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Veröffentlicht am 05.03.2026

Jüdisch sein in Mitteleuropa nach dem 7. Oktober 2023

Balagan
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Amira ist aus einer jüdischen Familie, die in Berlin lebt. Sie ist Anfang 30 und hat es nicht leicht mit der Welt, und die Welt hat es nicht leicht mit ihr. Ihr Vater Wolf hat sich das Leben genommen, ...

Amira ist aus einer jüdischen Familie, die in Berlin lebt. Sie ist Anfang 30 und hat es nicht leicht mit der Welt, und die Welt hat es nicht leicht mit ihr. Ihr Vater Wolf hat sich das Leben genommen, als sie gerade eingeschult wurde, Mutter Nina ist pünktlich mit der Volljährigkeit der Tochter nach Israel abgehauen. Auch zur restlichen Verwandtschaft gibt es keine sonderliche gute Beziehung. Geschäftstüchtig und fleißig ist die junge Frau durchaus, hat ein erfolgreiches Online-Magazin gegründet, das aber nun auch die besten Zeiten hinter sich hat. Speziell seit dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023, der Geiselnahme und den darauffolgenden Bombardierungen des Gaza-Streifens fühlt sich Amira als Jüdin in Deutschland auch immer weniger wohl und hat den Eindruck, dass Antisemitismus immer salonfähiger wird, speziell in den kunstaffinen, politisch linken Kreisen, in denen sie sich bewegt.

Viele Belastungen im Leben einer jungen Frau. Und so irrt Amira durch ihr Leben, sauft sich regelmäßig an, nimmt Drogen, schläft mit verschiedenen Männern parallel und macht sonst so einige unreife Dummheiten, ist auch zu guten Freunden oft ruppig, schroff und unzuverlässig und insgesamt eine ziemlich unreife und selbstbezogene Persönlichkeit.

Wirklich geliebt gefühlt hat sich Amira von ihrem Opa Max Altman, der ein Vaterersatz für sie war und immerhin über 100 Jahre alt geworden ist... doch nun ist er verstorben. Amira trauert tief und muss sich gleichzeitig mit dem Erbe befassen. Während sie noch tief trauert, ist die Verwandtschaft schon dabei, eilig Post-Its mit der eigenen Farbe in der Wohnung des verstorbenen Großvaters auf Gegenständen zu verteilen, um Besitzansprüche zu markieren. Dann wird bekannt, dass die verschollen geglaubte Kunstsammlung der Altman-Familie doch schon seit langem wieder im Besitz des Großvaters war und er diese an Amira alleine vererbt. Der geschätzte Wert liegt im dreistelligen Millionenbereich. Amira ist mit dieser Nachricht völlig überfordert und verhält sich so, wie es ihrer unreifen Persönlichkeit entspricht: sie postet erst einmal im besoffenen Zustand ein Selfie von sich mit einem der Kunstwerke auf Instagram. So erfährt die restliche Verwandtschaft gleich davon, ist empört und will den eigenen Anteil am Vermögen einklagen (schließlich gibt es in Deutschland juristisch ein Recht auf einen Pflichtteil für nahe Verwandte), dazu stürzen sich die Medien auf das Thema. Amira muss einige weitreichende Entscheidungen treffen und ist einmal sehr überfordert, ihre Persönlichkeitsentwicklung kann nicht so schnell mit dem neuen Vermögen Schritt halten.

In diesem Buch begleiten wir also diese verlorene, unreife junge Frau dabei, wie sie mit diesem unerwarteten Erbe umgeht. Der Charakter Amiras ist konsistent gezeichnet und sie verhält sich gemäß ihrer Persönlichkeit: impulsiv und wenig durchdacht, was natürlich alle möglichen Komplikationen und Probleme nach sich zieht. Am interessantesten war es für mich, über diesen Roman ein Bild davon zu bekommen, um wie viel schwieriger es seit 2023 geworden sein könnte, sichtbar in Deutschland jüdisch zu sein und in was für eine schwierige Position ständigen Rechtfertigungsdrucks in Bezug auf Israels Aktionen alle jüdischen Menschen seitdem geraten sind. Dass sich manche oder viele von ihnen dadurch noch weniger heimisch in Mitteleuropa fühlen als schon davor. Und dass selbst gut gemeinte Erinnerungsaktionen bei manchen etwas anderes auslösen können als intendiert: etwa die "Stolpersteine", die zwar der Ermordeten gedenken, aber auch Angst machen können, weil sie daran erinnern, was möglich war und jederzeit wieder geschehen könnte.

