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Veröffentlicht am 19.02.2026

Atmosphärisch und besonders

Moosland
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Es ist das Jahr 1949, der Zweite Weltkrieg ist erst seit wenigen Jahren vorbei und Elsa ist schwer traumatisiert. Zu viel Not und Elend hat sie erlebt, zu viele Tote gesehen. Innerlich mehr tot als lebendig ...

Es ist das Jahr 1949, der Zweite Weltkrieg ist erst seit wenigen Jahren vorbei und Elsa ist schwer traumatisiert. Zu viel Not und Elend hat sie erlebt, zu viele Tote gesehen. Innerlich mehr tot als lebendig folgt sie doch dem Ruf des Isländischen Bauernverbandes an junge deutsche Frauen mit landwirtschaftlicher Erfahrung, gegen gute Bezahlung ein Jahr lang auf isländischen Bauernhöfen auszuhelfen. Island erhofft sich davon nicht nur Unterstützung in der Landwirtschaft, sondern auch Heiratskandidatinnen für die vielen isländischen Single-Männer: zu viele isländische Frauen wurden von den im Krieg auf der Insel stationierten amerikanischen GIs abgeworben, sodass es nun einen deutlichen Männerüberschuss im Land gibt.

So kommt Elsa bei einer Bauernfamilie unter. In einem abgeschiedenen Bauernhaus wohnen und arbeiten fünf Personen: Bauer und Bäuerin, deren zwei erwachsene Söhne und der Knecht. Eine verlorene Tochter gibt es auch noch, wie Elsa irgendwann erfährt. Es ist ein hartes Leben im ständigen Kampf gegen die Elemente, das die Menschen in der Landwirtschaft dort führen, doch grundsätzlich tritt die Familie Elsa offen entgegen und auch, als auffliegt, dass sie offensichtlich über keinerlei landwirtschaftliche Vorkenntnisse verfügt, nicht reiten kann und sich vor Hühnern fürchtet, wird sie dennoch nicht zurückgeschickt, sondern die Familie versucht, sie schrittweise an diese Arbeit heranzuführen. Schwierig ist dabei die Kommunikation, denn die traumatisierte Elsa möchte nicht sprechen, antwortet lange nicht einmal auf die deutschen Briefe ihrer Freundin Gerda, die auf einem anderen isländischen Bauernhof untergekommen ist, gibt vor, kein Englisch zu verstehen und lernt lange auch kein Isländisch.

Dadurch sind es nicht Worte und Dialoge, die dieses Buch tragen, denn von diesen gibt es nur sehr wenige. Gerade das macht aber die besondere Atmosphäre der Erzählweise aus: hier wird psychologisch feinsinnig und detailliert vom langsamen Ankommen und Vertraut-Werden miteinander und in einer fremden Umgebung erzählt, vom Heilen oder zumindest Vernarben tiefer körperlicher und seelischer Wunden, von feinen Beziehungsbanden zwischen sich fremden Menschen, die zu festigen beginnen und dabei ohne viele Worte auskommen, "Sie wirft den Mantel über den Haken an der Tür und springt ins Bett, verbirgt sich unter der Decke und schließt die Augen, als schliefe sie. Die Schritte verharren auf der Schwelle. Erst nach einer Weile tritt die Frau leise ins Zimmer und hantiert an der Kommode. Vorsichtig blinzelt sie unter der Decke hervor." (S. 22).

Einen ganz besonderen Stellenwert haben auch die vielen Landschaftsbeschreibungen, so atmosphärisch und bewegend, dass man das Gefühl hat, in dieser ländlichen Gegend Islands live mit dabei zu sein:

"Dass die Berge nie enden, sagt sie sich vor und glaubt es in diesem Augenblick. Keine Ebenen mit Häusern und Ställen, die hinter der nächsten Bergkette liegen, keine Steilhänge, die ins Meer fallen. Nur Berge, die sich an Berge reihen. Himmel und Wolken. Die Vogelfreien leben so." (S. 159)

