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Veröffentlicht am 26.02.2026

außerhalb des Rahmens

Grüne Welle
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Der Roman beginnt mit einer scheinbar harmlosen Situation, indem eine Frau nach dem Kinoabend mit ihrer Freundin nach Hause fahren will, durch eine Umleitung vom vertrauten Weg abkommt und sich nicht mehr ...

Der Roman beginnt mit einer scheinbar harmlosen Situation, indem eine Frau nach dem Kinoabend mit ihrer Freundin nach Hause fahren will, durch eine Umleitung vom vertrauten Weg abkommt und sich nicht mehr dazu überwinden kann, umzudrehen und nach Hause zu fahren. Der Schreibstil ist distanziert, bewusst aus der Beobachtungsperspektive geschildert. Es werden keine realen Namen genannt, die Frau, der Mann, die Freundin der Frau, zwei Mädchen, sodass man als Leser*in das Gefühl hat, diese beobachtende Person zu sein. Ich habe mir schon lange nicht mehr so viele Notizen zu einem Buch gemacht und so viele Zitate für später herausgeschrieben.
Was als Umweg und intuitive Reise beginnt, wird zunehmend eine Reflexion der aktuellen Lebenssituation. Manches wird aus der Vergangenheit und Jugendzeit geschildert, vor allem Situationen mit der besten Freundin, vieles wird nur angedeutet und es bleibt immer Spielraum für Interpretationen. Was haben sich die beiden Freundinnen damals von ihrem Leben erhofft? Wie haben sie es sich vorgestellt, als sie damals weintrinkend auf der Mauer gesessen sind? Und was ist aus ihren Wünschen und Vorstellungen geworden?
Gewisse Szenen waren skurril, wie das Reh, das plötzlich über die Straße kam und totgefahren wurde. Dass die Frau das Sterben des Rehs mit ihr selbst in Verbindung bringt, löst bei ihr zuerst einen Tränenausbruch aus, bricht das Unterbewusstsein auf und öffnet die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.
Machtmissbrauch und körperliche Misshandlung werden ebenfalls thematisiert, wenn auch häufig nicht direkt angesprochen. Auch die Müdigkeit, die sich mit der Zeit einstellt, wenn man keine Kraft mehr hat, sich aufzulehnen. Wenn man müde genug ist, ist alles andere egal und unwichtig. Den Anstoß zur ehrlichen Auseinandersetzung mit ihr selbst, wird durch die zwei Mädchen, die sie als Tramperinnen mitnimmt, gegeben.
Ein zentrales Thema für die Frau ist das Thema Kunst, wobei ihr spezielles Thema die Rahmen darstellen. Diese Metapher haben mir persönlich sehr gut gefallen. Die Frau versucht ihre Kunstwerke vom Rahmen aus zu entwickeln und zieht für sich die Erkenntnis, dass Frauen und ihre Empfindungen abhängig von den Rahmenbedingungen sind. Rahmen bilden Einschränkungen und diese sind für Frauen die Realität. Gerade deshalb will die Frau ihre Kunstwerke auch außerhalb des Rahmens weiterführen, aber sie musste erkennen, dass sie dann die Wand nicht mitnehmen konnte, das hat sie zutiefst frustriert und fast an ihrer Kunst und ihrer Lebenssituation verzweifeln lassen. Als Künstlerin ist sie gewohnt, einen gewissen Blick auf die Welt zu haben, die äußeren Eindrücke zu verarbeiten, sie in eine Form zu bringen. Ohne die Kunst wäre die Frau an ihren Beobachtungen und Gefühlen geplatzt, erstickt oder verrückt geworden.
Der Schluss ist melancholisch, fast schon traurig, aber auch mit einem kleinen Hoffnungsschimmer. Auf der einen Seite sieht sich die Frau alleine, sie hat niemanden, aber dann trifft sie dennoch auf ihre beste Freundin und die Hoffnung, dass sich die beiden wieder so ehrlich verstehen und annähern können, wie es in ihrer Jugendzeit der Fall war, bleibt vage.

