Ein Lied von Liebe und Verrat ist zu aller erst ein Lied gegen den Krieg und alles Leid, das er v.a. über die unbeteiligte Bevölkerung bringt. Aus dem Rückblick einer alten Dame wird deren Kindheit/Jugend ...
Ein Lied von Liebe und Verrat ist zu aller erst ein Lied gegen den Krieg und alles Leid, das er v.a. über die unbeteiligte Bevölkerung bringt. Aus dem Rückblick einer alten Dame wird deren Kindheit/Jugend in der Kriegs- und Nachkriegszeit in Griechenland erzählt. In den 3 Hauptfiguren und wenigen Jahren kulminieren alle Schrecken dieser Zeit: Antisemitismus, Gewalt gegen Frauen, Partisanentum, Bürgerkrieg, Gefangenenlager, unbehandelte Krankheiten usw. Ein Kaleidoskop an Schrecken - die (wie immer) v.a. die unschuldigen Kinder ausbaden müssen. Gerade in dieser Ungeschöntheit wird das Buch zu einem wichtigen Mahnmal, zumal es nicht im Elend versinkt, sondern bis zuletzt die Stärke und Improvisationsfähigkeit der Protagonistin Aliki aufzeigt. Ihr gelingt es, sich immer wieder einen Weg aus dem Irrsal zu bahnen, und in der Rückbesinnung auf das eigene Selbst das Elend zu überstehen. Nebenbei erhalten wir Einblick in einige Kulturphänomene Griechenlands dieser Zeit: das Schattentheater und die Trauerkultur - ein schöner Nebeneffekt.
Josephine Winter erzählt gekonnt die Familiengeschichte einer Fürstenfamilie in den 1920er Jahren, die mitsamt ihren Bezugspersonen (Geschäftspartner, Angestellte, Lebensgefährtinnen) in den Trudel der ...
Josephine Winter erzählt gekonnt die Familiengeschichte einer Fürstenfamilie in den 1920er Jahren, die mitsamt ihren Bezugspersonen (Geschäftspartner, Angestellte, Lebensgefährtinnen) in den Trudel der Veränderungen gerät: Nicht nur die wirtschaftliche Basis der Familie schwimmt ihnen davon, zeitgleich zerbricht auch das angestammte Familienbild, nach dem sich jeder dem Erbe unterzuordnen habe. Die Generation der Kinder wächst in einer Welt auf, in der eine eigene Zukunft, ein eigenes Interesse, bis hin zu selbst ausgesuchten Lebenspartnern selbsverständlicher wird. Damit sind Konflikte mit der Elterngeneration vorprogrammier.
Es gelingt Winter besonders gut, diese Veränderungs- und spannungsreiche Zeit nicht nur aus Sicht eines bestimmten Milieus (Adel), sondern in vielerleich Sichtwinkeln (Künstler, niedere Angstellte, Homosexuelle, und viele andere mehr) zu erzählen. Damit wird das Werk zu einem wichtigen Plädoyer für die WErtschätzung der Diversität auch unserer Gesellschaft: Was für mich richtig ist, muss für andere noch lange nicht ebenso richtig sein. Was mir einleuchtet, stellen andere zu Recht in Frage.
Am Ende bleibt der Apell, nach gesellschaftlichen Normen zu suchen, die die Individualität und Würde einer jeden Person unabhängig ihres Geschlechts, Stand, ihrer Religion, Herkunft und ihres Berufes zu achten.
Das Kinderbuch Heute fahren wir nach anderswo überzeugt auf den ersten Blick durch seine außergewöhnliche Gestaltung. Das Künstlerduo Opa-Enkel hat eine originelle, verspielte Bildwelt geschaffen, in der ...
Das Kinderbuch Heute fahren wir nach anderswo überzeugt auf den ersten Blick durch seine außergewöhnliche Gestaltung. Das Künstlerduo Opa-Enkel hat eine originelle, verspielte Bildwelt geschaffen, in der Collagen, kräftige Farben und feine Details perfekt miteinander verschmelzen. Die Illustrationen laden dazu ein, immer wieder neue Kleinigkeiten zu entdecken – sie sind zugleich humorvoll und poetisch, und sie tragen die Geschichte fast von selbst.
Inhaltlich erzählt das Buch von der Kraft der Fantasie und davon, wie sie Brücken zwischen Menschen schlägt. Die kleinen Helden begeben sich auf eine Reise, die weit über das hinausführt, was unmittelbar sichtbar ist. Dabei steht Freundschaft klar im Mittelpunkt – als etwas, das über Grenzen, Unterschiede und Missverständnisse hinweg verbindet.
