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Veröffentlicht am 09.03.2026

Die Lotsennummer

Der Gesang der See
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Am Lotsenhof auf einer kleinen norwegischen Fischerinsel lebt Kristiane gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrem Ehemann Anders. Als dieser auf hoher See den Tod findet, ist Kristiane gezwungen, ...

Am Lotsenhof auf einer kleinen norwegischen Fischerinsel lebt Kristiane gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrem Ehemann Anders. Als dieser auf hoher See den Tod findet, ist Kristiane gezwungen, die Lotsennummer ihrer Familie abzugeben oder sich einen neuen Ehemann zu suchen, der bereits als Lotse zugelassen ist oder die notwendige Prüfung ablegt. So lauten die klaren Regeln, welche das karge und entbehrungsreiche Leben im rauen Norwegen begleiten, eine Frau selbst hat wenig zu sagen und schon gar nichts zu entscheiden. Die junge Witwe steht vor einer schwierigen Wahl und kämpft für ihre Zukunft.

Eine wunderbare Erzählung, beruhend auf genauer Recherche und inspiriert von der eigenen Familiengeschichte, erwartet die geneigten Leser bei Trude Teiges erstem Roman, der nun erstmals auch auf Deutsch erscheint. Bewegende Szenen, präzise Charakterstudien und die Kulisse einer wilden Landschaft prägen das Geschehen. Mit ruhigen, dennoch eindringlichen Worten schildert Trude Teige Kristianes Schicksal, stellt deren Zwiespalt zwischen Tradition und Aufbegehren gegen scheinbar unabänderliche Strukturen bildlich dar. Wie auch in ihrer „Großmutter-Trilogie“ steht eine starke, mutige Frau im Mittelpunkt der Handlung. Fischerei und Schifffahrt sind zwar Sache der Männer, aber Kristiane will das nicht unwidersprochen hinnehmen, immer wieder trifft sie eigene Entscheidungen, wodurch sie ihre Nachbarn vor den Kopf stößt und auch gegen kirchliche Bevormundungen weiß sie sich zu wehren. Geht sie kluge oder falsche Wege? Das ist natürlich eine Frage der Sichtweise.

Trotz der Kürze von etwa 250 Seiten hat dieses Buch eine enorme Aussagekraft, kann es mit der knappen Handlung und der großartigen, vorherrschenden Atmosphäre absolut überzeugen. Ich empfehle diese großartige Geschichte uneingeschränkt weiter.

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Veröffentlicht am 05.03.2026

Das Buch

Vergiss nicht zu tanzen, Hanna
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Als Hanna an einer schweren Krankheit stirbt, lässt die ein frisch verfasstes Buch zurück. Nun versteht ihre Tochter Anne, warum sie zuletzt von einer schweren Schuld und von einem fremden Mädchen namens ...

Als Hanna an einer schweren Krankheit stirbt, lässt die ein frisch verfasstes Buch zurück. Nun versteht ihre Tochter Anne, warum sie zuletzt von einer schweren Schuld und von einem fremden Mädchen namens Rosa gesprochen hat. Anne öffnet mit dem Buch eine recht ruhige und dennoch sehr bewegende Geschichte für sich selbst und alle Leser von „Vergiss nicht zu tanzen, Hanna“.

