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Veröffentlicht am 30.03.2026

High Fantasy x Slow Burn

Der Hof der silbernen Nacht
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Noch neunhundertelf erfolgreiche Aufträge trennen Niva Liorell von ihrem Ziel – der Freiheit für ihre Schwester. Bis Borwin ihr ein Angebot macht, das gefährlich, potenziell tödlich und zum Scheitern verurteilt ...

Noch neunhundertelf erfolgreiche Aufträge trennen Niva Liorell von ihrem Ziel – der Freiheit für ihre Schwester. Bis Borwin ihr ein Angebot macht, das gefährlich, potenziell tödlich und zum Scheitern verurteilt ist, dem sich die Lichtwandlerin jedoch nicht entziehen kann. Immerhin könnte sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Riennes Ketten sprengen und sich an ihrem Feind, dem König von Emberfall, rächen. Der Mann, der den Schwestern die Eltern, ihre Kindheit und eine selbstbestimmte Zukunft genommen hat.
Was sie dafür tun muss? Sich in den Silberhof einschleusen, das Vertrauen des allseits gefürchteten Dunkelelfen gewinnen, ihm Informationen entlocken und ihm ein mysteriöses Artefakt direkt vor der Nase wegschnappen. Ein Klacks … nicht. Denn obgleich Niva ein enormes, seltenes Talent dafür hat, ihre Gestalt mit ihrer Magie zu wandeln und in fremde Rollen zu schlüpfen, sie allerhand Zauber und Pulver kennt, die ihre Täuschungen perfektionieren, und sie für die einen oder anderen Tücken, die eine Anstellung am Hofe von Elarun mit sich bringt, einen Plan hat, ist sie noch immer eine Sonnenelfe, ein Wesen, das seine Kraft aus dem Licht zieht. Und in Valerian Kaelvanes Reich herrscht die Dunkelheit, regieren die Schatten, die viel zu oft Augen und Ohren besitzen …

Gemeinsam mit dem Seheräffchen Gimo, mit dem Gedanken an ihre Schwester und dem Wunsch nach Vergeltung macht sich Niva auf nach Emberfall – wird zu Milena Rosenthau – und ahnt nicht, dass sie in wenigen Wochen alles, was sie zu wissen glaubte, woran sie jahrelang festgehalten hat, loslassen muss. Dass Hass und Vorurteile von ihr abfallen werden, wie im Schlaf die sorgsam gewirkten Illusionen. Denn schon bald wird die Lichtmagierin mehr als nur ihr Leben riskieren – für den König des dunklen Landes, den Kriegstreiber, den Mörder …

„Verliere dich nie in deiner Rolle.“

„Der Hof der silbernen Nacht“ ist der Auftakt einer High-Fantasy-Dilogie, der mich von Anfang bis Ende mitgerissen hat. K. T. Steen schaffte es, mich mit ihrer mutigen und selbstlosen, nicht unfehl-, dafür nahbaren Protagonistin, der im Hintergrund entstehenden, jedoch zumindest in diesem Band nicht dominierenden Romance sowie dem komplexen Worldbuilding an die Seiten zu fesseln.
Gemeinsam mit Niva tauchen wir in die Düsternis der Dunkelelfen ein, erschmeicheln uns einen Platz als Schriftführerin am Silberhof, werden mit Fragen und Ungereimtheiten konfrontiert, mit tragischen Schicksalen und Offenbarungen, die sich mit derselben niederschmetternden Präzision in der Illusionistin festkrallen wie Zuneigung, Mitgefühl und Wärme. Denn je länger Niva im Silberschloss weilt, je stärker sie ein Teil der fragilen Schattengemeinschaft wird, je näher sie dem gnadenlosen Herrscher kommt und je mehr Fragmente – fehlende Teile – sie findet, umso angekommener fühlt sie sich.
Sie, eine Lichtelfe. Eine Lügnerin. Der Feind, den Valerian so unbedingt enttarnen will. Dabei darf Niva zu keiner Zeit vergessen, wer sie ist, darf ihr Ziel – für Rienne – nicht aus den Augen verlieren … wenn es sie auch ihr Herz und ihr Leben kosten könnte.

