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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.03.2026

Intensiver und berührender Roman über ein wichtiges Thema

Sie wollen uns erzählen
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In ihrem aktuellen Buch "Sie wollen uns erzählen" widmet sich die österreichische Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher dem wichtigen Thema Neurodivergenz.

Oswald, genannt Oz oder Ozzy, ist 9 Jahre ...

In ihrem aktuellen Buch "Sie wollen uns erzählen" widmet sich die österreichische Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher dem wichtigen Thema Neurodivergenz.

Oswald, genannt Oz oder Ozzy, ist 9 Jahre alt und geht in die dritte Klasse. Er ist ein besonderes Kind, denn er hat ADHS. Ozzy mag nicht spielen wie andere Kinder, er ist einfühlsam und hat ein gutes Gespür für andere Menschen. Der Junge ist klug und weiß sich gut auszudrücken. Seine Mutter Ann ist Sozialwissenschaftlerin, sie ist aufbrausend und geht in ein Impulskontrolltraining. Sein Vater Christian, überfordert von der familiären Situation, lebt und arbeitet inzwischen in Wien.
Am letzten Schultag vor den Sommerferien bringt Ozzy einen Brief von der Schule mit nach Hause und überlegt, wie er seiner Mutter am besten beichten kann, was in der Schule Schreckliches passiert ist. Doch dazu kommt es nicht, denn Ann erhält einen Anruf aus dem Krankenhaus, weil ihre Mutter Zäzilia kurz vor einer Operation spurlos verschwunden ist. Besorgt macht sich Ann mit Oz auf den Weg, um sie zu suchen .....

Die Geschichte ist abwechselnd aus Sicht der beiden Protagonisten in ganz wunderbarer und klarer Sprache mit feinem Humor erzählt, die Charaktere sind sehr realistisch gezeichnet. Ich musste mich zunächst ein wenig an den eigenwilligen Schreibstil der Autorin gewöhnen, sie springt zwischen Anns und Ozzys Gedanken und Handlungen hin und her, doch genau diese besondere Erzählweise ist es, die uns die Figuren ganz nahe bringt.

Ann liebt ihren Jungen über alles, die beiden haben ein enges Verhältnis zueinander. Auch Ann wurde schon als Kind als eigenartig und wild wahrgenommen, hat aber im Gegensatz zu Ozzy ohne die Diagnose ADHS ein normales Leben führen können. Sie weiß, dass Ozzy ähnlich denkt und fühlt wie sie, seine Gedanken oft abschweifen und er in Tagträumen versinkt. Ich mochte Ann, die für ihren Jungen kämpft, ihn beschützen möchte und nicht zulässt, dass er wegen seines Andersseins medikamentös behandelt wird. Am intensivsten und berührendsten fand ich den Abschnitt, als Ozzy allein unterwegs ist. Ann schafft es kaum, sich selbst zu beruhigen, sie will ihr Kind nicht ängstigen und wächst dabei über sich selbst hinaus. Den kleinen Ozzy, der weiß, dass er anders ist als andere Kinder und immer darum bemüht ist, sich so zu verhalten, dass seine Mutter sich nicht aufregt, habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Seine Schilderung des Vorfalls mit dem Hasen am Ende des Buches fand ich herzzerreißend.

Der Autorin ist mit "Sie wollen uns erzählen" ein ganz wunderbares Buch gelungen, das Verständnis für Menschen mit ADHS weckt und uns mit viel Empathie vermittelt, wie sie denken und empfinden, und wie schwer und herausfordernd der Alltag für sie sein kann. Ich habe die fesselnde Geschichte, in der es neben dem zentralen Thema Neurodivergenz auch um eine unzuverlässige Schwester und Anns Mutter geht, die an Demenz erkrankt ist, sehr gern gelesen, sie hat mich beeindruckt und tief berührt.

Absolute Leseempfehlung für diesen großartigen Roman!

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Intensive und fesselnde Familiengeschichte

Alle glücklich
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Im Mittelpunkt von Kira Mohns neuem Roman "Alle glücklich" steht die Familie Holtstein, eine ganz normale und anscheinend glückliche Familie. Die Mutter Nina arbeitet vormittags in einer Hausarztpraxis, ...