"Im letzten Tageslicht erreicht sie die Talsohle und folgt dem Bach. Die Wolkendecke ist aufgerissen, hinter dem bleiernen Grau zeigt sich ein nachtdunkles Blau, über das die Abendsonne noch letzte rote Strahlen schickt. Stunden dauern die Sonnenuntergänge, aber dann fällt die Nacht, fällt wie ein Beil, und mit ihr kommt die bittere Kälte, die durch ihre nassen Kleider zieht." (S. 176)

Es ist ein stilles Buch, ein poetisches Buch, ein besonderes Buch. Ein Buch, das Ruhe, Stille und Tiefe braucht, um sich darauf einzulassen. Werden alle offenen Fragen am Ende beantwortet sein? Nein. Darum geht es hier nicht. Das meiste von dem, was Elsa in Deutschland erlebt hat und was sie so traumatisiert hat, schimmert nur hin und wieder und am Rande ein bisschen durch. Information und Aufarbeitung der Vergangenheit mit Worten stehen nicht im Zentrum dieses Buches. Stattdessen geht es um ein langsames Ankommen, im fremden Land, in einer ganz neuen Lebenssituation und wieder bei sich selbst.

Dieses Buch bekommt von mir eine ausdrückliche Leseempfehlung für ein besonderes Werk, das nicht nur berührend und auf eine ganz einzigartige Art und Weise geschrieben ist, sondern für das die Autorin auch sorgfältig recherchiert hat: die Einladung an die jungen deutschen Frauen zu dieser Zeit gab es wirklich und auch die Lebensbedingungen auf einer Landwirtschaft in Island wirken sehr authentisch dargestellt.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Witzig, wahr und tröstend

Du musst gar nichts
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In einer Welt voll von Selbstoptimierungsratgebern kann es sehr wohltuend sein, mal ein ganz anderes Buch zu lesen. Ein Buch, das auch keine großen Anforderungen an die Leserinnen und Leser stellt und ...

In einer Welt voll von Selbstoptimierungsratgebern kann es sehr wohltuend sein, mal ein ganz anderes Buch zu lesen. Ein Buch, das auch keine großen Anforderungen an die Leserinnen und Leser stellt und sehr zugänglich ist. Man muss dabei nämlich gar nichts, nicht einmal viel Zeit am Stück fürs Lesen finden. Denn das Buch ist äußerst schnell durchgelesen, aber nicht nur das: es besteht ausschließlich aus kurzen Impulsen, die man immer wieder mal zwischendurch schnell zur Hand nehmen kann, um sich verstanden zu fühlen oder auf neue Gedanken zu kommen.

Auf der linken Seite findet sich jeweils nur ein Satz zu etwas, was man nicht müsse, z.B. "Ich muss nicht dankbar sein" oder auch eine Erlaubnis wie z.B. "Ich darf erschöpft sein ohne Ursache", und auf der rechten Seite dann prägnant formuliert ein paar Sätze dazu, die das Thema näher ausführen und zum weiteren Reflektieren anregen, z.B. "Der Gedanke sitzt tief, dass nur Überlastung Ruhe verdient. Dabei ist Erschöpfung kein Unfall und keine Schwäche, sondern ein Signal. Der Körper muss nichts erklären. Die Seele muss sich nicht ausweisen..." (S. 79)

Gerade diese Seiten habe ich in einem Moment der starken Erschöpfung gelesen und mich getröstet und verstanden gefühlt. Es tut gut, bestärkt zu werden, auf den eigenen Körper und das Tempo der eigenen Seele zu hören.

Inhaltlich geht es um ganz verschiedene Themen, ob Partnerschaft und Heirat, Freundschaften, eigene oder die Heilung innerer Kinder, Sport und Ernährung, Berufliches, Persönlichkeit und ganz viel auf sich selbst achten und Abgrenzung gegenüber den Ansprüchen und Forderungen der Welt.

Man muss nicht mit allen Botschaften des Autors übereinstimmen, um aus diesem Buch viel Wertvolles und Bestärkendes mitnehmen zu können. Jedenfalls ist es voll von klugen Inspirationen, die zum Überdenken des eigenen Lebens anregen und Mut machen, aus der Hochleistungsfalle auszusteigen. Ich kann es allen Menschen, die sich manchmal überlastet fühlen von den Ansprüchen des Lebens in der heutigen Zeit, für sich selbst, aber auch als humorvolles und inspirierendes Geschenk sehr empfehlen.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Mensch sein in dieser Zeit

Sommer 24
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Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört, gesprochen von Jens Harzer, also nicht vom Autor selbst. Am Anfang musste ich mich an die Stimme und Vorleseweise erst ein bisschen gewöhnen, wirkte sie für mich ...

Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört, gesprochen von Jens Harzer, also nicht vom Autor selbst. Am Anfang musste ich mich an die Stimme und Vorleseweise erst ein bisschen gewöhnen, wirkte sie für mich doch ziemlich melancholisch und ernst. Doch je länger ich zuhörte und mich mit dem Inhalt des Buches befasste, umso passender fand ich diesen Sprecher für genau dieses Buch.

Denn es geht um sehr ernste Themen. Um die Verfassung der Welt im Sommer 2024, und das persönliche Leben und die Freundschaften, Begegnungen, Beziehungen, Herausforderungen und Konflikte des Schriftstellers Navid Kermani, die in diesen Rahmen eingebettet sind. Es ist kein Roman, sondern eher eine persönliche Reflexion, und doch sehr spannend erzählt.

Es geht um eine Zeit, die geprägt ist vom Ukraine-Krieg und vom Überfall auf Israel und dem darauffolgenden Gaza-Krieg, dem Wiedererstarken autoritärer Kräfte in vielen Bereichen der Welt, aber gleichzeitig auch von den Nachwirkungen der Pandemie, von der MeToo-Bewegung, von dem Kampf um Freiheit in Iran, von dem amerikanischen Wahlkampf und von vielem mehr.

Einen großen Teil des Buches nimmt der innere Nachruf von Navid Kermani auf seinen verstorbenen Freund Rudolf ein. Rudolf war der in Deutschland lebende Sohn zweier jüdischer Holocaust-Überlebender und hat sich ein Leben lang an diesem Schicksal abgearbeitet. Nach dem 7. Oktober 2023 verhärtete sich seine Position zum Gaza-Krieg, darüber kam es zur Entfremdung der beiden Freunde, und zu einem letzten Treffen am Abend vor Rudolfs Freitod wegen schwerer Erkrankung. Differenziert denkt Navid Kermani über die Freundschaft und das Leben des Freundes nach, über das, was diesen geprägt hat, versucht, sich in diesen einzufühlen und bezieht doch auch eindeutig Stellung in Bezug auf das Leid der Menschen in Gaza.

Sein Werk werde stark von den Geschichten der Menschen geprägt, von dem, was ihm erzählt werde und davon, dass er einfühlsam zuhöre, so führt es der Autor aus. Doch mindestens einmal hat ihn dieses Thema auch in ein großes Dilemma geführt: vor 25 Jahren begegnete er in einer Kneipe der jungen Frau "Julia", die beiden tranken miteinander, nahmen auch Drogen, und sie erzählte ihm von der Vergewaltigung, die sie vor kurzem überlebt hatte - nicht wissend, dass er ein Schriftsteller sei und ihre Geschichte, verfremdet, aber doch ohne ihre Zustimmung, in einem seiner Romane verwenden würde.

Für diese Geschichte bekam der Autor erst einmal viel Lob, denn sie sei so überraschend authentisch erzählt, und das von einem Mann, doch viele Jahre später kam sie auch "Julia" unter, sie fühlte sich erkannt, und, wie sie in einem Brief an ihn schrieb, wie ein zweites Mal vergewaltigt.

Dieser Brief erreicht den Autor aus einer psychiatrischen Klinik, in der sich die Frau zu diesem Zeitpunkt befindet. Der Autor fühlt sich erschüttert und angegriffen, kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie "Julia" seine Geschichte über sie mit einem physischen Übergriff gleichsetzen könne, hat Angst vor Verleumdung und Konsequenzen für seine schriftstellerische Karriere, will wissen, ob ihm diesbezüglich juristisch etwas droht, und sucht "Julia" in der Klinik auf. Diesen Teil habe ich als ambivalent empfunden und aus weiblicher Sicht lange nicht verstehen können, wie diesem sonst durchaus einfühlsamen Mann erst so spät, und nach einem Gespräch mit einer weiteren Frau, dämmert, wie übergriffig sein Verhalten gegenüber einem Vergewaltigungsopfer war. Hier zeigt sich der Autor also nicht nur als Sympathieträger, doch genau das macht ihn mir wiederum sympathisch, denn es ist ehrlich, echt und reflektiert, und im Laufe der Geschichte wird klar, dass er schon ernsthaft verstehen und mitfühlen möchte.