Trotz dieser schönen Botschaften bleibt die Geschichte insgesamt etwas an der Oberfläche. Die Figuren wirken manchmal eher wie Träger einer Idee als wie echte Charaktere, und die Handlung kratzt nur leicht an dem, was an emotionaler Tiefe möglich gewesen wäre. Dennoch bleibt Heute fahren wir nach anderswo ein liebevoll gestaltetes, warmherziges Buch, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen an die Macht der Fantasie erinnert.
„Freundschaft ist Zusammenhalt“ – so hat unser Bub das Buch zusammengefasst. Zum Selberlesen war es ihm streckenweiße zu schwer – einige poetische Wörter und Umschreibungen der Stimmung sind dann doch ...
„Freundschaft ist Zusammenhalt“ – so hat unser Bub das Buch zusammengefasst. Zum Selberlesen war es ihm streckenweiße zu schwer – einige poetische Wörter und Umschreibungen der Stimmung sind dann doch etwas kompliziert. Beim Vorlesen aber zeugt die kleine Geschichte eine wunderbare Stimmung. Man ist mittendrin, im Wald bei den Tieren und auf der Suche nach einer Definition von Freundschaft. Manche Definitionsversuche der Tiere sind für Kinder etwas abstrakt, aber es bleibt auf jeden Fall immer ein wunderbar wohliges Gefühl.
Die Zeichnungen sind friedvoll und harmonisch und nehmen so die Geschichte wunderbar auf. In einer krisengeschüttelten Welt bietet diese Geschichte einen wunderbaren Haltmoment, in dem man sich auf das Wesentliche besinnt.
Carolin Otto gelingt mit „Berchtesgaden“ ein beeindruckendes literarisches Panorama der unmittelbaren Nachkriegszeit, das weit über eine bloße historische Schilderung hinausgeht. Ihr Roman, der im Mai ...
Carolin Otto gelingt mit „Berchtesgaden“ ein beeindruckendes literarisches Panorama der unmittelbaren Nachkriegszeit, das weit über eine bloße historische Schilderung hinausgeht. Ihr Roman, der im Mai 1945 einsetzt, also in jener sogenannten „Stunde Null“, entfaltet in dichten Bildern und miteinander verwobenen Erzählsträngen das Bild einer Gesellschaft, die zwischen Zusammenbruch, Schuld und dem tastenden Neuanfang schwankt. Der Schauplatz ist dabei von besonderer Symbolkraft: Berchtesgaden, jener Ort, der während des Nationalsozialismus als Rückzugsraum Hitlers und Machtzentrum der NS-Elite galt, wird nach Kriegsende zum Mikrokosmos der deutschen Nachkriegsgesellschaft – ein Brennglas für Schuld, Verdrängung und moralische Neuorientierung.
Otto wirft in ihrem Roman nicht nur einen scharfen Blick auf die materiellen und seelischen Trümmer einer besiegten Nation, sondern zeigt mit großer Eindringlichkeit, wie tief die Verstrickungen der Bevölkerung in die NS-Herrschaft reichten. Ihre Figuren – ob die junge Sophie, die als Sekretärin der amerikanischen Besatzung erstmals mit den Verbrechen ihres Bruders, eines SS-Mannes, konfrontiert wird, oder der jüdisch-amerikanische Offizier Frank, der als Rückkehrer die Täter verhört – stehen exemplarisch für ein Land im moralischen Zwielicht. Otto erzählt, wie schwer sich die meisten taten, Schuld einzugestehen, und wie sehr der Wunsch nach Normalität und Selbstentlastung die anfängliche „Aufarbeitung“ prägte. Gerade dieses schonungslose Aufzeigen der Verdrängungsmechanismen und Selbstrechtfertigungen verleiht dem Buch seine aktuelle Brisanz: Es erinnert daran, dass Demokratie und Verantwortung nicht auf Trümmern entstehen, sondern durch selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.
Sprachlich überzeugt „Berchtesgaden“ durch eine klare, anschauliche und zugleich einfühlsam beobachtende Prosa. Otto wechselt zwischen privaten Perspektiven und historischen Momentaufnahmen, wodurch sich ein facettenreiches Zeitbild ergibt. Manche Lesende mögen die Vielzahl an Figuren und Handlungssträngen als überbordend empfinden – tatsächlich ist diese Fülle jedoch Teil des Konzepts: Sie spiegelt das Chaos und die Gleichzeitigkeit des Neubeginns wider, das Nebeneinander von Tätern, Opfern, Mitläufern und den ersten Demokratinnen und Demokraten.
Besonders hervorzuheben ist, dass Otto nicht der Versuchung erliegt, individuelle Erlösungsgeschichten zu erzählen oder moralische Urteile vorschnell zu vergeben. Stattdessen lädt sie dazu ein, hinzusehen, wo verschwiegen wurde, genauer zu fragen, wo bequeme Mythen entstanden sind. Ihr Roman ist damit nicht nur ein historisches Werk, sondern auch ein ethisches – ein Plädoyer gegen das Vergessen und für die Verantwortung der Nachgeborenen.