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Veröffentlicht am 18.03.2026

Unterhaltsame Suche nach dem Lebenssinn

Einatmen. Ausatmen.
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Seine Bücher mögen sich zwar inhaltlich deutlich unterscheiden und zwischen Historie und Gegenwart, zwischen Politik und Alltagsleben wechseln. Aber eines haben alle Werke des Schriftstellers Maxim Leo ...

Seine Bücher mögen sich zwar inhaltlich deutlich unterscheiden und zwischen Historie und Gegenwart, zwischen Politik und Alltagsleben wechseln. Aber eines haben alle Werke des Schriftstellers Maxim Leo (56) gemeinsam: So ernst das Thema im Kern auch sein mag, schafft er es doch immer, den Sachverhalt in der für ihn typischen Leichtigkeit und gelegentlich auch sanfter Ironie darzustellen. Im Vordergrund steht bei ihm immer der Mensch mit seinen Stärken, meistens aber mit seinen oft unvermeidbaren Schwächen. Dies gilt auch für seinen im März beim Verlag Kiepenheuer & Witsch veröffentlichten Roman „Einatmen – Ausatmen“, in dem es als Folge der sich von Generation zu Generation wandelnden gesellschaftlichen Einstellungen, Verhaltens- und Denkweisen um die scheinbar immer schwieriger werdende Suche nach dem individuellen Lebenssinn und Glück geht.
Die Protagonistin seines neuen Romans, Marlene Buchholz, steht vor ihrem seit Jahren angestrebten Berufsziel, Vorstandsvorsitzende ihres Konzerns zu werden. Doch mangelt es der fachlich kompetenten Managerin an der für diese Position ebenfalls nötigen Empathie im Umgang mit dem Personal, worauf mehrfache Beschwerden bei der Antidiskriminierungsbeauftragten hinweisen. Deshalb schickt sie der Seniorchef zu einem Achtsamkeits-Coaching. Marlene fügt sich widerwillig und fährt – wie sie es nennt – ins „Umerziehungslager“ zum „Seelentröster“ Alex Grow. Dumm ist nur, dass Alex selbst gerade unter Burn-out und Panikattacken leidet und seine bisher so erfolgreiche Academy vor der Insolvenz steht. Sollte er aber im Fall Marlene erfolgreich sein, ist ein rettender Großauftrag des Konzerns zu erwarten.
Maxim Leo scheint in seinem unterhaltsamen Buch aus dem eigenen Fundus an Erfahrungen mit diesem Thema geschöpft zu haben: Seine Ehefrau ist als Coach tätig, und seine beiden Töchter mahnen – wie er selbst sagt – beim Vater immer wieder mehr Achtsamkeit an. Nicht nur, dass Leo die Vielfalt der von Alex Grow angebotenen Selbstfindungs- und Achtsamkeitskurse sehr plastisch beschreibt, sondern es gelingt ihm, die unterschiedlichsten Menschentypen in der Handlung gegenüberzustellen.
Marlene Buchholz, die nur für ihre Karriere lebt, hat überhaupt kein Verständnis für junge Kolleginnen, die „problematischen Themen aus dem Weg gehen und ihre Ehre als Frau verteidigen, dass für die eigentlichen Arbeitsaufgaben kaum noch Energie übrig blieb.“ Diese „verhuschten Ponyfrauen“ stehen, wenn sie im Job nicht die erwartete Leistung bringen, nur Marlenes Erfolg im Weg. Die Antidiskriminierungsbeauftragte Gundula Starkowski fühlt sich in ihrer Aufgabe inzwischen überfordert: „Die Menschen wurden immer dünnhäutiger, waren immer schneller verletzt oder beleidigt. Die Grundidee ihres Jobs … drohte in allgemeiner Jammerlust zu versinken.“
Dann gibt es aber auch den schüchternen Hausmeister Mattissen, der vor Jahren seinen guten Job als Ingenieur aufgab, um lieber ein stressfreies Leben zu führen und sich um seine alte Mutter zu kümmern, sowie die 14-jährige Conny aus zerrüttetem Elternhaus, die statt zur Schule zu gehen, ihren Lebenssinn im Umwelt- und Naturschutz sieht. Weniger das Seminar, bei dessen Kursen Marlene kaum mitmacht, sondern die Begegnungen mit diesen beiden Menschen lösen bei ihr den vom Seniorchef gewünschten inneren Wandel aus und machen ihr klar, was wirklich ein erfülltes Leben ausmacht.
Natürlich gibt es bereits viele Ratgeber zum Thema Sinnsuche und Achtsamkeit – sowohl als Sachbuch als auch als Roman. Wir Leser sollten also inzwischen wissen, worauf man achten sollte. Insofern ist die Entwicklung der Handlung und Protagonisten in „Einatmen – Ausatmen“ wenig überraschend, zumal manche Szene und Figur doch etwas klischeehaft wirkt. Der Geschichte hätten einige unerwartete Wendungen und etwas mehr Dramatik im Ablauf gutgetan, um für Spannung zu sorgen. So bleibt der Roman ein flüssig erzählter, leicht lesbarer Unterhaltungsroman, der auf psychologisch nicht allzu tiefgehende Art existenzielle Fragen mit Situationskomik verbindet. Aber vielleicht ermöglicht genau dies jenen Lesern einen leichten Einstieg ins Thema, die sich vor der Lektüre von Ratgebern scheuen.

