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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.03.2026

ADHS im Erwachsenenalter

Ich erzähle von meinen Beinen
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Wally und Valli haben beide ADHS. Bei Valli, der Tochter, diagnostiziert, bei Wally, der Mutter, nicht. Und doch ist sie die regelrechte Inkarnation einer Frau mit ADHS, wie sie im Lehrbuch steht. Oder ...

Wally und Valli haben beide ADHS. Bei Valli, der Tochter, diagnostiziert, bei Wally, der Mutter, nicht. Und doch ist sie die regelrechte Inkarnation einer Frau mit ADHS, wie sie im Lehrbuch steht. Oder stünde, wenn denn die medizin schon so weit wäre, Kriterien für Neurodivergenz nicht nur anhand des Verhaltens von Kindern, insbesondere Jungen, festzulegen; als Frau fällt man da schnell mal durchs Raster.

Der Roman folgt Wallys Alltag. Viel mehr passiert auch tatsächlich nicht; es geht um die Probleme, die ihre Tochter in der Schule hat, das Chaos, das zuhause herrscht. Immer wieder wird dabei offensichtlich, dass Wally Schwierigkeiten hat, ihren Alltag zu meistern, weil die Ansprüche einer auf neurotypische Menschen ausgerichteten Welt für neurodivergente Menschen oft nicht erfüllbar sind.

Ich mochte den Roman gerne, habe aber ein bisschen die Handlung vermisst. "Ich erzähle von meinen Beinen" ist ein wichtiger Roman, weil er den Blick darauf lenkt, dass eben nicht nur Kinder, nicht nur Jungen von ADHS betroffen sind. Trotzdem fand ich es schade, dass man durch die fehlende Handlung das Gefühl hatte, Wally werde auf ihre Neurodivergenz reduziert. Alles, was sie tut, ist geleitet von Merkmalen und Symptomen; beinahe hatte ich das Gefühl, es werde eine Liste ein Eigenschaften abgearbeitet, und die Lücken dazwischen würden mit dem bisschen Handlung aufgefüllt, dass der Roman dann letztendlich hat. Das war etwas schade, an für sich ist der Roman aber absolut lesbar und auf jeden Fall wichtig.

Veröffentlicht am 30.01.2026

Freundinnenschaft

Spielverderberin
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Gemeinsam in derselben Bauernschaft im Süthland aufgewachsen, sind Lotte und Sophie schonlange Freundinnen. Als in der Oberstufe dann Romy aus München dazukommt, verändert sich die Dynamik der kleinen ...

Gemeinsam in derselben Bauernschaft im Süthland aufgewachsen, sind Lotte und Sophie schonlange Freundinnen. Als in der Oberstufe dann Romy aus München dazukommt, verändert sich die Dynamik der kleinen Gruppe merklich; Großstadt trifft auf Dorfidylle, die Beziehung der drei Mädchen zueinander ist geprägt von offener und heimlicher Bewunderung und unterschwelligen Spannungen, an denen die Freundinnenschaft bald zerbricht. Jahre später versuchen die drei jungen Frauen erneut, sich einander anzunähern; doch kann das funktionieren, wenn so Vieles aus ihrer Jugend unausgesprochen bleibt?

Mit feinfühliger Sprache schildert Marie Menke das Auf- und Verblühen einer intensiven, teilweise beinahe schon obsessiven Freundinnenschaft. Die Tiefe, mit der dies geschieht, mochte ich sehr. Dennoch hatte ich immer wieder das Gefühl, dass hier mehr Konflikte aufgemacht und mehr Handlungsstränge begonnen werden, als der Roman letzendlich zufriedenstellent lösen bzw. zuende führen kann. Vieles bleibt vage und nur angedeutet, wird letztendlich nicht aufgelöst. Die Spannung steigt unleugbar mit jeder Seite, man will "endlich wissen, was da los war" - das ist wunderbar gemacht, der erwartete "große Knall" am Ende war dafür mMn jedoch enigermaßen enttäuschend.
Die Charakterstudie der drei jungen Frauen und die Beschreibungen des Zwischenmenschlichen fand ich sehr gelungen; vollkommen überzeugen konnte mich der Roman damit aber nicht.