Der Rahmen ist schmal, die Erzählung aus der Sicht von Hanna in der Ich-Form nimmt nahezu den gesamten Raum ein und erfüllt alle Erwartungen an diesen eher schmerzlich anmutenden Roman, der im Raum Westpommern spielt. Trotz aller Beschwerlichkeiten während der Zeit des Nationalsozialismus hegen die Mitglieder der Familie Gehrken immer wieder Mut und Hoffnung, allen voran der Großvater, der selbst schon im Ersten Weltkrieg gedient hat und trotz seiner einfachen Schulbildung viel Lebensweisheit an seine Enkelin weitergeben kann. Das Dasein am Bauernhof ist hart und entbehrungsreich, schon die Kleinsten bekommen ihre Aufgaben zugeteilt, müssen Gänse hüten oder Hühner füttern und im Haushalt fleißig mithelfen. Die Lage wird ernster, als am Schulgebäude Hakenkreuzfahnen gehisst werden und Rassenunterschiede Thema werden, aber auch da findet sich eine Ausnahme in Form des Deutschlehrers, der bunte Fabeln erzählt und zum Träumen einlädt. Die Geschichte von Hanna und ihrer Familie, von treuen Parteigenossen und gläubigen Katholiken, von Freundschaft und Abkehr, von Zweifeln und Hoffnung nimmt ihren Lauf, zeichnet ein realitätsnahes Bild einer schwierigen Zeit und richtet ihren Blick insbesondere auf zwei sehr enge Beziehungen innerhalb der Familie Gehrken, nämlich zwischen Hanna und Ihrem Großvater und zwischen Hanna und ihrer kleinen Schwester Rosa. Durch Buschs präzise Sprache und einfühlsame Szenen erleben wir mit der anfangs achtjährigen Hanna eine prägende Lebensphase und spüren einem wichtigen Stück historischen Geschehens nach.

Ein still daherkommendes Buch, das dennoch so viel zu sagen hat – detailliert recherchiert, persönlich inspiriert. Empfehlung!

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Varianten der Wahrheit

Die fremde Frau
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Die Millionenerbin Oriana Di Pietro wird auf ihrer Jacht vor der Côte d’Azur attackiert und erliegt wenige Tage später ihren schweren Verletzungen. Vom Täter fehlt jede Spur, die Rekonstruktion der letzten ...

Die Millionenerbin Oriana Di Pietro wird auf ihrer Jacht vor der Côte d’Azur attackiert und erliegt wenige Tage später ihren schweren Verletzungen. Vom Täter fehlt jede Spur, die Rekonstruktion der letzten Tage aus Orianas Leben ergibt höchst unterschiedliche Bilder. Wer erzählt die Wahrheit? Oder ist die Wahrheit einfach eine Tochter der Sichtweise?

Dieser so nüchterne Bericht und gleichzeitig so fesselnde Roman zieht mich als Leserin sofort in seinen Bann. Oriana selbst, ihr charmanter Ehemann Adrien, dessen junge Geliebte Adele und schließlich die eifrige Polizistin Justine kommen abwechselnd zu Wort und legen ihre Meinung dar. Die Puzzlesteine rücken nur langsam an ihren Platz, dennoch ist das Geschehen von Anfang bis zum bemerkenswerten Ende durchwegs spannend und hervorragend durchdacht. Die wenigen Figuren charakterisiert Guillaume Musso treffend, die Handlung wird zwar nicht chronologisch erzählt, die einzelnen Kapitel fügen sich aber übersichtlich und logisch aneinander. Die wesentliche Frage, welche sich hier stellt, ist, wer sagt die Wahrheit und wer lügt. Aber das herauszufinden ist vielleicht unmöglich?

Ein außergewöhnlicher Roman, eine beklemmende Atmosphäre, eine perfekte Auflösung! Leseempfehlung!


Veröffentlicht am 20.02.2026

Generationen

Das gute Leben
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Anni ist tot und Christina, ihre Enkelin, steht vor dem Erbe, einem Haus in der Nähe von Nürnberg. Aber anstatt dass sie rasch alles ausräumt und Ordnung schafft für den Verkauf, schweifen ihre Gedanken ...

Anni ist tot und Christina, ihre Enkelin, steht vor dem Erbe, einem Haus in der Nähe von Nürnberg. Aber anstatt dass sie rasch alles ausräumt und Ordnung schafft für den Verkauf, schweifen ihre Gedanken zur Oma, bei der sie aufgewachsen ist und lässt deren Leben Revue passieren – Annis Neuanfang in Deutschland, nachdem sie Rumänien verlassen hat, ein fordernder Job bei der Quelle und ein kleines Kind, das sie alleine aufziehen hat müssen.