Im Mittelpunkt von Kira Mohns neuem Roman "Alle glücklich" steht die Familie Holtstein, eine ganz normale und anscheinend glückliche Familie. Die Mutter Nina arbeitet vormittags in einer Hausarztpraxis, ihr Ehemann Alexander ist Oberarzt in einem Krankenhaus. Die gemeinsame Tochter Emilia ist 16 Jahre alt und verliebt in ihren Freund Julian. Ihr drei Jahre älterer Bruder Ben studiert, beschäftigt sich aber viel lieber mit Computerspielen.

Eigentlich scheinen alle glücklich zu sein, doch die Fassade bröckelt. Nina, die ihr Medizinstudium der Familie zuliebe aufgegeben hatte, sitzt ohne Wissen ihres Mannes nachmittags an der Supermarktkasse, um sich etwas Geld für ihre persönlichen Bedürfnisse dazuzuverdienen. Alexander opfert sich für seine Patienten auf und fühlt sich innerhalb der Familie nicht wertgeschätzt, obwohl er doch alles für sie tut. Ben ist nicht zufrieden mit seiner Studienwahl und leidet darunter, keine Freundin zu haben, während Emilia sich zusehends in ihrer Beziehung verliert.

Die Geschichte ist in schöner Sprache mitreißend erzählt und liest sich sehr flüssig. Gekonnt und mit viel Feingefühl zeichnet die Autorin das Bild einer Familie, in der nach und nach unausgesprochene Konflikte und Spannungen zutage treten, Sehnsüchte sichtbar werden. Die Protagonisten sind authentisch dargestellt, sie alle haben ihre eigenen Probleme und Geheimnisse. Ich mochte die Familie, auch wenn ich die Handlungsweisen der einzelnen Personen nicht immer nachvollziehen konnte. Am meisten überrascht haben mich Ninas persönliche Entwicklung und ihre Entscheidung am Ende des Buchs. Sehr berührend fand ich die innige und vertrauensvolle Beziehung zwischen Ben und seiner Schwester.

Die Kapitel sind abwechselnd aus Sicht der einzelnen Personen geschrieben. Diese Erzählweise hat mir sehr gut gefallen, weil nicht nur einige Ereignisse durch verschiedene Sichtweisen unterschiedlich dargestellt wurden, sondern ich darüber hinaus die Protagonisten immer besser kennenlernte und tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt blicken konnte.

"Alle Glücklich" hat mich von Beginn an in seinen Bann gezogen. Das Buch ist nicht nur ein fesselnder und berührender Familienroman, es ist auch eine Geschichte über Schweigen, Entfremdung und Überforderung, die mich noch lange beschäftigen wird.

Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 06.03.2026

Beeindruckender Roman mit Tiefgang

Letzter Akt
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In seinem neuen Roman "Letzter Akt", der im Dumont Verlag erschienen ist, erzählt Andreas Schäfer die Geschichte der Schauspielerin Dora Martin. Die 41-Jährige, die eigentlich Dorothea heißt und in Frankfurt ...

In seinem neuen Roman "Letzter Akt", der im Dumont Verlag erschienen ist, erzählt Andreas Schäfer die Geschichte der Schauspielerin Dora Martin. Die 41-Jährige, die eigentlich Dorothea heißt und in Frankfurt aufgewachsen ist, ist unmittelbar nach ihrem Abitur nach London gezogen. Nachdem sie dort viele Jahre in Filmen und Fernsehproduktionen erfolgreich war, steht sie nun wieder auf einer Theaterbühne. Bei der Premierenfeier in einer Bar lernt sie den schottischen und in der Kunstszene unbekannten Maler Victor Hastings kennen, der anscheinend noch nie etwas von ihr gehört hat. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen und werden ein Paar. Sie treffen sich heimlich, fernab der Öffentlichkeit, in Victors Wohnung. Victor kommt nie ins Theater, um sie auf der Bühne zu sehen, er ist damit beschäftigt, seine Ausstellung vorzubereiten. Bald bittet Dora ihren Freund, sie zu malen. Als sie das fertige Bild sieht, ist sie fassungslos ....

