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Veröffentlicht am 27.02.2026

Ein Buch, das lange nachhallt

Zugwind
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Nein, es war nicht der Krieg, der Mira Zehmann nach Deutschland führte. Schon etliche Jahre vorher fassten sie und ihr Mann den Entschluss, der Ukraine den Rücken zu kehren. Dann kam der Einmarsch der ...

Nein, es war nicht der Krieg, der Mira Zehmann nach Deutschland führte. Schon etliche Jahre vorher fassten sie und ihr Mann den Entschluss, der Ukraine den Rücken zu kehren. Dann kam der Einmarsch der Russen. Wie gut, dass Mira sich auskennt, so dachten viele ihrer Landsleute. Sie erwarten von ihr, dass sie zuhört und Verständnis für die Lage der Überfallenen zeigt. Doch, wie kann sie damit umgehen? Und ja, sie fühlt sich schuldig, weil sie vor Jahren ihre Heimat verließ und in den sicheren Westen zog.

So viele Menschen kommen in dem Buch "Zugwind" zu Wort. Die Autorin gibt jedem eine Stimme und zeigt gleichzeitig, wie zerrissen die Ärztin ist. Weil sie sich das Schicksal der Vertriebenen anhört. Dazu gehören Menschen, die traumatisiert sind und bei jedem lauten Geräusch zusammenzucken. Oder jene, die sich nach ihrer Heimat verzehren und nicht realisieren können, was dort geschieht.

Ein Buch, das nachhallt. Die Schicksale der „Patienten“ sind so emotional geschrieben, dass ich mitfühlen konnte. Das lag auch an dem sehr guten Vortrag der Sprecherin Lisa Hrdina. Keine Frage, für mich das perfekte Buch für alle, die sich erdreisten, sich über Geflüchtete aus der Ukraine ein Urteil zu erlauben.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Wunderschön und einfühlsam geschrieben

Eine Maus namens Merlin
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Helen Cartwright ist Witwe und lebte 60 Jahre in Australien. Jetzt kehrt sie in ihre Heimat zurück. Helen erwartet nicht mehr viel von ihrem Leben. Sie hofft tatsächlich, dass sie bald sterben darf. Eines ...

Helen Cartwright ist Witwe und lebte 60 Jahre in Australien. Jetzt kehrt sie in ihre Heimat zurück. Helen erwartet nicht mehr viel von ihrem Leben. Sie hofft tatsächlich, dass sie bald sterben darf. Eines Abends schaut sie aus dem Fenster und sieht einen Mann, der Sperrmüll an die Straße stellt. Obwohl im Nachthemd, eilt sie über die Straße und schaut sich die Sachen an. Kurz entschlossen nimmt sie einen Teil davon unter den Arm und geht damit zurück in ihr Haus. Was sie nicht erwartet ist die Tatsache, dass sie ab sofort einen Untermieter hat

So eine rührende Geschichte. Mit dem Sperrmüll des Nachbarn landet völlig unverhofft eine kleine Maus bei Helen. Zunächst ist sie nicht gerade erfreut. Nein, sie geht sogar in die Stadt kauft eine Falle. Denn mal ehrlich, was soll sie mit dem Tierchen, wenn sie eh nur noch wenige Tage zu leben hat? Die Idee mit der Falle stellt sich aber als Schnapsidee heraus und Helen freundet sich mit dem Kleinen an. Sie nennt ihn Merlin.

Ganz langsam wird aus einer Zufallsbekanntschaft echte Freundschaft. Der Autor schreibt das mit so viel Humor, dass ich immer wieder laut lachen musste. Dabei hat der Roman einen sehr ernsten Hintergrund und ist das Gegenteil einer oberflächlichen Geschichte. Nicht nur für Helen gilt es, dass Schwierigkeiten gemeistert werden müssen und sie merkt, wie wichtig soziale Kontakte sind. Ein richtig gutes Buch, das ich sehr gerne empfehle.

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Veröffentlicht am 21.02.2026

Ein unglaublich aufwühlendes Buch

Die Apotheke der Hoffnung
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Zosia ist glücklich. Heute wurde sie Frau Lewandowska und sie liebt ihren Ehemann so sehr. Auf dem Weg zur Wohnung treffen die Frischvermählten die kleine Hania. Sie ist Jüdin und wünscht dem jungen Paar ...