Die Handlung spielt sich an mehreren Orten ab: Berlin, Genf und dann Tel Aviv und weitere Orte in Israel. Auch in Israel wird spürbar, wie viel sich seit dem 7. Oktober verändert hat: nicht nur sind die Sicherheitsvorkehrungen überall stärker geworden, sondern das Gedenken der Ermordeten und die Forderung nach Freilassung der Geiseln sind auch überall präsent, dazu sieht man laufend Militärflugzeuge Richtung Gaza fliegen oder von dort zurückkehren. Von all diesen schweren Themen muss sich Amira regelmäßig ablenken, deshalb nehmen Alkohol, Drogen und auch ausführlich und bis ins Detail geschilderte Sexszenen mit mehreren Männern auch recht viel Raum ein in diesem Buch.

Immer wieder geht es aber auch um Resilienz und Überlebensfähigkeit, um Weisheiten aus dem Judentum und die Herkunft mancher hebräischer Wörter, aber vor allem um die Widerstandskraft des jüdischen Volkes. Dabei kommen auch so einige Fachbegriffe und hebräische Begriffe vor, die nicht alle im Detail erklärt werden (hier wären ein paar Fußnoten oder Anmerkungen dazu gut gewesen). Es lohnt sich also für ein vollständiges Verständnis dieses Buches, schon einiges an Vorwissen zum Thema Judentum mitzubringen oder die Bereitschaft zu haben, parallel zur Lektüre in weiteren Quellen dazu nachzulesen. Zusätzlich schwingt auch einiges an Abgeklärtheit bis Enttäuschung und Desillusionierung in Bezug auf die Deutschen und ihre heutige Haltung zu Juden und Israel mit.

Insgesamt ist es ein spannend erzähltes und nachdenklich machendes Buch, das ich allen, die kein Problem mit einer nicht sonderlich reifen, nicht sehr sympathischen und promiskuitiven Hauptfigur haben, und sich für aktuelle Themen Israels und des Jüdisch-Seins in Deutschland interessieren, jedenfalls empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 04.03.2026

Viele neue Blicke aufs Liefern

Liefern
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Insbesondere in den urbanen Ballungszentren rund um den Globus sind sie überall präsent: die Männer, manchmal auch Frauen, auf ihren Fahrzeugen, die sich durch den Verkehr schlängeln und versuchen, möglichst ...

Insbesondere in den urbanen Ballungszentren rund um den Globus sind sie überall präsent: die Männer, manchmal auch Frauen, auf ihren Fahrzeugen, die sich durch den Verkehr schlängeln und versuchen, möglichst schnell warme Speisen oder frische Lebensmittel zuzustellen. Denn eine schnelle Lieferung sorgt für zufriedene Kunden und gute Bewertungen, und außerdem kann man dann rasch den nächsten Auftrag annehmen, denn viel bekommen sie pro Lieferung ja kaum bezahlt. Es ist eine prekäre wirtschaftliche Existenz, oft sozial wenig abgesichert, dem Verkehr, der Wetterlage und den Gefahren der Großstadt ausgesetzt, und unter ständigem Druck zu arbeiten, in der Hoffnung auf eine gute Bewertung und ein bisschen Trinkgeld.

Der Autor Tomer Gardi hat für diesen Roman jahrelang recherchiert. Gelungen ist ihm ein vielfältiges Kaleidoskop der universalisierbaren Erfahrungen rund ums Liefern. In diesem Episoden- oder Kollektivroman lernen wir verschiedene Charaktere rund um den Globus kennen, deren Leben zum Teil lose miteinander verflochten sind. Da gibt es Filmon, der aus Eritrea nach Israel geflüchtet ist, während seine Partnerin Daniat und die gemeinsame Tochter es nach Deutschland geschafft haben. Der versucht, über Videotelefonate die Verbindung und ein bisschen Intimität mit Daniat aufrechtzuerhalten und seine bald jugendliche Tochter noch nie live gesehen hat, seit er sich von seiner schwangeren Partnerin trennen musste, um das Land zu verlassen. Um in Israel als Lieferfahrer arbeiten zu können, muss er erst einmal beim Vermittler Shai, der kräftig mitkassiert, einen gefälschten Account dafür kaufen, denn die Wartezeiten, um regulär als Fahrer aufgenommen zu werden, sind bei den Lieferdiensten lang und unkalkulierbar.

