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Veröffentlicht am 09.10.2018

Zwei Mütter und doch Waise

Arminuta
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Im Sommer 1975 gerät das Leben der 13-jährigen namenlosen Ich-Erzählerin ohne Vorwarnung aus den Fugen. Die Menschen, die sie bisher für ihre Eltern gehalten hat, die ihr ein sorgloses Leben mit Ballett- ...

Im Sommer 1975 gerät das Leben der 13-jährigen namenlosen Ich-Erzählerin ohne Vorwarnung aus den Fugen. Die Menschen, die sie bisher für ihre Eltern gehalten hat, die ihr ein sorgloses Leben mit Ballett- und Schwimmunterricht und ein bequemes Haus am Meer geboten haben, schicken sie zu ihren unbekannten biologischen Eltern zurück, von denen sie bisher nichts wusste. Oder fordern ihre wirklichen Eltern, die sie mit sechs Monaten diesem entfernt verwandten, ungewollt kinderlosen Paar überlassen haben, sie zurück? In der fremden Umgebung und bei der neuen „Zwangsfamilie“ fühlt sie sich „aufgenommen wie ein Unglück“, „allen im Weg, nur ein Esser mehr“. Das Leben im Dorf unter bitterarmen, bildungsfernen und oft gewalttätigen Verhältnissen ist ihr fremd. Als Einzelkind hat sie es nicht gelernt, sich gegen ihre neuen Geschwister zu verteidigen. Selbstzweifel plagen sie: Hat sie etwas falsch gemacht, wurde sie deshalb zurückgeschickt? Oder ist die Adoptivmutter, die zuletzt krank war, inzwischen gar gestorben? Sie vermisst schmerzlich ihre Freundin, ihr altes Leben, aus dem sie so plötzlich verbannt wurde, und natürlich ihre „Meermutter“: „Mit zwei lebenden Müttern wurde ich zum Waisenkind.“ „Arminuta“ wird sie im Dorf genannt, „die Zurückgekommene“.

„Arminuta“ ist ein psychologisch sehr anrührender Roman über die Folgen von Geheimniskrämerei der Erwachsenen gegenüber Kindern. Eigentlich möchte man das Mädchen schonen („Du warst noch viel zu klein für die Wahrheit.“), doch ist gerade dieses Verschweigen neben den äußeren Umständen des Ortswechsels die Hauptursache für ihre Verzweiflung. Sie fühlt sich zurecht als Spielball zwischen zwei Familie und von den Erwachsenen verraten. Da ich genau wie das Mädchen die wahren Umstände sehr lange nicht durchschaut habe, war die Geschichte äußerst spannend und rätselhaft für mich.

Sehr gut gefallen hat mir neben der klaren Sprache, wie die Ich-Erzählerin trotz ihrer Verzweiflung nie im Selbstmitleid versinkt, sondern an den Umständen wächst. Ihre schulischen Leistungen, ihr Fleiß und die Aussicht auf den Besuch des Gymnasiums geben ihr Halt genauso wie die enge Beziehung zu ihrer jüngeren, praktisch veranlagten Schwester, die sich während der Turbulenzen als größter Gewinn entpuppt. Nicht ganz überzeugt hat mich dagegen die Darstellung der sexuellen Übergriffe durch den 18-jährigen Bruder, die die 13-Jährige unbegreiflicherweise nicht zurückweist. Die fehlende Geschwisterbeziehung war für mich hier als Begründung unbefriedigend und das Thema zu oberflächlich betrachtet. Außerdem hätte ich gerne mehr über das weitere Leben der Ich-Erzählerin erfahren, die auf die Jahre 1975 und 1976 zurückschaut, aber leider nur ganz wenige Andeutungen über die Zeit danach macht. Viel mehr, als dass Schlaflosigkeit, Leere und Angst zu ihren ständigen Begleitern gehören, erfahren wir nicht.

Insgesamt kann ich diesen in Italien bereits preisgekrönten, knapp über 200 Seiten starken Roman jedoch unbedingt empfehlen. Ich werde sicherlich noch weitere Bücher von Donatella di Pietrantonio lesen.

Veröffentlicht am 06.09.2018

Beharrlichkeit und Beständigkeit

Königskinder
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Eine Nacht eingeschneit im Auto auf dem Jaunpass, weil man wie Tina und Max aus purem Übermut die Absperrung einfach umfahren hat, ist eigentlich keine angenehme Vorstellung. Trotzdem hätte ich beim Lesen ...

