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Veröffentlicht am 26.02.2026

Ein blauer Aquamarin

Heimliche Zeilen
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Christopher Flinders ist noch jung und steht vor einer Entscheidung, die alles bestimmen könnte: einen sicheren, respektablen Beruf ergreifen oder den riskanten Weg des Schriftstellers wählen. Als er dem ...

Christopher Flinders ist noch jung und steht vor einer Entscheidung, die alles bestimmen könnte: einen sicheren, respektablen Beruf ergreifen oder den riskanten Weg des Schriftstellers wählen. Als er dem berühmten Lektor Owen Goddard begegnet, scheint sich eine Tür zu öffnen. Owen glaubt an Christophers Exposé, ermutigt ihn, die Geschichte zu Ende zu schreiben, und verspricht, sich für eine Veröffentlichung einzusetzen. Mehr noch: Er nimmt Christopher unter seine Fittiche, führt ihn in sein privates Umfeld ein, stellt ihn seiner Frau Clare und seinem Freundeskreis vor. Christopher geht bald bei den Goddards ein und aus – bis ein Ereignis alles verändert und das fragile Gleichgewicht zerbricht.

Aus dem Englischen wurde das Buch von Wibke Kuhn übersetzt.

Clare Chambers gelingt es von der ersten Seite an, eine Atmosphäre entstehen zu lassen, in der man sich augenblicklich wohlfühlt. Sofort ist man mitten im Geschehen und hat den Eindruck, den Ort und seine Menschen schon seit längerer Zeit zu kennen.
Besonders eindrucksvoll ist die Genauigkeit, mit der die Autorin ihre Figuren erschafft. Die Charaktere wirken durchweg authentisch, fast greifbar. Kleidung, Gesten und Eigenarten fügen sich zu klaren Bildern vor dem inneren Auge. Manche Figuren schließt man schnell ins Herz, anderen begegnet man mit einer gewissen Zurückhaltung. Diese Nähe und gleichzeitige Distanz entsteht ganz nebenbei, ohne jemals gezwungen zu wirken.

Auch der Aufbau der Geschichte ist klug gewählt. Wenn Christopher in einem Brief einen Blick zurück in die Vergangenheit gewährt, verschieben sich Perspektiven, Zusammenhänge werden sichtbar, und das, was zuvor nur undeutlich zu erahnen war, bekommt Konturen. Clare Chambers versteht es, Emotionen zu lenken, ohne sie mit Erklärungen zu überfrachten. Man fiebert mit, leidet mit, liebt mit, manchmal leise, aber immer intensiv.
Der Schreibstil der Autorin ist insgesamt sehr einnehmend und ruhig spannungsvoll. Man fühlt sich wohl beim Lesen und bleibt dennoch aufmerksam, getragen von der Frage, wie es weitergehen wird. Unerwartete Wendungen halten die Spannung hoch, auch wenn sich die Handlung gegen Ende des zweiten Teils kurzzeitig etwas dehnt. Doch die Geschichte findet rasch wieder zu ihrem Rhythmus zurück und mündet in ein stimmiges, gelungenes Ende.

Fazit:
Clare Chambers schenkt uns Zeit mit interessanten, authentischen Charakteren, die man nur sehr ungern am Ende der letzten Seite zurücklässt.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Rote Kapelle

Stunden wie Tage
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Shelly Kupferberg, selbst in Berlin lebend, begegnet in ihrem Alltag immer wieder einer älteren Dame, die durch den Kiez streift und die scheinbar jeder zu kennen scheint. Äußerlich wirkt sie unscheinbar, ...

