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Veröffentlicht am 28.04.2026

Ich habe gelacht, ich habe geweint, manchmal beides gleichzeitig

Pause
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Ich habe gelacht, ich habe geweint, manchmal beides gleichzeitig, auf jeden Fall war ich absolut gefesselt von dieser wundervollen Geschichte, die so unfassbar gut vertont wurde und das von der Autorin ...

Ich habe gelacht, ich habe geweint, manchmal beides gleichzeitig, auf jeden Fall war ich absolut gefesselt von dieser wundervollen Geschichte, die so unfassbar gut vertont wurde und das von der Autorin höchst persönlich.
Auf jeden Fall habe ich jetzt erst mal Heimweh und Trennungsschmerz, weil ich Hanna und ihre Familie vermisse. Ich hätte noch ewig hören können.

In „Pause“ erzählt Lena Kupke die Geschichte von Hanna die nach einem Zusammenbruch von ihren Eltern mangels Alternativen aus der Großstadt Berlin mit nach Hause ins kleine Lüneburg genommen wird, um dort – wie der Titel schon sagt – eine Pause einzulegen.
Dabei steht keine Spannungsgeladene Story im Fokus mit zig Wendungen und schnellen Sprüngen, sondern eine liebevolle, warmherzige Familie und Hannas Charakterentwicklung, die sich zu großen Teilen im Inneren vollzieht.
Kupkes Figuren sind nahbar und so realistisch direkt aus dem Leben gepflückt, dass ich beim Hören mehrmals Kopf schüttelnd pausieren musste, weil ich laut gerufen habe: „Wie bei uns!“
Ich weiß nicht, wie es Lena Kupke gelungen ist, aber ich habe das Gefühl sie hat in Teilen in der Dynamik meine Familie und mich nahezu perfekt eingefangen (mal abgesehen davon, dass ich keine Geschwister habe). Ich konnte mich beim Hören einfach so sehr in so viele Situationen hinein versetzen, dass es fast weh tat. Aber auch mal schön zu sehen, wie man einer Romanfigur zu ruft: Nun redet doch endlich mal mit einander! Und es im eigenen Leben auch nicht immer auf die Reihe bekommt.
Die Beziehungsdynamiken der Familienmitglieder sind stellenweise so schmerzhaft authentisch, die Ambivalenz der erwachsenen Protagonistin ihren Eltern gegenüber so realistisch geschildert, dass ich Gänsehaut hatte.
Und die Szene bei Ernstings Family mit dem aufgeschwatzten Kleid? 1:1 ich! Hilfe!

Hannas Geschichte ist tragisch, keine Frage und doch überwiegt ihre Tragik an keiner Stelle, wird auch nicht ins Lächerliche gezogen, sondern darf einfach existieren, ist da und bestimmt nicht ihr ganzes selbst. Das fand ich wundervoll, wie leise man einen so fundamentalen Einschnitt ins Leben erzählen kann, ihm Gewicht verleiht ohne ihn die Geschichte führen und dominieren zu lassen.

Zur Hörbuchversion: Dass Lena Kupke selber liest war die beste Entscheidung ever! Ehrlich es sollten mehr Autor:innen ihre Bücher selbst vertonen. Ich hatte das Gefühl meine beste Freundin erzählt mir ihre Lebensgeschichte und gleichzeitig als säße ich neben ihr bei ihren Eltern am Mittagstisch. Die Betonungen, den Slapstick mancher Situationen, die verschiedenen Figuren: Alles wurde ganz wunderbar eingefangen. Ich konnte wirklich nicht mehr aufhören zu hören und habe noch nie ein Hörbuch so schnell beendet wie dieses. Ohne es schneller laufen zu lassen wohlgemerkt!
Wenn mir ein Hörbuch gut gefällt neige ich dazu mit das ganze noch einmal als Buch zu kaufen um es selbst lesen zu können. Ein Hörbuch habe ich noch nie zweimal gehört. Hier freue ich mich schon darauf alles noch einmal zu hören, einfach weil es so so gut war.

Fazit: Ein wundervoller, leiser Roman über den langsamen Weg der Heilung, über Ankommen, sich finden ohne eine Lösung zu haben und über das Kind sein obwohl man erwachsen ist. Dazu wundervoll gelesen in der Hörbuch Version von der Autorin selbst. Eine ganz klare Empfehlung und mein bisheriges Jahreshighlight!

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Mom, was ist eigentlich eine Trad Wife?