Das macht überhaupt für mich die herausragende Qualität dieses Buches aus: wie sich der Autor darin als ganzer Mensch mit all seinen Facetten zeigt: mit seiner Persönlichkeit, seinen Eitelkeiten und Verwundbarkeiten, auch mit seiner eigenen Geschichte als Sohn persischer Migranten (auch deren Nähe zu Ayatollah Khomeini ist ein Thema, das er beleuchtet und kritisch hinterfragt). Diese Ehrlichkeit, sich so offen als Mensch in der Öffentlichkeit zu zeigen, nötigt mir tiefen Respekt ab, denn das erfordert sicher viel Mut.

Entstanden ist dadurch ein sehr intelligentes, kritisch hinterfragendes und zu vielfältigenden Themen der aktuellen Zeit, von denen ich in dieser Rezension nur ein paar exemplarisch erwähnt habe, zum Nachdenken anregendes Buch, das ich allen an Politik, Geschichte, Psychologie und Zeitgeschehen interessierten Menschen nur wärmstens empfehlen kann, auch in der Hörbuchausgabe des Argon Verlags. Viele der darin geäußerten klugen Gedanken werden mich sicherlich noch länger begleiten.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Empfehlenswerter Roman zum Thema Eltern-Werden durch Adoption

Hätt ich ein Kind
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In "Hätt' ich ein Kind", dem neuen Roman von Lea Streisand, geht es um Kathi, 35 Jahre alt, die seit mehreren Jahren mit David zusammenlebt und sich sehnlichst mit ihm ein Kind wünscht. Doch auf biologischem ...

In "Hätt' ich ein Kind", dem neuen Roman von Lea Streisand, geht es um Kathi, 35 Jahre alt, die seit mehreren Jahren mit David zusammenlebt und sich sehnlichst mit ihm ein Kind wünscht. Doch auf biologischem Weg ist es aussichtslos, die Frauenärztin verkündet ihr die niederschmetternde Diagnose vorzeitiger Wechseljahre und dass es mit ihren eigenen Eizellen nichts mehr werden würde. Niedergeschlagen begibt sich das Paar auf den langen Weg hin zur Adoption.

Sehr gut gefallen hat mir, dass der steinige und nur manchmal mit Erfolg verbundene Weg der Adoption sehr realistisch dargestellt wird: schon, um als Adoptionswerber in Betracht zu kommen, muss eine aufwendige Prozedur auf sich genommen werden, und darauf folgt erst einmal eine jahrelange Wartezeit in Ungewissheit, ob es jemals klappen könnte mit der Vermittlung eines Adoptivkindes. Denn es gibt nicht viele davon und es werden Eltern für Kinder gesucht, nicht umgekehrt.

In dem Buch begleiten wir das sympathische Paar auf diesem Weg. Toll ist, wie Kathi sich trotz des eigenen Unglücks mit ihrer besten Freundin über deren Schwangerschaft freuen kann und sie liebevoll dabei begleitet. Überhaupt waren es sehr sympathische, freundliche und reflektierte Charaktere, deren Schicksal ich sehr gerne in diesem unterhaltsamen und leicht zu lesenden, gleichzeitig aber realistisch dargestellten Buch miterlebt habe.

Ich kann das Buch allen, die sich eine gute Unterhaltung mit durchaus so einigen tiefsinnigen Gedanken zum Thema Wahlverwandtschaft und Elternschaft wünschen, aber auch allen, die sich für das Thema Adoption interessieren, sehr empfehlen - es hat mein Herz berührt.

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Tiefgründige philosophische Kurzgeschichten

Der Fluss der Zeit
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Der Schweizer Philosoph, Autor und langjährige Universitätsprofessor Peter Bieri hat unter dem Künstlernamen Pascal Mercier umfangreiche und tiefgründige Romane wie "Nachtzug nach Lissabon", "Perlmanns ...