Veröffentlicht am 25.02.2026

Rächer im Darknet

Mörderfinder – Das Muster des Bösen
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Der aktuelle Fall ist der fünfte Teil der Serie mit Max Bischoff, ehemaliger Ermittler und in diesem Teil als privater Ermittler tätig. Da ich bereits die vorigen Teile gelesen habe, waren mir die Hauptcharaktere ...

Der aktuelle Fall ist der fünfte Teil der Serie mit Max Bischoff, ehemaliger Ermittler und in diesem Teil als privater Ermittler tätig. Da ich bereits die vorigen Teile gelesen habe, waren mir die Hauptcharaktere schon bekannt und ich konnte mich zugleich auf den neuen Fall einlassen. Ich empfehle, die vorigen Teile vorab zu lesen, damit die Hintergründe besser verstanden werden und somit auch mehr Lesespaß gegeben ist, der Ermittlungsfall an sich ist in sich abgeschlossen und auch ohne Vorwissen verständlich.
Die Zusammenarbeit von Max Bischoff und Dr. Marvin Wagner finde ich eine gelungene Ergänzung, vor allem, da sie sich auch sprachlich sehr gut ergänzen, in Bezug auf ihre Äußerungen und ihren Humor. Maxs Schwester Kristin hat mir in den vorigen Teilen auch sehr gut gefallen und konnte mit durchdachten Hinweisen weiterhelfen, in diesem Teil hat sie nur eine kleine Nebenrolle inne. Ich hoffe, dass sie im kommenden Teil wieder stärker eingebunden wird.
Die in kursiv gehaltenen Textstellen aus Sicht des Täters finde ich interessant und lockern den Fall auf. Diesmal findet ein Teil der Aktionen und der Ermittlungen im Darknet statt, was aber auch für Laien einfach dargestellt und mehrmals erklärt wird. Das Ende war etwas schnell abgehandelt im Vergleich zum Rest der Geschichte, das wäre bestimmt noch ausbaufähig. Ich bin gespannt auf den nächsten Fall und wie sich die kleine Detektei weiterhin durchsetzen wird.

Veröffentlicht am 25.02.2026

emotionales Labyrinth

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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Christiene widmet sich in dieser autobiografischen Abhandlung der Verwaltung ihrer Erinnerungen. Nach dem Tod ihres Mannes blickt sie zurück und befreit nicht nur das gemeinsame Haus von Ballast und Müll, ...