Veröffentlicht am 01.02.2026

Märchenhafter Lebensratgeber

Mathilde und Marie
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REZENSION – „Eine Rückbesinnung auf das, was im Leben wirklich zählt.“ Mit diesen Worten bewirbt der dtv Verlag den im Januar veröffentlichten Debütroman von Torsten Woywod (45). „Mathilde und Marie“ ist ...

REZENSION – „Eine Rückbesinnung auf das, was im Leben wirklich zählt.“ Mit diesen Worten bewirbt der dtv Verlag den im Januar veröffentlichten Debütroman von Torsten Woywod (45). „Mathilde und Marie“ ist gewiss keiner der typischen zeitgenössischen Romane, die sich mit der harten Wirklichkeit kritisch auseinandersetzen, sondern – fern unseres realen Alltags – eine warmherzige Liebeserklärung an die Menschen, an die Kraft einer Gemeinschaft, an die lebenspendende Vielfalt der Natur, in der wir Menschen teilhaben, und an das Leben insgesamt. „Wenn sich ein jeder von uns vor Augen führte, wie wichtig Empathie im täglichen Miteinander ist, könnte ein Wandel, wie er in diesem Roman beschrieben wird, überall zustande kommen“, hofft der Autor in seinem Nachwort.
Die junge Studentin Marie entflieht nach einem Schicksalsschlag überstürzt und ziellos der lebensfeindlichen großstädtischen Pariser Hektik und landet unversehens mitten in den belgischen Ardennen im kleinen Bücherdorf Redu. Hier gibt es nur einen Fernseher, keinen Handy-Empfang, und das Internet ist nur eine Stunde am Abend verfügbar, damit die Buchhändler ihre Bestellungen aufgeben können. Dass die Uhren des schiefen Kirchturms unterschiedliche Zeiten anzeigen, stört die 390 Einwohner nicht. Zeit ist relativ: „Bei uns geht es nicht darum, möglichst viele Dinge in immer kürzerer Zeit zu erledigen, sondern sich den Dingen mit vollständiger Hingabe und Aufmerksamkeit zuzuwenden.“
Die lebenserfahrene 75-jährige Buchhändlerin Jónína lässt Marie bei sich im Gartenhaus wohnen und in ihrem Buchladen aushelfen. In dieser Ruhe und Idylle erholt sich die Studentin schnell und wird schon bald in den Kreis der Dorfgemeinschaft aufgenommen, in die sie sich auch persönlich einbringt. Marie lernt hier nicht nur eine ihr bisher fremde Seite des Lebens und beginnt, über sich selbst nachzudenken. „Wie schnell kann unser Leben zu Ende sein? … Mir wurde bewusst, dass wir die uns verbleibende Zeit nicht mit Dingen vergeuden sollten, die uns keine Freude bereiten.“ Ihr gelingt es dank ihrer Offenheit und Freundlichkeit sogar, die nach 40-jähriger Ehe kürzlich verwitwete Mathilde aus ihrer Verbitterung und selbstgewählter Isolation zu befreien und neuen Lebensmut zu geben. „Offensichtlich schenkte das Leben einem manchmal genau dann einen neuen Anfang, wenn man glaubte, alles verloren zu haben.“
