Aufwachsen im Kalifat
Der letzte Sommer der TaubenMein erstes Jahres-Highlight hab ich schon gefunden. Und wie immer, wenn mich ein Buch so dermaßen bewegt und berührt, weiß ich nicht recht, wie ich es beschreiben soll.
Noah ist 14 Jahre alt und muss ...
Mein erstes Jahres-Highlight hab ich schon gefunden. Und wie immer, wenn mich ein Buch so dermaßen bewegt und berührt, weiß ich nicht recht, wie ich es beschreiben soll.
Noah ist 14 Jahre alt und muss im Kalifat aufwachsen. Er und sein Onkel Ali sind Taubenzüchter und auf dem Dach seiner Familie schaut er jeden Tag nach seinen Tauben. Das Kalifat verändert so einiges in Noahs Leben. So muss er seinem Vater im Textilgeschäft beim Schwärzen der abgebildeten Frauenkörper auf der Ware helfen. In dem kleinen Restaurant „Haifa“, wo Noah und sein Vater öfter essen, wird nicht mehr die klassische arabische Musik gespielt, sondern religiöse Gesänge. Seine Mutter darf nicht mehr im Geschäft mitarbeiten und ohne männliche Begleitung das Haus verlassen. Seine Schwester ist schwanger, aber ihr Mann, der bei der Polizei arbeitet, wurde eingesperrt. Es gibt keine Fußballübertragungen mehr und Cafés sind geschlossen. Auch seine Freundschaften sind nicht mehr das, was sie waren. Die alte Clique, die„Al-Pacinos“, gibt es nicht mehr. Shirzad und seine Familie sind verschwunden und Mohamed ist nach einem Ferienlager nicht mehr derselbe.
Abbas Khider schreibt diese bewegende Geschichte relativ zurückhaltend, die Sprache ist nüchtern, die Kapitel sind kurz. Ein Kapitel geht meist nur über 1-2 Seiten. So war ich nach dem ersten Kapitel wirklich skeptisch, ob mich dieses Buch tatsächlich erreichen kann. Wie soll ich in einen Lesefluss kommen? Wann soll ich es fühlen? Und schon ab dem zweiten hab ich verstanden, warum diese Kapitel so kurz sind. Damit ich verdauen kann, damit ich begreifen kann, damit ich Pausen einlegen kann. Die Lichtblicke waren immer die Momente mit Onkel Ali und den Tauben. Onkel Ali, der die Freiheit nicht aufgeben wollte. Die Tauben, die uns den Himmel zeigten.
Dieses Buch hat definitiv mein Herz gebrochen, mir so deutlich gezeigt, was es heißt, wenn alte Realitäten nicht mehr existieren dürfen, wenn die Freiheit einem geraubt wird. Ich dachte an so viele aktuelle Staaten, in denen es eine Reihe von Noahs und seiner Familie gibt. Dieses Buch hat es geschafft, all die Nachrichtenbilder lebendig zu machen, mich mit Noahs Familie mitfühlen zu lassen und die Bedrohung, Angst, aber auch Hoffnung zu spüren. Von mir eine klare Leseempfehlung.
S.17 „Jetzt fahre ich mit dem Marker über das schwarze Haar der Frau auf der Verpackung - Schwarz auf Schwarz. Dieselbe Farbe, und doch soll die echte, die ihr von Gott gegebene, verschwinden. Jemand hier hat Sinn für Ironie. Entweder Gott. Oder die Mudschahedin.“