Yesteryear
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Mit „Yesteryear“ hat Caro Claire Burke einen Roman geschaffen in dem die Echos der Vergangenheit in ein brandaktuelles Thema hinein schallen.

Worum geht‘s?
Natalie Heller Mills, unsere Ich-Erzählerin ...

Mit „Yesteryear“ hat Caro Claire Burke einen Roman geschaffen in dem die Echos der Vergangenheit in ein brandaktuelles Thema hinein schallen.

Worum geht‘s?
Natalie Heller Mills, unsere Ich-Erzählerin (und Oh Gott! Was für eine Ich-Erzählerin!) hat nach außen hin alles: Farm, Mann, Kinder, das perfekte Trad Wife Leben.
Was ihre 5 Millionen Putzer-Fische... Äh... Sorry, Follower nicht ahnen: Wie viele Menschen im Hintergrund werkeln, damit Natalie die Fassade aufrecht erhalten kann.
Als sie dann plötzlich eines Morgens auf ihrer Farm aufwacht und im Jahr der Gründerväter gelandet ist beginnt ein spannender Blick auf den Zerrspiegel den Natalie der Welt vorgehalten hat.

Meine Meinung:
Ich bin von Burkes Schreibstil extrem begeistert, bzw von der Art und Weise wie sie Natalie geschrieben hat. Ich kann nicht genau sagen was für mich den Reiz ausgemacht hat einer, im Grunde, mehr als unsympathischen Protagonistin atemlos durch die Seiten zu folgen. Aber der war definitv da. Natalies Geschichte ist spannend, wenn auch ihr Denken und Handeln wenig nachvollziehbar und das soll es ja zum Glück auch gar nicht sein.
Wir dürfen sie unsympathisch, pathetisch und ja auch ganz schön fies finden und trotzdem mit ihr mitfiebern und mitleiden (wenn sie zb 1805 Wäsche am Waschbrett waschen muss. Über Stunden. In kaltem Wasser. Nur um zu sehen, dass sie sofort wieder dreckig wird.).

Zu Beginn lernen wir Natalies Leben als Trad Wife Influencerin kennen. Das fand ich persönlich schon so bizarr und spannend, dass ich noch Kapitel über Kapitel hätte lesen können. Doch ziemlich schnell landet unsere Protagonistin, ohne ihr Smartphone in der Vergangenheit.
Ab da wechseln sich die Kapitel meist ab zwischen Natalie in ihrer jetzigen Situation und mit Rückblicken auf Natalies Leben und wie sie zu der wurde die sie ist, bis dann am Ende gekonnt alle Fäden zusammen geführt werden.

Besonders faszinierend fand ich die Tatsache, dass sowohl Natalie als auch ihr Mann Caleb an den jeweiligen Rollenbildern die sie meinen ausfüllen zu müssen im Grunde, mehr oder weniger, kaputt gehen. Und auch die Diskrepanz zwischen dem Bild der Trad Wife, die ja nicht arbeitet und der Influencerin, die ganz schön viel Geld damit macht wurde aus meiner Sicht gut getroffen.
Das Buch wirft so viele wichtige Fragen auf und schneidet aktuelle politische Themen an, dass ich sehr gerne einen Buch Club dazu gehabt hätte um alles bis ins kleinste zu diskutieren.
Manosphere ist hier nur ein Schlagwort dass noch an Bedeutung in der Geschichte gewinnen wird.

Fazit:
„Yesteryear“ ist ein Roman der es versteht mit den Gefühlen der Leser:innen zu spielen, der eine Protagonistin in den Mittelpunkt stellt die im Grunde keinerlei Sympathiepunkte verdient und mit der man doch gerne auf emotionale Achterbahnfahrt geht.
Ein Buch für alle die keine „Heile Welt“ brauchen, sondern einmal hinter die Fassade blicken wollen.

Von mir gibt es volle 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 12.03.2026

Ein fatastisches Buch, das noch lange nach dem Zuklappen nachhallt

The Empress of Salt and Fortune: (Die Chroniken von Chih)
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"Emperess of Salt and Fortune" ist wahrlich kein dickes Buch, kein ausufernden GoT mäßiger Brecher und doch hat man beim Zuklappen das Gefühl man hätte ein wesentlich monumentaleres Werk beendet.

Die ...

"Emperess of Salt and Fortune" ist wahrlich kein dickes Buch, kein ausufernden GoT mäßiger Brecher und doch hat man beim Zuklappen das Gefühl man hätte ein wesentlich monumentaleres Werk beendet.