Liest man Woywods Debüt „Mathilde und Marie“, muss man wissen, worauf man sich einlässt: Wer einen spannenden und realistischen Roman mit aktionsreicher Handlung erwartet, wird enttäuscht. Schon die dörfliche Kulisse ist märchenhaft wirklichkeitsfremd, obwohl es das belgische Bücherdorf Redu tatsächlich gibt. „Bitte seien Sie also nicht überrascht, wenn dieser schöne Ort bei Ihrem Besuch nicht genau so aussieht, wie er in diesem Roman beschrieben wird“, warnt der Autor im Nachwort. Sicher wird es im realen Redu nicht wie im Buch nur liebenswerte Menschen geben. Man fragt sich auch, wovon die junge Marie während ihres monatelangen Aufenthalts ihren Unterhalt bezahlt.
Aber lässt man „Mathilde und Marie“ in der vom Autor gewünschten Weise auf sich wirken, sind all diese Fragen unwichtig, da sie nicht den Kern seiner Geschichte ausmachen. Schon der Begriff „Roman“ ist hier eigentlich irreführend. Es ist eher ein Ratgeber in Form eines modernen Märchens mit der warmherzigen Anregung an seine Leser, in den ruhigen Stunden des Lesens über sich selbst nachzudenken und die bisherige Lebensführung zu hinterfragen. „Denn letztlich ging es doch genau darum im Leben: Das Beste aus dem zu machen, was uns mitgegeben wurde. Und auf diese Weise das zu finden, was uns glücklich macht.“
Doch auch wenn man diese Geschichte so akzeptiert, wie sie vom Autor gemeint ist, dürfen ein paar kritische Anmerkungen zum Debüt aber nicht fehlen: Woywod hätte seine über 300-seitige Erzählung um hundert Seiten kürzen müssen. Manches zieht sich doch arg in die Länge und lädt zum Querlesen ein. Auch wirken die Dialoge oft gestelzt und unwirklich. Sie gleichen in Formulierung und Satzbau eher einer Fortsetzung des erzählenden Fließtextes, nicht aber einer lebendigen Unterhaltung.
Die Wahl des Bücherdorfes Redu als Handlungsort für seine Geschichte ist bei Torsten Woywod verständlich. Denn für den früheren Buchhändler und heutigen Marketingleiter eines Verlags ist auch die Liebe zur lebensbereichernden Literatur ein geeignetes Mittel zur persönlichen Glücksfindung: „Zu den unzähligen Vorzügen der Literatur zählt zweifellos die Tatsache, das sie unterschiedliche Lesarten ermöglicht. Je nachdem, was man selbst schon erlebt hat, finden Texte gegebenenfalls auch einen Resonanzboden auf der ganz persönlichen Ebene.“ So mag sein Romandebüt „Mathilde und Marie“ – je nach Lesart, persönlicher Erwartung und individueller Empathie-Bereitschaft – vielleicht allzu kritischen Lesern nur mäßig gefallen, andere aber zweifellos begeistern.

Veröffentlicht am 26.01.2026

Spannend, aber stilistische Unterschiede

Origin – Die Erlösung
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REZENSION – Knapp 1 500 Seiten umfasst der dreibändige Science-Fiction-Roman „Origin“, mit der der Heyne Verlag im vergangenen Jahr ein interessantes literarisches Experiment gewagt hat: Die drei derzeit ...