Eine Nacht eingeschneit im Auto auf dem Jaunpass, weil man wie Tina und Max aus purem Übermut die Absperrung einfach umfahren hat, ist eigentlich keine angenehme Vorstellung. Trotzdem hätte ich beim Lesen gerne mit Tina getauscht, denn Max ist ein so begnadeter Geschichtenerzähler, dass mir beim Zuhören auch bei 12 Grad Innentemperatur warm ums Herz geworden wäre.

Was er Tina erzählt, um die Zeit bis zur Rettung zu verkürzen und keine Panik aufkommen zu lassen, ist belegt, soweit es um die äußeren Daten und den groben Ablauf der Handlung geht. Alex Capus hat sie in Schweizer Archiven und sogar in Versailles recherchiert, wo sie in den Briefen und Tagebüchern einiger Adeliger Spuren hinterlassen hat. Helden dieser Erzählung sind der arme Kuhhirte Jakob Boschung und Marie-Françoise Magnin, Tochter eines reichen Bauern, aus dem Greyerzerland. Ihrer Liebe steht zehn Jahre lang Maries Vater im Weg, doch ihrem geduldigen Beharren und ihrer unerschütterlichen Beständigkeit muss auch dieser „ungehobelte Grobian“ schließlich nachgeben. Freilich braucht es dafür den Einsatz einer wahrhaftigen Prinzessin, der Schwester Ludwigs des XVI., in deren Diensten Jakob 1789 kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution als Kuhhirte stand. Während die Welt aus den Fugen geriet, revoltierende Bauern die Schlösser und Klöster niederbrannten, in Paris hungernde Kleinbürger die Waffenarsenale der Polizei plünderten und Versailles sich langsam entvölkerte, konnten Jakob und Marie am 26.05.1789 auf dem Puppenstuben-Bauernhof der Prinzessin endlich heiraten.

Nun könnte man befürchten, die märchenhaft anmutende Geschichte wäre gar zu kitschig. Diese Klippe umschifft Alex Capus gekonnt durch die kritischen Kommentare und Zwischenfragen Tinas, die immer genau zum richtigen Zeitpunkt kommen. Außerdem verhindert der leichte, humorvolle und dichte Erzählstil, der die romantischen Details nicht unnötig vertieft, dass man nicht zu sehr ins Schwelgen gerät. Mit den Schlussworten „Na also… Geht doch.“ überlässt uns Alex Capus dann unserer Fantasie und unseren Träumen sowohl bezüglich Tina und Max als auch Jakob und Marie.

Der kleine, knapp 200 Seiten umfassende Roman "Königskinder" ist keine tiefschürfende Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Zeit, sondern ein warmherziges, optimistisches Buch, wie ich es von Zeit zu Zeit unbedingt brauche und sehr gerne verschenke.

Veröffentlicht am 14.03.2026

Die fehlende Hälfte

Halber Stein
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Die 1977 in Hermannstadt geborene, im Banat aufgewachsene und 1985 nach Süddeutschland ausgewanderte Autorin Iris Wolff kehrt in ihren bisher fünf erfolgreichen und preisgekrönten Romanen immer wieder ...

Die 1977 in Hermannstadt geborene, im Banat aufgewachsene und 1985 nach Süddeutschland ausgewanderte Autorin Iris Wolff kehrt in ihren bisher fünf erfolgreichen und preisgekrönten Romanen immer wieder nach Siebenbürgen zurück. Auch ihr Debütroman "Halber Stein" von 2012 spielt in Michaelsberg, einem siebenbürgischen Dorf nahe Hermannstadt. Er erschien zunächst im Verlag Otto Müller, 2026 als blumengeschmückte Taschenbuchausgabe in Iris Wolffs aktuellem Verlag Klett-Cotta.

