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Veröffentlicht am 29.03.2026

Es braucht ein "Dorf" für einen jungen Mann

Pina fällt aus
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Wer ein Kind bekommt, hört oft von dem afrikanischen Sprichwort: "Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen". So ein Dorf hat Pina erst einmal nicht. Seit 20 Jahren kümmert sie sich völlig alleine ...

Wer ein Kind bekommt, hört oft von dem afrikanischen Sprichwort: "Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen". So ein Dorf hat Pina erst einmal nicht. Seit 20 Jahren kümmert sie sich völlig alleine um Leo. Leo, der schon immer anders war. Der nicht zu dem Zeitpunkt sprechen lernte, als andere Kinder es taten. Der nicht ins Regelschulsystem passte. Der in seiner eigenen Welt lebt, die kaum jemand versteht. In diese Welt passt Leo nicht rein und seine einzige Stütze ist Pina. Aufopferungsvoll kümmert sie sich um ihn, hat ihr eigenes Leben hintan gestellt. Jeden Morgen stellt sie Leo seine Frosties mit Milch hin - die einzige Sorte, die er mag - mit dem Löffel in genau dem richtigen Winkel und darin aufgelösten Vitamintabletten zur Ergänzung seiner einseitigen Ernährung. Sie sorgt dafür, dass er den Bus erwischt, um in die Tageswerkstätte zu kommen. Sie versteht sein Denken und seine Routinen. Dabei ignoriert sie die immer schlimmer werdenden Magenschmerzen, die sie plagen. Schluckt eine Schmerztablette nach der anderen, denn für einen Krankenhausaufenthalt oder gar die empfohlene Kur für pflegende Mütter sieht sie keine Möglichkeit: wer würde sich dann denn um Leo kümmern?

So kommt es, wie es fast schon kommen muss: Pina bricht nach einem Einkauf der Straße zusammen. Diagnose Magendurchbruch. Sie überlebt nur knapp und landet auf der Intensivstation, ist erst einmal tagelang kaum bei Bewusstsein. Niemand kommt sie dort besuchen, die Pflegekräfte wundern sich, ob diese Frau überhaupt keine Angehörigen habe? Zurück daheim bleibt ein hilfloser Leo, dessen Welt, Routinen und Bedürfnisse nun keiner mehr versteht. Was wird nun mit ihm passieren?

In diesem berührenden Buch gibt es noch so etwas wie eine heile Welt: Nachbarn, die davor zwar wenig miteinander zu tun hatten, aber nun, als sie die Not erkennen, einspringen, eine Gemeinschaft bilden und sich um Leo kümmern. Da ist die 86-jährige Inge, die schon 10 Jahre lang ihre Wohnung nicht mehr verlassen hat, meint, keine Stiegen mehr steigen zu können und nun von der Rentenkasse aufgefordert wird, einen Nachweis zu bringen, dass sie noch lebe. Dann gibt es Alina, die sich nun Zola nennt, 16 Jahre alt, Schulabbrecherin und in den eigenen Augen absolute Versagerin, die von ihrem wohlhabenden Vater nach wiederholten Ladendiebstählen in einer Wohnung im Haus einquartiert wurde. Außerdem der alleinstehende Sonderling Wojtek, der sich übers Internet in eine Russin verliebt hat, von der er kleine Kristalltierchen zu überhöhten Preisen kauft. Diese drei Außenseiter, die es auch nicht leicht im Leben haben, haben alle insgesamt das Herz am richtigen Fleck und springen ein, kümmern sich um Leo, lassen sich auf seine Welt ein und sich von seiner kindlich-naiven Hoffnung tief berühren.