Veröffentlicht am 13.04.2025

Zwiegespalten

Pearly Everlasting
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Wir schreiben das Jahr 1918. Pearly Everlasting wächst in einem Holzfällercamp in den Wäldern Kanadas auf, umgeben von rauer Natur, den Männern, die tagein, tagaus ihren Lebensunterhalt mit harter Arbeit ...

Wir schreiben das Jahr 1918. Pearly Everlasting wächst in einem Holzfällercamp in den Wäldern Kanadas auf, umgeben von rauer Natur, den Männern, die tagein, tagaus ihren Lebensunterhalt mit harter Arbeit verdienen, und den Geräuschen und Gerüchen des Camps. Viel lieber noch als mit ihrer Schwester verbringt Pearly Zeit mit ihrem Bruder Bruno, den ihr Vater im Jahr ihrer Geburt im verschneiten Winterwald gefunden hat und der gemeinsam mit ihr von der Mutter gesäugt wurde – Bruno, der gar kein Menschenkind ist, sondern ein kleiner Bär. Gemeinsam streifen sie durch die Wälder und entdecken das Leben in einer Welt, die ebenso frei und wunderschön ist wie hart und unerbittlich. Als eines Tages der Vorarbeiter tot aufgefunden wird, gerät bald Bruno in Verdacht, ihn getötet zu haben.
Das Pacing des Romans wird nicht für jeden etwas sein; die Sprache ist oft sehr lyrisch und bildhaft, die Handlung grenzt ans Märchenhafte. Dementsprechend ist das Tempo eher langsam, es gibt zahlreiche atmosphärische Beschreibungen der verschneiten Landschaft und des Lebens im Camp. Mir hat das sehr gut gefallen und ich konnte mich schnell in diese kleine Welt, die so sehr im Kontrast zum Leben außerhalb der Wälder steht, einfinden; ich fand den Roman besonders in der ersten Hälfte wunderbar entschleunigend.
Trotzdem hat mich die Geschichte nicht vollkommen gepackt, weil ich mir (tatsächlich erst nach einer ganzen Weile des Lesens) plötzlich die Frage gestellt habe: Wer ist eigentlich Pearly? Zwar ist der Roman aus ihrer Perspektive erzählt, sie selbst bleibt dabei jedoch merkwürdig unsichtbar. Gefühlt trat sie für mich erst, als sie im Wald auf zwei Bekannte trifft, die das Lager besuchen, zum ersten Mal wirklich auf, und ich hatte hier zum ersten Mal den Eindruck, auch etwas von ihrer Persönlichkeit über ihre Verbundenheit mit Bruno hinaus zu erfahren. Daher konnte ich auch den zweiten Teil des Romans, der vermutlich der spannendere und actionreichere Teil sein sollte, nicht ganz so sehr mitempfinden wie gehofft.
Die Lektüre an sich fand ich zwar sehr schön, ich war aber nicht im eigentlichen Sinne „emotionally involved“ und bleibe daher zwiegespalten zurück.

Veröffentlicht am 01.03.2025

Nicht so meins

Flusslinien
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Die 102-jährige Margrit lebt in einer Seniorenresidenz nahe der Elbe. Im Römischen Garten, in den sie sich jeden Tag von ihrem Fahrer Arthur bringen lässt, erinnert sie sich mit Blick auf den Fluss zurück ...

Die 102-jährige Margrit lebt in einer Seniorenresidenz nahe der Elbe. Im Römischen Garten, in den sie sich jeden Tag von ihrem Fahrer Arthur bringen lässt, erinnert sie sich mit Blick auf den Fluss zurück an ihre Jugend und Kindheit, die Kriegsjahre und die Beziehung ihrer Mutter Johanne zu einer anderen Frau. Manchmal denkt sie auch nach über Arthur, der mehr oder weniger heimlich mit einer Metallsonde das Flussufer abläuft, während er auf Margrit wartet, oder über ihre Enkelin Luzie, die gerade die Schule kurz vor dem Abitur abgebrochen hat und Tätowiererin werden möchte. Beide scheinen, genau wie Margrit, ihre eigenen Geheimnisse zu haben und ihre eigenen Traumata zu verarbeiten.

