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Veröffentlicht am 10.06.2018

Ein schwafelnder Roman über einen schwafelnden Professor

Kraft
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Kraft, eigentlich erfolgreicher Professor in Tübingen, braucht dringend Geld. Seine zweite Ehe steht kurz vorm endgültigen Scheitern, vier Kinder und zwei (Ex)-Ehefrauen müssen versorgt werden. Und die ...

Kraft, eigentlich erfolgreicher Professor in Tübingen, braucht dringend Geld. Seine zweite Ehe steht kurz vorm endgültigen Scheitern, vier Kinder und zwei (Ex)-Ehefrauen müssen versorgt werden. Und die teure Wohnung ist auch noch nicht abbezahlt. So nimmt er sich in den USA bei seinem ehemals besten Freund Ivan zwei Wochen Auszeit, um sich auf eine Preisfrage vorzubereiten, die als Gewinn eine Million Dollar bietet. Doch eine mögliche Antwort fällt ihm deutlich schwerer als er es sich vorgestellt hat.
Während sich Kraft in der Gegenwart mühsam mit der Beantwortung der Frage 'Why whatever is, is right und why we still can improve ist?' abmüht, wird parallel dazu sein Leben geschildert, das sich hauptsächlich an 'seinen' Frauen ausrichtete. Kraft ist ein Schwafler sondergleichen, was sich in seinem Berufsleben bislang eher positiv auswirkte, in seinem Privatleben hingegen verheerend. Obwohl in Wissenschaftskreisen seine Person hochgeschätzt wurde und wird, bleiben im Rückblick (so erschien es mir nach der Beendigung des Romans) in erster Linie für sein Leben seine Beziehungen bestimmend, die durchweg nicht glücklich endeten - seine Schwafelei hatte vermutlich keinen kleinen Anteil daran.
Der gesamte Roman ist in einem solch schwafelnden Tonfall geschrieben, wobei er durchaus mit einer Menge Ironie versehen ist wie in diesem Textauszug, als Kraft den Stanfordcampus durchquert, während dort ein Attentäter unterwegs sein soll:
"Andererseits, so rechnet er (Kraft) sich aus, wird er, wenn alles gut geht, den Schuss gar nicht mehr hören. Kraft versteht zwar nichts von Ballistik, aber er ist sich doch sicher, dass die Kugel schneller sein wird als der Schall ... Überlegungen dieser Art anstellend, gelangt er zum Shopping Center, um etwas enttäuscht festzustellen, dass dort reger Betrieb herrscht und der Alarm für diese Gegend nicht gilt … Allerdings so muss er zugeben, wäre es für seine Biographie kein besonders würdiger Schlusspunkt, zwischen Victorias Secret und einem Dunkin' Donut zu verbluten, zumindest wesentlich unpassender als der Tod auf einem Universitätscampus."
Doch irgendwann nutzt sich dieser Tonfall ab und die endlos langen Schachtelsätze (teilweise deutlich länger als eine Seite) wirkten trotz aller Ironie und Spott nur noch ermüdend. Schade, denn dem Autor gelingt es ohne jede Gehässigkeit zu zeigen, dass nicht hinter jedem erfolgreichen Start-up und Jungmillionär auch ein großer Geist steckt. Selbst in Silicon Valley findet sich jede Menge hohles Geschwätz und Geschwafel.

Veröffentlicht am 14.02.2018

Tolle Sprache mit einer eher lauen Geschichte

Apollokalypse
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Eines ist auf jeden Fall sicher: Gerhard Falkner ist ein Sprachkünstler. Egal, wo man das Buch aufschlägt, auf fast jeder Seite findet man Sätze oder Beschreibungen, die es wert wären, im Gedächtnis zu ...

