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Veröffentlicht am 29.05.2025

Feinfühlige Geschichte über das Landleben

Im Schnee
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Es hat ein bisschen gedauert, bis der Roman „Im Schnee“ von meiner fantastisch sortierten @muenchner_stadtbibliothek bereitgestellt wurde, aber das Warten hat sich gelohnt!

Als Schorsch stirbt, beginnt ...

Es hat ein bisschen gedauert, bis der Roman „Im Schnee“ von meiner fantastisch sortierten @muenchner_stadtbibliothek bereitgestellt wurde, aber das Warten hat sich gelohnt!

Als Schorsch stirbt, beginnt für Max, seinen besten Freund, eine Phase der Erinnerung und der Rückblenden auf sein Leben in dem kleinen Dorf, in dem er noch heute lebt.
Die Dorfbewohner und -bewohnerinnen tauschen sich bei der Totenwache über das Leben von Schorsch aus, man erfährt aber durch Max Gedanken noch viel mehr über das Leben im Dorf und seine Bewohnerinnen und Bewohner.

@tommiegoerz hat es allein schon sprachlich geschafft, mich von der Stadt ins Dorf zu holen. Ich bin selbst in einem Dorf aufgewachsen und kann mich super in die Geschichte einfühlen.

Tommie Goerz versinkt in seinem Roman nicht in Nostalgie, sondern schafft mit Max einen authentischen Dorfbewohner, der am Ende seines Lebens durchaus auch kritisch auf Vieles blickt, das im Dorf im Laufe der Jahre passiert ist, totgeschwiegen oder weggeprügelt wurde.

Ich hab die Lektüre sehr genossen und fühlte mich an einige verschrobene Charaktere, typische Gerüche und das Leben auf dem Hof erinnert.

Ich bin sehr froh, dass Tommie Goerz das Leben auf dem Land nicht ausschließlich verklärt und idyllisch darstellt, sondern bewusst auch auf die Schattenseiten einer kleinen, verschworenen Gemeinschaft hinweist. Es gab immer wieder relevante Themen, die in dieser Dorfgemeinschaft nicht offen behandelt wurden, wodurch auch großes menschliches Leid entstand, das komplett ignoriert wurde.

Für mich als Ginger besonders bitter zu lesen:

„Ein Kind mit roten Haaren. […] Dieses Kind hatte keinen Namen, es durfte nie raus, niemand durfte es sehen, es war tagaus, tagein eingesperrt. […]Es wurde schlimmer gehalten als das Vieh.“

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Veröffentlicht am 12.03.2026

Spurensuche in Polen

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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"[…] meine Mutter und ich waren, so kam es mir vor, ein Oxymoron […]“

Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, S. Fischer, 156 Seiten

Danke für das Leseexemplar @sfischerverlage! Meine ...

"[…] meine Mutter und ich waren, so kam es mir vor, ein Oxymoron […]“

Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, S. Fischer, 156 Seiten

Danke für das Leseexemplar @sfischerverlage! Meine Vorfreude auf das neue Buch von Judith Hermann war riesig und meine Erwartungen wurden so was von erfüllt!

📖 Der Roman gliedert sich in drei Teile. Im ersten reist die Erzählerin auf der Suche nach den Spuren ihres Großvaters nach Radom (Polen). Ihre Mutter scheint jegliche Erinnerung an ihren Vater, einen SS-Soldaten, zu verdrängen. Also macht sich die Autorin mit dem Foto ihres Großvaters selbst auf den Weg. Im zweiten Teil fährt sie von Polen aus weiter nach Neapel und besucht ihre dort wohnende Schwester.
Im dritten Abschnitt schließlich dann das Verschwinden der Schwiegereltern im Vordergrund, das chronologisch weit vor der Reise nach Radom und Neapel liegt.