In Delhi wartet eine Familie aus einer besser gestellten Sozialschicht auf die bestellten Burger, die nicht kommen, weil die Fahrerin Sachin - eine mutige Alleinerziehende, die von ihrem Mann verlassen wurde und sich auf diese Weise durchschlägt - einen Unfall hat, der wiederum das Leben von Nina aus Deutschland, die gerade im Rahmen ihres Studiums ein paar Wochen in Indien verbringt, dauerhaft verändern wird.

Die bisher erwähnten Personen sind nur ein paar der vielfältigen Charaktere und Perspektiven, die dieses Buch prägen. So tauchen wir beim Lesen immer wieder tief in das Leben einer Person ein, begleiten sie in ihrem rasanten Lieferalltag mit ein bisschen Privatleben drumherum und beginnen, mit ihr mitzufühlen, bis es dann auch schon um die nächste Region und eine neue Perspektive geht... doch insgesamt einen sie alle die Herausforderungen dieser Tätigkeit, die rund um den Globus oft von Menschen am Rande der Gesellschaft ausgeübt wird.

Das bunte Kaleidoskop an Perspektiven, das dabei entsteht, zeigt sehr gut die Universalität der Erfahrung prekärer Arbeit in diesem Bereich auf, genauso wie Klassenunterschiede, die oft von den Mächtigeren ausgenützt werden, und aber auch, was die Arbeit für manche "Rider" und insbesondere "Riderinnen" noch schwieriger oder gefährlicher macht als für andere: beispielsweise für solche ohne legalen Aufenthaltsstatus oder für Frauen, die noch einmal mehr den Gefahren gewalttätiger Übergriffe ausgesetzt sind, wie sich z.B. hier an Sachins Beispiel in Delhi zeigt:

"Alle Riders wussten, welches die gefährlichen Orte waren, und keiner wollte dorthin. Die Bestellungen wurden von einem Algorithmus an die Lieferanten verteilt, es war also reine Glückssache, eine Art Russisch Roulette. Technisch war es möglich, eine Lieferung abzulehnen, und ab und zu tat Sachin das auch, wenn sie die Gefahr manchmal nicht ertragen konnte oder wenn sie spürte, dass Vivaan an dem Tag besonders verletzlich war und sie ihn nicht in noch größere Ängste stürzen wollte. Aber jede Ablehnung einer Bestellung bedeutete einen automatischen Punktabzug auf der Bonanza-App und eine mögliche Senkung ihres Rankings. Für dieselbe Fahrt bekam ein Gold Status Rider dreimal so viel Geld wie einer auf Blue." (S. 99)

Interessant ist, dass sich in der Mitte des Buches ein längeres Kapitel findet, das der Autor im Gegensatz zum Rest des Buches ursprünglich in seiner Muttersprache Hebräisch verfasst hat und das für dieses Buch übersetzt wurde: dieses spielt in Istanbul und es geht unter anderem um Haartransplantationen, aber auch hier findet sich natürlich wieder ein Bezug zu den Riders und zu prekären Arbeitsbedingungen im Allgemeinen.

Insgesamt ist ein großes Kunstwerk entstanden, in dem es gelingt, so vielfältige und dabei oft universalisierbare Erfahrungen rund ums Liefern zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzuweben. Es ist aber durchaus ein anspruchsvolles Buch, das auch aufgrund der vielen Charaktere und Ortswechsel einiges an Aufmerksamkeit beim Lesen braucht. Geendet hat es für mich etwas abrupt und offen, hier hätte ich mir eine stimmigere Zusammenführung einiger offener Stränge gewünscht, aber das war vielleicht gar nicht die Intention des Autors.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und auch einige Wochen nach der Lektüre schwingt es bei mir emotional nach und hat meinen Blick auf die "Riders" und deren Lebensrealitäten stark erweitert. Ich kann das Buch allen, die bereit sind, Zeit und Energie in ein interessantes, aber durchaus forderndes Werk zu investieren, um ihre Perspektive aufs Liefern zu verändern, jedenfalls empfehlen.