Eines ist auf jeden Fall sicher: Gerhard Falkner ist ein Sprachkünstler. Egal, wo man das Buch aufschlägt, auf fast jeder Seite findet man Sätze oder Beschreibungen, die es wert wären, im Gedächtnis zu bleiben (leider sind es einfach zu viele). Zum Beispiel: 'Freundschaft ist ein autochthones Relikt. Geht zurück auf ein Bündnis von Dorfbewohnern. Sie wird von der Mobilität zusammen mit allen anderen hemmenden Werten gerade in großem Umfang entsorgt.' Oder 'Seine überspannten Nerven, das leicht aus dem Ruder geratene Feuern seiner rund hundert Milliarden Neuronen mit ihren bis zu tausend Spikes pro Sekunde, spiegelten exakt die nervösen Energien und die schizoaktiven Schübe einer Stadt (Berlin) wider, die zwischen Wiedervereinigungstaumel, historischer Verstörung, symbolischer Demütigung und Hauptstadtrausch einen genauso durchgedrehten Moment erlebte wie er selbst.' Doch ob der Autor auch ein guter Geschichtenerzähler ist? Hm, tja, ich finde da gibt es Bessere, deutlich Bessere.
Denn die Geschichte um Georg Autenrieths Leben und das seiner FreundInnen in den 80er und 90ern ist zwar schön schräg und durchgeknallt, aber manchmal doch so sehr, dass ich nicht mehr recht wusste, was jetzt eigentlich Sache ist. Georg, die Hauptfigur, hat einen Doppelgänger oder auch nicht, ist in irgendeiner Form kriminell - oder auch nicht. Und scheint selbst nicht so richtig zu wissen, was jetzt ist oder nicht. Besser folgen kann man dem Leben seiner verschiedenen FreundInnen, die aus unterschiedlichen Milieus stammen. Es gibt eine gewisse chronologische Reihenfolge, die jedoch wiederholt unterbrochen wird von Rückblenden, Erinnerungen, Träumen, Phantasien usw. So entsteht immer wieder der Eindruck, es handle sich eher um ein Sammelsurium von Geschichten, als um den Lebensbericht des Georg Autenrieth.
Dennoch werde ich mir den Autor merken und mir auch sein zweites Buch anschauen. Denn seine Sprache ist faszinierend, hat Witz und fordert zum Mitdenken auf. Nicht das Schlechteste, was man von einem Schriftsteller sagen kann. Und wenn er dann irgendwann auch noch eine gute Geschichte erzählet ...

Veröffentlicht am 14.02.2018

Interessant, aber unschön zu lesen

Das Haus der zwanzigtausend Bücher
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Chimen Abramsky war ein bemerkenswerter Mann. Klein an Statur, dafür umso größer an Wissen und Gelehrsamkeit. Geboren Anfang des letzten Jahrhunderts in Minsk, erlebte er als Sohn des berühmten Rabbis ...

Chimen Abramsky war ein bemerkenswerter Mann. Klein an Statur, dafür umso größer an Wissen und Gelehrsamkeit. Geboren Anfang des letzten Jahrhunderts in Minsk, erlebte er als Sohn des berühmten Rabbis Yehezkel die Verwerfungen des letzten Jahrhunderts besonders deutlich. Als sein Vater in eines von Stalins Arbeitslagern deportiert wurde, flüchtete die Familie nach London, wo sie nach der Haftzeit wieder zusammenfanden. Yehezkel wurde Vorsitzender des Londoner Rabbinatsgerichtes (Beit Din), einer sehr konservativ ausgerichteten Institution, während Chimen eines der führenden Mitglieder der Kommunistischen Partei Englands wurde, trotz der Erfahrungen in seiner Familie. Doch in den 60er Jahren gelingt es auch ihm nicht mehr, über die Greueltaten und den Antisemitismus der Sowjetunion hinwegzusehen. Er verlässt die Partei schweren Herzens und der neue Schwerpunkt seines Interesses ist nunmehr die Judaica und die jüdische Geschichte.
In dieser gesamten Zeit, also fast sein ganzes Leben, las Chimen nicht nur Alles, was er zu diesen Themengebieten finden konnte, er sammelte auch sämtliche Ausgaben, Manuskripte und Dokumente, deren er habhaft werden konnte. Das Haus von ihm und Mimi, seiner Ehefrau, quoll über von Gedrucktem - und dennoch war immer Platz für Gäste, die jeden Abend zahlreich erschienen und von Mimi verköstigt wurden; Gäste, die von der Aussicht auf geistreiche Diskussionen und Streitgespräche angelockt wurden, aber auch von Mimis guter Küche.
Ein wirklich außergewöhnlicher Mensch, über den sein Enkel Sasha Abramsky, der Autor, dieses Buch geschrieben hat. Es ist keine chronologische Erzählung, stattdessen durchschreitet Sasha A. das Haus Zimmer für Zimmer und berichtet, welche Bücher dort verwahrt wurden. Doch für eine Biographie wäre das etwas wenig und so werden anhand der jeweiligen Bücher Situationen und Abschnitte aus Chimens abenteuerlichem Leben erzählt.
Sasha A. hat einen wirklich schönen Schreibstil, es ist eine Freude seine Worte und Sätze zu lesen. Doch was das Vergnügen deutlich trübt, sind diese endlosen Namen, Fremdwörter und Geschehnisse, die teilweise wie Perlen an einer Kette aufgereiht werden. Beispielsweise auf Seite 143: In 15 Zeilen werden 12 Personen namentlich aufgeführt, von denen 10 nicht wieder im Buch erscheinen. Oder Seite 165: Jarmulkes, Haggadot, Seder. Irgendwo weiter vorne wurden die Begriffe kurz erklärt, aber bei der Vielzahl konnte ich sie mir leider nicht merken. Zudem liebt es der Autor, thematisch hin- und herzuspringen: Von privaten zu geschichtlichen Ereignissen, von kulturellen zu politischen Erklärungen - und das teilweise mit einer solchen Menge von Namen und Jahreszahlen, dass ich die betreffenden Passagen nur noch quer gelesen habe.
Schade, denn so empfinde ich dieses Buch über diesen wirklich interessanten Menschen als lediglich durchschnittlich. Sein Enkel hätte mehr über ihn als beispielsweise über den Kommunismus schreiben sollen