Zutiefst berührend ist auch die Leseerfahrung dabei. Es sind eigenartige und doch absolut liebenswerte Gestalten, die man hier kennen lernt und bald ins Herz schließt. Dabei ist die Geschichte keineswegs seicht, sondern zeigt immer wieder, dass die Autorin - die selbst ein "besonderes" Kind hat, das sie pflegt - sich viele Gedanken über die Möglichkeiten und Grenzen von Inklusion gemacht hat, die in das Buch miteingebaut sind. Zurück bleibt nach dem Lesen nicht nur ein warmes, hoffnungsvolles Gefühl, sondern ganz besonders ein verstärktes Bewusstsein dafür, was für einen Unterschied es für eine lebenswerte Gemeinschaft und ein gutes Leben für alle machen könnte, wenn die meisten Menschen ihre Umgebung achtsam wahrnehmen und sich zu Hilfe und Unterstützung bereit erklären würden. Um wie viel es das eigene Leben und das anderer bereichern kann, sich füreinander einzusetzen und sich gegenseitig zu unterstützen. Damit ist es auch ein Buch mit einer wichtigen Botschaft, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche - für eine nachhaltige Veränderung in unserer Gesellschaft, die oft bei ganz kleinen Schritten beginnt.

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Veröffentlicht am 27.03.2026

Vielschichtige und differenzierte Betrachtung eines aktuellen Phänomens

Bullshit mit Blümchenkleid
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Barbara Haas ist eine österreichische Journalistin und Podcasterin. In diesem Buch widmet sie sich einem spannenden Phänomen des aktuellen Zeitgeistes: den sogenannten "Tradwives": reichweitenstarken Influencerinnen, ...

Barbara Haas ist eine österreichische Journalistin und Podcasterin. In diesem Buch widmet sie sich einem spannenden Phänomen des aktuellen Zeitgeistes: den sogenannten "Tradwives": reichweitenstarken Influencerinnen, überwiegend aus dem englischsprachigen Raum, die inszeniert durch aufwendig produzierte Bilder und Videos das inszenieren und propagieren, was sie als traditionelles Hausfrauenleben verkaufen.

Dabei gelingt es der Autorin sehr gut, mit dem schönen Schein aufzuräumen: hinter dem hübsch inszenierten Social-Media-Auftritt steckt hochprofessionelle Arbeit und meist ein Unterstützungsteam. Mit einem tatsächlichen Leben ausschließlich als Hausfrau und Mutter hat das wenig zu tun, somit wird scheinheilig für etwas geworben, das man selbst so nicht lebt.

In den verschiedenen Kapiteln zeigt die Autorin klug und sorgfältig recherchiert die Hintergründe der Tradwives-Bewegung auf: sie zeigt anhand geschichtlicher Entwicklungen, dass die nur auf Haushalt und Kindererziehung fokussierte Frau menschheitsgeschichtlich insgesamt betrachtet immer ein Randphänomen gewesen ist und beschreibt die christlich-konservativ und meist politisch dem rechten Spektrum zugehörigen Hintergrundmilieus der Bewegung.

Auch die Geschichten einzelner erfolgreicher Influencerinnen in diesem Bereich, kritisch betrachtet, sind Thema des Buches, genauso wie jene von Frauen, die aus dem Milieu ausgestiegen sind und darüber berichtet haben. Sehr gut gefallen hat mir, dass auch darauf eingegangen wird, welche problematischen gesellschaftlichen Tendenzen - etwa der unrealistisch überhöhte Anspruch an Frauen, in absolut allen Lebensbereichen glänzen zu müssen - dazu beitragen können, dass die Tradwives von manchen jungen Frauen als durchaus attraktives Ausstiegsszenario angesehen werden.

Eine besondere Bereicherung in dem kurzen, aber inhaltsvollen, Büchlein ist auch das Interview mit der Mutter der Autorin, die sie ironisch "Tradwife 1.0" nennt, da sie in der Landwirtschaft gearbeitet und daneben eine große Kinderschar groß gezogen hat. Die kluge und lebenserfahrene ältere Frau hat einen pragmatisch-nüchternen Blick auf das Zeitgeistphänomen.