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, der erste und umfangreichste Teil spielt 2005 in London, im zweiten Teil springt die Handlung ins Jahr 1982, und wir lernen die junge Dorothea und ihre Freundin Vera kennen. Die beiden spielen mit Begeisterung in der Theatergruppe ihrer Schule. Der letzte, nur wenige Seiten umfassende Teil, spielt im Jahr 2010 in Schottland und erzählt, wie es mit Dora und Victor weitergegangen ist.

Die fesselnde Geschichte hat mir sehr gut gefallen, ich mochte den ruhigen Erzählstil und die schöne Sprache. Die Charaktere sind authentisch und liebevoll gezeichnet. Ich mochte die ehrgeizige Dora und habe ihren Mut bewundert, in so jungen Jahren nach London zu gehen. Dort konnte sie sich vollkommen neu erfinden und ihre Träume verwirklichen. Es war spannend, hinter die Kulissen eines Theaters zu blicken und in die Welt der Kunst einzutauchen.
Der zweite Teil des Buches, der 1982 spielt und in dem es um die Schülerinnen Dorothea und Vera geht, hat mich besonders berührt. Ich konnte sehr gut nachempfinden, in welcher Konfliktsituation Dorothea sich damals befand. Sie brannte für ihr Lebensziel und musste die Weichen für ihre Zukunft stellen.
Der dritte Teil des Buches stellte für mich einen gelungenen und stimmigen Abschluss dar.

Absolute Leseempfehlung für diesen beeindruckenden Roman, in dem es nicht nur um das Leben und die Kunst, sondern auch um eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung und die Bewältigung einer verdrängten Vergangenheit geht.

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Veröffentlicht am 01.03.2026

Mitreißende und intensiv erzählte Geschichte

Grüne Welle
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Nach dem Debütroman "Ohne mich" der Juristin und Autorin Esther Schüttpelz hat der Diogenes Verlag nun "Grüne Welle" veröffentlicht.
 
Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine namenlose Künstlerin, die ...

Nach dem Debütroman "Ohne mich" der Juristin und Autorin Esther Schüttpelz hat der Diogenes Verlag nun "Grüne Welle" veröffentlicht.
 
Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine namenlose Künstlerin, die nach einem Kinobesuch mit ihrer besten Freundin mit ihrem alten Golf unterwegs nach Hause ist. Es ist dunkel, sie folgt einer Umleitung und biegt falsch ab. Sie nimmt sich vor, an der nächsten roten Ampel zu wenden, doch die Ampeln zeigen grün, und so fährt sie immer weiter, ohne Ziel. Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie weiß, dass ihr Mann sich Sorgen machen wird, und doch entfernt sie sich immer weiter von zuhause. Mitten in der Nacht fährt sie trotz aufkommender Müdigkeit auf die Autobahn, und irgendwann ist sie wieder auf der Landstraße. An einer Tankstelle nimmt sie zwei junge Anhalterinnen mit ...
 
Wir folgen der Protagonistin für die Dauer von 24 Stunden auf ihrer Fahrt und erleben dabei ihren inneren Monolog. Sie denkt an ihre Freundin, die sie vor Jahren an der Kunsthochschule kennenlernte, und sie denkt an ihren Mann, einen Juristen, der sie ständig kontrolliert und ihr wenig Freiräume lässt.
Parallel begleiten wir die Freundin der Frau, mit der der Ehemann der Frau Kontakt aufgenommen hat, nachdem diese nach dem Kinobesuch nicht nach Hause gekommen ist.
 
Die Autorin erzählt die ungewöhnliche und teilweise beklemmende Geschichte in schöner Sprache und ruhigem Tempo. Die interessante Protagonistin, im Buch durchgehend nur als "die Frau" bezeichnet, ist großartig skizziert, ich konnte mich gut in ihre Gedankenwelt hineinversetzen, jedoch nicht jede ihrer Handlungen nachvollziehen. Auch die Nebenfiguren sind sehr gut gezeichnet: der unsympathische und autoritäre Ehemann, die langjährige Freundin und die beiden Anhalterinnen, die der Frau unbequeme Fragen stellen.
 
