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Veröffentlicht am 24.03.2026

Vom Ruhestand und der Bereitschaft zu Veränderung

Vor uns die Zeit
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Was macht es mit Menschen, wenn sie in den Ruhestand gehen und auf einmal "vor ihnen die Zeit" liegt?
Wenn jahrzehntelange Routinen dadurch auf einmal zu einem Ende kommen und es eine Neuausrichtung braucht?
Wenn ...

Was macht es mit Menschen, wenn sie in den Ruhestand gehen und auf einmal "vor ihnen die Zeit" liegt?
Wenn jahrzehntelange Routinen dadurch auf einmal zu einem Ende kommen und es eine Neuausrichtung braucht?
Wenn sich auch eine eingespielte Partnerschaft neu ordnen muss?
Worin liegen die Gefahren, aber auch die Chancen dieser Lebensphase?
Und was können wir vom Beispiel anderer lernen, so wie aus diesem Roman?

Diese universellen Fragen, die viele Menschen in verschiedenen Zeiten und Lebenslagen bis heute beschäftigen, behandelt der zeitlose Klassiker "Vor uns die Zeit". Die Originalausgabe des Werks ist unter dem Titel "Greengates" im Jahr 1936, also vor 90 Jahren, erschienen. Nun wurde das Buch von Rainer Moritz in moderner und zugänglicher Sprache übersetzt und im Unionsverlag neu herausgebracht.

Auch wenn die Charaktere des Buches natürlich in der damaligen Zeit und in ihrer Region in der Nähe von London verortet sind, ist das Buch auch für heutige Menschen aus anderen Regionen ein großartiges Lesevergnügen, das nicht nur unterhält, sondern auch viel Weisheit in sich trägt und zum Nachdenken anregt. Es geht um das große Thema des Sinnfindens im eigenen Leben und der Herausforderung und Chance, die freie Zeit selbst so zu nützen, dass sie einem nicht verschwendet vorkommt - und das nach einem langen Arbeitsleben, in dem man darauf konditioniert wurde, fremdbestimmten Rhythmen zu folgen und sich vielleicht auch nur zu gerne bequem den immer gleichen Gewohnheiten hingegeben hat.

Wir begegnen Tom Baldwin an seinem letzten Arbeitstag. Jahrzehntelang hat er im gleichen Unternehmen gearbeitet, nun ist die Zeit seines Ruhestands gekommen, er wird ehrenvoll verabschiedet und bekommt als Abschiedsgeschenk ausgerechnet eine Uhr. Dann kommt Tom nach Hause in sein altes Anwesen "Grasmere", das ihm auf einmal dunkel und abgewohnt erscheint, und bringt dort erst die Routinen seiner nicht erwerbstätigen Frau Edith und der Haushälterin Ada gehörig durcheinander.

Außerdem hat Tom ehrgeizige Pläne für seinen Ruhestand und nun sieht er die Zeit gekommen, diese endlich verwirklichen zu können: "Er würde Historiker werden. Kein bloßer Stubenhocker, sondern einer, der hinausging, erforschte und entdeckte. Das verlieh Winter- und Sonnentagen eine herrliche Fülle. Tausende faszinierender Bücher galt es zu studieren, tausend Ausgrabungen an der englischen Küste, die römischen Festungen und die normannischen Schlösser." (S. 25)

Doch bei beidem stößt er an innere und äußere Grenzen und realisiert nach einigen Rückschlägen, dass er diesen Traum nicht wie geplant verwirklichen kann: "Ein Hirn, das sechzig Jahre lang das Leben begierig aufgenommen hat, ist am Rande seines Fassungsvermögens angekommen. Man kann sich großzügig daraus bedienen und es wieder auffüllen mit dem, was es gewohnt ist, doch man kann es nicht komplett ausmisten und mit neuen Dingen unterschiedlicher Form und Größe wieder füllen. Dafür ist es einfach nicht geschaffen, es stößt das Neue entweder ab oder bricht unter der Belastung zusammen." (S. 88)