Mimt Valerian Kaelvane auch bemüht den harten Bad-Boy, lässt sich im voranschreitenden Verlauf erkennen, dass hinter der gleichgültigen, selbstsicheren und nahezu arroganten Fassade Schmerz steckt, Schuld. Vorsicht. Denn schon einmal war es Vertrauen, das ihm und seinen Getreuen zum Verhängnis wurde. Ein Fehler, der ihn seitdem aussaugt, ihm täglich in Erinnerung ruft, sich niemals wieder verletzlich zu machen …

Die Autorin erzählt in einem mitreißenden Ton, klar, vorstellbar, gespickt mit Gefühl und Witz. Kreierte eine einnehmende, wankelmütige Atmosphäre, die über das ganze Szenario eine Schwere legt, eine pulsierende Gefahr und Argwohn. Begleitet werden diese Eindrücke von Nivas Angst, enttarnt zu werden, der Möglichkeit, zu scheitern, und der Konsequenzen, die Versagen bedeuten würde. Da sich die Dynamik zwischen ‘Milena Rosenthau’ und ihrem neuen Chef nur langsam wandelt, sind die kleinen Veränderungen in der Haltung von Vale und seiner Schriftführerin, ihr zaghaftes öffnen, greifbar. Slow-Burn at the best.
Abgesehen von der wunderbaren Charakterzeichnung konnte mich vor allem das merklich durchdachte, detailliert dargelegte und interessante Worldbuilding begeistern – wir treffen auf verschiedene Wesen und Magie, besuchen einen Teil von Mirilor, spüren die Wunder uralter Artefakte, reisen durch Schatten und sehen, wie Illusionen lebendig werden. Steen lässt die Erklärungen zu einzelnen Gegebenheiten wie auch relevante Hintergründe und Politik stimmig in ihre Story einfließen, spart nicht an Humor und Aufregung, nicht an Spannung und Action, nicht an Geheimnissen und prickelnder Tension. Von puren Emotionen und Tragik bis hin zu Leid und Schuld, von den diversen Arten der Liebe zu Freundschaft bis hin zu Hass und Verrat – in diesem Buch wartet so viel, das es zu entdecken, in dem es sich zu verlieren gilt.

Zudem wird die Handlung von einigen Nebenfiguren bereichert – abgesehen von Taren und Gimo, die mir beide sehr ans Herz wuchsen, sind da Evelyne Caelius, Rienne und Aurélie. Auch andere, deren Rolle lange ungewiss ist, deren Ziele verborgen liegen, mischen mit und animieren dazu, aufmerksam zu bleiben. Denn wem kann man wirklich trauen, wenn es um Macht geht?

Die letzten Kapitel strotzen vor Überraschungen und Wendungen, vor Verlusten und Ausweglosigkeit, vor Hilfe aus ungeahnter Richtung und weiteren, alles infrage stellenden Erkenntnissen, während sich Niva Liorell in noch mehr, in neue Risiken stürzt und wir gespannt auf das Finale der Schattenlicht-Saga sein können.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Spice, Consens, Spannung und Humor

Brutal Vows
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„Brutal Vows“ ist der vierte Teil der spicy Romance-Reihe um die „Queens and Monsters“. Auch in diesem Buch zeigt J. T. Geissinger sehr deutlich, dass selbst die härtesten Mafiosi nicht vor den Waffen ...

„Brutal Vows“ ist der vierte Teil der spicy Romance-Reihe um die „Queens and Monsters“. Auch in diesem Buch zeigt J. T. Geissinger sehr deutlich, dass selbst die härtesten Mafiosi nicht vor den Waffen der – ihrer – Frauen gefeit sind …

Um ihre Nichte zu retten, würde Reyna alles tun – auch ihre hart erkämpfte Freiheit aufgeben. Und so gleitet sie – mit hocherhobenem Haupt und bebendem Herzen – statt Lili zum Traualtar, um das Arrangement zwischen ihrem Bruder, dem Oberhaupt des Caruso-Clans, und der irischen Mafia zu erfüllen und keinen Krieg vom Zaun zu brechen.