Zosia ist glücklich. Heute wurde sie Frau Lewandowska und sie liebt ihren Ehemann so sehr. Auf dem Weg zur Wohnung treffen die Frischvermählten die kleine Hania. Sie ist Jüdin und wünscht dem jungen Paar viel Glück. Dass es bald das letzte Mal ist, dass Hania und Zosia sich unbeschwert begegnen können, ahnen die drei noch nicht. Keine zwei Jahre später stirbt Zosias Ehemann in Sachsenhausen. Hania und ihre Lieben müssen die Wohnung räumen und ins Ghetto von Krakau umsiedeln. Das Grauen nimmt seinen Anfang.

Hania Silbermanns Vater ist Arzt. Dass er künftig mit seiner Ehefrau und den drei Kindern in einem Raum leben muss, ist für ihn unbegreiflich. Aber wie die meisten Juden nehmen sie ihr Schicksal klaglos an. Ein wenig Erleichterung verschafft ihnen hin und wieder die Polin Lewandowska. Sie bekam eine Stelle in der Apotheke, die auf dem Gelände des Ghettos steht. Der Inhaber Tadeusz Pankiewicz gehört heute zu den „Gerechten unter den Völkern“ und warum das so ist, wird in dem Buch "Die Apotheke der Hoffnung" erläutert.

Das Buch lässt mich nicht los. So intensiv schreibt die Autorin über das Leid, die Demütigungen und Willkür der Deutschen. So unvorstellbar grausam behandelten sie die Menschen, welche lediglich einen anderen Glauben hatten. Sie machten nicht vor Kindern, Senioren und Behinderten halt. Das Buch beschreibt die Zustände im Ghetto von Krakau und dem nahegelegenen Konzentrationslager Plaszow. Dann auch noch das Lager Auschwitz Birkenau und Bergen Belsen. Es wird aus zwei Perspektiven in der Ich-Form berichtet. Das ist einmal die Polin Zosia und dann Hania. Beide erleben das Geschehen so unterschiedlich.

Ich musste mich immer wieder aufraffen weiterzulesen. So lebendig beschreibt die Autorin die Grausamkeiten. Nicht nur einmal weinte ich um die vielen Vergessenen und ja, ich schäme mich, dass meine Landsleute so grausam waren. Und heute? Viele denken, dass doch endlich ein Schlussstrich gezogen werden müsse. Nein, das darf nicht sein. Allen die meinen, es wäre genug Erinnerung, die sollten dieses Buch lesen. „Nie wieder“ darf keine Floskel sondern ernster Wunsch aller Menschen sein.

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Ein weiteres Highlight meines Lesejahres 2026

Die Buchhandlung der Exilanten
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Im Nachwort schreibt der Autor Uwe Neumann, dass er einen Wunsch hat. Nämlich den, dass auch dieses Buch dazu beiträgt, dass die beiden doch recht unbekannten Frauen mehr Beachtung finden.

Als die beiden ...

Im Nachwort schreibt der Autor Uwe Neumann, dass er einen Wunsch hat. Nämlich den, dass auch dieses Buch dazu beiträgt, dass die beiden doch recht unbekannten Frauen mehr Beachtung finden.

Als die beiden Büchereien eröffnet wurden, dachte keine der Frauen daran, dass die Deutschen ihre Stadt Paris für sich vereinnahmen könnten. Und das ohne Widerstand der Franzosen. In den 1920er Jahren trafen sich in diesen Räumen sämtliche Künstler von Rang und Namen. Völlig ungezwungen verkehrten hier nicht nur Ernest Hemingway und Pablo Picasso. Es entwickelten sich Freundschaften, die die harten Jahre des Krieges überdauerten und wo die gegenseitige Hilfe überwiegend selbstverständlich war. Selbst die Ehefrau Hemingways suchte hier nach ihrem Mann, der allerdings mit seiner neuen Liebe Martha Gellhorn unterwegs war.

Adrienne Monier gehörte „Das Haus der Bücherfreunde“ und Sylvia Beach „Shakespeare and Company“. Beide lebten von und für ihre Bücher und unterstützten die Autoren, wo sie nur konnten. "Die Buchhandlung der Exilanten" entführt den Leser in eine bewegte Zeit. Die Kapitel wechseln zwischen den Jahren vor und während des Krieges. Zuweilen ein wenig verwirrend aber nie langweilig. Da ich etliche der genannten Autoren durch ihre Werke kennenlernte, waren sie mir sofort sehr nah.