Shelly Kupferberg, selbst in Berlin lebend, begegnet in ihrem Alltag immer wieder einer älteren Dame, die durch den Kiez streift und die scheinbar jeder zu kennen scheint. Äußerlich wirkt sie unscheinbar, doch um ihre Person ranken sich zahlreiche Gerüchte: Diese Frau, Martha, soll Millionärin und Hausbesitzerin sein, außerdem war da noch irgendwas mit dem Natinalsozialismus.
Die Autorin beginnt nachzuforschen und stößt dabei auf die Geschichte der sogenannten Berkowitz-Brüder, die die Frau bereits 1923 als Hausbesorgerin für ihr Mietshaus in Berlin-Schöneberg angestellt hatten. Im Zuge von Shelly Kupferbergs Recherchen taucht ein weiterer Name auf- Liane Berkowitz. Eine junge Frau, die kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs bei einer Widerstandsaktion verhaftet wurde. Obwohl sie schwanger war, verurteilte man sie zum Tode.
Ein Schicksal, das so unglaublich wie wahr ist und das die Autorin eindrucksvoll zurück ins Gedächtnis der Gesellschaft holt. Denn diese Geschichten dürfen niemals vergessen werden.

Die Journalistin und Autorin Shelly Kupferberg hat mit ihren Recherchen rund um Martha Unglaubliches ans Licht gebracht, Lebensgeschichten, die im Laufe der Zeit beinahe in Vergessenheit geraten wären. Sicherlich gab und gibt es zahlreiche ähnliche Schicksale von Menschen, die die Zeit des Zweiten Weltkriegs erleben mussten. Doch zumindest in diesem Roman dürfen einige von ihnen noch einmal sichtbar werden und für einen Moment erneut „aufleben“.

Beim Lesen spürt man deutlich, wie akribisch und sorgfältig Kupferberg im Vorfeld recherchiert hat. Marthas Tagesabläufe ebenso wie die der Menschen, denen sie begegnet, wirken unglaublich authentisch und lebendig. Man erhält einen eindrucksvollen Einblick in die Zeit von den 1920er Jahren bis vermutlich hinein in die frühen 2000er, genau wird das Jahr nicht genannt in denen die Schilderungen enden.
Vor allem aber kommt man den Figuren sehr nahe. Man schließt manche von ihnen ins Herz, freut sich mit ihnen, leidet mit ihnen und manchmal bleibt einem dabei nichts anderes übrig, als mit ihnen zu weinen. Denn das Erschütternde daran ist: Diese Lebensgeschichten haben tatsächlich stattgefunden. Die Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs waren Realität und die Menschen mussten versuchen, all das irgendwie zu überleben. Was leider nicht jedem gelang.

Besonders erschreckend finde ich außerdem die Tatsache, dass viele Menschen, die dem nationalsozialistischen Regime treu ergeben waren und in dessen Auftrag schreckliche Verbrechen begangen haben, auch lange nach dem Krieg weiterhin in ihren Berufen tätig bleiben konnten. Teilweise wurde ihnen später sogar noch Denkmäler oder Büsten gewidmet. Unfassbar!
Aber gleichzeitig macht einen dieses Buch auch traurig, weil man merkt, dass die Menschheit aus der Vergangenheit offenbar nur wenig gelernt hat, denn die Kriege gehen weiter.

Fazit:
Ein Roman wie ein Mahnmal gegen das Vergessen. Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Eine Tasse Tee

Im Sommer der Wildbienen
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Die Geschichte dreht sich um Flora – und der Name ist hier wirklich Programm. Die junge Frau liebt Pflanzen und die Natur über alles. Gerade hat sie ihr Studium abgebrochen und versucht irgendwie ihren ...

Die Geschichte dreht sich um Flora – und der Name ist hier wirklich Programm. Die junge Frau liebt Pflanzen und die Natur über alles. Gerade hat sie ihr Studium abgebrochen und versucht irgendwie ihren Platz im Leben zu finden. Was allerdings nur wenige Menschen außerhalb ihrer Familie wissen: Flora ist Autistin. Bis zu ihrer Diagnose hat sie sich jahrelang angepasst, nur um nicht aufzufallen und endlich irgendwo dazuzugehören. Doch soziale Interaktionen kosten sie unglaublich viel Kraft, Mimiken und Reaktionen anderer Menschen kann sie oft nur schwer einschätzen und der Alltag fühlt sich für sie häufig wie eine permanente Überforderung an.
Nach einer Panikattacke in einem Kaufhaus zieht Flora schließlich einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben in der Großstadt. Sie zieht in das kleine, alte Haus ihrer verstorbenen Großmutter aufs Land – zu einer Frau, zu der der Kontakt schon seit Jahren abgebrochen war. Dort erwartet sie nicht nur ein wunderschöner, verwilderter Garten, sondern auch jede Menge Herausforderungen – mit der Natur, mit ihren neuen Nachbar und vor allem auch mit sich selbst.

