Jessica und Ingwer sind schon seit 20 Jahren ein Paar; seine Familie ist auch Jessicas Familie geworden, denn zu ihrer hat sie kein gutes Verhältnis.
Jessica verbringt den Hochzeitstag mit ihrem Mann ...
Jessica und Ingwer sind schon seit 20 Jahren ein Paar; seine Familie ist auch Jessicas Familie geworden, denn zu ihrer hat sie kein gutes Verhältnis.
Jessica verbringt den Hochzeitstag mit ihrem Mann Ingwer und dessen Familie im Urlaub, als sie einen Anruf ihrer Halbschwester Sandra bekommt: Jessicas Vater ist gestorben. Auf der Beerdigung reißen alte Wunden aus der Kindheit wieder auf.
„Diese Wohnung aus dem Körper zu bekommen, die Kindheit, das war mir noch nicht gelungen, so wenig hatte sich verändert.“
Die Mutter zeigt nach wie vor offen ihre Verachtung Jessica gegenüber. Jessica fühlt sich wieder so hilflos dem Schweigen und den Verletzugen ausgesetzt wie damals schon:
„Hilflos sah ich Ingwer an. Ich hatte immer Angst, dass ich die fehlende Logik und die Lieblosigkeit meiner Familie übertrieb, und auch wenn es mir peinlich war, dass er hier sitzen musste, war ich froh, ihn als Zeugen zu haben. Sobald ich nicht mehr mit Mutter oder Sandra in einem Raum war, konnte ich sie mit leichter Verachtung aus meinen Gedanken streichen, aber in ihrer Nähe fühlte ich mich hilflos. Warum waren sie so, warum fühlte ich mich immer noch so klein wie damals, warum gehörte ich angeblich zu ihnen, wenn mich doch nie jemand gewollt hatte?“
Und Jessica muss plötzlich immer öfter an ihre Zwillingsschwester Annika denken, die starb, als sie eineinhalb Jahre alt waren. Sie kann sich nicht wirklich an sie erinnern, vermisst sie aber dennoch
„Warum war Mutter so? Warum interessierte mich das noch? Warum war ausgerechnet Vater tot, der mir von allen noch am nächsten gestanden hatte? Warum vermisste ich auf einmal schmerzhaft meine Zwillingsschwester, die ich doch gar nicht richtig gekannt hatte?“
Während Jessicas Ehe plötzlich zu zerbrechen droht, muss sie lernen, ihren Alltag zu meistern und die Wunden der Vergangenheit heilen zu lassen.
„Nichts und niemand konnte ever einen Zwilling ersetzen und auch nichts und niemand einen Vater. Jessica bringt den Tod. Die Beerdigung hätte ein Abschied sein sollen, aber die Worte der Lebenden waren zu laut gewesen, um ihm auf Wiedersehen zu sagen. Jessica bringt den Tod. Falls mir der Satz noch länger im Kopf herumschwirrte, würde ich ihn irgendwann selbst glauben.“
Ich möchte nicht spoilern, daher sage ich zum Inhalt nichts mehr; nur so viel: Mir hat die Entwicklung der Protagonistin richtig gut gefallen, ebenso wie der Schreibstil von Petra Hucke. Ein wirklich emotionaler Roman über Familie und alte Wunden, der mir sehr gut gefallen hat.
Vielen Dank an den Eisele Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚
„Das kalte Moor“ von Liza Marklund ist der zweite Teil der „Polarkreis“-Triologie.
Schon der erste Teil hatte mir sehr gut gefallen und auch hier hatte mich die spannende Geschichte gleich gefesselt:
Das ...
„Das kalte Moor“ von Liza Marklund ist der zweite Teil der „Polarkreis“-Triologie.