Die Atmosphäre ist mystisch realistisch und es macht Spaß die Welt zu entdecken. Chie, nahezu Brilliant, Kaninchen, In-Yo,... Wie viele schillernde Persönlichkeiten hier ein Zuhause zwischen den Wörtern haben ist großartig und ich könnte nicht sagen von welche/m ich am liebsten gelesen habe.

Die Fantasy-Elemente werden nebenbei eingestreut, dominieren nicht, erzeugen aber durch ihr Einweben in die Handlung eine so dichte Stimmung, dass ich mir direkt die ganze Welt ausmalen möchte (wortwörtlich gerne dazu etwas malen würde), weit über die Grenzen dieser Seiten hinaus.

Der Aufbau der einzelnen Kapitel mit Rahmenhandlung und Handlung ließ mich immer weiter lesen und lesen. Die Kapitel starten meist mit einer Beschreibung eines, im Kapitel relevanten Gegenstands, kurzer Rahmenhandlung mit Chi, Nahezu Brillant und Kaninchen und dann Kaninchens Rückblick auf die Ereignisse durch den wir immer ein bisschen mehr verstehen, immer ein Puzzleteilchen mehr bekommen.

Vieles wird zwischen den Zeilen erzählt, vieles muss man sich zusammen reimen, weil manches nur angedeutet wird. Mir persönlich hat das sehr gut gefallen. Weil man so zum Mitdenker und nicht zum reinen Konsumenten wird. Ich glaube, das macht viel bei dem Erleben der Geschichte aus.

Alles in allem wirkt auf mich alles wie ein Märchen oder eben eine Sage, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Es ist im genau richtigen Maße zauberhaft und realistisch anmutend zu gleich. Wodurch am Ende das Gefühl bleibt man hätte wesentlich mehr gelesen, als man tatsächlich hat.

Eine wirklich schöne Art Geschichten zu erzählen.

Am Ende hatte ich richtig Gänsehaut und hätte auch nicht erwartet, dass die ganze Geschichte einen Anfang (der Buchreihe) symbolisiert und trotzdem gleichzeitig einen runden Abschluss hat.

Eine wunderschöne, magische Geschichte. Ich wiederhole mich (bin aber auch so erstaunt darüber): Ich habe konstant das Gefühl, ich hätte ein viel, viel dickeres Buch gelesen.

Ich freue mich sehr auf die kommenden Teile.

Fazit:
Das Buch ist etwas für alle die poetische Fantasy mögen, die lieber entdecken, als alles erklärt zu bekommen, die Fantasy mit starker Atmosphäre lieben und die Geschichten schätzen, die noch lange nach dem Zuklappen nachhallen.

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Veröffentlicht am 06.03.2026

Ein Roman, wie ein erster Sommertag - wärmend, erweckend und vor allem Kraft spendend

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Sophie steckt fest in ihrem Leben. Also macht sie das wovon garantiert jeder von uns schon einmal geträumt hat: Sie schlägt sämtliche Zweifel in den Wind und kauft ein Haus in der Provinz.
Dass das Haus ...