Voller Poesie und doch so nah an der harten Realität schreibt Nadine Schneider, bildhaft und gefühlvoll fließen die Szenen aus ihrer Feder und verschwimmen fern jeglicher Chronologie zu diesem wunderbaren Roman. Vier Generationen haben teil am Geschehen, manche nur am Rande, Anni deutlicher und Christina als Ich-Figur muss schlussendlich die Scherben aufsammeln und aus der Geschichte ihrer Vorfahren ihr eigenes Leben zurechtzimmern. Aus den unterschiedlichen Blickwinkeln von Anni und Christina wird das Leben von vier Frauengenerationen betrachtet und besonders der Einfluss der Altvorderen auf ihre Nachkommen dargestellt. Was erwarten die Älteren, wie fühlen die Jüngeren, hat jemand Schuld am Lebensfluss der anderen in der Familie? Wer darf Vorhaltungen aussprechen und wer hält sich für zu minder? Warum flieht man aus der aktuellen Konstellation und was gibt man an seine Kinder und Enkel weiter? Ein schier unendliches Kaleidoskop aus unterschiedlichsten Gefühlen dreht sich im Kreis und reißt den Leser mit, lässt in der Rückschau erkennen, dass alle ihre berechtigten Perspektiven und Vorstellungen vom Leben haben und dass es so viel mehr gibt als Schwarz und Weiß.

Ein großartiger Roman mit viel Realitätssinn und Blick auf die Wahrheit, die für jeden eine andere ist – absolut lesenswert!

Veröffentlicht am 19.02.2026

Geschichten aus dem Moor

Spiegelland
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Der vierzehnjährige Elias fährt kurzerhand mit dem Rad ins Moor, wo seine Oma Catharina (Cato) lebt, denn in der Abgeschiedenheit will er sich verstecken, nachdem er sich völlig daneben benommen hat. Was ...

Der vierzehnjährige Elias fährt kurzerhand mit dem Rad ins Moor, wo seine Oma Catharina (Cato) lebt, denn in der Abgeschiedenheit will er sich verstecken, nachdem er sich völlig daneben benommen hat. Was er nicht weiß: nicht nur er hütet ein Geheimnis, auch die Großmutter könnte so einiges erzählen.

Ein wunderbarer Roman in drei großartig verwobenen Zeitebenen erwartet die Leser von Spiegelland, jede einzelne der 560 Seiten ist so fesselnd und absolut kurzweilig, dass ich das Buch an einem Tag regelrecht verschlungen habe. Aber von vorne: Elias flüchtet sich im Sommer 2025 zu seiner Großmutter, wodurch sich ein perfekter Rahmen für die anderen beiden Geschichten ergibt, nämlich jene von seiner Oma und seiner Mutter im Jahre 1999 und eine noch viel weiter zurückliegende Begebenheit, der Urbanisierung des Moores 1756. Nicht nur die historischen Fakten sind akribisch recherchiert und unaufdringlich in den Roman eingeflochten, auch andere - fiktive - Details fußen auf wahren Grundlagen, auf die im Nachwort hingewiesen wird. Abwechslungsreich geht es durch die unterschiedlichen Zeitabschnitte, welche - einem Leporello gleich - die jeweiligen Episoden geschickt und nahtlos miteinander verknüpft, sodass die Gemeinsamkeiten über die Jahrhunderte bestens verdeutlicht werden.

Mit ihrer eloquenten Ausdrucksweise überzeugt Rebekka Frank ebenso wie mit ihren überaus realitätsgetreuen Figuren, die man genau so auch im echten Leben antreffen könnte. Die angesprochenen Themen, vom notwendigen Schutz der Moore über Gewalt in der Familie bis hin zur Täter-Opfer-Umkehr, sind in allen drei Abschnitten gleichermaßen aktuell und zeigen größtenteils ohne moralisierenden Unterton, wie viel auch heute noch zu tun ist. Der Bogen spannt sich vom beschwerlichen Leben im Moor über eine toxische Ehe bis hin zu einer inakzeptablen Handlung eines Jugendlichen und verknüpft alles zu einem ganz besonderen Leseerlebnis.

Nicht immer vergnüglich, dafür aber umso glaubwürdiger, präsentiert sich der neue Roman Spiegelland von Rebekka Frank und verdient, nicht zuletzt durch die vielen bildhaften Beschreibungen, eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

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