So geht ein Jahr ins Land und Tom wird immer deprimierter, auch der Paarbeziehung tut sein Ruhestand nicht sehr gut: "Als sich der erste Winter, in dem ihr Mann im Ruhestand war, seinem Ende zuneigte, begann Mrs Baldwin allen Glauben daran zu verlieren, dass sie ihm helfen könnte. Es wurde ein Ding der Unmöglichkeit, wenn jedes Wort als Zurechtweisung oder Vorwurf der Trägheit aufgefasst und zornig zurückgewiesen wurde." (S. 96)

Das sind die ersten knapp 100 Seiten des über 300 Seiten dicken Buches. Und wäre es so weitergegangen, hätte es eine äußerst deprimierende Beschreibung des möglichen körperlichen und geistigen Niedergangs im Ruhestand werden können. Aber zum Glück kommt es anders, denn das Ehepaar Baldwin trägt wesentlich mehr Flexibilität, Veränderungswille und Tatkraft in sich, als man vielleicht erst einmal vermutet hätte.

Als eine Gelegenheit auf die beiden zukommt, ihr eigenes Leben grundlegend zu verändern und an einem anderen Ort neu zu starten, Kontakte zu knüpfen und für eine Gemeinschaft aktiv zu werden, packen die beiden diese beim Schopf und stürzen sich mutig und unerschrocken in die Veränderung, lassen sich auch von Hürden nicht von ihrem Weg abbringen und mobilisieren alles, was nötig ist, um noch einmal ganz neu zu beginnen.

Das macht sich bezahlt: während im alten Haus alles abgewohnt und alt wirkte, mobilisiert das neue Haus an einem anderen Ort positive Gefühle in den Baldwins: "...Tom und Edith Baldwin empfanden all die Freude, Frische und Steigerung ihres Selbstwertgefühls, die sich einstellen, wenn man mit sauberen, neuen Dingen Umgang hat." (S. 277)

Damit ist es insgesamt ein nicht nur äußerst vergnüglich und unterhaltsam geschriebenes Werk und ein sehr interessantes Zeitporträt des Kleinbürgertums im England der 1930er Jahre, sondern auch ein weises und inspirierendes Buch, in dem sich viele Ideen dazu finden, wie der Lebensabschnitt nach dem aktiven Berufsleben sinnvoll gestaltet werden könnte. Es kann zu Recht als Klassiker bezeichnet werden, aus dem sich auch für die heutige Zeit viel lernen lässt und das ich einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen kann!

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Veröffentlicht am 21.03.2026

Wichtige Erkenntnisse der Psychologie allgemeinverständlich vermittelt

Was dein Leben leichter macht
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Sina Haghiri arbeitet als psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Schon in seinem ersten Buch "Mit Nachsicht" (Taschenbuchtitel: "Besser als du denkst") hat er wissenschaftlich fundiert und ...

Sina Haghiri arbeitet als psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Schon in seinem ersten Buch "Mit Nachsicht" (Taschenbuchtitel: "Besser als du denkst") hat er wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig humorvoll, persönlich und praxisnah aktuelle psychologische Erkenntnisse an ein breites Publikum vermittelt. Diesem Ansatz bleibt er auch in diesem neuen Werk treu. Diesmal geht es um zwanzig wichtige Erkenntnisse aus der Psychologie, die leicht verständlich vermittelt werden und die jede/r für sich im eigenen Leben anwenden kann, um ein glücklicheres, psychisch gesundes und als sinnvoll erlebtes Leben zu führen.

Das Buch ist in vier große Überkapitel geteilt: Alltag, Psyche, Gesellschaft und Gesundheit, die sich wiederum in je fünf Themenkapitel zu einem Erkenntnisaspekt aufteilen. Oft sind die Erkenntnisse vordergründig ganz simple, die dabei aber sehr wirkungsvoll sein können: es geht zum Beispiel um einen Mann mit Erektionsschwierigkeiten und Kinderwunsch, der schon alles versucht hat, und dem ein unkonventioneller Tipp schlussendlich hilft, sein Problem zu bewältigen.