Uneingestandene Gefühle
Die Handlung spielt während weniger Tage im Spätsommer 2006, als die Ich-Erzählerin Friedesine, genannt Sine, 20 Jahre nach ihrer Auswanderung erstmals nach Siebenbürgen zurückkehrt. Bisher wollte sie ihren Vater Johann nie bei den Besuchen im alten Zuhause begleiten, sondern schaute wie ihre Mutter Hermine lieber nicht zurück. Nun gibt es einen traurigen Anlass für ihre erste Reise: Mit ihrer Großmutter Agneta ist das letzte in Siebenbürgen verbliebene Familienmitglied verstorben, es droht der endgültige Heimatverlust. Sine, die nach Beendigung ihres Studiums orientierungslos wieder bei ihren Eltern eingezogen ist, wird bei der Ankunft von ihren Gefühlen überwältigt:

"Ich sah über die Hügel, über die angrenzenden Dörfer und die hellen Karpaten, spürte die Sonne auf meinem Gesicht, die Grashalme an den Fußsohlen und wusste, dass ich alles vermisst und mir dieses Gefühl doch nie eingestanden hatte. […] Wieso fühlte sich plötzlich alles anders an?" (S. 37)

Erinnerungsorte
Während der Tage im noch immer überraschend vertrauten Haus der Großmutter besucht sie bekannte und neue Orte und begegnet ihrem Kinderfreund Julian Eminescu wieder, mit dem sich während gemeinsamer Ausflüge in die Umgebung mehr als nur die alte Vertrautheit einstellt. Er und viele andere erzählen ihr von Siebenbürgen, denn so wenig sie sich während der Jahre in Deutschland dafür interessierte, so viel möchte sie nun erfahren: über Agneta, die 850-jährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen und nicht zuletzt über sich selbst. Sine erinnert sich an Kindheitserlebnisse, Gerüche, Geräusche, Gebäude und die unvergleichliche Landschaft, kommt einem Geheimnis Agnetas auf die Spur und findet Erinnerungsorte:

"Es ist, als wartete überall, wo ich hinkomme, eine Erinnerung." (S. 240)

Zum Symbol ihrer eigenen Unvollständigkeit wird ein kreidezeitliches Naturmonument, das Sine immer wieder besucht, der titelgebende „Halbe Stein“, der wie eine zur Hälfte abgerissene steinerne Brücke am Ufer des Silberbachs aus der Erde zu wachsen scheint:

"Der Stein ragte stolz und unbeirrt auf und spiegelte durch seine standhafte, fast trotzige Anwesenheit immer auch die andere, unsichtbare, vergangene Hälfte." (S. 303/304)

Doch was macht Sines eigene zweite Hälfte aus? Sind es die verdrängten Wurzeln und Erinnerungen? Lässt sich der gekappte Faden wieder aufnehmen und dadurch Orientierung für die Zukunft finden?

Ein vielversprechendes Debüt
In diesem Debütroman zeigt Iris Wolff bereits vieles, was mich an ihren späteren Romanen "Die Unschärfe der Welt" (2020) und "Lichtungen" (2024) begeistert: Empathie für ihre Figuren und für Siebenbürgen, Wissen über dessen Geschichte, Kultur und Brauchtum und exzellente Natur- und Landschaftsbeschreibungen, alles in einem ruhigen Erzählfluss mit poetisch-stimmigen Bildern und einer wunderschön melodischen, sensiblen Sprache. Nur bei der Verwebung der Fakten über Siebenbürgen ist eine deutliche Weiterentwicklung spürbar. Werden sie in "Halber Stein" noch etwas zu offensichtlich belehrend in Gesprächen vermittelt, die mich immer wieder stolpern ließen, fließen sie in die späteren Bücher selbstverständlicher und eleganter ein. Noch mehr berührt haben mich deshalb Sines eigene Erinnerungen an ihre Kindheit, den schwierigen Start in Deutschland und die Trauer der Achtjährigen über den Verlust heimatlicher Geborgenheit, die Iris Wolff im gleichen Alter erlebte.

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Veröffentlicht am 16.04.2025

Weibliche Schreibstuben

Ein Raum zum Schreiben
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Mit ihrem Debütroman "Muskat" landete die 1975 geborene Norwegerin Kristin Valla 2000 einen Überraschungserfolg nicht nur in ihrem Heimatland. Nach einem weiteren Roman galt sie als vielversprechende junge ...

