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Veröffentlicht am 12.02.2026

Aufwachsen im Kalifat

Der letzte Sommer der Tauben
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Mein erstes Jahres-Highlight hab ich schon gefunden. Und wie immer, wenn mich ein Buch so dermaßen bewegt und berührt, weiß ich nicht recht, wie ich es beschreiben soll.

Noah ist 14 Jahre alt und muss ...

Mein erstes Jahres-Highlight hab ich schon gefunden. Und wie immer, wenn mich ein Buch so dermaßen bewegt und berührt, weiß ich nicht recht, wie ich es beschreiben soll.

Noah ist 14 Jahre alt und muss im Kalifat aufwachsen. Er und sein Onkel Ali sind Taubenzüchter und auf dem Dach seiner Familie schaut er jeden Tag nach seinen Tauben. Das Kalifat verändert so einiges in Noahs Leben. So muss er seinem Vater im Textilgeschäft beim Schwärzen der abgebildeten Frauenkörper auf der Ware helfen. In dem kleinen Restaurant „Haifa“, wo Noah und sein Vater öfter essen, wird nicht mehr die klassische arabische Musik gespielt, sondern religiöse Gesänge. Seine Mutter darf nicht mehr im Geschäft mitarbeiten und ohne männliche Begleitung das Haus verlassen. Seine Schwester ist schwanger, aber ihr Mann, der bei der Polizei arbeitet, wurde eingesperrt. Es gibt keine Fußballübertragungen mehr und Cafés sind geschlossen. Auch seine Freundschaften sind nicht mehr das, was sie waren. Die alte Clique, die„Al-Pacinos“, gibt es nicht mehr. Shirzad und seine Familie sind verschwunden und Mohamed ist nach einem Ferienlager nicht mehr derselbe.

Abbas Khider schreibt diese bewegende Geschichte relativ zurückhaltend, die Sprache ist nüchtern, die Kapitel sind kurz. Ein Kapitel geht meist nur über 1-2 Seiten. So war ich nach dem ersten Kapitel wirklich skeptisch, ob mich dieses Buch tatsächlich erreichen kann. Wie soll ich in einen Lesefluss kommen? Wann soll ich es fühlen? Und schon ab dem zweiten hab ich verstanden, warum diese Kapitel so kurz sind. Damit ich verdauen kann, damit ich begreifen kann, damit ich Pausen einlegen kann. Die Lichtblicke waren immer die Momente mit Onkel Ali und den Tauben. Onkel Ali, der die Freiheit nicht aufgeben wollte. Die Tauben, die uns den Himmel zeigten.
Dieses Buch hat definitiv mein Herz gebrochen, mir so deutlich gezeigt, was es heißt, wenn alte Realitäten nicht mehr existieren dürfen, wenn die Freiheit einem geraubt wird. Ich dachte an so viele aktuelle Staaten, in denen es eine Reihe von Noahs und seiner Familie gibt. Dieses Buch hat es geschafft, all die Nachrichtenbilder lebendig zu machen, mich mit Noahs Familie mitfühlen zu lassen und die Bedrohung, Angst, aber auch Hoffnung zu spüren. Von mir eine klare Leseempfehlung.

S.17 „Jetzt fahre ich mit dem Marker über das schwarze Haar der Frau auf der Verpackung - Schwarz auf Schwarz. Dieselbe Farbe, und doch soll die echte, die ihr von Gott gegebene, verschwinden. Jemand hier hat Sinn für Ironie. Entweder Gott. Oder die Mudschahedin.“

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Veröffentlicht am 01.04.2026

Ruhig und langsam auf Sinnliche

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Bei mir hat sich in diesem Monat einiges verändert, weshalb ich kaum Zeit fürs Lesen gefunden hatte. Deshalb war „Statt aus dem Fenster zu schauen“ genau das richtige Buch für mich. Es ist ein langsames, ...

Bei mir hat sich in diesem Monat einiges verändert, weshalb ich kaum Zeit fürs Lesen gefunden hatte. Deshalb war „Statt aus dem Fenster zu schauen“ genau das richtige Buch für mich. Es ist ein langsames, ruhiges und nachdenkliches Buch. Es passiert nicht viel im Äußeren, aber dafür ganz viel im Inneren.