Sophie steckt fest in ihrem Leben. Also macht sie das wovon garantiert jeder von uns schon einmal geträumt hat: Sie schlägt sämtliche Zweifel in den Wind und kauft ein Haus in der Provinz.
Dass das Haus in der Ostdeutschen Provinz liegt und dazu noch ziemlich runtergekommen ist, ist erst mal aufgrund des Preises zu verschmerzen. Dass das Haus mitten im nichts liegt und sie dort ziemlich allein sein wird ist willkommen und trägt zur einzigartigen Stimmung im Roman bei.
Ein bisschen fühlt man sich beim Lesen nämlich selbst als würde man träge im trockenen Gras liegen und von Sonnenstrahlen gekitzelt werden.
Anna Katharina Scheidemantel hat einen wunderschönen Schreibstil, der es uns Lesenden sehr leicht macht sich wie Protagonistin Sophie zu fühlen, das alte Haus zu riechen, das surren der Insekten zu hören und auch gleichzeitig die Überforderung zu fühlen um danach in Aktionismus auszubrechen (ich gestehe, ich habe beim Lesen selbst nach zu renovierenden Häusern auf Kleinanzeigen gesucht).
Scheidemantel schafft es dabei meisterlich die leisen Töne zu treffen. Gekonnt und zart webt sie in Sophies Geschichte die großen Fragen denen man sich mit Mitte 20 (und auch noch danach, zumindest bei mir) gegenüber stehen sieht. Sophie wirkt gleichermaßen gefasst, wie verloren. Auf der Isomatte gekonnt eingebettet zwischen gesellschaftlicher Verpflichtung und aus dem Hamsterrad ausgestiegenen Hausbesitzer Pflichten.
Dabei ist es, wie mit den Tagen am Haus: Es muss nicht immer alles sofort zielführend sein. Man darf sich auch mal treiben lassen und den Moment genießen.
Ich hätte nicht gedacht, dass ein Buch bei dem es über lange Strecken kaum bis keine anderen Menschen gibt als die Protagonistin allein mit ihren Gedanken so gut funktionieren kann. Und doch ist gerade das auch ein großer Reiz der Geschichte.
Definitiv haben wir hier einen Roman der lange in meinem Herzen bleiben wird und ein ganz wundervolles, etwas verfrühtes Sommergefühl in mir heraufbeschworen hat und nicht nur das. Auch ein Gefühl von glücklichem, friedlichen einfach Existieren ohne zwingend für das große Ganze etwas leisten zu müssen. Ich glaube das habe ich so zuletzt als Kind empfunden.
Danke Pola, dass ihr diesem besonderen Buch einen Platz in eurem Verlagsprogramm gegeben hat.
"Statt aus dem Fenster zu schauen" zu lesen, ist wie über eine Sommerwiese zu streifen und zwischen getrocknetem Gras und Ähren plötzlich Mohnblumen zu finden: Wunderschön, beruhigend und so zart dass man sich einfach nur an ihrem Anblick erfreuen möchte. Eine Atempause im hektischem Alltag und ein Weckruf auch seinen Träumen Raum im Leben zu geben.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Ein kleines Büchlein mit großem Tiefgang

Ich, die ich Männer nicht kannte
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In „Ich, die ich Männer nicht kannte“ darf man keine klaren Antworten erwarten. Man muss dieses Buch einfach auf sich wirken lassen und darüber nachdenken, dann entfaltet es seine Genialität.
Ich möchte ...

In „Ich, die ich Männer nicht kannte“ darf man keine klaren Antworten erwarten. Man muss dieses Buch einfach auf sich wirken lassen und darüber nachdenken, dann entfaltet es seine Genialität.
Ich möchte gar nichts von der Geschichte erzählen, denn sonst würde ich vielleicht schon zu viel verraten. Der Klappentext reicht.
Ich für meinen Teil war sehr überrascht von dem Buch, hatte irgendwie etwas anderes erwartet und war dann aber von der Stimme der Erzählerin, von allen nur „die Kleine“ genannt, wie gebannt. Auch wenn nicht sonderlich viel passiert, passiert doch sehr sehr viel und ich weiß das klingt seltsam, aber doch ist es irgendwie genau das was ich empfunden habe.
Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen und war wie gebannt von der Erzählung. Dabei habe ich fast vergessen, dass es nicht wirklich der Lebensbericht einer Frau ist, die nie Männer kennen gelernt hat, sondern ein Werk der Fiktion, das übrigens bereits Mitte der 1990er Jahre auf Französisch erschien.
Nach dem Lesen musste ich eine Weile meine Gedanken dazu sortieren. Das Buch wirkt ein wenig wie ein Rohrschach Test: Jeder und Jede muss eine eigene Interpretation finden und wird etwas eigenes in dem Text sehen. Was ich auch bestätigt fand, als ich später in einem Subreddit eine lebhafte Diskussion zum Text gefunden habe (in der unter anderem öfter die Idee mit dem Rohrschachtest fiel). Denn ich hatte ganz klar das Bedürfnis über das „Erlebte“ zu sprechen, mich auszutauschen und zu hören wie andere diesen Text empfunden haben.
Auch ein Blick auf die Historie der Autorin ist hilfreich.
Ein wenig hat mich die Lektüre an „Die Parabel vom Sämann“ erinnert. Zumindest vom Gefühl her.

Wer gerne beim Lesen eigene Schlüsse ziehen will, wer gern nachdenkt und Bücher nicht nur zur reinen, schnellen und einfachen Unterhaltung liest, sondern auch von ihnen berührt werden will, wird mit „Ich, die ich Männer nicht kannte“ seine Freude haben.
Wer in seinen Büchern für alles eine Lösung haben möchte und es andernfalls unbefriedigend findet, sollte stattdessen zu einem anderen Buch greifen.

Für mich war es auf jeden Fall ein Highlight, umso mehr ich darüber nachdenke, um so größer wird diese Gewissheit.

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