Insgesamt ist der Autorin mit diesem Buch eine unterhaltsame und zugleich lehrreiche Aufarbeitung eines aktuellen Social-Media-Trends und seiner Schattenseiten gelungen. Ich kann das Werk allen, die sich dafür interessieren, sehr empfehlen: es liest sich schnell und leicht, und dabei lernt man so einiges Neues und bekommt interessante neue Denkanstöße, auch dafür, wie wir eine für alle, aber insbesondere für Frauen, attraktive Gesellschaftsvision gestalten könnten, in der es solche Ausstiegssehnsüchte nicht mehr braucht.

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Im Krieg kann man nicht unbeteiligt bleiben

Im ersten Licht
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Auf dem Cover ein Pferd, das seitlich nach hinten blickt. Auf der Rückseite die Information, dass es unter anderem um kriegsversehrte Männer geht in dem Buch. Ein erstes Hineinlesen und es beginnt gleich ...

Auf dem Cover ein Pferd, das seitlich nach hinten blickt. Auf der Rückseite die Information, dass es unter anderem um kriegsversehrte Männer geht in dem Buch. Ein erstes Hineinlesen und es beginnt gleich mit der Beschreibung schrecklicher Entstellungen im Gesicht. Ob das ein Buch für mich sein könnte? Da habe ich länger überlegt und war mir nicht so sicher.

Doch nun habe ich es gelesen und bin sehr froh darüber, denn es ist definitiv eines meiner Jahreshighlights! Diese Tiefgründigkeit, diese Sprache! Wie sich subtil und gleichzeitig wirkstark gewisse Metaphern immer wieder wiederholen, geschickt eingeflochten in den Fortgang der Erzählung. Von der Welt, die einmal so unschuldig gewesen war und es nie wieder sein würde. Von dem einst jungen Adrian, ein Jahr jünger als das Jahrhundert, nie als Soldat im Krieg gewesen, und doch würde auch er seine Unschuld verlieren. Vom titelgebenden ersten Licht des Tages, in dem die Ruhe der Nacht endet, in dem Kriege beginnen, in dem Verräter hingerichtet werden, oder doch Unschuldige?

Es ist ein Buch, das in mir gedanklich und emotional noch lange nachwirken wird - und ein eindringliches Plädoyer, die Schrecken der Kriege - aller Kriege! - niemals zu vergessen. Ein Thema, das gerade in der jetzigen Zeit erschreckend aktuell ist! Im ersten Weltkrieg wurden so viele Menschen verstümmelt oder getötet, ebenfalls im zweiten, in jedem anderen Krieg und auch jetzt passiert das jeden Tag!

Das Buch selbst ist in drei Teile gegliedert und jeder davon ist einem jungen Mann gewidmet, der das Leben von Adrian auf die eine oder andere Art stark geprägt hat.

Adrian Reiter - der selbst nie reitet, genauso, wie er nie in den Krieg ziehen muss - ist ein "Davongekommener", ein "Verschont-Gebliebener", oder nicht? Und heißt das gleichzeitig, er sei unschuldig geblieben und es klebe kein Blut an seinen Händen? Kann man unbeteiligt bleiben in solchen Zeiten, und wo beginnt die moralische, rhetorische, tatsächliche Mittäterschaft?

1901 geboren ist Adrian am Anfang des 1. Weltkrieges noch zu jung, um eingezogen zu werden, doch der Krieg dauert mehrere Jahre und der besorgte Vater, ein Kriegsgegner und Sozialist, sieht den Zeitpunkt, an dem auch sein Sohn einrücken würde müssen, immer näher kommen. Das will er unbedingt verhindern und sorgt mit einer Axt und mangelhafter Wundversorgung für eine Beinverletzung des Sohnes, die diesem ein lebenslanges Hinken bescheren, aber ihm gleichzeitig die Soldatenlaufbahn ersparen würde.