Dies ist der erste Roman der Drehbuchautorin Nina Mayen und ich finde, man merkt der Geschichte an, dass die Autorin ein gutes Gespür für Figuren und zwischenmenschliche Situationen hat. Sie schreibt in einem lockeren und sehr unterhaltsamen Tonfall und beschreibt dabei besonders gelungen, in welchem Zwiespalt sich Flora oft befindet.
Auf der einen Seite möchte sie z.B. ihre Eltern und Geschwister nicht verletzen oder vor den Kopf stoßen, auf der anderen Seite kann sie es kaum aushalten, wenn ständig Menschen durch ihr Zimmer laufen, ihre Sachen anfassen, etwas umstellen, Krümel hinterlassen oder sie ungefragt umarmen wollen. Für Außenstehende wirkt das Verhalten von Flora manchmal befremdlich oder schwer nachvollziehbar, doch gleichzeitig macht das Buch deutlich, wie anstrengend es für sie ist, permanent über die eigenen Grenzen zu gehen. Genau deshalb beginnt Flora nach und nach überhaupt erst herauszufinden, wo diese Grenzen eigentlich liegen und wie sie diese anderen Menschen gegenüber kommunizieren kann.
Gar nicht so einfach, vor allem dann nicht, wenn plötzlich auch noch Gefühle und Verliebtheit dazukommen.
Nach ihrem Umzug aufs Land ist Flora plötzlich zum ersten Mal wirklich auf sich allein gestellt. Um ihre Ziele zu erreichen, muss sie immer wieder über sich hinauswachsen und sich Situationen stellen, die sie eigentlich komplett überfordern. Besonders schön fand ich dabei auch, wie Flora nach und nach erkennt, dass sie und ihre verstorbene Großmutter sich viel ähnlicher waren, als sie zunächst gedacht hat.
Nina Mayen beschreibt sehr schön, wie Flora langsam erkennt, was sie eigentlich vom Leben möchte, wie sie leben will und wo ihr eigener Platz sein könnte. Teilweise sind das Gefühlschaos und die permanente Überforderung der Hauptprotagonistin beim Lesen kaum auszuhalten, gleichzeitig hatte ich aber das Gefühl, dass genau das vermutlich sehr authentisch dargestellt ist und die Lebensrealität vieler AutistInnen oder deren Angehörigen widerspiegelt.
Besonders mochte ich außerdem die vielen herzlichen Nebenfiguren. Die Autorin erschafft eine warme Atmosphäre und Charaktere, mit denen man gerne Zeit verbringt.

Fazit:
Eine ruhige, herzerwärmende Geschichte, bei der man sich wohlfühlt und gleichzeitig selbst ein wenig ins Nachdenken kommt.

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Veröffentlicht am 06.05.2026

Wenn der Zugwind bläst

Zugwind
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Rezension zu gleichnamigen Hörbuch aus dem argon Verlag:
Im Mittelpunkt des aktuellen Romans von Iryna Fingerova "Zugwind", der von Jakob Walosczyk übersetzt wurde, steht Mira Zehmann – Hausärztin, Mutter ...

Rezension zu gleichnamigen Hörbuch aus dem argon Verlag:
Im Mittelpunkt des aktuellen Romans von Iryna Fingerova "Zugwind", der von Jakob Walosczyk übersetzt wurde, steht Mira Zehmann – Hausärztin, Mutter und Ehefrau –, die ihre Heimat Odesa vor Jahren verlassen hat, um sich gemeinsam mit ihrer Familie in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Doch als der Krieg in der Ukraine beginnt, gerät ihr mühsam aufgebauter Alltag ins Wanken. Die Arztpraxis, in der sie später selbst tätig ist, wird zur Anlaufstelle für geflüchtete Landsleute, die nicht nur medizinische Hilfe suchen, sondern auch Trost, Verständnis und ein Stück Heimatgefühl.