REZENSION – Knapp 1 500 Seiten umfasst der dreibändige Science-Fiction-Roman „Origin“, mit der der Heyne Verlag im vergangenen Jahr ein interessantes literarisches Experiment gewagt hat: Die drei derzeit wohl erfolgreichsten SciFi-Autoren Deutschlands haben sich zu einer gewaltigen Space Opera zusammengetan, in der es um Identität, Herkunft und Zukunft der Menschheit geht, wobei jeder seinen eigenen Band verfasst hat. Nach Andreas Brandhorst (69) mit „Die Entdeckung“ folgten „Die Erweckung“ von Joshua Tree (39; eigentlich Benjamin Krämer) und „Die Erlösung“ von Brandon Q. Morris (59; eigentlich Matthias Matting). Interessant an diesem Experiment ist weniger die im 23. Jahrhundert spielende Handlung, die – wie von diesen Bestseller-Autoren zu erwarten – recht spannend zu lesen ist, sondern eher die Frage, ob die drei es geschafft haben, die Geschichte „aus einem Guss“ wirken zu lassen, oder ob es doch spürbare stilistische Brüche gibt.
Worum geht es? Der fortschreitende Klimawandel hat die Erde nach Schmelzen der Polkappen durch Überflutung nahezu unbewohnbar gemacht. Die Überlebenden kämpfen um die wenigen Ressourcen. Die „Trockenen“ leben privilegiert auf Bergeshöhen, während die „Nassen“ auf schwimmenden Inseln in ihren auf Pontons gebauten Städten wohnen müssen. Zeitgleich bevölkert die Menschheit – durch die Evolution bereits körperlich ihrem jeweiligen Lebensraum angepasst – als „Marsianer“ den roten Planeten oder lebt als „Spacer“ in Weltraumstationen. Tausende bemühen sich um einen Platz auf dem riesigen Raumschiff „Wayfarer“, um neue Welten im Universum zu besiedeln. Nach Entdeckung eines 20 Millionen Jahre alten Artefakts im Kuipergürtel um den Neptun mit einem Humanoiden im Kryoschlaf meint man den Ursprung der Menschheit im 90 Lichtjahre entfernten Omikron-Sternensystem entdeckt zu haben. Nun wird die „Wayfarer“ dorthin geschickt. Mit an Bord ist die Paläontologin Lea Lehora, eine verdiente „Nasse“, die mit Hilfe einer Quantenintelligenz das Rätsel der Menscheit zu lösen und nach 450 Jahren im Kryschlaf auf einem Planeten des Omikron-Sytems für die Kolonisten eine neue Heimat zu finden hofft.
Doch „es scheint, als wäre kein noch so großartiger technologischer Fortschritt und kein noch so weites Vordringen ins Universum in der Lage, uns so weit zu bringen, dass wir unsere evolutionspsychologischen Fesseln abstreifen.“ Auch im 23. Jahrhundert war den Menschen „an jenem lebensfeindlichen, aber unendlich faszinierenden Ort, den Wissenschaft und Zusammenarbeit erst zugänglich gemacht hatten, die menschliche Mentalität gefolgt wie ein beharrliches Virus.“ Zwischen Nassen, Trockenen, Marsianern und Spacern gibt es Neid, Streit und Kampf bis hin zum Terrorismus. Letztlich geht es um das Überleben nicht nur der Menschheit, sondern auch extraterristrischer Lebensformen.