So begegnen wir kurz nach dem ersten Weltkrieg einem jungen Mann, der fröhlich mit seiner Freundin am Seeufer entlang marschiert und in einer Pension dort untergebrachte ehemalige Soldaten kennen lernt, die speziell im Gesicht schreckliche Entstellungen als Folge der Kriegsverletzungen aufweisen, einer davon Ernest Eller. Hier werden sie vor den öffentlichen Blicken versteckt, ihre Familien schämen sich für sie, manche täuschen lieber vor, der versehrte Sohn wäre am Schlachtfeld den Heldentod gestorben. Den Weg in die Gesellschaft zurück werden die wenigsten von ihnen wieder finden, fast alle werden sich früher oder später das Leben nehmen.

Im zweiten Teil ist Adrian mittlerweile Lehrer für Geschichte (und Englisch) und der zweite Weltkrieg naht heran. Vermutlich als Kompensation dafür, selbst nie im Krieg gewesen zu sein, schwärmt er vor seinen Schülern in höchsten Tönen von militärischen Ehren, heldenhaften Kämpfen und dem Reiterbataillon, und macht sich damit mitschuldig, naive junge Menschen für den Krieg zu begeistern. Insbesondere sein Lieblingsschüler Martin Baumgartner meldet sich freiwillig (was dessen Vater dem Lehrer nie verzeihen wird), wird zum Soldaten, zum Täter, zum Verzweifelten. Sucht immer wieder den ehemaligen Lehrer auf, wenn er ein paar Tage aus dem Krieg nach Hause kommt, wie ein lebendiges Mahnmal für dessen Mitschuld.

Schließlich geht es im dritten Teil um die andere Seite. Die beiden großen Kriege sind vorbei, seit einigen Jahrzehnten herrscht Frieden, und Adrian reist nach England, besucht dort ehemalige Bunker und lernt Vivian kennen, die jüngere Schwester von Teddy Stephen, der sich nach öffentlicher Beschämung durch das Überreichen einer weißen Feder durch die Suffragetten freiwillig als Soldat im ersten Weltkrieg gemeldet hat, entsetzt in einer aussichtslosen Schlacht fliehen wollte und dafür als Deserteur von den eigenen Kameraden erschossen wurde, im ersten Licht des Tages. Wie ist das im Nachhinein zu beurteilen? War er ein Held? Ein Verräter? Einfach ein Mensch, dem alles zu viel wurde?

In diesem umfangreichen und tiefgründigen Roman betrachten wir die erschütterndsten Kriege des 20. Jahrhunderts durch die Augen von Adrian Reiter ein bisschen von außen und sind doch tief drinnen. Emotional zeigt das Buch, dass es nicht möglich ist, ganz außen vor zu bleiben, selbst wenn man nicht aktiv in den Krieg zieht. Wir sind immer Teil des Kollektivschicksals unserer Umgebung, dieses berührt uns, und wir haben eine Verantwortung für alles, was wir tun, unterlassen und bezeugen. Und Krieg ist es schrecklich, es gibt keine Sieger.

Es ist ein überwiegend männlich dominierter Blick auf das Kriegsgeschehen und im Zentrum stehen klar (mehrheitlich junge) Männer als Kriegsbegeisterte, Zwangsverpflichtete, Soldaten, Deserteure, Opfer, Täter, Mitläufer, Zuschauer. Die wenigen Frauen, die im Roman vorkommen, nehmen eher Nebenrollen ein, und das Leid, das der Krieg auch über Frauen bringt, ist nur sehr am Rande Teil dieses Romans. Das ist keine Schwäche des sehr guten Buches, da kein Buch alles behandeln kann.

