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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.03.2026

ungezähmte Frauen

Die Riesinnen
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"Riesinnen" werden sie genannt, und Riesinnen sind sie, so gross, dass sie jeden in dem kleinen Ort im Schwarzwald überragen. Dies ist die Geschichte von Grossmutter Liese, Mutter Cora und Tochter Eva, ...

"Riesinnen" werden sie genannt, und Riesinnen sind sie, so gross, dass sie jeden in dem kleinen Ort im Schwarzwald überragen. Dies ist die Geschichte von Grossmutter Liese, Mutter Cora und Tochter Eva, die dort auf ihre eigene, unabhängige Art leben. Das macht sie zu Sonderlingen, denn im Dorf ist die höchste richterliche Instanz das Gerede der Leute. Es macht sie auch einsam, doch es genügt ihnen, dass sie einander haben.

Von den 1960er Jahren bis in die Gegenwart begleiten wir die Familie, deren Leben von harter Arbeit und Schicksalsschlägen geprägt ist. So unterschiedlich die Wesen der drei Frauen sind, sie alle teilen die tiefe Liebe zur Heimat, die Verbundenheit zum Wald und den Wunsch nach Selbstbestimmung.

Der Roman lebt und atmet von der einmaligen Erzählsprache. Rustikal, archaisch und bisweilen derb ist sie, jedoch gleichzeitig von einer unglaublichen Feinheit. Die Protagonistinnen werden so präzise gezeichnet, dass sie jederzeit authentisch rüberkommen. Die Autorin schafft scheinbar mühelos den Spagat zwischen Heimatroman, feministischem Werk und packender Familiensaga.

Wer die Romane von Marie Brunntaler mag, wird "Die Riesinnen" lieben.

Veröffentlicht am 28.02.2026

Es ist kompliziert

Unser Haus mit Rutsche
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Layla ist Anfang 40, Buchautorin (aber nur unter einem Pseudonym schreibend) und angehender Schauspiel-Star (aber erst in den Träumen). Sie führt ein sprunghaftes und unstetes Leben. In ihren Sitzungen ...

Layla ist Anfang 40, Buchautorin (aber nur unter einem Pseudonym schreibend) und angehender Schauspiel-Star (aber erst in den Träumen). Sie führt ein sprunghaftes und unstetes Leben. In ihren Sitzungen bei ständig wechselnden Therapeutinnen blickt sie zurück auf ihr Leben. Ihre Kindheit verbrachte sie in Saarbrücken. Dort lebte sie mit dem Irakischen Vater, einem windigen Geschäftsmann mit immer neuen, wilden Ideen und ihrer Mutter, einer eleganten, aber unnahbaren Französin. Und dann gibt es noch den kleinen Bruder, liebevoll "Seestern" genannt.

Der Roman zeigt, wie Kinder aus Migrationsfamilien überall ein Stückweit fremd bleiben. Sowohl in der neuen Heimat, als auch in der Herkunftsfamilie fehlt oft das tiefe Zugehörigkeitsgefühl. Die Lage der Familie spitzt sich Anfang der 90er-Jahre zu, als mit der Kuwaitkrise und dem Golfrieg das finanzielle Auskommen des Vaters gefährdet wird und nicht nur die Weltpolitik, sondern auch das Familiengefüge ernsthaft auf die Probe gestellt werden.

Diese Roman ist totz aller Ernsthaftigkeit und der traurigen geschichtlichen Hintergründe ein urkomisches Werk. Die mutmasslich stark autobiografischen Erlebnisse verpackt die Autorin mit scharfsinniger Beobachtungsgabe für alles Menschliche und köstlichen Dialogen in ein Buch, das mich an vielen Stellen innehalten und lachen liess. Es war ein Vergnügen, in den Kosmos dieser komplizierten Familie wischen Saarland, Bagdad und Paris einzutauchen und dort zu verweilen.

Veröffentlicht am 19.02.2026

Macht + Preis des Neinsagens

Hazel sagt Nein
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Die 18-jährige Hazel Blum ist mit ihrer Familie aus New York in eine verschlafene Kleinstadt in Maine gezogen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt für die Schülerin der Abschlussklasse gleich ...

Die 18-jährige Hazel Blum ist mit ihrer Familie aus New York in eine verschlafene Kleinstadt in Maine gezogen. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt für die Schülerin der Abschlussklasse gleich am ersten Schultag der Hammer: Sie wird ins Büro des Rektors beordert, wo es zu sexueller Nötigung kommt. Der perverse Schulleiter hat offenbar bereits während der Semesterferien im Schwimmbad Ausschau gehalten nach seinem nächsten alljährlichen Opfer und dabei Hazel ausgewählt. Aber die überrumpelte Hazel macht etwas unglaublich Mutiges: Sie sagt NEIN. Und sie geht mit dem Erlebten an die Öffentlichkeit.

Die Folgen für Hazel und ihre Familie sind einschneidend. Es beginnt mit Schmierereien vor dem Haus und Schwierigkeiten der Familie, am neuen Wohnort Anschluss zu finden. Doch das ist erst der Beginn der Hexenjagd, die eine ganze Kleinstadt erfasst und spaltet.