Schon der erste Teil hatte mir sehr gut gefallen und auch hier hatte mich die spannende Geschichte gleich gefesselt:
Das schwedische Örtchen Stenträsk, unweit des nördlichen Polarkreises. Hier wird im Sommer 1990 mitten im Moor ein Säugling gefunden, dehydriert, stark unterkühlt und in einem kritischen Zustand. Von der Mutter Helena Stormberg fehlte jede Spur. Ihre Leiche wurde nie gefunden. Ihr Ehemann Wiking Stromberg, der örtliche Polizeichef, hat dennoch auch 30 Jahre später den Verlust von seiner Frau nicht überwunden. Dann passieren im August 2020 gleich zwei Dinge auf einmal: Wiking erfährt, dass er Krebs hat, und sein Sohn Markus bekommt einen anonymen Brief mit den Worten „Du darfst das Angebot als Projektleiter für das QATS-System nicht annehmen. Es ist mit großer Gefahr verbunden. Du MUSST ablehnen. Erfinde eine Ausrede.“
Der Brief ist unterzeichnet mit einem von Hand gemalten, unregelmäßigen fünfzackigen Stern, den Wiking sofort wiedererkennt: Damit hatte Helena damals immer ihre Briefe unterschrieben ...
Könnte die Nachricht wirklich von Helena sein?
In Zeitsprüngen zwischen damals und heute geht die Story voran. Besonders in der zweiten Hälfte überrascht der Plot mit einigen völlig unerwarteten Wendungen. Die Wurzeln der Geschichte führen zurück in den Kalten Krieg und dessen bis heute spürbare Auswirkungen. Das wird nicht nur bei Markus’ geheimen Aufgaben auf dem Raketenstützpunkt deutlich, sondern vor allem bei Helenas Vergangenheit – doch dazu werde ich nichts sagen, um nicht zu spoilern.
Nur soviel noch: Das Ende des Buches ist ein perfekter Cliffhanger, der die Wartezeit von einem Jahr bis zum finalen Band der „Polarkreis“-Reihe zu einer echten Geduldsprobe macht!
Ich möchte den letzten Band dann auf jeden Fall auch noch lesen!
Vielen Dank an den Atrium Verlag & Lovelybooks.de für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚
„Vor drei Wochen also bin ich Zeugin eines lebensverändernden Unglücks geworden. Meines lebensverändernden Unglücks.
Aber es fühlte sich anders an, als ich erwartet hatte.
Ich bin mir allerdings auch noch ...
„Vor drei Wochen also bin ich Zeugin eines lebensverändernden Unglücks geworden. Meines lebensverändernden Unglücks.
Aber es fühlte sich anders an, als ich erwartet hatte.
Ich bin mir allerdings auch noch nicht sicher, ob ich das, was passiert ist, für mich überhaupt als Unglück einordnen kann.
Aussprechen darf ich diesen Gedanken natürlich nicht.
Aussprechen darf ich das niemals. Nicht einmal vor meinem eigenen Mann. Der würde mich zu Recht fragen, ob ich wahnsinnig geworden bin.
Jetzt endgültig wahnsinnig.
Alle anderen würden nichts fragen, sondern bloß ihre Schlüsse ziehen.
Also schweige ich und sie umarmen mich, wenn sie mich sehen, und ich lasse es geschehen. Verwandte, Freunde, sogar die Nachbarn. Danach halten sie mich an den Schultern auf Armlänge von sich weg und lächeln mich an. ‚Wie geht’s dir mit alledem?‘, fragen sie dann. Und ich kann meine Schultern nicht heben, weil sie von den fremden Händen so schwer sind und darum antworte ich bloß: ‚Es ist alles ein bisschen viel.‘“
Cornelia Travnicek erzählt in ihrem Roman „Ich erzähle von meinen Beinen“ die Geschichte von Wally. Die wurstelt sich immer gerade so durch mit Mann und Tochter, Haus mit Garten und Laufenten und ihrem Job. Plus dem Chaos in ihrem Kopf. Auch im Alltag sucht sie ständig etwas, vergisst etwas, kann sich nicht konzentrieren.
Dann wird bei ihrer elfjährigen Tochter Vallie ADHS diagnostiziert ... und Wally vermutet insgeheim dasselbe bei sich. Doch das spricht sie nicht aus; sie verrät ihrem Mann auch nicht, dass sie die Medikamente ihrer Tochter selbst schluckt und dem Kind stattdessen harmlose Vitaminpillen gibt. Dass indes die Tochter ihre Tabletten in der Schule weitertickt, ahnt Wally nicht, bekommt jedoch bald die Folgen zu spüren ...