Für Spider ist diese Eheschließung nicht mehr als eine zweckdienliche Pflicht, die er bereitwillig für seine Familie, die ihn auffing, als sein Leben gleich eines Infernos in Flammen aufging, erfüllt. Declan O'Donells rechte Hand ist überzeugt davon, nie mehr zu lieben, schon gar nicht eine Teenagerin. Aber als Reyna auf ihn zuschreitet, will er von der Viper alles.
Und ahnt dabei nicht, welche Waffe er sich ins Bett holt.

„Alle Frauen sind in derselben Situation wie ich und Lili. Wir werden wie Vermögenswerte an Männer versteigert, die nicht wissen, wie man liebt.“

„Brutal Vows“ wird aus wechselnder Perspektive erzählt, wobei uns hauptsächlich Rey durch das sich langsam aufbauende Geschehen und in sich auf unerwartete Weise zuspitzende Situationen trägt. Seit drei Jahren trägt die „Viper“ schwarz, hat der Liebe schon lange davor abgeschworen und war sich sicher, niemals wieder „Ja“ zu einem Mann zu sagen. Dass ihr Ruf – erbaut aus geflüsterten Vermutungen und Angst, aus ihrer eigenen Kälte – sie vor Avancen und Blicken schützt, kommt der „Schwarzen Witwe“ nur zugute.
Doch Mr. Quinn fordert sie mit seiner bloßen Präsenz heraus, mit seinem überlegenen Gehabe und mit seinem Verhalten, das nicht zu den Strukturen passt, die Reyna gewohnt ist.

Zwischen heftigen Diskussionen, unterschwelligen Drohungen, harten Verhandlungen und spritzigen Schlagabtauschen erwärmt die mysteriöse Bad-Ass-Hexe Spiders Herz, vereinnahmt seinen Verstand, seine Träume und seinen Schwanz. Quinn will die Geheimnisse der Viper, ihren Hass ergründen, will ihre Mauern einreißen, will ihre Wahrheiten, ihre Schreie – niemals hätte er zu hoffen gewagt, all das und mehr wirklich zu bekommen …

Wie gewohnt war Geissingers Stil sehr direkt und modern, emotional und nicht frei von Sarkasmus. Trotz blutiger und gewaltvoller, anschaulich dargelegter damn expliziter Szenen und der interessanten, in meinen Augen authentisch inszenierten Mafia-Komponente, der über allem liegenden Gefahr und des nie abklingenden Misstrauens ist die temporeiche Story reich an Humor und Witz. Ich habe die Wortgefechte und Reys Schlagfertigkeit genossen und mich wieder köstlich amüsiert. Zum hohen Unterhaltungsfaktor tragen zudem die Nebenfiguren bei, allen voran Reynas Mutter. Auch die bereits bekannten Couples – Natalie & Kage, Malek & Riley und Declan & Sloane – sowie Kieran und Gianni mischen mit, sodass Rivalität und Feindschaft zwar in der Luft lagen, aber nicht gegen die Stärke der taffen, sich ihres Einflusses bewussten Frauen ankamen. Hinter der Romance brodeln die Fehden zwischen der Bratwa, dem Irish Mob und der Cosa Nostra – und dieser schwelenden Bedrohung ist sich der Lesende stets gewahr.

Während die Autorin auf einen griffigen und vorstellbar ausgebauten Verlauf, der reich an Abwechslung und Wendungen ist, Wert legt, wurden die Protagonisten mit Fehlern gezeichnet, mit Abgründen und Schatten.
Die Dynamik zwischen der Witwe und dem Iren schwankt von heiß zu kalt, von Leidenschaft zu bodenloser Abneigung, quillt über vor Konflikten und Zärtlichkeit. Ihre Hintergründe – die traumatischen, sie gezeichneten Erlebnisse und ihre seelischen Narben – zu entdecken, war absolut bewegend. Und intensiv.
Von allen bisher kennengelernten Kämpferinnen der „Queens and Monsters“ war Reyna Caruso die Unberechenbarste, wurde sie doch in diese Welt, in ein System, in dem Männer die Macht und Frauen nichts haben, hineingeboren. Rey kennt die wahren Ungeheuer, ihren Verrat und die brüchigen Bündnisse, kennt ihren Platz und ist sowas von bereit, diesen zu verlassen und aufzusteigen …