Der Anfang hatte mich sofort gepackt. Sophie sitzt im Büro ihres langweiligen Praktikums und klickt sich durch Kleinanzeigen im Internet. Aus einem Impuls heraus kauft sie ein verfallenes Haus mitten im Nirgendwo im Osten Deutschlands für 3000 Euro und verlässt sofort, ohne jemandem Bescheid zu geben, ihre langweilige Praktikumsstelle. In ihrer WG-Wohnung angekommen, packt sie ihre wenigen Besitztümer in ihren Reiserucksack und ihre übrigen Sachen in eine Plastiktüte, mit einem Zettel als Info an die Mitbewohner, dass sie diese Tüte demnächst abholt. Sie nimmt ihr Fahrrad, kauft ein Bahnticket und fährt in die ostdeutsche Provinz. Dort angekommen, mitten in der Ruhe, kommt sie zum Nachdenken.

Was fast ein wenig romantisch klingt, ist gar nicht so romantisch. Das Haus hat ein Loch im Dach, liegt weit weg von der nächsten Ortschaft und Sophies Erspartes ist dank des Hauskaufs fast aufgebraucht. In ihrem Haus gibt es anfangs keinen Strom, Internet ist auch nicht vorhanden und dafür viel Zeit zum Grübeln. Zeit, in der Sophie darüber nachdenken kann, ob sie mit ihren 25 Jahren wirklich genau da angekommen ist, wo sie ankommen wollte, oder sich in ihrem Leben dort befindet, wo all die anderen sie sehen wollten. Ist es sinnvoll, nach dem Studium einem Job nachzugehen, der sie langweilt, oder allein in der Pampa ein Haus zu sanieren, einen Kartoffelacker anzulegen, Gemüse anzubauen und Hühner zu halten?
Mir hat dieses Buch richtig gutgetan und geholfen, in meinem momentan turbulenten Leben etwas zur Ruhe zu kommen. Gedanken fließen zu lassen, mitzuerleben, wie Sophie einfach anpackt, ohne darüber nachzudenken, wie es weitergeht. Bleibt sie wirklich in diesem Haus mitten im Nichts oder geht sie doch wieder zurück in ihr „vorgeplantes“ Leben? Es war eine Wohltat zu lesen, dass nicht immer alles Sinn machen muss und trotz allem sinnvoll sein kann. Ich kann dieses Buch nur empfehlen, für alle, die ein wenig eine Mischung aus Einsiedlerleben und Coming-of-Age lesen möchten.

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Büroleben als Spiegel der Gesellschaft

Richtig gutes Essen
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Hier hat mich das Buchcover gleich angesprochen: klar, schlicht und geradlinig. Ohne den Namen der Autorin oder des Titels zu lesen, stellte ich gleich eine Verbindung zu Japan her.

Nitani wünscht sich, ...

Hier hat mich das Buchcover gleich angesprochen: klar, schlicht und geradlinig. Ohne den Namen der Autorin oder des Titels zu lesen, stellte ich gleich eine Verbindung zu Japan her.

Nitani wünscht sich, er könnte dreimal am Tag Instantnudeln essen und alle Voraussetzungen für ein gesundes Leben wären erfüllt. Oder dass es eine Tablette gäbe, die man einnimmt und die alle Nährstoffe und Kalorien enthält. Aber er arbeitet in einem Büro, in dem das Essen ein wichtiges Bindeglied zwischen den Mitarbeitern ist. In den Pausen wird zusammen gegessen - Essen verbindet, Essen genießt man und zusammen schmeckt alles besser. Vor kurzem ist er in die Zweigstelle nach Saitama versetzt worden und lernt nach und nach alle Kolleg*innen kennen. Ashikawa scheint die perfekte Frau zum Heiraten zu sein - sie kann gut kochen, backen und ist nett zu allen. Seine Kollegin Oshio, die irgendwie unangepasster, direkter und ehrlicher ist, wird seine Trinkpartnerin. Abends, wenn sie länger im Büro arbeiten, gehen sie in ein Izakaya und trinken ein Bier zusammen. Dabei gesteht Oshio Nitani, dass sie Ashikawa nicht leiden kann, da diese nicht mit vollem Einsatz arbeitet wie sie selbst. Ashikawa kommt nicht zu Schulungen, ist schnell überfordert, geht auf Grund von Kopfschmerzen früher nach Hause, und alle nehmen Rücksicht auf sie.