Allen drei Autoren ist es zwar annähernd gelungen, etwas „Ganzes“ zu schaffen, doch gibt es stilistische Unterschiede: Während Brandhorst mit seinem ersten Band „Die Entdeckung“ noch einen klassischen, in der Handlung leicht nachvollziehbaren, fast wissenschaftlich nüchternen SciFi-Roman verfasst und die Basis für den weiteren Handlungsverlauf gelegt hat, wird im zweiten Band „Die Erweckung“ von Joshua Tree die noch realistisch wirkende Handlung durch ausgedehnte Beschreibung technischer Feinheiten, deren Details der Leser ohnehin nicht nachvollziehen kann, leider oft ausgebremst und verliert dadurch an Spannung. Der dritte Band „Die Erlösung“ von Brandon Q. Morris, in dem zwei vorangegangene Handlungsstränge zusammengeführt und abgeschlosen werden, driftet dann allerdings mit der Eroberung der Omikron-Planeten in die Phantastik ab, wirkt sogar gelegentlich albern, wenn die Raumfahrer unbedarften Touristen ähnelnd durch die Landschaft stapfen. Diese stilistischen Unterschiede lassen die Geschichte dann doch etwas uneinheitlich wirken.
Nimmt man Abstand von der Handlung, entdeckt man vor allem im zweiten und dritten Band manche Anspielung, Erstaunliches oder Albernes. So ist in Band 2 Kritik an der EU zu finden: „Und was, denken Sie, wird schneller zum Ziel führen: Wenn [die Korporation] Concorde seine nicht unerheblichen Mittel hinter einen Plan stellt, oder wenn das Konzil übernimmt, 50 Jahre diskutiert, bis 29 Korporationen einer Meinung sind und dann die Verteilungskämpfe um die verschiedenen Poste beginnen?“ Fraglich ist, ob auch im 23. Jahrhundert noch redensartig von „Löchern im Schweizer Käse“ gesprochen wird, wo doch Nationen längst nicht mehr bestehen, und ob Streichhölzer noch bekannt sind, die „ein Pulverfass hochgehen lassen“ können. Bemerkenswert ist auch, dass es sogar auf dem Mars Schwarzwälder Kirschtorte gibt. Amüsant bis albern ist wiederum, dass in 300 Jahren noch SciFi-Filme wie „Star Trek“ oder „Star Wars“ bekannt sind und eine Protagonistin sich beim Marsch durch baumhohes Gras auf dem Omikron-Planeten an die Trickfilmreihe mit „Biene Maja“ erinnert. Tröstlich ist dagegen, dass die Besatzung der „Wayfarer“ mit Hilfe eines Klassikers von Jane Austen die Verständigung mit den Außerirdischen aufzunehmen versucht. Gute Literatur scheint also auch in ferner Zukunft noch hilfreich und überlebenswichtig zu sein.