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Veröffentlicht am 04.03.2026

Interessanter Ansatz zur Neubetrachtung der eigenen Work-Life-Balance

Work Life Remix.
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Die Autoren, zwei Männer und eine Frau, kennen sich noch aus dem Studium und betreiben seit Jahren erfolgreich die New-Work-Agentur "Intraprenör" in Berlin, mit der sie Organisationen zu modernen Arbeitsmodellen ...

Die Autoren, zwei Männer und eine Frau, kennen sich noch aus dem Studium und betreiben seit Jahren erfolgreich die New-Work-Agentur "Intraprenör" in Berlin, mit der sie Organisationen zu modernen Arbeitsmodellen beraten. Nun haben sie, basierend auf ihrer Leidenschaft zur Musik, dieses unkonventionelle Arbeitsbuch zur Neubetrachtung der eigenen Work-Life-Balance herausgebracht.

Durch das ganze Buch ziehen sich konsequent Metaphern aus der Musik: so heißen die Kapitel etwa Sound, Break, Mischpult, Remix oder Synthesizer. Inhaltlich beginnt es zuerst mit einer Einführung in Konzepte der New Work und den Einfluss aktueller Zeittrends und der Pandemie-Zeit.

Nach dem ersten Drittel des Buches geht es mit "Mischpult" praktisch weiter und die Einladung zur Analyse der eigenen Work-Life-Balance beginnt. Die Dimensionen, anhand denen diese analysiert wird, heißen "Raum" (hier geht es um Arbeits- und Lebensorte, einen oder mehrere oder mobiles Arbeiten), "Takt" (etwa die Grade an Freiheit und Selbstbestimmung bei der Einteilung der Arbeit oder des Alltags), "Arrangement" (Routinen und Struktur), "Bass" (Verpflichtungen und Abläufe) und "Echo" (Sozialkontakte und Resonanzquellen).

Dazu gibt es jeweils Tabellen, um sich einzuordnen und der eigenen Arbeit und dem eigenen Leben eine Stufe zuzuordnen. Basierend darauf kann dann in späteren Kapiteln analysiert werden, wie die jeweiligen Stufen zueinander passen und ob und welche Veränderungen man im eigenen Leben, beruflich wie privat, gerne vornehmen würde.

Dafür finden sich weiter hinten im Buch noch viele praktische Übungen, die in ähnlicher Form auch aus anderen Coachingformaten bekannt sind, z.B. ein Work-Life-Journal oder der Song des Tages, sowie, nach Analysekategorie eingeteilt, Ideen für kleine Schritte zur Veränderung des beruflichen und privaten Alltags.

Es ist ein ungewöhnlicher und neuartiger Ansatz, Arbeit und Leben auf diese Art und Weise zu betrachten. Das hat mir einerseits gefallen, weil es dadurch Möglichkeiten für ganz neue Blickwinkel darauf öffnet.

Andererseits hat es mir aber auch beim Lesen einiges an Konzentration abgefordert, dass die Musikmetaphern so omnipräsent waren - vielleicht hat das aber auch mit mir als Leserin zu tun, die mit der Musikwelt sicher weniger vertraut ist als die Autoren. Ich finde, man merkt dem Buch auch ein bisschen an, dass die Autoren vermutlich meistens mit Gruppen in Organisationen arbeiten und weniger mit Einzelpersonen.

Bei vielen der Übungen hatte ich das Gefühl, dass ich diese zwar alleine machen könnte, mich aber vom Buch nicht so richtig dazu eingeladen fühle, und sie angeleitet in einer Gruppe stärker ihre Wirkung entfalten würden. Gefehlt hat mir auch ein bisschen der tiefere Blick abseits der Strukturen, z.B. auf die Werte, die einen im Leben anleiten.