Zum Thema Schlafen wird erklärt, dass viele Menschen ein falsches Bild vom gesunden Schlaf haben (evolutionär betrachtet ist es üblich, viele Male in der Nacht zu erwachen, oft, ohne dass wir uns später daran erinnern) und es bei vielen Schlafproblemen hilfreich sein kann, sich nicht zwingen zu wollen, eine bestimmte Anzahl an Stunden durchzuschlafen, ohne aufzuwachen. Dann geht es um Achtsamkeit und ganz im Moment sein, und zwar fernab jeglicher Esoterik, vermittelt am Beispiel des legendären Piloten, der eine sichere Landung am Hudson-River schaffte, indem er alle Ablenkungen ausblendete und sich ganz auf sein Ziel konzentrierte.

Auch die Gemeinsamkeiten von Therapie und Religion und was erstere von letztere angepasst an die moderne Zeit lernen könnte, ist ein Thema, genauso wie praktische Tipps zum regelmäßigen Überprüfen des eigenen psychischen Zustandes ("Seelen-TÜV"), um frühe Warnzeichen zu entdecken und der Wert des Erkennen des eigenen Vermächtnisses im Sinne der Generativität für einen friedvollen Rückblick und Abschied, wenn sich das Leben dem Ende zuneigt.

Das waren nur ein paar Beispiele für die vielen spannenden in diesem Buch vermittelten Erkenntnisse. Das Buch liest sich sehr leicht und angenehm, der Autor erzählt in einem persönlichen Stil, mit vielen Beispielen aus der Forschung und aus seiner eigenen Praxis. Das macht die Inhalte gut verständlich, unterhaltsam, leicht zu verstehen und ins eigene Leben zu integrieren. Es ist ein Buch, das ich auch vielbeschäftigten Menschen empfehlen kann, weil die Kapitel jeweils für sich stehen und sich gut ein Kapitel in wenigen Minuten vor dem Einschlafen, unterwegs oder in einer Pause lesen lässt, um dann die Erkenntnisse wirken zu lassen und darüber nachzudenken.

Selbst für mich, die ich selbst studierte Psychologin bin, war so einiges Neues dabei bzw. wurden mir bekannte Inhalte in einem neuen Kontext betrachtet. Primär richtet sich das Buch aber natürlich an Menschen, die noch nicht viel Vorwissen im Bereich Psychologie haben und sich für Persönlichkeitsentwicklung, Selbsterkenntnis und psychische Gesundheit interessieren. Es ist ein wertvolles Werk, um psychologische Erkenntnisse aus Forschung und Praxis allgemeinzugänglich zu machen. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 21.03.2026

Die vielen Aspekte des Mutter-Seins

Alle meine Mütter
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Für "Alle meine Mütter" hat sich Lena Gorelik, deutsche Autorin mit russisch-jüdischen Wurzeln, die als Kind Anfang der 1990er Jahre als "Kontingentflüchtling" nach Deutschland gekommen ist, tiefgründige ...

Für "Alle meine Mütter" hat sich Lena Gorelik, deutsche Autorin mit russisch-jüdischen Wurzeln, die als Kind Anfang der 1990er Jahre als "Kontingentflüchtling" nach Deutschland gekommen ist, tiefgründige Gedanken gemacht, Gespräche geführt und ausgiebig recherchiert. Herausgekommen ist ein vielfältiges Kaleidoskop dessen, was es bedeuten kann, Mutter zu werden, Mutter sein zu wollen, nicht mehr Mutter zu sein, keine Mutter werden zu wollen usw.

Das Buch beginnt mit einer Szene in einer sowjetischen Abtreibungsklinik, in der dutzende Frauen hoffen, heute noch drangenommen zu werden, was Glück und Protektion erfordert. Freundlich werden sie dort nicht unbedingt behandelt, aber die Abtreibung ist verfügbar.

Dazu berichtet die Autorin historische Daten darüber, wie zugänglich, kostenlos, aber auch allgemein verbreitet und fast als Verhütung angesehen Abtreibung in der Sowjetunion war: dass die allermeisten ersten Schwangerschaften in einer Abtreibung endeten und nicht selten eine Frau zehn oder mehr Abtreibungen hatte. Dass es Formulare gab, auf denen der Grund angegeben werden musste: ob einfach kein Kinderwunsch vorhanden sei, kein verantwortlicher Vater oder man sich ein (weiteres) Kind einfach nicht leisten konnte.