Mit ihrem Debütroman "Muskat" landete die 1975 geborene Norwegerin Kristin Valla 2000 einen Überraschungserfolg nicht nur in ihrem Heimatland. Nach einem weiteren Roman galt sie als vielversprechende junge Autorin, doch kam ihre Schriftstellerinnenkarriere mit ihrer Heirat, den beiden Söhnen und Jobs als Kulturjournalistin und Moderedakteurin zum Erliegen:

"Eigentlich fehlte mir das Schreiben nicht. Ich war nicht unzufrieden, nicht frustriert. Im Gegenteil, oft empfand ich eine tiefe Dankbarkeit für meine Familie, für unser Zuhause und unser Leben." (S 10)

Selbst als sie ihre Tätigkeit bei Aftenposten aufgab, um als Freiberuflerin mehr Zeit für literarisches Schreiben zu haben, gelang ihr kein weiteres Buch. Einerseits hielt sich die Inspiration nicht an Arbeitszeiten, andererseits gab es in der Osloer Familienwohnung zwar Kinderzimmer, aber keine Schreibstube. Inspiriert vom bahnbrechenden feministischen Essay "A Room of One’s Own" von Virginia Woolf aus dem Jahr 1929, der Geld und ein eigenes Zimmer als Grundvoraussetzungen für weibliches Schreiben fordert, verwandelte Kristin Valla ihre Trauer über die Schreibblockade in einen Befreiungsschlag:

"In dem Jahr, in dem ich einundvierzig wurde, kaufte ich ein Haus im Dorf Roquebrun im Südwesten Frankreichs, vierzig Kilometer vom Mittelmeer entfernt. […] Das Haus gehörte nur mir." (S. 7/8)

Mit der über 2000 Kilometer entfernten Immobilie wäre Virginia Woolfs zweite Forderung erfüllt gewesen, hätte sich ihr Zustand als weniger desolat erwiesen. Doch anstatt mit marodem Charme zu bezaubern, führte jeder erneute Besuch zu Tränenausbrüchen bei der zunehmend verzweifelten Besitzerin.

Katalysator statt Schreibstube
Fast acht Jahre mit und vielen Tiefpunkten und neuen Krediten brauchte es, bis Schimmelbefall, wiederkehrende Wassereinbrüche, Termitenschäden, instabile Decken und aufgequollene Türen behoben waren. Die Kämpfe mit Handwerkern lesen sich längst nicht so amüsant wie beim englischen Kollegen Peter Mayle in "Mein Jahr in der Provence", der ebenfalls ein südfranzösisches Haus renovierte. An Schreiben war in Roquebrun kaum zu denken, und doch entstand nach über zehn Jahren der neue Roman "Das Haus über dem Fjord", der 2019 in Norwegen, 2022 in Deutschland zu Kristin Vallas literarischem Comeback führte. Dabei erwies sich das französische Steinhaus als Katalysator für das Schreiben in Oslo:

"Bei jeder Entscheidung, vor die ich gestellt wurde, wuchsen Ambitionen und Arbeitslust und damit auch der Umfang des Romans, den ich schrieb." (S. 164)

Der Blick in andere Schreibstuben
Hätte sich Kristin Valla auf ihre eigenen Erfahrungen beschränkt, es wäre mir zu wenig gewesen. Ihre Unentschlossenheit, die verkrampfte Unzufriedenheit und die kaum vorhandenen Auseinandersetzungen mit ihrer Vielfliegerei und den Auswirkungen ihrer Abwesenheiten auf ihre tolerante Familie strapazierten meine Geduld. Wirklich interessant und lesenswert wird diese Buch jedoch durch Beiträge über eine erstaunliche Vielzahl erfolgreicher Autorinnen und ihre Schreiborte: Sigrid Undset, Amalie Skram, Leïla Slimani, Marguerite Duras, Chimamanda Adichie, Agatha Christie, Tania Blixen, Daphne du Maurier, Selma Lagerlöf, Vita Sackwell-West, Tania Blixen, Annette von Droste-Hülshoff, Toni Morrisen und natürlich Virginia Woolf, um nur einige zu nennen. Diese gekonnt integrierten, mal kurzen, mal längeren Einschübe stellen Kristin Vallas Projekt in einen größeren Zusammenhang. Besonders anrührend fand ich drei der Schreibbiografien: Halldis Moren Vesaas blieb, anders als ihr erfolgreicher Mann Tarjei Vesaas, auf dem Familienhof Midtbø in Telemark 20 Jahre ohne eigenes Schreibzimmer. Serine Regine Normann war die erste erfolgreiche nordnorwegische Schriftstellerin und schrieb zeitweise versteckt in einer Höhle. Die fünffache alleinerziehende Mutter und Sozialhilfeempfängerin Buchi Emecheta aus Nigeria erfüllte sich schreibend den Traum vom eigenen Haus in London.