Der Schweizer Philosoph, Autor und langjährige Universitätsprofessor Peter Bieri hat unter dem Künstlernamen Pascal Mercier umfangreiche und tiefgründige Romane wie "Nachtzug nach Lissabon", "Perlmanns Schweigen" oder "Das Gewicht der Worte" veröffentlicht. Nach seinem Tod im Jahr 2023 wurden in seinem Nachlass noch einige unveröffentliche Kurzgeschichten gefunden, die der Hanser Verlag nun in diesem Sammelband herausgegeben hat.

Die Geschichten sind jeweils aus der Sicht verschiedener, nicht mehr ganz junger Männer, geschrieben und es geht um Themen wie Erinnerung, Vergänglichkeit, Rückschau auf das eigene Leben, Freundschaften auf Augenhöhe, Abschied nehmen und Wandel.

Sehr berührend wird zum Beispiel geschildert, wie ein Mann nach vielen Jahren von einem Haus, das ein Jahrhundert im Familienbesitz war, Abschied nehmen muss, als er es an ein jüngeres Paar verkauft hat, und wie das Paar genau spürt, wie schwer ihm das fällt:

"Er berührte jeden Schlüssel kurz mit dem Zeigefinger, dabei verrutschte einer, und er schob ihn sachte zurück. "Liebevoll", sagte Anna später darüber, "es lag seine ganze Liebe zu dem Haus in der Bewegung, ich musste schlucken". Prager sah unsere Blicke. "Es sind halt meine Schlüssel", sagte er. "Oder waren es". (S. 10)

In einer weiteren Geschichte geht es um ungleiche Freundschaften und darum, was es mit uns macht, wenn ein Freund dem anderen ein großes Geschenk macht - eine komplette Eigentumswohnung - für das sich der andere nicht in gleichem Ausmaß revanchieren kann. Hier sehen wir, wie an vielen weiteren Stellen, wie der Autor komplexe philosophische und psychologische Gedankengänge geschickt und allgemeinverständlich in seine Geschichten eingebaut hat:

"Er machte eine Pause und wir spürten, dass nun etwas kam, ein Gedanke, den er sich langsam und mühsam erobert hatte: "In der ersten Zeit dachte ich und wachte mit dem Gefühl auf: Das ist die Freiheit. Ich ging in der Wohnung herum und pfiff. Doch in den letzten Wochen habe ich verstanden: Es ist nicht die richtige Art von Freiheit. Ich lege es mir so zurecht: Es gibt die Freiheit von außen: Die Wohnung gehört mir, niemand kann mich verjagen. Und es gibt die Freiheit von innen: Ich muss niemandem dankbar sein. Ich will die eigene Freiheit zurück." (S. 32)

Dann gibt es in einer weiteren Erzählung einen älteren Mann, der auf den entscheidenden Befund wartet, der ihm mitteilen wird, ob er an einer schweren Krankheit leidet oder doch gesund ist. Einen weiteren Mann, der sehr lärmempfindlich ist, mit seinem Stiefsohn einen unerbitterlichen Machtkampf austrägt und es am Ende nicht mehr aushält. Und schließlich ein Mann, der nach 40 Jahre in die Gegend seiner Studentenzeit zurückkehrt und in Erinnerungen schwelgt.

Im Vordergrund stehen also ältere Männer und ihre Lebensthemen. Diese werden vom Autor psychologisch äußerst treffend und sensibel dargestellt, sodass man tief in die Seele der Charaktere hineinblicken kann, sich verbunden fühlt und selbst beginnt, über tiefsinnige Themen des eigenen Lebens nachzudenken.

Dramaturgisch sind die Erzählungen ebenfalls von hoher Qualität, ziehen die Leserinnen und Leser sofort in ihren Bann und sind spannend und berührend erzählt, ohne ein überzähliges Wort.

Dieser Erzählband beweist, dass es sich beim Autor um einen herausragenden Schriftsteller handelt. Ich empfehle ihn, neben allen bisherigen Fans seiner Bücher, auch allen, die noch nichts von diesem Autor gelesen haben: das kleine, kurze Büchlein ist ein sehr guter Einstieg in sein Werk, um beurteilen zu können, ob man mehr von ihm lesen möchte. Ich werde das jedenfalls tun.

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