Danach verlassen wir dieses ausführlich beschriebene Setting und es geht um viele weitere kleine Szenen: um Julia, die so gerne Mutter werden würde, aber keine Kinder bekommen kann. Um Mütter, die ihre Söhne im Krieg verloren haben und um sie weinen. Um Mütter der Kinder, die früher als behindert bezeichnet worden wären, und nun besonders genannt werden, und um ihren Kampf im alltäglichen Leben und mit diesen Bezeichnungen. Um "Mütter-Einzelgängerinnen", wie der russische Begriff für Alleinerzieherin wörtlich übersetzt heißt. Darum, was es heißt, keine "praktizierende Mutter" mehr zu sein, wenn die erwachsenen Kinder unabhängig und ausgezogen seien, und um die Hoffnung der älter werdenden Mutter, die Kinder würden sie ihr Leben lang gerne besuchen und den Kontakt zu ihr pflegen.

Zwischendrin eingestreut immer wieder Reflexionen über das eigene Mutter-Sein als Mutter zweier Söhne, über die Beziehung zur eigenen Mutter, die wiederum Tochter der Großmutter ist, über Mütter und Töchter und die Beziehungen zwischen ihnen. Die eigene Mutter wurde vor kurzem mit einer Brustkrebsdiagnose konfrontiert, und die Tochter mit der Angst, die Mutter an den Tod zu verlieren.

Insgesamt ist das Buch keine durchgängige Erzählung, auch wenn sich das eigene Verhältnis der Autorin zum Mutter-Thema wie ein roter Faden durchzieht, und die Erzählungen anderer Mütter unterbricht bzw. das gesamte Werk noch einmal neu betrachtet verknüpft. Es ist eine Anregung zum Nachdenken über die eigene Position als Frau, Tochter und (vielleicht) Mutter, über die gesellschaftliche Position von Frauen und Müttern, interkulturelle Aspekte des Themas in den sowjetisch-russisch-jüdisch-deutschen Kulturräumen, aber auch das Universelle, das Mutterschaft ausmachen kann. Ein Buch voll mit klugen Gedanken, inspirierenden Betrachtungen und neuen Blickwinkeln, das ich allen Kindern einer Mutter und damit allen Menschen nur ans Herz legen kann!

Ich habe das Buch in der Hörbuchversion des Argon-Verlages gehört und kann auch diese sehr empfehlen: die Sprecherin Inka Löwendorf trägt den Text in einer unterhaltsamen, authentischen und gut zu diesem Buch passenden Art und Weise vor.

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Veröffentlicht am 17.03.2026

Die magische Welt mit den Augen eines Kindes sehen

Unser Haus mit Rutsche
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"Unser Haus mit Rutsche" erzählt von einer unkonventionellen binationalen Familie, überwiegend betrachtet durch die Augen der 11-jährigen Layla, ab und zu ergänzt durch Reflexionen der erwachsenen Layla, ...

"Unser Haus mit Rutsche" erzählt von einer unkonventionellen binationalen Familie, überwiegend betrachtet durch die Augen der 11-jährigen Layla, ab und zu ergänzt durch Reflexionen der erwachsenen Layla, die bei einer Therapeutin nach Antworten zu ihrer Familiengeschichte sucht.

Beschrieben ist das Buch als "Roman", es finden sich aber auffallend viele biografische Parallelen zwischen der Autorin und der fiktiven Layla, sodass es vermutlich autofiktionale Anteile enthält.

Layla und ihr kleiner Bruder Nouri, "der Seestern", wachsen bei einer französischen Mutter und einem irakischen Vater in der deutsch-französischen Grenzregion auf. Die Mutter stammt aus einer sehr wohlhabenden und sich für fein haltenden französischen Familie, insbesondere ihre Mutter lässt den irakischen Schwiegersohn immer wieder spüren, dass sie ihn nicht für gut genug für ihre Tochter hält.

Der Vater, arabisch "Babe", ist als junger Student aus dem Irak zum Studieren nach Deutschland gekommen und geblieben. Er organisiert verschiedene Geschäfte zwischen Europa und den arabischen Ländern, was auch recht erfolgreich ist, bis der Golfkrieg ausbricht, über den Irak ein Wirtschaftsembargo verhängt wird und seine Verwandten dort bittere Not leiden müssen und ihn um Hilfe anflehen.