Insgesamt ist es aber jedenfalls ein originelles und interessantes Buch, das ich jenen empfehlen kann, die einen unkonventionellen und gleichzeitig analytischen Zugang schätzen und für sich selbst oder für die berufliche Arbeit mit Gruppen neue Tools zur Analyse und Veränderung der eigenen Work-Life-Balance suchen.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Vom schwierigen Ankommen im Exil

Immergrün
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"Immergrün" ist das Romandebüt von Ruth Olshan. Die Familie der Mutter der Ich-Erzählerin hat versteckt jüdische Wurzeln. Vor mehreren Generationen sei man zum Katholizismus konvertiert, um sich zu schützen. ...

"Immergrün" ist das Romandebüt von Ruth Olshan. Die Familie der Mutter der Ich-Erzählerin hat versteckt jüdische Wurzeln. Vor mehreren Generationen sei man zum Katholizismus konvertiert, um sich zu schützen. Im sowjetischen Litauen der 70er Jahre praktiziert man auch sowieso keinen Glauben. Doch die jüdischen Wurzeln stellen sich als Ticket in den "Westen" dar, Vida, die Mutter, darf gemeinsam mit ihrem jüdischen Mann und der vor kurzem auf die Welt gekommenen Tochter Ruth nach Israel auswandern. Die in Litauen zurückgelassene Oma tauft den Säugling heimlich noch schnell bei einem katholischen Pfarrer, sicher ist sicher. Dann lässt die Familie alles hinter sich und zieht nach Israel.

Doch so richtig kommt insbesondere die Mutter dort nicht an, das Geld ist immer knapp, für Gesangsunterricht wird sie meist nur in Naturalien bezahlt und überhaupt ist das Leben ganz anders als in Litauen: "Für meine nordische Mutter bedeutete Israel einen immensen Kulturschock. Die hohen Temperaturen, die hitzigen Gemüter der Menschen, die karge Wüstenlandschaft machten ihr zu schaffen. Wie sollte sie hier als Sängerin einen Job finden? Offensichtlich hatte niemand auf sie gewartet. Offensichtlich hatten auch alle anderen Zugereisten Goldgräberstimmung, Bratpfannen und Träume im Gepäck." (S. 41)

Dann wird es der Familie zu viel mit der Geldknappheit, in der sengenden Hitze und dem ständigen latenten Kriegszustand in Israel: "Als in der Nähe unseres Wohnhauses ein Bus explodierte, entschlossen sich meine Eltern, erneut die Koffer zu packen, ihre Hoffnungen in den heißen Wind zu schießen und in das andere gelobte Land zu fahren: nach Deutschland." (S. 47)

Die Familie zieht nach Westberlin, das fühlt sich zumindest klimatisch als auch geografisch viel näher an Litauen an, auch wenn man noch lange nicht in die alte Heimat reisen wird können. Leicht wird es auch dort nicht werden, denn auch in Europa hat niemand auf eine leidenschaftliche Sängerin mit Hang zum Luxus gewartet. Das Arbeitsamt macht Druck, die Mutter zur Altenpflegerin umzuschulen, was sie zuerst als unter ihrer künstlerischen Würde sieht und vehement ablehnt. Auch die Ehe der Eltern leidet unter den Belastungen. An die jüdische Community Berlins findet die Familie kaum Anschluss, zu wenig ist man in dieser religiösen und kulturellen Tradition verwurzelt, zu sehr unterscheiden sich die sozialen Hintergründe.

Und so wird es schließlich weitgehend eine Geschichte des Aufwachsens im Exil unter Armut und Entbehrungen, in einer immer mehr verwahrlosenden Wohnung, bei streitenden und schließlich sich trennenden Eltern und dann bei einer psychisch kranken, oft wochenlang apathisch im Bett liegenden Mutter (inklusive Suizidversuch und Psychiatrieaufenthalt), während regelmäßig das Jugendamt vor der Tür steht und die 14-jährige Tochter allein beim Sozialamt vorstellig wird und um Geld bettelt, damit in der Wohnung der Strom wieder eingeschaltet werden kann.

Dazu ein zweiter Erzählstrang, später in der Zukunft, nach dem Fall der Sowjetunion, als die Mutter gestorben ist und Ruth ihre Asche in einer Urne, gemeinsam mit der von deren Mutter, die am gleichen Tag drei Jahre davor verstorben ist, auf einem litauischen Friedhof vergraben will und sich dafür auf eine Reise durchs postsowjetische Litauen begibt.