Christiene widmet sich in dieser autobiografischen Abhandlung der Verwaltung ihrer Erinnerungen. Nach dem Tod ihres Mannes blickt sie zurück und befreit nicht nur das gemeinsame Haus von Ballast und Müll, sondern versucht auch ihre Gedanken zu sortieren und viele offene Fragen zu beantworten. Schicht für Schicht legt sie Erinnerungen frei und lässt uns an ihrer Geschichte teilhaben. Der verstorbene Ehemann wird namentlich nicht genannt, nur als A bezeichnet, dadurch bleibt er für mich weniger greifbar und als Leserin kann man seine Intention und seine Sichtweise weniger nachvollziehen, vor allem auch dadurch, dass Christiene selbst das Buch geschrieben hat und somit ihre Emotionen und Sichtweisen präsenter sind. Zu Beginn war es etwas schwierig in den Rhythmus hineinzufinden, das Buch startet mit dem Begräbnis, danach folgen in nicht chronologischer Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, aber mit der Zeit konnte ich mich mit dem Schreibstil arrangieren und bis zum Schluss hat er mir dann sehr gut gefallen. Man merkt, dass die Autorin selbst Professorin für Frauenforschung war, sie drückt sich gewählt aus, verwendet viele anschauliche Zitate, stellt Fragen an sich selbst und reflektiert. Ihr Ehemann war mit sich selbst und dem Leben unzufrieden, war stark geprägt von Verlustängsten und konnte seine Liebe und seien Anerkennung ihr gegenüber nicht zeigen. Sie schreibt, dass das Schlimmste war, dass er die Liebe anderer nicht fühlen konnte. Obwohl beide sehr gut mit Worten umgehen konnten, fehlten ihnen in der eigenen Beziehung oft die Worte und die Kommunikation. Gut gefallen hat mir auch, dass wir als Leserinnen an intimen Details des Alltagslebens teilhaben durften, beispielsweise über den Mailverkehr zwischen dem Ehepaar oder was Freunde und Familie über sie denken, über den fehlenden Abschied, die Trauer, das Verschwinden schon zu Lebenszeiten, sowie die Wahrnehmungen, wie sie auf die Außenwelt wirkten. Nach außen hin war Christien eine starke Frau mit feministischen Idealen, für die sie geschätzt und bewundert wurde, eine Pionierin auf diesem Gebiet, aber in ihrer Beziehung war sie wehrlos, hatte sie ihre kräftige Stimme verloren, nahm sich zurück, sie hat von Kind an nicht gelernt, Grenzen aufzuzeigen. Dadurch stellt sie sich im Verlauf ihres Lebens häufig die Frage: Wo bin ich geblieben? Wer bin ich? Zuhause wurde sie immer unsichtbarer, im öffentlichen Leben konnte sie gut, auch mit Gegenwind, umgehen. A hat zu Beginn stolz begrüßt, dass seine Frau ihre Doktorarbeit geschrieben hat, danach hat er kaum noch Bewunderung für sie übrig, im Gegenteil, er kritisiert, dass sie nie da gewesen sei. Wahrscheinlich hatte er das Gefühl, von ihr an die Wand gespielt worden zu sein, vor allem nach seinem Ruhestand. Dieser hat ihn in ein tiefes Loch fallen lassen, in eine Depression, die die gesamte Situation noch verschärft hat. Das Haus wurde vernachlässigt, die Beziehung wurde vernachlässigt, Nach seinem Tod war es für Christien notwendig zu entrümpeln, wieder Raum zu schaffen und sich ihren Raum zu nehmen und zu gestalten, sowohl in physischer Hinsicht, aber auch in emotionaler-psychischer Hinsicht. Mit dem Aufschreiben ihrer Erfahrungen hat sie versucht, dies zu bewerkstelligen. Aus heutiger Sicht ist die Vergangenheit im Haus weiterhin anwesend, aber sie kann auch wieder in die Zukunft blicken. Das Buch gibt einen ehrlichen und ungeschönten Einblick und wirkt auch in Nachhinein noch länger nach. Für Betroffene, die mit ähnlichen Situationen kämpfen, kann dies ein Anreiz dafür sein, dass alle Gefühle erlaubt sind und wichtig sind und dass man auch noch im Nachhinein sich die Zeit und den Raum nehmen sollte, die Vergangenheit aufzuarbeiten.

Veröffentlicht am 24.02.2026

es ist nicht leicht, Mensch zu sein

Wiederholung
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Der Roman wirkt sehr lebensnah und deutlich, es könnte sich auch um eine Aufarbeitung von tatsächlich erlebten Verletzungen aus der Vergangenheit sein. Die Autorin spricht unangenehme Themen an, sie ist ...