Dieser Roman ist so unterhaltsam wie wichtig. Er zeigt akribisch, fast tagebuchartig auf, welche Dynamiken ein solcher Missbrauchs auslöst, dass Opfer sich schuldig fühlen, während Täter überzeugend Theater spielen. Aus wechselnder Perspektive gibt die Autorin jedem Familienmitglied der Blums genügend Raum und eine eigene, starke Stimme. Ich bin stolz auf die Protagonistin Hazel Blum.

Veröffentlicht am 29.01.2026

Sprache und was sie mit uns macht

Schleifen
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Wien in den 1930-er Jahren. Franziska wächst in einem Haushalt auf, in dem Intellektuelle aus Wissenschaft und Philosophie ein und aus gehen. Schon früh schnappt das Kind die hochstehenden Gespräche auf. ...

Wien in den 1930-er Jahren. Franziska wächst in einem Haushalt auf, in dem Intellektuelle aus Wissenschaft und Philosophie ein und aus gehen. Schon früh schnappt das Kind die hochstehenden Gespräche auf. Franziska leidet aber unter einer besonderen Störung: Mit ihrem hochempathischen Wesen genügt es, von einer Krankheit nur zu lesen oder zu hören, um direkt die entsprechenden Symptome zu entwickeln. Als überaus intelligentes, aber isoliertes Mädchen bringt sie sich selbst alte, tote Sprachen bei und kann mit deren Hilfe eine wundersame Desensibilisierung ihrer Störung herbeiführen. Endlich kann sie dem Leben teilnehmen.

Franziska lernt den begabten Mathematiker Otto kennen. Die Beziehung ist nicht nur von romantischen Gefühlen geprägt, sondern vor allem von gegenseitigem tiefen Verständnis und Respekt. In den beiden reift eine mutige Vision: Sie möchten die Welt mit einer neuen Sprache einen. Dieses Ziel verfolgen sie mit immer mehr Besessenheit, die sogar in der Gründung eines eigenen Kleinstaates und einem aberwitzigen Konklave gipfelt.

Erstmals in meiner zugegebenermassen noch jungen Laufbahn als Vorableserin, hat ein Autor es geschafft, mich an meine Grenzen zu bringen. Elias Hirschl nimmt den Leser mit, weit weg aus der Komfortzone, auf einen wilden und witzigen, kafkaesken, grotesken Ritt durch Raum und Zeit. Ja wirklich, er hebt sogar die Regeln der Zeitmessung aus den Angeln! Roter Faden bleibt die tiefe Faszination über Herkunft, Veränderung, Missbrauch und Zukunft der menschlichen Sprache.

Ich habe dieses Husarenstück geliebt. Das wird wohl auch das Schicksal dieses Buchs sein: Entweder man wird es total lieben oder kann far nichts damit anfangen.

Veröffentlicht am 19.01.2026

Essenz eines gelebten Lebens

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Der 89-jährige Bo lebt mit seinem geliebten Hund und mit Hilfe täglicher Betreuung durch einen Pflegedienst (noch) daheim in einem Dorf in Schweden. Seine Frau ist schwer pflegebedürftig und wohnt schon ...

Der 89-jährige Bo lebt mit seinem geliebten Hund und mit Hilfe täglicher Betreuung durch einen Pflegedienst (noch) daheim in einem Dorf in Schweden. Seine Frau ist schwer pflegebedürftig und wohnt schon seit Jahren in einem Demenzwohnheim. Bo vermisst seine Ehefrau unendlich und redet jeden Tag in liebevoller Zwiesprache mit ihr.

Auch Sohn Hans kümmert sich um Bo, das Verhältnis ist allerdings schwierig. Bo fühlt sich zunehmend entmündigt und bevormundet von seinem Sohn. Mit immer gebrechlicherem Körper, jedoch klarem Verstand blickt Bo auf sein langes Leben zurück. Er hat sich fest vorgenommen, vor seinem Ableben das verfahrene Verhältnis zum Sohn zu kitten. Ein schwieriges Unterfangen, besonders als Hans seinem Vater damit droht, den geliebten Hund wegzunehmen.

Ein leiser, aber trotzdem kraftvoller Roman über das Älterwerden und Sterben. Er zeigt auf, was es bedeutet, im Alter Autonomie und Würde zu verlieren und in einem Körper eingesperrt zu sein, der sich mehr und mehr im Verfall befindet. Gleichzeitig wirft das Buch die Frage auf, was am Ende unseres Lebens als Bodensatz all unserer gemachten Erfahrungen zurückbleibt. So viele wichtige Erkenntnisse lernen wir erst im Alter wirklich zu begreifen.

Ein zutiefst essenzielles Buch, das einen sehr intimen und gleichzeitig würdevollen Einblick gewährt in die Gedankenwelt eines sterbenden, hochbetagten Menschen. Mich hat dieses grandiose Debüt tief berührt.