Es handelt sich hier um einen autofiktionalen Roman, der auf der wahren Familiengeschichte der Autorin beruht. Insgesamt habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es liest sich leicht und flüssig und es ist interessant, zu erfahren, mit welchen Herausforderungen die Familie in ihren beiden gewählten Exilen zu kämpfen hat. Speziell die Figur der kleinen Ruth, die mit all diesen Herausforderungen aufwachsen muss, aber auch die der künstlerisch so begabten, feinsinnigen Mutter, die einen enormen sozialen Abstieg hinnehmen und ertragen muss, haben mich sehr berührt.

Interessant waren auch die Ausflüge ins Litauen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wo die Ich-Erzählerin versucht, sich mit ihrem wenigen Litauisch zurechtzufinden, da zwar nach wie vor zumindest die älteren Menschen im Land Russisch, ihre Muttersprache, sprechen, aber nicht mehr unbedingt alle die Sprache der ehemaligen Besatzungsmacht verwenden wollen. Auch sonst haben diese Ausschnitte mich neugierig auf das Land gemacht.

Am Ende bleibt eine berührende Familiengeschichte und der Eindruck einer Mutter-Tochter-Beziehung, in der die Mutter ihrer Tochter zwar so einiges, was diese sich gewünscht hätte, leider nicht geben konnte, aber zumindest deren Kreativität gefördert hat: "Nie hatte sie mir vorgeschlagen, etwas "Vernünftiges" zu studieren. Überhaupt hatte sie sich selten um meine Ausbildung gekümmert, es sei denn, es ging ujm Kreativität. Mit der Musiklehrerin in der Grundschule und meiner Deutschlehrerin im Gymnasium tauschte sie sich aus. Tatsächlich haben diese beiden Lehrerinnen mich stark beeinflusst und immer unterstützt." (S. 217)

Diesen Weg ist die Autorin auch gegangen, heute arbeitet Ruth Olshan als erfolgreiche Regisseurin und Autorin in Deutschland. Hier hätte es mich interessiert, noch ein bisschen etwas darüber zu erfahren, wie die Ich-Erzählerin nach dieser herausfordernden Kindheit diesen Weg geschafft hat.

Insgesamt ist es ein lesenswertes Debüt, das ich insbesondere jenen, die sich für autofiktionale Romane und Memoirs interessieren, empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Ein unkonventionelles Leben auf der Suche nach dem Licht

Tage des Lichts
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Dieses Buch ist speziell. Ich empfehle, mit nicht zu speziellen Erwartungen an die Lektüre heranzugehen und sich insbesondere dabei nicht zu sehr auf den Klappen- und Umschlagtext zu verlassen, denn diese ...

Dieses Buch ist speziell. Ich empfehle, mit nicht zu speziellen Erwartungen an die Lektüre heranzugehen und sich insbesondere dabei nicht zu sehr auf den Klappen- und Umschlagtext zu verlassen, denn diese könnten eine Erwartung auslösen, die dieses Buch dann nicht erfüllen kann.

Kernthema dieses Buches ist für mich das Innenleben einer Frau, die auf der Suche nach Orientierung ist und dabei tief in sich hineinfühlt, im Außen immer wieder ein Licht wahrnimmt und diesem folgen will. Aus dieser Beschreibung zeigt sich vielleicht schon: es ist von großem Vorteil, wenn man selbst eine Verbindung zu Spiritualität und Mystik hat, wenn man an diesem Buch Gefallen finden möchte. Vorangestellt ist dem Buch folgendes Bibelzitat aus dem Johannesevangelium: "Es leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht auslöschen können". Für mich bezieht sich dieses Licht stark auf Ivy und ihren Weg, und es kommt auch im Buch immer wieder vor als etwas, das ihr eine neue Richtung weist. Überhaupt findet sich so einiges an interessanter Symbolik in dem Buch, auch speziell bezogen auf die Ostermythologie.

Erzählt werden exemplarisch einige Tage aus dem Leben Ivys, jeweils um die Osterzeit, und in ganz unterschiedlichen Lebensabschnitten, von der jungen Frau bis ins hohe Alter.