Die Handlung ist von Anfang bis Ende mitreißend und spannend, spaßig und heiß. Hält Spicy-Szenen, Romantik und Überraschungen bereit.
Ich jedenfalls hätte nichts gegen mehr Geschichten über die Monster und ihre Königinnen. Kurz: absolute Suchtgefahr!

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Veröffentlicht am 19.03.2026

Bewegender Roman

Lautlos fallen wir
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“Und doch weiß ich: Wenn ich falle, wird er da sein. Nicht um mich zu richten, sondern um mich aufzufangen.”

„Lautlos fallen wir“ ist eine Erinnerung daran, dass die größten Liebesgeschichten selten die ...

“Und doch weiß ich: Wenn ich falle, wird er da sein. Nicht um mich zu richten, sondern um mich aufzufangen.”

„Lautlos fallen wir“ ist eine Erinnerung daran, dass die größten Liebesgeschichten selten die romantischen, selten die klassischen sind, eine Erinnerung daran, dass es manchmal kein Morgen gibt und nur das Jetzt zählt.

Maelia und Elira waren unzertrennlich, bis ihre Mutter eine Diagnose erhielt, die die Kindheit der beiden beendete und weitaus mehr aus den Fugen brachte als nur die Zwillinge.
Während Elira begann, zumindest das zu kontrollieren, was in ihrer Macht steht, Höchstleistungen zu bringen, nichts anderes als Ordnung und Perfektion, stetig weniger, Hauptsache keine Last wurde, und dabei immer mehr von sich, der Lebenslust, ihrer Freundlichkeit verlor, innerlich erfror, sah Mae hin, sah alles, und rettete sich selbst. Bei ihrer Tante und ihrem Onkel baute sich die Künstlerin etwas Neues auf – doch die Vorwürfe in ihrem Kopf, die Schuld in ihrem Magen, blieben. Aber nie hätte sie in London weilen, verwelken, können, dazu verdammt, tatenlos auszuhalten.

Heute arbeitet Elira in einer angesagten Eventfirma, fokussiert darauf, die Beste zu sein, effizient, nahe bei ihren Eltern und im Kopf doch weit weg. Als sie Noel kennenlernt, versucht die 21-Jährige gerade, ihren letzten emotionalen Fauxpas mit einem Bolzenschneider von der Brücke zu lösen, nicht ahnend, dass der aufmerksame Fotograf fortan Präsenz erhält, vor den Eisentüren ihrer Festung ausharrt, geduldig. Nur langsam schafft es die junge Frau, ihn an sich heranzulassen, wieder zu lächeln, einen Schritt in das bunte Treiben zu wagen. Bis ihr das Schicksal erneut einen Tiefschlag erteilt.
Und noch einen. Und noch einen.

Indes begann Maelia in Zürich eine Ausbildung bei einem Tätowierer, der ihren Input, ihr Talent und ihre Person schätzt. Auch Hannah begleitet ihr Neufinden in der Schweiz mit freundschaftlichem Rückhalt. Abgesehen von seltenen Telefonaten mit ihren Eltern hat Mae London hinter sich gelassen, nur nicht den Schmerz, nicht die Sehnsucht nach dem einen Menschen, der sie komplettiert. Erst die Tragik, der Zeitdruck, der Wunsch, doch noch da zu sein, drängen sie in den Flieger …

„Lautlos fallen wir“ ist so leise wie lärmend, ebenso ruhig wie tosend. Jessica Juni lässt uns aus den Perspektiven der Schwestern in die aktuellen Geschehnisse eintauchen, durchbrochen von Rückblenden, die ihre intensive Verbindung und den Wandel der Familie belegen – den Rückzug des Vaters, das Verblassen von Elira, Maelias Reaktion, die Distanz, die sich breitmacht, die Wut. In der Gegenwart bereichert Noel hin und wieder den Verlauf mit seiner zarten Hoffnung auf mehr. Der Künstler war Ruhe, Geduld, war Grenzen wahren und Halt geben. Es ist ein Missverständnis, das Elira zurücktreibt, fort von ihm, in das dichte Chaos ihrer selbst …