Veröffentlicht am 21.01.2018

Eine Lehrstunde von Frau Zeh in Sozialkunde und Politik

Leere Herzen
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2025, Deutschland lebt in Sicherheit und Wohlstand, es gibt das bedingungslose Grundeinkommen. Dass die regierende BBB (BesorgteBürgerBewegung)-Partei währenddessen den demokratischen Staat sukzessive ...

2025, Deutschland lebt in Sicherheit und Wohlstand, es gibt das bedingungslose Grundeinkommen. Dass die regierende BBB (BesorgteBürgerBewegung)-Partei währenddessen den demokratischen Staat sukzessive zurückfährt, immer mehr Freiheitsrechte beschneidet und die Überwachung auch im Privaten praktisch lückenlos ist, scheint nur wenige zu stören. "Die Leute wurden gefragt, was sie tun würden, wenn sie sich zwischen dem Wahlrecht und ihrer Waschmaschine entscheiden müssten. ... 67% wählten die Waschmaschine. 15% waren unentschieden."
Britta Söldner (!) hat sich in dieser Welt eingerichtet und mit einem Freund und Partner ein perfides Geschäft aufgebaut, mit dem sich gutes Geld verdienen lässt. Doch sie bekommen Konkurrenz und bald schon scheinen sie verfolgt zu werden.
Es ist ein düsteres Bild, was Juli Zeh in diesem Buch entwirft. Und erschreckenderweise nicht sooo weit entfernt von unserer Welt. 'Wehret den Anfängen' soll uns wohl deutlich gemacht werden - doch das leider in einer Intensität, dass es anfing mir auf die Nerven zu gehen. Ja, mir ist bewusst, dass das Wahlrecht ein wichtiges ist; dass Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte auf allen Ebenen relevant sind für unser Zusammenleben, auch wenn sie umständlich und zeitraubend wirken und manchmal vielleicht sogar sind; dass es etwas geben muss FÜR das man lebt - und dass das nächste Shoppingerlebnis bestimmt nicht dafür ausreicht; dass Überzeugungen, Prinzipien, Standpunkte überholt klingen mögen (kann man sich doch nix für kaufen) - aber ob 1.587 Likes ausreichen, um dem Leben einen Sinn zu geben? Auch wenn Frau Zehs Anliegen mehr als gerechtfertigt ist, hat mich 'Leere Herzen' nicht überzeugt. Den erinnernden Zeigefinger sah ich ständig im Hintergrund und die Figuren waren (was sie wohl auch sein sollten) weitestgehend gleichgültig - was sich dann aber bedauerlicherweise auch auf die Geschichte auswirkte (hach, wenn ich da an 'Unterleuten' zurückdenke; was für ein Buch!). Zudem blieben diverse Fragen offen: Was machte beispielsweise Hatz anschließend? Und die Beteiligung? Wo kam die eigentlich her?
So bleibt es trotz der eigentlich guten Idee bei einem durchschnittlichen Krimi in einer nahen Zukunft, wie sie uns hoffentlich erspart bleiben wird. Ob dieses Buch dann mit dazubeigetragen haben wird, wage ich allerdings zu bezweifeln