⭐Ich mag den Stil von Judith Hermann unfassbar gerne. Sie versteht es, so zu formulieren, dass ihre Sätze trotz Einfachheit und ohne Schnörkel den Kern treffen, mehr noch: tief in den Kern des Gedanken eindringen. So on point mit so frischen Bildern und außergewöhnlichen („ein schwindsüchtiges Lämpchen“) Formulierungen zu schreiben, ist wirklich besonders („Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck […]“.)
⭐Auch die Beobachtungen des Geschwisterverhältnisses, die Beschreibung des vorsichtigen Umgangs miteinander, des Sich-Fremdseins, obwohl man sich nahe fühlen möchte, fand ich ausgesprochen gelungen. Überhaupt ist Judith Hermann eine großartige Beobachterin von Alltagssituationen und kleinen Gesten, die sie sprachlich äußerst präzise wiedergibt.
⭐Ihre Radomer Leseliste habe ich zugegebenermaßen fast ehrfürchtig zur Kenntnis genommen- von all den Büchern, die sie erwähnt, kenne ich fast keines 🫣

Ein Buch, das die Familiengeschichte nicht literarisiert, sondern authentisch und ehrlich daher kommt- mit allen fehlgeschlagenen Versuchen, Erinnerungen aus der Vergangenheit zu bergen, die sich manchmal einfach nicht heben lassen (wollen).

gegenwartsliteratur

judithhermann

leseninmünchen

bookstagram #mybookshelf

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Veröffentlicht am 12.03.2026

Eine Umleitung, ein totes Reh und eine ungeplante Nachtfahrt

Grüne Welle
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📖 Eine Frau (Amy, Künstlerin), fährt nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin nicht etwas nachhause, sondern nach einer Umleitung gefühlt richtungslos durch die Nacht. Sie fährt immer weiter, nimmt zwei ...

📖 Eine Frau (Amy, Künstlerin), fährt nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin nicht etwas nachhause, sondern nach einer Umleitung gefühlt richtungslos durch die Nacht. Sie fährt immer weiter, nimmt zwei Anhalterinnen mit und fährt ein Reh tot. Während der Autofahrt wird peu à peu klar, dass der Ehemann, der da zuhause auf sie wartet, sich gegenüber ihr alles andere als liebend und fürsorglich verhält. Was die Frau mit ihrer immer bewusster werdenden Einsicht anfängt, lohnt sich zu lesen!
⭐Lange erzählt @estherrosaschuettpelz in ihrem Roman immer nur von „der Frau“ und „der Freundin der Frau“. Mein erster Reflex nach drei, vier Seiten war:
“Bitte nicht, das nervt.“ Aber je länger sie die Geschichte erzählt, die Hintergründe sichtbar werden und ich verstehe, worum es hier geht, desto begeisterter war ich vom Erzählstil des Romans. Was für eine tolle Idee, die Protagonistin namenlos starten zu lassen und man erst sehr viel später „per Amy“ ist.
⭐Ich kann gar nicht genau greifen, was mich am Schreibstil der Autorin so begeistert, es ist die Kombination aus vielen Faktoren: die immer wiederkehrende Distanzierung von der Handlung mit der Einflechtung sehr schlauer Gedanken und Bemerkungen, die exzellente Beobachtungsgabe und die daraus resultierenden erstaunlichen Beschreibungen der Personen und ihrer Gedanken, die überraschenden Metaphern und Vergleiche und wunderbare Formulierungen („Müdigkeit als Zufluchtszustand“).
⭐Sehr bereichernd empfand ich die Offenheit und den Einblick in die Gedanken der Frau, aber auch ihre Zweifel und Schuldzuweisungen an sich selbst. Die Konfrontation mit der Realität nach dem Wildunfall nahm hier nochmal richtig Fahrt auf.
Ein sprachlich sehr abwechslungsreicher, überzeugender Roman, der sich genauso unkonventionell wie klassisch dem Thema „Häusliche Gewalt“ annimmt.
💬 „Man kriegt nämlich nicht immer nur, was man verdient.“

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Veröffentlicht am 26.02.2026

tolle Geschichte über drei starke Frauen

Die Riesinnen
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📖 Ein wunderbarer Roman über drei Frauen, die jede auf ihre eigene Art stark und mit ihrer Heimat verbunden sind.

⭐Ich mochte wirklich alles an diesem Roman, der mich ein Wochenende lang nicht mehr losgelassen ...