Wally verliert immer mehr die Kontrolle über ihr Leben und ihren Körper. Sie muss sich beim Gehen ständig auf ihre Beine konzentrieren, sie vergisst stundenlang zu blinzeln, und am Ende liegt sie nachts in Panik wach, denn sie könnte ja im Schlaf das Atmen vergessen. Als sie nicht mehr kann und im Krankenhaus landet, folgt eine Katastrophe nach der anderen, Feuer und Hochwasser ... die Reihenfolge ist nicht mehr ganz klar. Wie kann Wally ihr Leben in Ordnung bringen?
Die Autorin behandelt Themen wie Mutterschaft, Überforderung und Burnout sowie ADHS auf anspruchsvoll amüsante Weis. Oft möchte man lachen, aber es ist doch einfach auch viel wahres hinter dran: „Es hatte Jahre gedauert, bis ich verstand: Mutterschaft ist eine Führungsposition. Du verwaltest das Budget, du erstellst den Zeitplan und niemand hält sich daran. Du musst ständig erreichbar sein. Jeder beschwert sich bei dir und keiner kooperiert. Für jeden Fehler deines Teams bist du verantwortlich, aber du darfst niemanden feuern. Und alle anderen tun so, als hättest du den einfachsten Job.“
Wally mochte ich als Protagonistin sehr gerne; ihre ganze Art, ihre Klugheit; ihre ehrlich dargestellte Überforderung.
„Mit jedem Buch über Haushaltsorganisation kaufe ich ein Stück Hoffnung. Mit jedem Kalender ein bisschen Sicherheit. Mit jedem Aufbewahrungscontainer, Kühlschranktablett und Wandhaken Frieden für meine Seele.
[...]
Es gibt jedoch Dinge, die kann man nicht bestellen.
Zum Beispiel eine Antwort auf die Frage, was gewesen wäre, hätte ich mich selber früher besser gekannt.“
„Suchen. Ich wollte nicht mehr suchen. Nur wiederfinden.
Ich wollte etwas wiederfinden, und wenn nur eine Art von Wut – und wenn bloß eine auf mich selbst. Weg von dieser seichten Resignation.
Ich wollte wieder die sein, die ich nie gewesen bin.“
„Ich erzähle von meinen Beinen“ ist ein Roman, der einerseits sehr humorvoll und leichtgängig ist, andererseits aber auch viele Wahrheiten ausspricht und Tiefe hat.
„Warum sich selbst in eine Schublade stecken?
Damit endlich einmal aufgeräumt ist.“
Dies war mein erstes Buch von Cornelia Travnicek, aber sicher nicht mein letztes; ich mag ihre Art zu erzählen sehr!
Vielen Dank an den Picus Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚
„Das schönste aller Leben“ von Betty Boras ist ein wirklich starker Debütroman!
In wechselnden Kapiteln erfahren wir die Geschichte von Vio und ihren Eltern sowie von ihrer Vorfahrin Theresia.
Vio flieht ...
„Das schönste aller Leben“ von Betty Boras ist ein wirklich starker Debütroman!
In wechselnden Kapiteln erfahren wir die Geschichte von Vio und ihren Eltern sowie von ihrer Vorfahrin Theresia.
Vio flieht mit ihren Eltern aus dem aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Fleißig sein, sich anpassen, nur nicht auffallen, das ist das Wichtigste. Und Schönheit.
„Vio spürte den drängenden Wunsch dazuzugehören. Bei ihren Eltern und bei sich selbst. Immer deutlicher verstand sie, warum sie nach Deutschland ausgewandert waren: damit sie eine Zukunft hatten, eine Zukunft als Deutsche. Die Verantwortung für diesen Traum lag in Vios Händen. Es war kein hochtrabender Traum, der auf Wolken schwebte. Es war vielmehr ein Traum, der von dort herabgefallen war auf die Erde, bodenständig und geradlinig. Er war so lange beständig, bis sich das Krumme in ihn einschlich, das Hässliche, das keiner haben wollte, das nicht sein durfte. Es saß in Vios Wirbelsäule.“
Allen Widrigkeiten zum Trotz finde Vio ihren Platz im Leben und in Deutschland. Als sich ihre kleine Tochter durch einen Unfall schwere Narben zuzieht, droht Vio an den Selbstvorwürfen zu zerbrechen.