Veröffentlicht am 25.10.2017

Nur schöne Sprache macht noch keinen guten Roman

Widerfahrnis
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Julius Reither, Ende 60, alleinstehend, hat seinen kleinen, eher erfolglosen Verlag und die dazugehörende Buchhandlung verkauft und sich in ein ruhiges schönes Tal nahe Österreich zurückgezogen. Eines ...

Julius Reither, Ende 60, alleinstehend, hat seinen kleinen, eher erfolglosen Verlag und die dazugehörende Buchhandlung verkauft und sich in ein ruhiges schönes Tal nahe Österreich zurückgezogen. Eines Abends klopft es an seiner Tür - Leonie Palm steht davor, die ebenfalls in der Appartementanlage wohnt und um seine Mithilfe bei einem Literaturkreis bittet. Spontan aus dem Gespräch heraus entschließen sie sich mitten in der Nacht zu einem Ausflug, der sich zu einer Reise nach Sizilien entwickelt. Und zu einer Liebesgeschichte.
Doch das sind leider so ziemlich die einzigen Entwicklungen, die es in diesem Buch gibt. Der Protagonist ist ein überaus selbstmitleidiger Mensch mit pessimistischer Weltsicht und überheblichen Zügen. Auch seine Empathiefähigkeit ist sehr begrenzt: Oh ja, er setzt sich für Flüchtlinge ein, wenn diese drangsaliert werden und steckt ihnen Lebensmittel und Münzen zu. Doch sollen sie ihm bloß nicht zu nahe kommen und sein Leben stören. Selbst am Ende hatte ich den Eindruck, seine Handlungen resultieren mehr aus Pflichtgefühl als aus innnerer Überzeugung.
Natürlich kann auch eine unsympathische Hauptfigur das Thema eines guten Romanes sein, keine Frage. Doch die Sprache dieser 'Novelle' ist stellenweise so gekünstelt und gedrechselt, dass ich mich nur noch fragte: 'Was will der Autor mir damit sagen?' Inhaltlich vermutlich nichts, nur einen Beweis seiner grandiosen Ausdrucksfähigkeit vorlegen. Einige Beispiele: '... Liebesromanen, jeder Umschlag nur ein Leugnen, wie sehr das Begehren das Sein verbraucht ...'; ihm war auch das recht, alles, um von der Schneide des Augenblicks herunterzukommen ...'; Worte waren das wie herausgestemmt aus einem ganzen Packen ähnlicher Worte, einem Packen, der verklumpt, ...'. Es gibt auch wunderbare Sätze, die das Herausschreiben lohnen: 'Die Leute haben gespürt, dass ihre Gesichter zu leer waren für Hüte.'; '... das wahre Gebrechen, es sitzt in den Gedanken, nicht in den Knochen.'; Aber leider sind sie in der Unterzahl.
Es gibt einen Satz, der nicht nur das Wesen des Protagonisten darstellt, sondern auch sinnbildlich für das Buch steht: 'Das Lieben, das Vergehen darin, alles Schmelzen, er hatte es immer vermieden und dafür Bücher gemacht, die davon erzählten, jedes durch seinen Stift so verschlankt, so ausgedünnt, bis nichts mehr darin weich war, faulig, süß, nur noch Sätze wie gemeißelt, ohne die Klebrigkeiten, die Widerhaken der Liebe, all ihr Unsägliches.' Dumm nur, dass genau diese Eigenschaften das Wunderbare der Liebe ausmachen. Und auch ein gutes Buch