Mich faszinierten die vielen Episoden der Akteure, die sich tatsächlich alle so ereigneten. Das heißt also, dass der Autor eine langwierige und umfangreiche Recherche durchführte. Die gehobene und sehr bildhafte Sprache machten das Lesen zu einem besonderen Vergnügen. Und die originalen Fotografien freuten mich nochmal extra. Ich konnte mir die Protagonisten so noch viel besser vorstellen. Ein tolles Buch, das ich zum Jahresende lesen durfte.

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Veröffentlicht am 04.03.2026

Ein Buch, das lange nachhallt

Genau so fängt es an
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Sie war erst zwei Jahre alt, als sie eine Nummer auf den Arm tätowiert bekam. Nur durch unglaubliches Glück überlebte sie Auschwitz. Gemeinsam mit ihrer Mutter, die mit der kleinen Schwester schwanger ...

Sie war erst zwei Jahre alt, als sie eine Nummer auf den Arm tätowiert bekam. Nur durch unglaubliches Glück überlebte sie Auschwitz. Gemeinsam mit ihrer Mutter, die mit der kleinen Schwester schwanger war. Die Nazis sprengten nämlich alle Gasöfen, weil sie den Rettern keine Spuren ihrer Gräueltaten hinterlassen wollten. Das geschah kurz vor der Ankunft Eva Umlaufs. Niemand kann nachvollziehen, mit welchen Erinnerungen diese Frau seitdem lebt. Was mag in ihr vorgehen wenn sie sieht, dass erneut eine rechtsextreme Partei im Deutschen Bundestag sitzt.

In einem Punkt muss ich der Autorin des Buches "Genau so fängt es an" widersprechen. Nein, leider ist diese zeit nicht seit 80 Jahren Unterrichtsstoff. Die Aufarbeitung fand erst später statt und ich bin überzeugt davon, dass es in Deutschland keine adäquate Entnazifizierung gab. Welche Gelegenheiten ließen die Lehrpläne aus? Warum wurde erst Jahre später das „Dritte Reich“ in den Schulen thematisiert? Bei uns endete der Geschichtsunterricht kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Zufall? Ich denke nicht.

Frau Umlauf zeigt ihn ihrem Buch auf, wo die Wurzeln des Antisemitismus liegen. Bereits im römischen Reich wurden Juden verfolgt und getötet. Warum hält diese Unart bis heute an? Warum wird ihr Leid bis heute verharmlost? Selbst von Menschen, die sie kennt und schätzt gibt es nur Klagen über ihr Los. Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben und das war schlimm. Aber mal ehrlich, wo lag denn die Ursache der Vertreibung? Mit Sicherheit nicht bei den Juden. Wer jubelte denn dem Führer so richtig enthusiastisch zu?

Ein Zitat des F.J. Strauß darf in dieser Rezension nicht fehlen. Im Jahr 1987, also kurz vor seinem Tod, sagte er: „Rechst neben der CDU/CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben“. Bis heute denkt Frau Umlauf mit Schrecken und Abscheu an den 29. Januar 2025 zurück. Was Herr Merz damals veranstaltete, werde auch ich niemals vergessen. Gemeinsam mit der AfD brachte er einen Antrag ins Rollen, der Zurückweisungen und konsequente Abschiebungen von Hilfesuchenden legitimierte. Und dieser Mann wurde später Kanzler der BRD.

Noch ein Gedanke aus dem Buch beschäftigt mich. Das ist die Frage, warum nicht zwischen Regierung und der Bevölkerung Israels unterschieden wird. So viele Menschen gehen dort auf die Straße und protestieren gegen Netanjahu und seine Koalitionspartner. Juden, die in der Diaspora also in Deutschland leben, werden angegriffen? Warum?

Welch ein berührendes Buch. Bemerkenswert auch, dass Frau Umlauf am 29.Januar 2025 einen Brandbrief an Herrn Merz schrieb. Darin formulierte sie ihre Sorge um den Rechtsdruck im Parlament. Leider hatte Herr Merz keine Zeit, diesen Brief zu beantworten. Wurde er für seinen Wahlkampf über die Maßen beansprucht?

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