Ich habe das mitreißende und nachdenklich machende Buch, in dem eine Frau sich während einer langen Autofahrt intensiv mit ihrem Leben auseinandersetzt, bis zum für mich stimmigen und hoffnungsvollen Ende sehr gern gelesen. 

Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Schmerzhafte Erinnerungen

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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In ihrem Buch "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen" erinnert sich die Niederländerin Christien Brinkgreve, emeritierte Professorin für Soziologie, an ihre langjährige Ehe mit dem Journalisten Arend Jan ...

In ihrem Buch "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen" erinnert sich die Niederländerin Christien Brinkgreve, emeritierte Professorin für Soziologie, an ihre langjährige Ehe mit dem Journalisten Arend Jan Heerma van Voss, den sie in ihrem Buch "A" nennt.

Es ist ein kalter Tag im März 2022, die Beerdigung ihres Mannes liegt gerade hinter ihr, als die Ich-Erzählerin Christien feststellt, wie verwahrlost ihr Haus ist. Es wirkt unordentlich und ist vollgestopft mit unzähligen Büchern, Zeitschriften und allerlei Krimskrams. Nach den langen Jahren, in denen sie sich um ihren kranken Ehemann kümmerte, beginnt sie nun mit den dringend notwendigen Arbeiten. Das Aufräumen und Aussortieren fällt ihr anfangs schwer, es weckt nicht nur schöne Erinnerungen an ihre gemeinsamen Jahre.

Als Christien und A sich in den späten Siebzigern kennenlernen, ist die junge Frau fasziniert von der Intelligenz und dem Humor des Juristen, der als Chefredakteur tätig ist. Sie verlieben sich ineinander und verbringen glückliche Jahre, nach der Hochzeit werden die beiden Söhne geboren. Christien, inzwischen Professorin für Frauenforschung, ist glücklich in ihrem Beruf und fühlt sich wertgeschätzt. Der häusliche Alltagsstress mit zwei Kleinkindern überfordert sie trotz der Unterstützung durch ein Kindermädchen und die beiden Töchter aus A's erster Ehe zusehends. A ist stolz auf seine erfolgreiche Frau, hatte aber heimlich darauf gehofft, dass sie sich nach ihrer Dissertation hauptsächlich ihm widmen würde. Die Ehe ist nicht mehr glücklich, das Paar ist zu verschieden, hat unterschiedliche Interessen. A, geprägt durch den frühen Tod seiner Schwester, ist melancholisch und launisch. Als er mit 64 Jahren pensioniert wird, stürzt seine Welt vollends ein, er fühlt sich überflüssig. Christien kommt mit seinem Pessimismus und seinen düsteren Stimmungen nicht zurecht und zieht sich immer mehr zurück.

Mit schonungsloser Offenheit und klaren Worten beschreibt die Autorin ihre unglückliche Ehe und die zunehmende Entfremdung. Ich mochte Christien und habe nicht verstanden, dass die selbstbewusste Professorin sich ihrem dominanten Mann unterordnete, sogar auf sein Drängen hin ihr Haus verkaufte, das sie liebte, um in das Amsterdamer Zentrum zu ziehen.

Ich habe das intelligente Buch, in dem die Autorin ihr Leben mit A Revue passieren lässt, trotz mehrerer Wiederholungen sehr gern gelesen, es hat mich berührt und erschüttert. Christiens innere Konflikte konnte ich gut nachvollziehen, sie zweifelt an ihrer Entscheidung, dieses Buch zu schreiben, fragt sich, ob sie als Mutter das Recht dazu hat. Während des Schreibens hinterfragt sie auch ihre Rolle in der Beziehung und in der Familie, und sie stellt sich die Frage, warum sie ihren Mann nicht verlassen hat.

"Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen" ist ein sehr mutiges und sehr persönliches Buch, in dem es neben Trauerbewältigung und Aufarbeitung der Vergangenheit auch um Feminismus, Enttäuschung, Verzweiflung - und Liebe geht.

Absolute Leseempfehlung!

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