Insgesamt ist es ein großartiges, vielschichtiges, bildendes und nachdenklich machendes Werk, für das man sich Zeit nehmen sollte, um es in seiner Tiefgründigkeit wirken zu lassen. Auf fast jeder Seite finden sich bemerkenswerte Gedanken und eine eingängige Sprache, das Buch ist äußerst dicht und reichhaltig an Querverbindungen und subtilen Bezügen. Man könnte damit problemlos ein ganzes Semester eines literaturwissenschaftlichen Universitätsseminars füllen, und hätte am Ende noch immer nicht alles Diskussionswürdige besprochen. Dabei schafft der Autor aber gleichzeitig den Spagat, so unterhaltsam zu schreiben, dass es nie langweilig wird - auch wenn es sich insgesamt schon klar um ein anspruchsvolles Werk der gehobenen Literatur handelt, dem ich viele Buchpreise wünsche!

Ich kann es allen, die sich für Zeitgeschichte und hochwertige Literatur interessieren, vor detaillierten Schilderungen von Elend und Verstümmelungen nicht zurückschrecken und sich auf ein besonderes Werk einlassen wollen, von Herzen empfehlen. Für mich war es das erste Werk dieses bemerkenswerten Autors, es wird aber sicher nicht das letzte gewesen sein!

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Vom Ruhestand und der Bereitschaft zu Veränderung

Vor uns die Zeit
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Was macht es mit Menschen, wenn sie in den Ruhestand gehen und auf einmal "vor ihnen die Zeit" liegt?
Wenn jahrzehntelange Routinen dadurch auf einmal zu einem Ende kommen und es eine Neuausrichtung braucht?
Wenn ...

Was macht es mit Menschen, wenn sie in den Ruhestand gehen und auf einmal "vor ihnen die Zeit" liegt?
Wenn jahrzehntelange Routinen dadurch auf einmal zu einem Ende kommen und es eine Neuausrichtung braucht?
Wenn sich auch eine eingespielte Partnerschaft neu ordnen muss?
Worin liegen die Gefahren, aber auch die Chancen dieser Lebensphase?
Und was können wir vom Beispiel anderer lernen, so wie aus diesem Roman?

Diese universellen Fragen, die viele Menschen in verschiedenen Zeiten und Lebenslagen bis heute beschäftigen, behandelt der zeitlose Klassiker "Vor uns die Zeit". Die Originalausgabe des Werks ist unter dem Titel "Greengates" im Jahr 1936, also vor 90 Jahren, erschienen. Nun wurde das Buch von Rainer Moritz in moderner und zugänglicher Sprache übersetzt und im Unionsverlag neu herausgebracht.

Auch wenn die Charaktere des Buches natürlich in der damaligen Zeit und in ihrer Region in der Nähe von London verortet sind, ist das Buch auch für heutige Menschen aus anderen Regionen ein großartiges Lesevergnügen, das nicht nur unterhält, sondern auch viel Weisheit in sich trägt und zum Nachdenken anregt. Es geht um das große Thema des Sinnfindens im eigenen Leben und der Herausforderung und Chance, die freie Zeit selbst so zu nützen, dass sie einem nicht verschwendet vorkommt - und das nach einem langen Arbeitsleben, in dem man darauf konditioniert wurde, fremdbestimmten Rhythmen zu folgen und sich vielleicht auch nur zu gerne bequem den immer gleichen Gewohnheiten hingegeben hat.

Wir begegnen Tom Baldwin an seinem letzten Arbeitstag. Jahrzehntelang hat er im gleichen Unternehmen gearbeitet, nun ist die Zeit seines Ruhestands gekommen, er wird ehrenvoll verabschiedet und bekommt als Abschiedsgeschenk ausgerechnet eine Uhr. Dann kommt Tom nach Hause in sein altes Anwesen "Grasmere", das ihm auf einmal dunkel und abgewohnt erscheint, und bringt dort erst die Routinen seiner nicht erwerbstätigen Frau Edith und der Haushälterin Ada gehörig durcheinander.