📖 Ein wunderbarer Roman über drei Frauen, die jede auf ihre eigene Art stark und mit ihrer Heimat verbunden sind.

⭐Ich mochte wirklich alles an diesem Roman, der mich ein Wochenende lang nicht mehr losgelassen hat.
⭐Sprachlich wirklich herausragend und unfassbar geschickt, wie die drei Leben miteinander verwebt und gegenübergestellt werden, ohne, dass sie zu sehr verschwimmen.
⭐Liese und Eva fand ich fast noch ein bisschen stärker als Cora. Deren Art ist es aber nun mal, nicht viel von sich preiszugeben. Wenn ich das berücksichtige, ist es absolut stimmig, wie ihr Leben erzählt wird. Nein, nicht nur stimmig, sondern großartig umgesetzt!
⭐Auch die kleine Irritation mit dem Atomkraftwerk erweist sich im Nachhinein durch die lebenslange Freundschaft zu Robert als einschneidender und bedeutender Moment, in dem Liese Kontakt mit einer ganz anderen Welt knüpft.
⭐An die Längen, die ich an ganz wenigen (!) Stellen beim Lesen verspürte, kann ich mich nach der Lektüre gar nicht mehr erinnern.
Im Gegenteil, ich finde es schade, dass es nun vorbei ist.

⭐Und Liese♥️!
⭐Und Franz! ♥️
⭐Und 1000 Grüße an die wunderbare Lektorin💪!

Bitte unbedingt lesen, ein wirkliches Highlight!

💬 „Es ist alles so, wie es vorher war, auch wenn sich jetzt alles ändert.“

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Veröffentlicht am 09.02.2026

ungewöhnlich, musikalisch

Durch das Raue zu den Sternen
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📖 Arkadia Fink, genannt Moll, kann eines so richtig gut: Singen. Und deshalb lässt sie sich von nichts und niemandem abhalten, ihren Traum zu verwirklichen und im Knabenchor zu singen. Sie erhofft sich ...

📖 Arkadia Fink, genannt Moll, kann eines so richtig gut: Singen. Und deshalb lässt sie sich von nichts und niemandem abhalten, ihren Traum zu verwirklichen und im Knabenchor zu singen. Sie erhofft sich dadurch aber auch, dass ihre Mutter wiederkommt, die „kurz weggegangen“ ist und auf die Arkadia sehnsüchtig wartet. Musik ist das Element, das Mutter und Tochter schon immer verbindet. Während Moll im Alltag struggelt und nirgendwo so richtig dazugehört, gibt ihr die Musik Mut, ihren Weg zu gehen.
⭐ Ich mochte die Sprache des Romans, die eine große Spannbreite an Emotionen widerspiegelt: mal witzig, mal skurril, mal gewaltsam und unbeherrscht, mal fast zu erwachsen für eine Dreizehnjährige, aber immer irgendwie nachvollziehbar und echt. ⭐Die Geschichte überrascht mit vielen Elementen, die an sich sehr skurril und eigenwillig daherkommen: Die Beziehung zum Neo-Bechstein, das gedankensingende Schwein, das geheime, gefährliche Lied, der weibliche Beethoven. Ich bin angesichts der Fülle fast verwundert, dass sich alles trotzdem zu einer stimmigen, sehr gut erzählten Geschichte zusammenfügt. Ist aber zu 100% so.
⭐ So richtig warm bin ich mit Arkadia leider nicht geworden. Auf der einen Seite bewundere ich sie für ihr Selbstbewusstsein und ihre Angstfreiheit (wenn das denn so stimmt), auf der anderen Seite finde ich sie auch echt unsympathisch im Umgang mit Menschen, die es gut mit ihr meinen.
⭐Das Ende hat mich überrascht bzw. eingeholt und ist absolut gut gelungen; genauso, wie der Parallelismus, der dahin führt (Ich finde sie nicht, …). Weltklasse!

Ein zutiefst feinsinniges, radikal ungewöhnliches Buch, das eine Kaskade von Gedanken auslöst, die mich noch lange begleiten werden.
💬 „Mir macht alles nichts aus.“

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