Veröffentlicht am 08.09.2023

Kalmann überzeugt wieder, Handlung leider nicht

Kalmann und der schlafende Berg
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REZENSION – Kalmann, der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn, gehört sicher zu den ungewöhnlichsten Figuren deutscher Belletristik. Vor drei Jahren stellte uns der seit 2007 in Island lebende Schweizer ...

REZENSION – Kalmann, der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn, gehört sicher zu den ungewöhnlichsten Figuren deutscher Belletristik. Vor drei Jahren stellte uns der seit 2007 in Island lebende Schweizer Schriftsteller Joachim B. Schmidt (42) in seinem Roman „Kalmann“ den unter Vormundschaft seiner Mutter stehenden 34-Jährigen mit Down-Syndrom vor. Er lebt als letzter Haifischfänger allein im Häuschen seines Großvaters an Islands Nordküste. Während die meisten Dorfbewohner ihn, der nicht einmal die Hauptschule geschafft hat, herablassend als „Dorftrottel“ behandeln, reagieren Wohlmeinende auf ihn voller Mitgefühl.
Doch Kalmann, der uns sein aufregendes Leben selbst erzählt, kann auf Spott oder Mitgefühl verzichten: Er steht dank seines geradlinig strukturierten Denkens mit beiden Beinen weitaus sicherer und selbstbewusster im Leben als mancher seiner Mitmenschen. Unerschrocken sorgt er für Ordnung, wo andere Probleme fürchten – so auch wieder im zweiten Band „Kalmann und der schlafende Berg“, der im August im Diogenes Verlag erschien: „Ich rappelte mich auf, nahm den Cowboyhut vom Haken und steckte mir den Sheriffstern an die Brust.“
Kalmann wohnt inzwischen bei seiner Mutter in Akureyri und arbeitet dort als Hilfe beim Supermarkt. „Jemand muss dafür sorgen, dass auf dem Parkplatz Ordnung herrscht. Und dieser jemand bin ich.“ Auch hier ist Kalmann ein Ordnungshüter. „Korrektomundo! Ein Sheriff eben.“ Doch eines Tages wird er von seinem ihm völlig unbekannten „Samenspender“ Quentin Boatwrite in die amerikanische Provinz eingeladen. Dort in den USA überschlagen sich die Ereignisse: Kalmann gerät unversehens in den Sturm auf das Capitol. „Ich hätte stehenbleiben sollen, ich weiß. Mein Fehler. … Aber ich wurde von den Massen mitgerissen wie Treibholz.“ Nach einem strengen Verhör beim FBI wird Kalmann kurzerhand ins Flugzeug gesetzt und zurück nach Island geschickt, wo er nach Ankunft wegen der Corona-Pandemie in einem Hotel in Quarantäne bleiben muss. So kann er erst später seinen Landsleuten von seinem USA-Erlebnis erzählen - von den „verrückten Leuten, denen ich da begegnet war. … Abgesehen davon, dass ich vom FBI festgenommen wurde, gefiel es mir in den Vereinigten Staaten sehr gut.“
In Island erfährt Kalmann, dass sein kürzlich verstorbener Großvater vielleicht umgebracht wurde. Er soll im Kalten Krieg für die Sowjets spioniert haben. Doch nicht einmal Polizistin Birna glaubt an Mord. Also muss der „Sheriff von Raufarhöfn“, den Freunde auch „Kalli Kaliber“ nennen, auch diesen zweiten Fall selbst aufklären.
Während der erste Kalmann-Roman ausschließlich in Island spielte und durch seine atmosphärisch stimmige Handlung und seine ebenso stimmigen Figuren überzeugte, hat Autor Schmidt in diesem zweiten Band mit anteiliger Verlagerung der Handlung in die USA und mit Einbindung der Capitol-Erstürmung diese Stimmigkeit leider gestört. Hinzu kommt das Sammelsurium an Themen ohne Zusammenhang: Umweltverschmutzung, Corona, Trumps Präsidentschaft, Spionage im Kalten Krieg. Mit dieser Themenvielfalt hat der Autor seinem Roman eher geschadet.
Aber zum Glück gibt es ja Kalmann, der für Ordnung sorgt. Er hält alle Handlungsfäden in der Hand und ist noch derselbe liebenswerte Mensch, den wir aus dem ersten Band kennen. Viele seiner Dorfbewohner belächeln den „Dorftrottel“ in arroganter Selbstüberschätzung und Überheblichkeit. Doch Kalmann weiß: „Niemand möchte der Dümmste sein. Aber jemand muss der Dümmste sein, und wenn man so ist wie ich, ist es das Klügste, es nicht abzustreiten.“ Diese unleugbare Logik, von der sich Kalmann leiten lässt, ist es, die nicht ihn, sondern alles Geschehen um ihn herum wirr und verrückt erscheinen lässt, und wir uns fragen müssen: Wer ist hier eigentlich der Dumme? Der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn wird in seiner schlichten Natürlichkeit in „Kalmann und der schlafende Berg“ wieder so verständnisvoll und mitfühlend beschrieben, dass man diesen Sonderling einfach ins Herz schließen muss und diesmal gern manche inhaltliche Schwäche des Buches verzeiht.

Veröffentlicht am 17.12.2022

SciFi-Roman mit aktuellen Themen

Der verbotene Planet
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REZENSION – Obwohl Jacqueline Montemurri (53) als Diplom-Ingenieurin für Raumfahrttechnik prädestiniert wäre für typische Science Fiction im engeren Sinn, üblicherweise mit technischen Phantasien gespickte ...