Außerdem war der Vater immer schon - zumindest so weit die Kinder ihn erlebt haben - Atheist und hatte mit Religion nichts am Hut, oder? Doch bei einer gemeinsamen Reise in den Irak ist er auf einmal sehr bedacht darauf, diverse religiöse Kultstätten zu besuchen, obwohl ihm das Hintergrundwissen dazu fehlt. Und was passiert, wenn er später durch einen tragischen Vorfall in eine tiefe Sinnkrise gerät?

Über weite Teile ist es ein leichtes, unbeschwertes Buch und durch die Augen eines Kindes erscheint so einiges märchenhaft, idyllisch und wunderschön. Insbesondere "Babe" ist ein begabter Geschichtenerzähler und schwärmt den Kindern immer wieder von einer wunderbaren Zukunft vor: irgendwann, da würden sie nach Bagdad ziehen und dort gemeinsam mit den vielen Cousins in einem riesigen Haus direkt am Tigris leben. Um das Haus würde sich eine lange Wasserrutsche winden, direkt in den Fluss hinein, wo es Krokodile gebe, vor denen sie aber ein Wächter beschützen würde. Alternativ könne man auch in den Big Apple, nach New York, ziehen, wo der Vater bei der UNO arbeiten und die Familie in einem Penthouse mit Aussicht über die Stadt wohnen würde.

Diese Perspektive macht den besonderen Zauber dieses Buches aus, während im Hintergrund durchaus viele ernste Themen verhandelt werden: die Schwierigkeiten einer binationalen Ehe, Umgang mit Arbeitslosigkeit, Diskriminierungen und Desinteresse an anderen Kulturen, und all das verschärft sich noch einmal sehr mit Kriegsausbruch im Irak.

Safia al Bagdadi gelingt also hier ein bemerkenswerter Spagat, nachdenkenswerte Themen in ein scheinbar so unterhaltsames und leichtfüßiges aus Kinderperspektive erzähltes Buch einzuweben. Damit entsteht insgesamt ein Werk, das sich zwar leicht und schnell liest, aber sehr zum Nachdenken anregt und emotional tief nachhallt. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 16.03.2026

Über eine Verwandlungskünstlerin und die Frage, wer wir wirklich sind

Lady L.
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Mit 80 Jahren blickt die so ehrenwert wirkende Lady Diana L. auf ihr Leben zurück. Sie betrachtet ihre Nachkommenschaft, die sich anlässlich ihres Festes versammelt hat: ihr Sohn, zahlreiche Enkel und ...

Mit 80 Jahren blickt die so ehrenwert wirkende Lady Diana L. auf ihr Leben zurück. Sie betrachtet ihre Nachkommenschaft, die sich anlässlich ihres Festes versammelt hat: ihr Sohn, zahlreiche Enkel und Urenkel, alle wichtige Stützen der britischen Gesellschaft, in verantwortungsvollen Positionen: "Du hast selten eine Versammlung von seriöseren und bedeutenderen Leuten gesehen." (S. 13)

Kaum einer davon, vielleicht mit Ausnahme des allerjüngsten Urenkels, steht ihr wirklich nahe. Auch sich selbst betrachtet die alte Dame kritisch: "Aber sie durfte sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Stil das Einzige war, was ihr noch blieb, und dass ihre Schönheit nur noch einen Maler inspirieren konnte, nicht mehr einen Liebhaber. Es ist kaum noch etwas übriggeblieben von mir, dachte sie, nur ein paar klägliche Reste - des restes." (S. 9)

Denn Lady L. weiß nur zu gut, dass ihr Jahrhundert keines war, "in dem Frauen um ihrer selbst willen geliebt wurden" (S.8). Ihr größtes Kapital in jungen Jahren war ihre überwältigende Schönheit, und diese hat sie bestmöglich für ein gutes Leben genützt. Denn ein solches war ihr nicht in die Wiege gelegt worden: wie sie nun ihrem staunenden und immer entsetzter werdenden, treuen und sie schon so lange verehrenden Butler Percy bei einem Spaziergang durch den Garten offenbart, stammt Lady L. nämlich nicht aus dem Hochadel, wie sie immer vorgetäuscht hatte.