Die Autorin setzt auf Authentizität und Poesie, auf (Ein)Dringlichkeit und Intensität, während sie von Loslassen und Weitergehen, den Hürden des Lebens, den Abschieden und Neuanfängen erzählt; von Trauer um die, die noch atmen, und um die, die gegangen sind. Verlustschmerz – bevor etwas verloren ist. Selbstschutz – wenn niemand anderes dich schützt. Hass, Schuld, Reue, Angst … Dieser New-Adult-Roman hat so unglaublich viele Facetten zu bieten, so tiefe Nuancen, treffen wir doch auf relevante Themen, reale Probleme, eine Bandbreite an Empfindungen und Gedanken, mit denen es sich identifizieren lässt, vor denen niemand sicher ist. Um die bewegenden Umstände, in denen sich die Schwestern verloren, ihr Wachsen und Ausharren, die sich im Sturm entwickelnden Persönlichkeiten und die Erkenntnisse, die manchmal erst mit der Tragik kommen, konzipierte die Autorin eine Geschichte voller Bilder und Emotionen. Dramatisch, wendungsreich, erschütternd. Denn nichts kommt, wie vermutet.

Mit wie viel Einfühlungsvermögen Jessica einzelne Punkte behandelt hat, ohne zu romantisieren, fand ich zusätzlich zur mitnehmenden Handlung und der stilistischen Leistung hervorragend: Beispielsweise kam anhand der Familie Frey der individuelle Umgang mit diversen Schwierigkeiten und die Dringlichkeit von Abgrenzung greifbar zur Geltung. Auch Elis Essstörung – inklusive ihres Dranges nach Kontrolle – erhielt Substanz, fernab vom Klischee, bekam Tiefe und wurde nach und nach genauso aufbereitet wie einige angestaute Konflikte. Ich fand mich in einigen der geschilderten Gedanken, Situationen und Empfindungen wieder, war gerührt, verstand. Litt. Und Noel? Der fungiert nicht als Ritter, nicht als hedonische Green Flag, sondern als »Ich bin da, wenn du willst!«. Denn keine Liebe der Welt – nicht die der Schwester, nicht die der Eltern oder der Kinder, nicht die romantische oder die freundschaftliche – kann eine psychische Erkrankung heilen, kann sie ausradieren. Juni bindet Therapie und den eigenen Willen gleichsam stark ein wie die Angst, zu viel zu sein, verlassen zu werden. Wie den Wunsch, endlich wieder mehr zu sein.
In Kombination mit der oft melancholischen Stimmung, der Traurigkeit in den Worten, der unterschwelligen Sorge, die von Kapitel zu Kapitel drängender, nur selten von Hoffnungsschimmern und Leichtigkeit abgelöst wird, entfaltet „Lautlos fallen wir“ eine nicht beschreibbare Wirkung, hinterlässt etwas, das bittersüß schmeckt, hallt nach. Laut. Manche Ereignisse und Wahrheiten tun weh, manches erschüttert, doch all das fügt sich perfekt in diesen lebensechten, tränennassen Roman.

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Veröffentlicht am 13.03.2026

Die Erinnerung daran, dass die größte Liebe selten die romantische ist.

Lautlos fallen wir
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„Und doch weiß ich: Wenn ich falle, wird er da sein. Nicht um mich zu richten, sondern um mich aufzufangen.“

„Lautlos fallen wir“ ist eine Erinnerung daran, dass die größten Liebesgeschichten selten die ...

„Und doch weiß ich: Wenn ich falle, wird er da sein. Nicht um mich zu richten, sondern um mich aufzufangen.“

„Lautlos fallen wir“ ist eine Erinnerung daran, dass die größten Liebesgeschichten selten die romantischen, selten die klassischen sind, eine Erinnerung daran, dass es manchmal kein Morgen gibt und nur das Jetzt zählt.