Wer an das eigene Leben ausschließlich rational-planerisch herangeht, Kontinuität sehr schätzt, das für die einzig richtige Herangehensweise ans Leben hält und mit intuitiven Eingebungen und plötzlichen Richtungswechseln im Leben nichts anfangen kann, der wird sich mit der Hauptfigur Ivy möglicherweise schwer tun.

Denn Ivy ist keine, die sich im Leben auf eine Rolle beschränkt und sie wird, jeweils ihren momentanen Intuitionen und ihrem gefühlten inneren Kompass folgend, ganz unterschiedliche Erfahrungen in ihrem Leben machen wollen: das reicht von der konventionellen Rolle als Mutter und Partnerin, allerdings eines 25 Jahre älteren Mannes, über eine Verliebtheit, Schwärmerei und schließlich Affäre und Partnerschaft mit einer anderen Frau bis zu einem Ausflug in ein ganz anderes Leben als Nonne in einem Kloster.

Es gibt solche Menschen, die das Gefühl haben, dass das Leben sie in ganz verschiedene Richtungen zieht und dass es für sie dran ist, ganz unterschiedliche Erfahrungen zu machen, um sich in Summe vollständig zu fühlen und das Gefühl zu haben, den eigenen inneren Lebensplan zu erfüllen. Da sind wir wieder bei der spirituellen Komponente: Ivy, schon in eine unkonventionelle Künstlerfamilie geboren, aber bei sich selbst keine besonderen Talente in dieser Hinsicht entdeckend, fühlt sich nicht in ein standardisiertes Schablonenleben passend. Zwar gibt es die Zeit mit Töchtern und Mann, doch sie ist immer eine Persönlichkeit, die viel Raum für Rückzug und ihr Innenleben braucht.

So erleben wir auch den Roman: aus Ivys sehr spezieller Perspektive, die schon als Jugendliche fernab von den traditionellen Geschlechterrollen ihrer Zeit ist: "Vielleicht, so überlegte sie, lag das daran, dass sie keine Frau wie andere war. Schon als Kind hatte Ivy das Gefühl gehabt, ihre Seele sei nicht ganz weiblich." (S. 37)

Zeitlich umspannt der Roman ein ganzes Leben: von der Jugend Ivys zur Zeit des 2. Weltkrieges in Großbritannien und danach, über die Jahrzehnte danach, bis in die Gegenwart. Das dient allerdings nur als eher schwach ausgearbeiteter Rahmen für Ivys Persönlichkeit: zwar werden etwa der Krieg, Bombardierungen und Rationierungen erwähnt, aber insgesamt bleibt das Zeitgeschehen blass gestaltet und die Figuren und insbesondere Hauptfigur Ivy wirken kaum in der jeweiligen Zeitperiode verankert. So ist zum Beispiel in der Reaktion der Umwelt auf Ivys durchaus exzentrische Handlungsweisen wenig Unterschied zwischen den 1940ern und späteren Zeitperioden spürbar.

Am spannendsten wird das Buch, wenn man den Lesefokus tatsächlich auf die Persönlichkeitsstudie Ivys legt und weniger um das Geschehen drumherum: dann kann das Bild einer unkonventionellen Frau entstehen, die es dahin zieht, viel zu erleben und zu erfahren in ihrem Leben, und ganz unterschiedliche, scheinbar für die meisten Menschen ganz unvereinbare Dinge zu erleben, immer geführt von ihrem inneren Kompass und dem im Außen wahrgenommenen Licht. Ich finde es spannend, darüber nachzudenken, was für eine interessante Persönlichkeit das am Ende ihres Lebens sein muss, die so ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen gemacht und in ihrem Leben vereint hat. Wer offen dafür ist, sich mit so einer durchaus nicht so häufig vorkommenden Persönlichkeit tiefer zu beschäftigen und sich auch für Lebensentwürfe und Einstellungen zu öffnen, die möglicherweise sehr stark von den eigenen abweichen, kann aus diesem Buch einiges an Inspiration mitnehmen.

Wer sich hingegen ein eher lineares, gut in der jeweiligen Zeitepoche verankertes Buch mit vielfältigen interessanten Interaktionen zwischen tiefgründigen Figuren statt der ausführlichen Innenschau einer Figur erwartet, ist mit anderen Büchern besser beraten.

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