„... aber ich kann nicht aufhören zu sprechen, zu sehr lechze ich nach Absolution, einem ‘Es ist nicht deine Schuld’, auch wenn ich es nicht annehmen könnte. Denn ich war dafür zuständig, mein Kind zu schützen. Ich war die Mutter. Es ist meine Schuld.
‘Ich verstehe das nicht, ihr wisst doch sonst alles’, sagt meine Mutter. ‘Du weißt doch, wie gefährlich heißes Wasser in der Nähe von Kindern ist.’ Sie sagt es fassungslos und wie ein gebrochener Mensch, dem dieser Satz noch mehr von seiner Substanz nimmt.
Ihre Worte brennen sich in mein Herz, und ich weiß, dass dieser Vergleich meine Tochter verhöhnt. Denn meine Narben bleiben unsichtbar.“
Als die Lage sich zuspitzt, stimmt sie zu, doch eine Therapie zu beginnen.
„Ich kann den Blick von Frau Fischer nicht richtig deuten. Vielleicht ist es Enttäuschung, weil sie mich für klüger, emanzipierter, fortschrittlicher gehalten hat.
Aber jetzt bin ich nicht zu stoppen. ‘Wenn ein Kind übergewichtig ist, gibt man meistens den Eltern die Schuld. In Wahrheit aber der Mutter. Warum kocht sie nicht gesünder, beschäftigt sich nicht mehr mit dem Kind, warum meldet sie es nicht im Sportverein an? Natürlich ändert sich da etwas, natürlich werden Väter heute mehr in die Verantwortung genommen. Aber werden sie das wirklich? Wie viel Schuld trifft sie und wie viel die Mutter, wenn auf das Kind nicht gut genug aufgepasst wurde. Wo war die Mutter?, heißt es da. Oder: Ein Kind braucht seine Mutter. Viele tun so feministisch, Frauen sollen gleichberechtigt sein, klar, aber wenn es hart auf hart kommt, fallen wir doch alle in unser Schubladendenken zurück, weil wir so sozialisiert sind und es uns Sicherheit gibt. Es ist so tief in uns eingeschrieben. Eine Mutter, die nicht alles tut, um ihr Kind zu schützen, ist unvorstellbar. Eine Mutter, die es nicht geschafft hat, hat versagt.’
Ich merke, wie ich mich in Rage geredet habe, dass ich zum ersten Mal seit Langem laut geworden bin. Ich weiß nicht mehr, wie ich zu diesem Punkt gekommen bin, ob er überhaupt noch zum Thema passt. Die Worte haben sich wie von selbst eins nach dem anderen ergeben.
‘Ich weiß, dass das alles oberflächlich klingt, dass es anderen viel schlechter geht, dass Aussehen nicht alles ist, aber ich will für mein Kind das schönste aller Leben. Ich will nicht schon etwas kaputtgemacht haben, bevor es richtig losgeht.’
Dr. Fischer sagt nichts. Ich kann die Stille nicht gut aushalten, habe das Gefühl, dass ich mich weiter rechtfertigen muss für das, was ich denke.
Nach einer langen Pause fragt sie schließlich: ‘Wie wichtig war es in Ihrer Familie, was andere von Ihnen dachten?’
Darüber muss ich nicht lange nachdenken. ‘Es war das Allerwichtigste.’“
Als zweite Protagonistin lernen wir Theresia kennen. Im 18. Jahrhundert wurde sie für ihre Schönheit und ihr Verlangen bestraft. Die Wiener Keuschheitskommission (eine Art Sittenpolizei) verschleppt sie in den Banat, wo sie unter menschenundwürdigen Bedingungen harte Arbeit leisten muss. Und sie ist schwanger, was sie in noch größere Schwierigkeiten bringen könnte ...