REZENSION – Obwohl Jacqueline Montemurri (53) als Diplom-Ingenieurin für Raumfahrttechnik prädestiniert wäre für typische Science Fiction im engeren Sinn, üblicherweise mit technischen Phantasien gespickte Abenteuergeschichten, ist davon in ihrem neuen Roman „Der verbotene Planet“, im September beim Plan 9 Verlag, kaum etwas zu lesen. In ihrem zweiten Zukunftsroman eröffnet die für ihre Kurzgeschichten schon mehrfach ausgezeichnete und nominierte deutschen Schriftstellerin stattdessen eine ethisch-moralische Diskussion um Auswirkungen des Klimawandels auf die gesamte Menschheit und um die Freiheitsgrenzen des Einzelnen zum Schutz des Gemeinwohls. Hierzu wagt die Autorin einen Blick in die zweite Hälfte des 22. Jahrhunderts: Die Menschheit wurde in den 2 130er Jahren auf den Mars umgesiedelt. Der verwüstete Planet Erde wurde unter Naturschutz gestellt und jede Neubesiedlung verboten.
Die Erdoberfläche hatte zuletzt der auf dem Mars geähnelt. „Dürren, Stürme und Flutkatastrophen brachten Hungersnöte und Pandemien und dezimierten die Weltbevölkerung. Als die Menschen sich endlich auf und davon machten, konnte der Planet aufatmen und sich neu entfalten.“ Die „Marsmenschen“ leben nun in Millionenstädten unter riesigen Kuppeln mit künstlicher Atmosphäre. Bei gelegentlichen Beobachtungsflügen wird die Renaturierung der Erde beobachtet. Bei einem solchen Flug entdeckt Captain Liv Heller, angelockt von einem SOS-Ruf, eine kleine Siedlung auf der Erde. Wie sich bei Kontaktaufnahme herausstellt, sind es Überlebende und deren Nachkommen eines vor 30 Jahren angeblich auf der Erde havarierten Raumschiffs unter Kommando von Captain Harrison Fawsett. Das vom Obersten Menschheitsrat erlassene Gesetz besagt nun allerdings, dass diese friedlichen, im Einklang mit der wieder üppig entwickelten Pflanzen- und Tierwelt lebenden Siedler vom Planeten Erde evakuiert werden müssen: „Die Menschen würden sich erneut wie die Heuschrecken auf diesem Planeten verbreiten, Lebensräume der ansässigen Tiere und Pflanzen zerstören, um Platz für ihre Siedlungen zu schaffen. … Sie würden Müll produzieren, Schadstoffe in Luft und Erde einbringen und aus dem Paradies wiederum eine öde Wüste machen.“ Doch nicht alle der etwa 30 Siedler, vor allem die auf der Erde geborene zweite Generation, wollen ihre Heimat verlassen und verweigern sich der von Mars-Regierung angeordneten Evakuierung, da sie sich nicht den „Marsmenschen“ zugehörig fühlen.
Der Konflikt gegensätzlicher Interessen ist offensichtlich: Auf dem Mars will man einen drohenden Bürgerkrieg zwischen Mars- und Erdanhängern verhindern, zumal der Konflikt durch Querdenker zusätzlich angeheizt wird, die die Existenz der Erde für Fake News halten. Andererseits steht die Besatzung des Forschungsschiffs jetzt vor der Frage, ob sie die Siedlung auf der Erde auslöschen und ihre Bewohner töten soll, nur um dem Gesetz der Mars-Regierung zu folgen? Darf man das Leben Weniger opfern, um den Frieden in der Mars-Gemeinschaft zu retten? Wo hören Recht und Freiheit des Einzelnen auf, um das Gemeinwohl zu schützen? „Sie waren Inquisitoren und brachten den Tod. Dabei wollten sie bewahren. Beschützen durch zerstören?“
Diese im Kern durchaus aktuellen Fragen verarbeitet Jacqueline Montemurri in einer recht einfachen, leider nicht immer logischen Handlung und stellt ihre Protagonisten mit ihren gegensätzlichen Sichtweisen gegenüber. Die Autorin bezieht in dieser Konfrontation keine Stellung, gibt keine Lösung des Konflikts vor. Sie stößt nur die Diskussion an. Die Antworten muss der Leser selbst finden. So ist dieser Zukunftsroman einerseits eine doch spannende Unterhaltungslektüre, die ihre Leser allerdings am Ende etwas nachdenklich zurücklässt. Nur dies ist leider sofort klar: Die Technik mag sich in den nächsten 250 Jahren wohl fortentwickeln, doch die Gattung Mensch scheint sich in ihrem sozialen Denken und Handeln kaum zu verändern.