Außerdem hat Tom ehrgeizige Pläne für seinen Ruhestand und nun sieht er die Zeit gekommen, diese endlich verwirklichen zu können: "Er würde Historiker werden. Kein bloßer Stubenhocker, sondern einer, der hinausging, erforschte und entdeckte. Das verlieh Winter- und Sonnentagen eine herrliche Fülle. Tausende faszinierender Bücher galt es zu studieren, tausend Ausgrabungen an der englischen Küste, die römischen Festungen und die normannischen Schlösser." (S. 25)

Doch bei beidem stößt er an innere und äußere Grenzen und realisiert nach einigen Rückschlägen, dass er diesen Traum nicht wie geplant verwirklichen kann: "Ein Hirn, das sechzig Jahre lang das Leben begierig aufgenommen hat, ist am Rande seines Fassungsvermögens angekommen. Man kann sich großzügig daraus bedienen und es wieder auffüllen mit dem, was es gewohnt ist, doch man kann es nicht komplett ausmisten und mit neuen Dingen unterschiedlicher Form und Größe wieder füllen. Dafür ist es einfach nicht geschaffen, es stößt das Neue entweder ab oder bricht unter der Belastung zusammen." (S. 88)

So geht ein Jahr ins Land und Tom wird immer deprimierter, auch der Paarbeziehung tut sein Ruhestand nicht sehr gut: "Als sich der erste Winter, in dem ihr Mann im Ruhestand war, seinem Ende zuneigte, begann Mrs Baldwin allen Glauben daran zu verlieren, dass sie ihm helfen könnte. Es wurde ein Ding der Unmöglichkeit, wenn jedes Wort als Zurechtweisung oder Vorwurf der Trägheit aufgefasst und zornig zurückgewiesen wurde." (S. 96)

Das sind die ersten knapp 100 Seiten des über 300 Seiten dicken Buches. Und wäre es so weitergegangen, hätte es eine äußerst deprimierende Beschreibung des möglichen körperlichen und geistigen Niedergangs im Ruhestand werden können. Aber zum Glück kommt es anders, denn das Ehepaar Baldwin trägt wesentlich mehr Flexibilität, Veränderungswille und Tatkraft in sich, als man vielleicht erst einmal vermutet hätte.

Als eine Gelegenheit auf die beiden zukommt, ihr eigenes Leben grundlegend zu verändern und an einem anderen Ort neu zu starten, Kontakte zu knüpfen und für eine Gemeinschaft aktiv zu werden, packen die beiden diese beim Schopf und stürzen sich mutig und unerschrocken in die Veränderung, lassen sich auch von Hürden nicht von ihrem Weg abbringen und mobilisieren alles, was nötig ist, um noch einmal ganz neu zu beginnen.

Das macht sich bezahlt: während im alten Haus alles abgewohnt und alt wirkte, mobilisiert das neue Haus an einem anderen Ort positive Gefühle in den Baldwins: "...Tom und Edith Baldwin empfanden all die Freude, Frische und Steigerung ihres Selbstwertgefühls, die sich einstellen, wenn man mit sauberen, neuen Dingen Umgang hat." (S. 277)

Damit ist es insgesamt ein nicht nur äußerst vergnüglich und unterhaltsam geschriebenes Werk und ein sehr interessantes Zeitporträt des Kleinbürgertums im England der 1930er Jahre, sondern auch ein weises und inspirierendes Buch, in dem sich viele Ideen dazu finden, wie der Lebensabschnitt nach dem aktiven Berufsleben sinnvoll gestaltet werden könnte. Es kann zu Recht als Klassiker bezeichnet werden, aus dem sich auch für die heutige Zeit viel lernen lässt und das ich einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen kann!

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Veröffentlicht am 21.03.2026

Wichtige Erkenntnisse der Psychologie allgemeinverständlich vermittelt

Was dein Leben leichter macht
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Sina Haghiri arbeitet als psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Schon in seinem ersten Buch "Mit Nachsicht" (Taschenbuchtitel: "Besser als du denkst") hat er wissenschaftlich fundiert und ...