Der Roman wirkt sehr lebensnah und deutlich, es könnte sich auch um eine Aufarbeitung von tatsächlich erlebten Verletzungen aus der Vergangenheit sein. Die Autorin spricht unangenehme Themen an, sie ist direkt, ehrlich, aber sie lässt dennoch viel Raum, um zwischen den Zeilen zu lesen, die Gedanken schweifen zu lassen und das unausgesprochene zu verarbeiten. Die Erzählperspektive der Ich-Erzählerin wechselt von der Gegenwart in die Vergangenheit, ausgelöst durch eine Beobachtung von ihr und dort bleibt sie hängen und arbeitet die schwierige und bedrückende Jugendzeit auf. Die erste Liebe, die eigentlich eine schöne Erfahrung sein sollte, wird überschattet vom Kontrollzwang der Mutter, von Lügen, Familiengeheimnissen, Missbrauch steht ungesagt im Raum, wird nie direkt angesprochen, aber ist dennoch präsent, nur nicht in Worten. Das Vertrauen in die eigene Familie ist zerstört, nach außen hin spielt man die Rolle der funktionierenden Familie. In Gedanken und im Tagebuch wird festgehalten, dass das „was wir erdichten, von größerer Bedeutung sein kann, als das, was wahr ist“. Auch dass „Aussage gegen Aussage“ gegenüberstehen, eindeutige Beweise gibt es nicht und wem wird man trauen? Dem Familienvater, der das Geld verdient und die Ehefrau und Geschwister hinter sich hat oder der pubertierenden Tochter mit blühender Fantasie? Das Buch ist emotional herausfordernd und nicht einfach zu verarbeiten und ist einprägsam und bewegend. Es wirkt auch lange nach dem Lesen noch nach, wiederholend und wiederholend.

Veröffentlicht am 23.02.2026

genetische Identität

Real Americans
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Das Cover ist ästhetisch und beeindruckend, es hat mich sofort angesprochen, ebenfalls der kurze, prägnante Titel, auch wenn dieser nicht viel über den Inhalt verrät. Der Roman begleitet eine chinesisch-amerikanische ...

Das Cover ist ästhetisch und beeindruckend, es hat mich sofort angesprochen, ebenfalls der kurze, prägnante Titel, auch wenn dieser nicht viel über den Inhalt verrät. Der Roman begleitet eine chinesisch-amerikanische Familie über mehrere Generationen und über verschiedene zeitliche Epochen von China bis nach Amerika. Die einzelnen Teile werden aus der Perspektive von Lily, dann von ihrem Sohn Nick erzählt und zum Schluss rückblickend aus der Sicht von Lilys Mutter May. Inhaltlich ist man als Leserin somit zuerst in den aktuelleren Geschehnissen involviert und erfährt am Ende die Hintergrundgeschichte, wie alles begann und wohin die Reise hätte gehen können oder sollen, wenn alles nach Plan verlaufen wäre.
Man braucht als Leser
in Zeit um sich in die Familiengeschichte einzulesen und in die unterschiedlichen historischen und zeitlichen Dimensionen hineinzuversetzen, man kann nicht durch die Kapitel rauschen, ohne nachzudenken und mitzufühlen. Es geht um zentrale Themen wie Identität und Zugehörigkeit. Was macht es aus „echte Amerikaner“ zu sein und warum ist es gesellschaftlich so wichtig? Gesellschaftliche Normen, Rasse und Herkunft und der „American Dream“ stehen im krassen Gegensatz zueinander. Geld beeinflusst, wer sich durchsetzt und wer es leichter hat im Leben. Am meisten beeindruckt hat mich der wissenschaftliche Aspekt, den schon Lilys Mutter May und ihre Forschungskolleg*innen damals verfolgten, wenn auch noch mit einfacheren Methoden, so haben sie dennoch einen Meilenstein in der Genforschung und in der Veränderung von Erbgut ermöglicht. Wie dies etisch vertretbar ist, ist ein weiterer Diskussionspunkt, der zwar nur kurz angeschnitten wird, der aber im Nachhinein zum Weiterdenken anregt. Dürfen nur die gesunden, starken, perfekten Menschen überleben? Geht dadurch nicht die Vielfalt verloren? Wir sind weit mehr als die Summe unserer Teile. Wie weit können wir wirklich frei Entscheidungen treffen oder sind wir nicht immer in gewisser Weise beeinflusst? Die Gabe die Zeit anhalten zu können, finde ich beeindruckend. Die Zeit anzuhalten und die Zeit kontrollieren zu können.