Sehr bewegend fand ich auch die Kapitel aus der Perspektiver der Banater Erde:
„Die Letzten von euch sind 1990 gegangen, nur ein spärlicher Rest ist übrig geblieben. Wie Ratten habt ihr das sinkende Schiff verlassen, sobald sich eine Gelegenheit bot. Der Diktator war tot, und ihr wähntet eure Zeit gekommen. Wie sehr ihr euch getäuscht habt! Ja, das Leben in der Diktatur war kein Zuckerschlecken, aber ist die Regierung eines Landes das Einzige, was zählt? Sind es nicht auch seine Menschen, seine Traditionen, die Erde, aus der man gewachsen ist? Hier wart ihr jemand, ihr wart Deutsche. Man hat zu euch aufgeschaut, ihr galtet als zuverlässig, fleißig, ihr wart wer. Wofür habt ihr das aufgegeben? Ihr sagt ‘für die Freiheit’. Dass ich nicht lache. Ihr wart nie unfreier, nie weniger wert, nie missachteter als in eurer neuen Welt. Für mich wart ihr das Zentrum, dort steht ihr am Rand. Ihr seid Putzfrauen, Hausmeister, Bandarbeiter. Ihr gebt euer Bestes, aber nie ist es genug. Nicht für euch und nicht für eure Kinder. Merkt ihr denn nicht, dass sie sich für euch schämen, sich euch entfremden? Denn eins habt ihr nicht bedacht, egal, wo ihr hingeht: Ihr könnt mich nie ganz zurücklassen. Zu viele Jahre habe ich mich in euch eingeschrieben. In eure Gesichter, euren Gang, eure Aussprache. Ihr lacht zu wenig, wisst zu wenig, seid zu wenig. Hier wart ihr die Deutschen, dort seid ihr nicht deutsch genug. Ihr Lachen zeigt schönere Zähne, ihre Bewegungen sind geschmeidiger, die Wörter vertrauter. Ihr versucht euch anzupassen, aber ihr erkennt euch immer noch. Im Supermarkt, in den Arztpraxen, auf den Straßen. Es sind die beladenen Fahrräder, die ihr schiebt, der Blick auf den Boden, die aus der Zeit gefallene Sprache, Kleidung, Mimik. Ihr schart euch umeinander, gebt euch Sicherheit, Vertrautheit, Heimat. Wem nützt das Gegangensein? Euch sicher nicht. Ihr pflanzt alle Hoffnung in die, die nach euch kommen. Nicht alle werden stark genug sein, diese Bürde zu tragen.“
Insgesamt ein sehr intensiver und vielschichtiger Roman, der eine ganz klare Leseempfehlung von mir bekommt!
Vielen Dank an den hanserblau / Hanser Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!
„Kleine Schwächen“ von Megan Nolan spielt Anfang der 90er Jahre. Die 10jährige Lucy lebt mit ihrer Mutter Carmel, ihrem Onkel und Großvater in einer Sozialsiedlung in Südlondon, seit die Familie aus Irland ...
„Kleine Schwächen“ von Megan Nolan spielt Anfang der 90er Jahre. Die 10jährige Lucy lebt mit ihrer Mutter Carmel, ihrem Onkel und Großvater in einer Sozialsiedlung in Südlondon, seit die Familie aus Irland hierhergezogen war. Als in der Nachbarschaft ein 3jähriges Mädchen tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht schnell auf Lucy, die schon früher durch ihr Verhalten auffiel. Und auch die schöne, aber unnahbare Carmel hat den Stempel als Rabenmutter weg – wohl nicht ganz grundlos, immerhin kümmerte sich hauptsächlich ihre Mutter Rose um die Enkelin. Seit Roses Tod ging es mit der Familie weiter bergab.
Nach dem Tod der kleinen Mia bahnt sich eine mediale Hetzjagd an. Der Journalist Tom wittert seine Chance auf eine große Story.