Geboren wurde sie nämlich als Annette Boudin in einer verrufenen Gegend in Frankreich, in einer Arbeiterfamilie, mit einem saufenden, oft im Gefängnis sitzenden, sexuell übergriffig werdenden, politisierenden Vater und einer Mutter, die als Waschfrau viele Stunden am Tag die Wäsche aus den umliegenden Rotlichtetablissements wusch und jung verstarb.

Schon früh muss Annette der Mutter bei der harten Arbeit helfen und wünscht sich eine angenehmere Zukunft, vom Vater und seinen Freunden lernt die kluge junge Frau schon früh die Auseinandersetzung mit diversen politischen Ideen, kommt insbesondere mit den Anarchisten in Kontakt und verliebt sich in einen von ihnen, den jungen Armand, hochidealistisch und bereit, für seine Ideale alle ethischen Grenzen über Bord zu werfen und ohne wirklichen Raum für Liebe zu einer einzelnen Person in seinem Herzen: "Inzwischen sprach Armand von der universalen Liebe. Das war nun freilich das Letzte, was sie interessierte. Alles, was sie sich wünschte, war seine Liebe." (S. 65)

Neben ihrer Schönheit und ihrer hohen Intelligenz ist Annette außerdem eine talentierte Schauspielerin und Wandlungskünstlerin, und als sich die Gelegenheit bietet, in Kooperation mit den Anarchisten und der Unterwelt die Identität einer jungen Adeligen anzunehmen, ist sie sehr gerne dazu bereit und passt perfekt in die Rolle. Immer mehr wird aus Annette, der jungen Frau aus dem Rotlichtmilieu, Diana L., eine Frau aus dem Hochadel: "ihr angeborener Schönheitssinn half ihr, sich die richtigen Umgangsformen anzueignen, und bald hatte sie entdeckt, dass das ganze Leben im Grunde nur eine Stilfrage war..." (S. 75), "Sie fing auch an, Gefallen an guter Musik zu finden, und wusste bald einen echten Virtuosen von einem begabten Dilettanten zu unterscheiden." (S. 86)

Annette, die die schönen Dinge liebt, scheint eine regelrechte Begabung dafür zu haben, sich nicht nur mit diesen zu umgeben, sondern sie wirklich wertzuschätzen und den Stil einer Adeligen aus allerbestem Hause zu verkörpern. Vielleicht ist sie ja innerlich die wahre Adelige, genau, weil sie so eine Liebe zu diesem Lebensstil hat, oft mehr als andere, die in dieses Milieu hineingeboren wurden?

Das Buch ist äußerst unterhaltsam, witzig und kurzweilig geschrieben. Auf nicht einmal 200 Seiten entfaltet sich eine rasante Verwandlungs- und Gangstergeschichte, in der getäuscht und gelogen wird, gefeiert und gestohlen, gelegentlich auch gemordet, und in der es doch auch viele tiefgründige, nachdenkenswerte Szenen gibt.

Es geht um Anarchismus und hohe Ideale, darum, wie leicht sich die meisten Menschen täuschen lassen, aber auch um die Wertschätzung schöner Dinge, die nicht allen gegeben ist. Um die Frage, ob die Liebe zu einem einzelnen Menschen mit einer starken idealistischen Einstellung vereinbar ist und was passieren kann, wenn das nicht mehr der Fall ist. Und auch um den Preis des ewigen Vortäuschens einer falschen Identität.

Insgesamt ist es ein humorvolles, dabei leichtfüßiges, unterhaltsames und inspirierendes Werk, das den feinen Spagat schafft, dabei überhaupt nicht oberflächlich zu sein, sondern gleichzeitig zum Nachdenken anregt über tiefsinnige Fragen der Menschheit und verschiedene Gesellschafts- und Regierungsformen, aber auch darüber, wer wir wirklich sind, wie das definiert wird, was uns prägt, und wie viel Freiheit wir dabei haben, selbst zu bestimmen, wer wir sein und wie wir gesehen werden wollen. Ich kann es einer breiten Leserschaft sehr empfehlen, denn es hat das Potenzial, sowohl für jene, die sich gerne unterhalten lassen, als auch für Fans anspruchsvollerer Literatur gewinnbringend zu sein.

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