Maelia und Elira waren unzertrennlich, bis ihre Mutter eine Diagnose erhielt, die die Kindheit der beiden beendete und weitaus mehr aus den Fugen brachte als nur die Zwillinge.
Während Elira begann, zumindest das zu kontrollieren, was in ihrer Macht steht, Höchstleistungen zu bringen, nichts anderes als Ordnung und Perfektion, stetig weniger, Hauptsache keine Last wurde, und dabei immer mehr von sich, der Lebenslust, ihrer Freundlichkeit verlor, innerlich erfror, sah Mae hin, sah alles, und rettete sich selbst. Bei ihrer Tante und ihrem Onkel baute sich die Künstlerin etwas Neues auf – doch die Vorwürfe in ihrem Kopf, die Schuld in ihrem Magen, blieben. Aber nie hätte sie in London weilen, verwelken, können, dazu verdammt, tatenlos auszuhalten.

Heute arbeitet Elira in einer angesagten Eventfirma, fokussiert darauf, die Beste zu sein, effizient, nahe bei ihren Eltern und im Kopf doch weit weg. Als sie Noel kennenlernt, versucht die 21-Jährige gerade, ihren letzten emotionalen Fauxpas mit einem Bolzenschneider von der Brücke zu lösen, nicht ahnend, dass der aufmerksame Fotograf fortan Präsenz erhält, vor den Eisentüren ihrer Festung ausharrt, geduldig. Nur langsam schafft es die junge Frau, ihn an sich heranzulassen, wieder zu lächeln, einen Schritt in das bunte Treiben zu wagen. Bis ihr das Schicksal erneut einen Tiefschlag erteilt.
Und noch einen.
Und noch einen.

Indes begann Maelia in Zürich eine Ausbildung bei einem Tätowierer, der ihren Input, ihr Talent und ihre Person schätzt. Auch Hannah begleitet ihr Neufinden in der Schweiz mit freundschaftlichem Rückhalt. Abgesehen von seltenen Telefonaten mit ihren Eltern hat Mae London hinter sich gelassen, nur nicht den Schmerz, nicht die Sehnsucht nach dem einen Menschen, der sie komplettiert. Erst die Tragik, der Zeitdruck, der Wunsch, doch noch da zu sein, drängen sie in den Flieger …

„Lautlos fallen wir“ ist so leise wie lärmend, ebenso ruhig wie tosend. Jessica Juni lässt uns aus den Perspektiven der Schwestern in die aktuellen Geschehnisse eintauchen, durchbrochen von Rückblenden, die ihre intensive Verbindung und den Wandel der Familie belegen – den Rückzug des Vaters, das Verblassen von Elira, Maelias Reaktion, die Distanz, die sich breitmacht, die Wut. In der Gegenwart bereichert Noel hin und wieder den Verlauf mit seiner zarten Hoffnung auf mehr. Der Künstler war Ruhe, Geduld, war Grenzen wahren und Halt geben. Es ist ein Missverständnis, das Elira zurücktreibt, fort von ihm, in das dichte Chaos ihrer selbst …
Die Autorin setzt auf Authentizität und Poesie, auf (Ein)Dringlichkeit und Intensität, während sie von Loslassen und Weitergehen, den Hürden des Lebens, den Abschieden und Neuanfängen erzählt; von Trauer um die, die noch atmen, und um die, die gegangen sind. Verlustschmerz – bevor etwas verloren ist. Selbstschutz – wenn niemand anderes dich schützt. Hass, Schuld, Reue, Angst …