Eine überwiegend unterhaltsame und sehr informative Mischung aus Autobiografie und Sachbuch in der gewohnt souveränen Übersetzung von Gabriele Haefs.

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Veröffentlicht am 15.11.2024

Ersatzfamilie

Wohnverwandtschaften
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Wohngemeinschaften gab es unfreiwillig nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland durch Zwangseinquartierungen. Ab den 1960er-Jahren entdeckten Studierende diese Wohnform für sich. Angesichts explodierender ...

Wohngemeinschaften gab es unfreiwillig nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland durch Zwangseinquartierungen. Ab den 1960er-Jahren entdeckten Studierende diese Wohnform für sich. Angesichts explodierender Mieten, Wohnraumknappheit, steigender Zahl von Singlehaushalten und fehlender Heimplätze gibt es sie inzwischen für jedes Alter, jede Lebenssituation und jeden Geldbeutel.

3+1=4
In der Hamburger WG im neuen Roman "Wohnverwandtschaften" der Übersetzerin und Autorin Isabel Bogdan leben vier mitten im Leben stehende Erwachsene aus ganz unterschiedlichen Motiven. Jörg, Rentner Ende 60, kann das Geld aus der Vermietung für seine geplante Reise mit dem Bulli nach Georgien gut gebrauchen und hat sich nach dem Tod seiner Frau wieder Leben in die Wohnung geholt. Anke lebt seit mittlerweile mehreren Jahren bei ihm und wird von Zukunftsängsten geplagt. Sie war einst eine erfolgreiche Schauspielerin, leidet nun aber sehr unter den fehlenden Rollenangeboten für Frau über 50. Murat, ebenfalls um die 50, Fachmann für IT und Deutschtürke aus Köln, ist der Sonnyboy der WG, kocht gern für alle, liebt seinen Schrebergarten, den FC St. Pauli, seinen großen Freundeskreis und seine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Er ist es auch, der die jüngere, nicht ganz so lockere Zahnärztin Constanze als Vierte im Bunde anheuert. Frisch getrennt, sieht sie die WG als Notlösung und Zwischenstation. Mit ihrem Einzug im Januar 2022 setzt der Roman ein:

"Neues Zuhause. Übergangsweise. Irgendwann werde ich ja eine eigene Wohnung finden, ein richtiges Zuhause. Meins. Ach, Mist. Ich hatte doch schon mal eins." (S. 7)

Eine Zerreißprobe
Abwechselnd erzählen in den kurzen Kapitel die vier WG-Mitglieder von ihrem Alltag, chronologisch und mit genauer Angabe von Wochentag und Datum. Dazwischen gibt es Abschnitte mit mehreren Personen und Dialogen ähnlich einem Theaterstück. Je weiter der Roman fortschreitet, desto mehr Kapitel kommen aus der Sicht aller, denn nach Jörgs Blinddarmoperation ist er nicht mehr derselbe und der WG-Alltag wird zunehmend auf den Kopf gestellt. Abhängig von ihrem Charakter gehen Anke, Murat und Constanze zunächst verschieden damit um und brauchen unterschiedlich lang, um die Tragweite der Veränderung zu begreifen. Aber eins ist klar: Sie lassen ihren vierten Mann nicht im Stich.

Leicht und warmherzig
"Wohnverwandtschaften" ist mit seinem Anklang an Goethes "Wahlverwandtschaften" eine einfallsreiche Wortneuschöpfung mit Potential für eine Aufnahme in den Duden. Zwei Jahre lang, bis Silvester 2023, verfolgen wir lesend die Ereignisse in der WG, Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Isabel Bogdan schreibt leicht, amüsant und mit viel Empathie für ihre Figuren über ein Zusammenleben, das mir allerdings bei so unterschiedlichen Charakteren ein wenig zu konfliktfrei und harmonisch ablief. Ich hätte mir auch gewünscht, dass Anke, Constanze und Murat sich in ihrer Sprache mehr unterschieden hätten, wie es bei Jörg sehr gut gelungen ist. Als warmherziger Wohlfühlroman über wachsende Freundschaft und geteilte Verantwortung liest sich das Buch jedoch gut. Noch besser allerdings kann ich mir den Text aufgrund seiner innovativen Struktur in der Hörfassung, auf der Bühne oder im Film vorstellen.

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