Sina Haghiri arbeitet als psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis. Schon in seinem ersten Buch "Mit Nachsicht" (Taschenbuchtitel: "Besser als du denkst") hat er wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig humorvoll, persönlich und praxisnah aktuelle psychologische Erkenntnisse an ein breites Publikum vermittelt. Diesem Ansatz bleibt er auch in diesem neuen Werk treu. Diesmal geht es um zwanzig wichtige Erkenntnisse aus der Psychologie, die leicht verständlich vermittelt werden und die jede/r für sich im eigenen Leben anwenden kann, um ein glücklicheres, psychisch gesundes und als sinnvoll erlebtes Leben zu führen.

Das Buch ist in vier große Überkapitel geteilt: Alltag, Psyche, Gesellschaft und Gesundheit, die sich wiederum in je fünf Themenkapitel zu einem Erkenntnisaspekt aufteilen. Oft sind die Erkenntnisse vordergründig ganz simple, die dabei aber sehr wirkungsvoll sein können: es geht zum Beispiel um einen Mann mit Erektionsschwierigkeiten und Kinderwunsch, der schon alles versucht hat, und dem ein unkonventioneller Tipp schlussendlich hilft, sein Problem zu bewältigen.

Zum Thema Schlafen wird erklärt, dass viele Menschen ein falsches Bild vom gesunden Schlaf haben (evolutionär betrachtet ist es üblich, viele Male in der Nacht zu erwachen, oft, ohne dass wir uns später daran erinnern) und es bei vielen Schlafproblemen hilfreich sein kann, sich nicht zwingen zu wollen, eine bestimmte Anzahl an Stunden durchzuschlafen, ohne aufzuwachen. Dann geht es um Achtsamkeit und ganz im Moment sein, und zwar fernab jeglicher Esoterik, vermittelt am Beispiel des legendären Piloten, der eine sichere Landung am Hudson-River schaffte, indem er alle Ablenkungen ausblendete und sich ganz auf sein Ziel konzentrierte.

Auch die Gemeinsamkeiten von Therapie und Religion und was erstere von letztere angepasst an die moderne Zeit lernen könnte, ist ein Thema, genauso wie praktische Tipps zum regelmäßigen Überprüfen des eigenen psychischen Zustandes ("Seelen-TÜV"), um frühe Warnzeichen zu entdecken und der Wert des Erkennen des eigenen Vermächtnisses im Sinne der Generativität für einen friedvollen Rückblick und Abschied, wenn sich das Leben dem Ende zuneigt.

Das waren nur ein paar Beispiele für die vielen spannenden in diesem Buch vermittelten Erkenntnisse. Das Buch liest sich sehr leicht und angenehm, der Autor erzählt in einem persönlichen Stil, mit vielen Beispielen aus der Forschung und aus seiner eigenen Praxis. Das macht die Inhalte gut verständlich, unterhaltsam, leicht zu verstehen und ins eigene Leben zu integrieren. Es ist ein Buch, das ich auch vielbeschäftigten Menschen empfehlen kann, weil die Kapitel jeweils für sich stehen und sich gut ein Kapitel in wenigen Minuten vor dem Einschlafen, unterwegs oder in einer Pause lesen lässt, um dann die Erkenntnisse wirken zu lassen und darüber nachzudenken.

Selbst für mich, die ich selbst studierte Psychologin bin, war so einiges Neues dabei bzw. wurden mir bekannte Inhalte in einem neuen Kontext betrachtet. Primär richtet sich das Buch aber natürlich an Menschen, die noch nicht viel Vorwissen im Bereich Psychologie haben und sich für Persönlichkeitsentwicklung, Selbsterkenntnis und psychische Gesundheit interessieren. Es ist ein wertvolles Werk, um psychologische Erkenntnisse aus Forschung und Praxis allgemeinzugänglich zu machen. Absolute Leseempfehlung!

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