Dieser New-Adult-Roman hat so unglaublich viele Facetten zu bieten, so tiefe Nuancen, treffen wir doch auf relevante Themen, reale Probleme, eine Bandbreite an Empfindungen und Gedanken, mit denen es sich identifizieren lässt, vor denen niemand sicher ist. Um die bewegenden Umstände, in denen sich die Schwestern verloren, ihr Wachsen und Ausharren, die sich im Sturm entwickelnden Persönlichkeiten und die Erkenntnisse, die manchmal erst mit der Tragik kommen, konzipierte die Autorin eine Geschichte voller Bilder und Emotionen. Dramatisch, wendungsreich, erschütternd. Denn nichts kommt, wie vermutet.
Mit wie viel Einfühlungsvermögen Jessica einzelne Punkte behandelt hat, ohne zu romantisieren, fand ich zusätzlich zur mitnehmenden Handlung und der stilistischen Leistung hervorragend: Beispielsweise kam anhand der Familie Frey der individuelle Umgang mit diversen Schwierigkeiten und die Dringlichkeit von Abgrenzung greifbar zur Geltung. Auch Elis Essstörung – inklusive ihres Dranges nach Kontrolle – erhielt Substanz, fernab vom Klischee, bekam Tiefe und wurde nach und nach genauso aufbereitet wie einige angestaute Konflikte. Ich fand mich in einigen der geschilderten Gedanken, Situationen und Empfindungen wieder, war gerührt, verstand. Litt. Und Noel? Der fungiert nicht als Ritter, nicht als hedonische Green Flag, sondern als »Ich bin da, wenn du willst!«. Denn keine Liebe der Welt – nicht die der Schwester, nicht die der Eltern oder der Kinder, nicht die romantische oder die freundschaftliche – kann eine psychische Erkrankung heilen, kann sie ausradieren. Juni bindet Therapie und den eigenen Willen gleichsam stark ein wie die Angst, zu viel zu sein, verlassen zu werden. Wie den Wunsch, endlich wieder mehr zu sein.
In Kombination mit der oft melancholischen Stimmung, der Traurigkeit in den Worten, der unterschwelligen Sorge, die von Kapitel zu Kapitel drängender, nur selten von Hoffnungsschimmern und Leichtigkeit abgelöst wird, entfaltet „Lautlos fallen wir“ eine nicht beschreibbare Wirkung, hinterlässt etwas, das bittersüß schmeckt, hallt nach. Laut. Manche Ereignisse und Wahrheiten tun weh, manches erschüttert, doch all das fügt sich perfekt in diesen lebensechten, tränennassen Roman.

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Veröffentlicht am 01.03.2026

Sehr schöne RomCom

100 Things I Hate About You
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„100 Things I Hate About You“ ist eine RomCom von Jella Benks, die nicht nur hervorragend unterhält und mit einer spritzigen Haters-to-Lovers-Romance überzeugt, sondern auch mit relevanten Themen und authentischen ...

„100 Things I Hate About You“ ist eine RomCom von Jella Benks, die nicht nur hervorragend unterhält und mit einer spritzigen Haters-to-Lovers-Romance überzeugt, sondern auch mit relevanten Themen und authentischen Figuren.

Amanda Clarks ist eine Empowerment-Influencerin für Selbstliebe und kurz vor dem Abschluss der wohl größten Kooperation ihrer Karriere: Mit ihrem neuen Programm „Solo-Power“ und der Unterstützung ihrer Agentin Lou könnte sie bald bei den ganz Großen mitmischen. Die Auflage, zu leben, was sie coacht, ist für die 23-Jährige kein Problem, immerhin hat sie romantischen Beziehungen längst abgeschworen und will der Welt zeigen, dass Energie und Zeit weitaus besser, sicherer und lukrativer investiert werden können. Doch dann läuft ein Mann im Hasenkostüm durch ihren Livestream, zieht die Blicke mit seiner ansehnlichen Rückenansicht auf sich und binnen Sekunden wird Amandas Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen.

Als er seine neue Nachbarin mit ein paar Keksrollen aus einer geglückten Racheaktion begrüßen will, fällt Alex Smith vom Glauben ab: Denn niemand anderes als die Frau, die ihm seit jeher das Leben schwer macht, seine Feindin, Konkurrentin und Hassperson, neben der er viel zu lange Haus an Haus wohnte, steht ihm gegenüber. Hier. Nur ein paar Schritte von seiner Wohnung entfernt. Statt herzlicher Nachbarschaft knallen fortan die Türen. Doch das Schicksal – Familientreffen, Luftzüge, Gewitter, Wein, laute Musik – führt die beiden immer wieder zusammen – plötzlich zu dicht, zu intim, zu nah.