Die Perspektive wechselt regelmäßig zwischen Margrit, Arthur und Luzie, besonders in Margrits Kapiteln kommen sehr viele Rückblenden in die Vergangenheit hinzu. Das war mir beim Lesen etwas zu viel Unbeständigkeit, lieber hätte ich entweder nur Margrits Perspektive inklusive Rückblenden oder die Perspektive aller drei Figuren in der Gegenwart, aber ohne Rückblenden gelesen. Zwar sind alle Stränge gut geschrieben und für sich genommen interessant, insgesamt waren mir das aber einfach zu viele Baustellen gleichzeitig - ich wäre lieber noch tiefer in die Innenwelt der einzelnen Figuren eingetaucht. Wobei das aber sicherlich auch Geschmackssache ist.
Sehr gut gefallen hat mir dafür die Kulisse - ich konnte mir Margrit sehr gut vorstellen, wie sie an einem etwas nebligen Morgen auf den bemoosten Steinstufen am Flussufer sitzt und die Spaziergänger beobachtet.

Schlecht fand ich den Roman nicht, wirklich überzeugen konnte er mich aber auch nicht. Ich bin mir sicher, dass er seine begeisterten Leser*innen finden wird, ich gehöre nur einfach nicht dazu - und das darf ja auch so sein. (Das Cover liebe ich trotzdem sehr.)

Veröffentlicht am 14.02.2025

Spannendes Gedankenexperiment mit Abzügen

Für immer
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Es scheint ein ganz gewöhnlicher Frühsommertag wie jeder andere zu sein, und doch hat sich rückblickend etwas Entscheidendes ereignet an jenem 6. Juni: Die Zeit ist stehengeblieben. Oder besser: Die Zeit ...

Es scheint ein ganz gewöhnlicher Frühsommertag wie jeder andere zu sein, und doch hat sich rückblickend etwas Entscheidendes ereignet an jenem 6. Juni: Die Zeit ist stehengeblieben. Oder besser: Die Zeit schreitet weiter voran, jedoch nicht für die Menschen. Während Pflanzen und Tiere nach wie vor geboren werden, wachsen und sterben, scheint der Mensch kein Teil der Natur mehr zu sein: Embryos, Neugeborene und überhaupt alle Menschen verbleiben in exakt jenem Entwicklungszustand, in dem sie sich in der Sekunde dieses mysteriösen Ereignisses befanden. Niemand wird mehr geboren und niemand stirbt. Schwangere bleiben schwanger, Krebspatientinnen und eigentlich tödlich Verwundete sterben doch nicht, Rentnerinnen blühen angesichts der geschenkten Lebenszeit neu auf, während Entbindungsstationen und Bestattungsinstitute ihre Türen schließen und Beatmungsgeräte ebenso überflüssig werden wie die Nahrungsaufnahme.

Tag um Tag, Woche um Woche folgen so aufeinander, ohne, dass auch nur ein einziger Mensch um eine Millisekunde altert. Während die einen einfach das beste aus dieser unerwartet gewonnenen Lebenszeit machen, beginnen andere sich zu fragen: Ist das eine Verschwörung? Verheimlicht die Regierung etwas? Kann diesem Zustand ein Ende gesetzt werden - individuell, indem man das eigene Leben beendet, oder kollektiv, indem in den Relikten alter indigener Kulturen nach Antworten gesucht wird?

Lundes Gedankenexperiment liest sich in den ersten beiden Dritteln des Romans unglaublich spannend. Durch die verschiedenen Figuren ergeben sich viele verschiedene Blickwinkel auf die Situation, Vor- und Nachteile des plötzlichen Nicht-mehr-Alterns werden gegenübergestellt. Gefühlt hätte der Roman gerne noch 100 oder auch 200 Seiten länger sein können, um die einzelnen Protagonist*innen länger begleiten zu können und vor allem auch, um das Ende etwas runder zu machen. Denn wie beim Lesen befürchtet endet der Roman recht abrupt, die gelieferte Lösung ist eigentlich kaum als solche zu bezeichnen und wird den zuvor aufgeworfenen Fragen in ihrer Komplexität mMn nicht gerecht. Mit dem, was über 300 Seiten mühevoll aufgebaut wurde, geschieht am Ende - nichts. All die offenen Fragen und potentiell tiefgründigen Gedanken verpuffen einfach so, und mit ihnen leider auch ein Großteil des Effekts, den der Roman hätte haben können. Das war dann doch sehr schade und schränkt die (eigentlich große) Lesefreude im letzten Moment ziemlich ein.