Es ist schwer, hier eine einfache Zusammenfassung zu geben, denn in den knapp 160 Seiten wird zwar nüchtern und sachlich ein Büroleben beschrieben, viel über Arbeitsmoral und Essen erzählt und doch liegt auch einiges zwischen den Zeilen verborgen. So fällt mir erst nach und nach auf, dass es mich erstaunt, dass Nitani das Essen, welches Ashikawa ihm liebevoll zu Hause zubereitet, verabscheut, jedoch nach Feierabend mit Oshio gerne trinken und essen geht. Oshio und Natani teilen offenbar viel: die Liebe zu Büchern, das angepasste Arbeiten und auch falsche Lebensentscheidungen. Trotzdem wirkt Oshio nur wie eine Kollegin, während Ashikawa die Frau zu sein scheint, die man heiraten möchte.
Erzählt wird diese Geschichte aus Nitanis und Oshios Sicht. Dabei ist Oshios Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben. Ich habe bereits mehrere japanische Bücher gelesen und bin dennoch stets aufs Neue erstaunt darüber, wie distanziert zwischenmenschliche Themen behandelt werden. Und auch in diesem Roman fällt mir wieder auf, dass in der japanischen Literatur Essen eine große Rolle spielt. Es scheint mir, als wäre das gemeinsame Essen in der Gesellschaft hoch angesehen und die einzige „freie Zeit“, in der soziales Leben stattfinden kann. Essen wird gefeiert und scheint eine größere Bedeutung zu haben als die reine Nahrungsaufnahme. Als Leserin frage ich mich natürlich, welche tiefere Bedeutung Nitanis Abscheu gegenüber dem gemeinsamen Essen und den frischen Zutaten hat.
Für mich war es unterhaltsam und ich hab bemerkt, dass ich allmählich Zugang zur japanischen Literatur gefunden habe. Sachlich und distanziert heißt nicht gleich emotionslos. Für mich empfehlenswert, aber Vorsicht: Der Hunger schleicht sich beim Lesen ein.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Die Suche nach Sprache und Identität im Exil und innerhalb der Familie

Immergrün
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Dieses Buch klang für mich sehr interessant: Eine ukrainisch-litauische Frau, die zwei Urnen von Deutschland nach Litauen bringen möchte, um sie dort in das Familiengrab beizusetzen. In den Urnen befinden ...

Dieses Buch klang für mich sehr interessant: Eine ukrainisch-litauische Frau, die zwei Urnen von Deutschland nach Litauen bringen möchte, um sie dort in das Familiengrab beizusetzen. In den Urnen befinden sich die Asche ihrer Mutter und Großmutter, beide am selben Tag gestorben, aber mit Jahren Abstand dazwischen. Eine Fahrt in die Heimat, die Erinnerungen aufleben lässt - von der Mutter, dem Vater, der Familie - das Aufwachsen in der Sowjetunion, das Emigrieren nach Israel, welches anders war als vorgestellt, um dann in das gelobte Land, Deutschland, zu fahren. Die fehlende Sprache, die nicht anerkannten Abschlüsse, die Verzweiflung, das Unglück, das sich aufs Familienleben ausweitet, die Tochter, die keine Struktur bekommt und viele Aufgaben der Eltern erledigen muss. Eltern, die nur noch schreiend miteinander kommunizieren, und Geld, das fehlt. Familienmitglieder, die vermisst werden, getrennt vom Eisernen Vorhang.

Sehr persönliche und emotionale Themen, die sachlich beschrieben werden. Dieser nüchterne Schreibstil war für mich nachvollziehbar, da vieles in der Familie auch ungesagt geblieben ist, aber es hat bei mir dazu geführt, dass ich auf Distanz zum Text geblieben bin. Hier und da blitzen poetische Abschnitte durch, die mich tatsächlich auch sofort näher an die Geschichte gebracht haben, aber leider waren diese Abschnitte für mich zu selten. Ich konnte die Verzweiflung der Eltern nachempfinden: ein jüdischer Regisseur aus der Ukraine und eine litauische, jüdische Sängerin, die für sich und ihren Nachwuchs ein anderes Leben planen als das in der antisemitischen Sowjetunion. Die Realität, die einen auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Erst in Israel nicht das Leben führen zu können wie gedacht: zu wenig Geld, zu heiß und politisch unsicher. Dann in Deutschland angekommen, keine Möglichkeit, das gewünschte künstlerische Leben weiterzuführen. Die Abschlüsse, die nicht anerkannt werden, die Sprache, die noch nicht gesprochen wird, und das Geld, das immer noch zu wenig vorhanden ist. Eine Geschichte, die nicht nur in Deutschland auf der Suche nach Identität ist, sondern auch innerhalb der Familie. Ich habe durch diesen Roman Neues dazugelernt, wie vielfältig die Sowjetunion war und wie entmutigend und deprimierend der Neuanfang sein kann. Ich hätte es mir allerdings etwas intensiver gewünscht, aber vielleicht ist hier zu viel Biografisches enthalten, welches nur mit Abstand erzählt werden kann.

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