Erzählt wird in einem frischen, lebendigen und oft sarkastischen, nicht selten von Ironie und Witz unterlegten Tonfall aus wechselnder Perspektive, sodass die gegenwärtige Situation und die sich verändernde Gefühlslage der ehemaligen Haters – aktuell with-benefits, Tendenz zu Freundschaft – greifbar werden. Wenn auch die sich im Jetzt wandelnde Dynamik im Fokus steht – wie Abneigung und Konkurrenz deftigen Diskussionen und liebevollen Neckereien weichen –, sind es Rückblenden, die dem schwierigen Miteinander eine Basis verleihen.
Es machte unheimlich Spaß, die spritzigen Schlagabtausche und das Geplänkel zu verfolgen, während die echten und offenen Gespräche zum Seufzen verführten. Was zu Beginn klar und hart getrennt war – immerhin kommt es Amandas Karriere, die sowieso schon am seidenen Faden hängt, nicht zugute, wenn irgendjemand IHN mit IHR sieht – wurde nach und nach weicher, zärtlicher. Gerade Alex' Empfindungen sind deutlich zu spüren, waren vielleicht nie wirklich Hass.
Je tiefer wir in das Innere, in die Gedanken, von Amanda und Alex eintauchen, Einblicke in ihre Motivationen und Intentionen, ihre Ängste und Zweifel erhalten, umso realer werden die beiden, umso leichter fällt es, sich mit ihnen zu identifizieren. Umso präsenter wird der Zwiespalt in der Solo-Powerfrau, der sich mit jedem wohligen Augenblick, den sie in Alex’ Nähe verbringt, weiter aufklafft … Dabei darf sie sich nicht verlieben, denn das ist gegen den Vertrag.

Obgleich Amanda mit einer taffen Attitüde, Selbstbewusstsein und der festen Überzeugung, dass Solo-Power anderen helfen kann, vor die Cam und ihren Mitmenschen gegenübertritt, sind der jungen Frau ihre Unsicherheiten, die Sorge, in ihrer Selbstständigkeit zu scheitern und durch das sexy Hasen-Fauxpas ihre Community zu verlieren, wie auch die Enttäuschung über die fehlende Anerkennung ihres Umfelds anzumerken. All diese Emotionen lassen Amanda nach und nach menschlicher, nahbarer erscheinen.
Von Anfang an deutlich souveräner tritt der Game-Designer in Erscheinung – schon immer nerdy, schon immer provokant, mit Außenseiter-und-das-ist-okay-Vibes, doch nie Typ Arschloch. Je mehr er sich mit seiner Nemesis, ihrer Arbeit und dem Aufwand beschäftigt, Teil ihres Alltags wird, umso aufgeschlossener, mit Verständnis, geht er auf seine Nachbarin zu. Dabei ist auch Alex klar, dass ein Mehr kaum möglich ist …

Die einzelnen Kapitel der Geschichte werden von zum Titel passenden Kapitelüberschriften eingeleitet und wenn auch – abgesehen von Keksen und Amandas authentisch ausgeschmücktem Job inklusive dessen Schattenseiten – nur wenig Setting vorhanden ist und Nebenfiguren nur im Hintergrund agieren, konnte mich Jella Benks mit dieser RomCom wieder vollkommen überzeugen und durchweg unterhalten.
Die Autorin greift relevante Themen auf, bringt zum Nachdenken und Schmunzeln, berührt mit ihren Worten und erinnert daran, dass hinter jedem Bildschirm ein Mensch sitzt, einer mit Gefühlen, einer, der Fehler macht und sich verändert. Manche Entwicklungen waren überraschend, manche Szenen spicy, manche Kapitel ruhig und intensiv, andere locker. Doch nirgendwo kam es zu Längen, zu Langeweile, zu unnötigem Drama und zum Schluss? Tja, da wartet ein rundes Ende, sodass „100 Things I Hate About You“ hervorragend als Standalone funktioniert.

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