Dabei beschreibt Iryna Fingerova sehr eindringlich, wie belastend es sein kann, ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart, alter Heimat und neuem Leben zu stehen. Besonders gelungen fand ich, dass die Autorin ihre Geschichte nicht ausschließlich schwer erzählt. Immer wieder blitzen sarkastische, überspitzte und beinahe humorvolle Momente auf, die der Geschichte etwas sehr Menschliches verleihen. Gerade dadurch wirken viele Szenen authentisch und nahbar.
Auch Lisa Hrdina bringt diese Mischung aus Ernsthaftigkeit, Melancholie und feinem Humor beim Lesen wirklich gut rüber. Ihre Interpretation passt hervorragend zu Mira und transportiert sowohl die leisen als auch die emotional aufgewühlten Momente sehr glaubwürdig.

Besonders berührt hat mich, wie deutlich spürbar wird, welche Entbehrungen, inneren Konflikte und Unsicherheiten mit einer Auswanderung verbunden sein können – selbst lange nachdem man sich eigentlich schon ein neues Leben aufgebaut hat. Gleichzeitig zeigt das Hörbuch, wie schwierig es ist, für andere stark zu sein, wenn man selbst noch mit der eigenen Zerrissenheit kämpft.
Manchmal war mir der Fokus auf Miras Überforderung und ihre gedanklichen Spiralen allerdings etwas zu präsent, wodurch sich manche Passagen für mich ein wenig gezogen haben.

Fazit:
Eine Geschichte über Heimatverlust, Migration und die emotionale Belastung des Neuanfangs. Hörenswert!

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Veröffentlicht am 01.05.2026

Die Blumen im Wandel der Zeit

Tulpenwut und Rosenliebe
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Gabriele Tergit, bekannt als Historikerin und Autorin, veröffentlichte 1958 unter dem Titel „Kaiserkron und Päonienrot“ ihre kleine Kulturgeschichte der Blumen. In dieser Ausgabe erfahren wir unter dem ...

Gabriele Tergit, bekannt als Historikerin und Autorin, veröffentlichte 1958 unter dem Titel „Kaiserkron und Päonienrot“ ihre kleine Kulturgeschichte der Blumen. In dieser Ausgabe erfahren wir unter dem aktuellen Titel „Tulpenwut und Rosenliebe“, wie Gärten überhaupt entstanden. Nämlich sobald die Grundbedürfnisse des Menschen nach Nahrung, Kleidung, sicherer Wohnraum abgedeckt waren, legt er Gärten an. Tergit beleuchtet zudem die Bedeutung von Blumen in der Geschichte, von der Lotusblume der Ägypter bis zur Tulpe in den Niederlanden, samt der berühmten Tulpenmanie.
Damit man sich die einzelnen Pflanzen, die genannt werden auch gut vorstellen kann, ist das Buch reich bebildert. Diese Illustrationen stammen von Pierre-Joseph Redouté, einem legendären botanischen Maler des 18. und 19. Jahrhunderts. Redouté, der bekannt für seine exakten und eleganten Blumenbilder war Seine Bilder bringen die Geschichte der Blumen sozusagen visuell zum Blühen. So entsteht ein wunderbar erzähltes und illustriertes Werk, das Kultur- und Blumengeschichte vereint.

Da es so schön aufbereitet ist, eignet sich das Buch aus dem Schöffling Verlag hervorragend als Geschenk. Nur falls vielleicht jemand noch eine kleine Aufmerksamkeit für den Muttertag sucht. Aber auch Männer, die sich für die Geschichte des Gärtners und der Blumen interessieren, werden hier sicher interessante neue Fakten erfahren.

Fazit:
Ein informatives Buch zum Thema Gärten im Allgemeinen und Blumen im Speziellen im Wandel der Zeit, wunderschön illustriert.

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