen, Heimat und Identität. Davon, was wir aufgeben und zurücklassen, wenn wir gen Zukunft gehen, aber auch davon, dass wir bei aller Progression auch zurückblicken dürfen und dort - im Zurück - etwas auf uns warten kann. Die Protagonistin steht vor der Frage der Integration dieser beiden Anteile: der Vergangenheit, ihrer Herkunft, einen Teil, den sie lange ignoriert hat und der Zukunft. Ausgelöst durch einen traurigen Umstand reist sie zusammen mit ihrem Vater zu diesem Teil und stellt sich all den Fragen. Konfrontiert mit der Vergangenheit erleben wir mit der Protagonistin genau diese Auseinandersetzung.

Halber Stein hat mir sehr durch seine Ruhe gefallen und durch die Sanftheit, mit der ich durch die Geschichte geführt wurde. An vereinzelten Stellen ist es mir etwas schwer gefallen, mich auf die Geschichte einzulassen, aber im Großen und Ganzen hat mich der Roman sehr überzeugt. Eine Empfehlung für alle, die ruhige, tiefe Geschichten mögen und sich gerne auf malerische Szenen und Reflexionsmomente einlassen möchten.

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Veröffentlicht am 17.10.2025

Spannende Kriminalreportage

Protokoll eines Verschwindens
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Ich fand die Geschichte sehr gelungen – vor allem journalistisch ist sie extrem stark geschrieben. Alexander Rupflin versteht es, uns direkt in die Szenen hineinzuführen. Es hat sich oft so angefühlt, ...

Ich fand die Geschichte sehr gelungen – vor allem journalistisch ist sie extrem stark geschrieben. Alexander Rupflin versteht es, uns direkt in die Szenen hineinzuführen. Es hat sich oft so angefühlt, als würde ich einen langen, hervorragend recherchierten Artikel aus dem ZEITmagazin hören: voller atmosphärischer Details, die sofort Bilder im Kopf entstehen lassen.
Mit der Stimme des Sprechers konnte ich allerdings nicht ganz warm werden – in schriftlicher Form hätte mir das Buch vermutlich noch besser gefallen. Schade fand ich auch, dass es keine endgültige Auflösung des Falls gibt. Gleichzeitig ist das wohl einfach die Realität, und dafür kann der Autor natürlich nichts.
Insgesamt eine sehr gut aufbereitete Kriminalgeschichte, die dem Opfer mehr Raum gibt als dem Täter und die moralische Graubereiche auslotet, statt einfache Gut-und-Böse-Bilder zu zeichnen.

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