„Er ging zu Edward ins Büro und schilderte ihm die Situation. Erstens: Was als brauchbares, aber letztlich unbedeutendes Rührstück begonnen hatte – niedliches Kind vermisst –, schien sich gerade zu einer Mordsache zu entwickeln. Zweitens bestand offenbar begründeter Verdacht gegen ein anderes Kind – ein Mädchen auch noch! Drittens stammte dieses Mädchen anscheinend aus einer skrupellosen Sippe irischer Sozialschmarotzer, die der großen britischen Nation auf der Tasche lagen und sich mit abscheulichen Verbrechen revanchierten.“
Tom versucht, das Vertrauen von Carmel und ihrer Familie zu gewinnen. Währenddessen muss Carmel sich ungewollt mit ihren Gefühlen für Lucy auseinandersetzen; der Tochter, die sie gar nicht wollte.
„Carmel witterte unter den Beamten einen aggressiven Eifer, sie schienen sich ihrer Sache allzu sicher, hungrig nach einer schnellen Auflösung. Oder sie waren nicht so überzeugt, aber standen unter Druck, möglichst rasch Anklage zu erheben. Ihre Gedanken zersplitterten. Einerseits wollte sie dringend zurück ins Hotel, um zu verhindern, dass ihr Bruder oder Vater eine Dummheit begingen, andererseits musste sie ihre Tochter sehen. Wieder einmal flößte diese Aussicht ihr Angst ein. Die Angst hatte wenig mit der Polizei oder der Situation zu tun. Nicht einmal mit der Sorge, Lucy könnte wirklich getan haben, was man ihr vorwarf, denn noch glaubte sie nicht daran.
In Wahrheit war es die gleiche Angst, die sie schon immer hatte, die sie seit Lucys Geburt verspürte, wann immer sie sich ihrer Tochter mit voller Aufmerksamkeit widmen sollte: Lucy als Person, als echter Mensch, anstatt als logistisches Problem oder abstraktes Konzept.“
„Der Anblick von Lucy auf der Polizeiwache, gelassen und eigenständig und im Zentrum des Interesses so vieler Fremder, hatte etwas in ihr freigesetzt. Was man Lucy vorwarf, war grausam und ungeheuer. Wenn es stimmte, hatte Lucy vielen Menschen Leid zugefügt. Carmel war längst nicht überzeugt, dass es stimmte – doch schon der Verdacht, schon die entfernte Möglichkeit, hatte ihr zwangsweise vor Augen geführt, dass Lucy eine reale, eigene, von ihr abgekoppelte Person war.
Sie selbst hatte immer fest an diese Abkoppelung geglaubt, hatte darauf gesetzt, dass dieser Fremdling kein Teil von ihr, sie nicht an ihn gebunden war, aber das ging nur so lange gut, wie sie Lucy nicht als real existierende Person betrachtete. In ihrem Kopf war Lucy immer noch wie schon als Fötus eine organisch lebendige, aber sinnleere Präsenz gewesen. Und sie ahnte, wenn auch verschwommen, dass Lucys Unwirklichkeit vielleicht nur die Spitze des Eisbergs war, dass darunter ein ganzes Universum an Menschen und Dingen lauerte, die sie verleugnet, als unwirklich abgetan hatte, und denen sie sich früher oder später würde stellen müssen. Dieser Gedanke war so unerträglich, dass sie sich erlaubte, ihn zu verdrängen, um sich ganz der aktuellen Katastrophe zu widmen.“
Mir hat der Schreibstil der Autorin sehr gut gefallen; atmosphärisch dicht und packend geschrieben.
Die Charaktere sind allesamt authentisch dargestellt.
Interessant fand ich auch, dass der Roman den Fokus nicht auf das Opfer und dessen Familie sondern auf die Täterin und deren Familie richtet. Wobei diese junge Täterin selbst auch in gewisse Weise ein Opfer ist: Ein Opfer fehlender Liebe, fehlender Beachtung. Das Buch zeigt auf sehr eindrückliche Weise, wie sich Nichtgesehenwerden auf ein Kind auswirken kann.
Insgesamt ein psychologisch interessanter Debütroman über Herkunft und Klasse, Gewalt und Trauma. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung mit 4,5⭐️ und die Hoffnung, von Megan Nolan bald noch mehr lesen zu können.
Vielen Dank an den Kjona Verlag und Netgalley für dieses Rezensionsexemplar!