Absolut lesenswert
Die weite Welt„Die weite Welt“ von Lutz van Dijk beginnt mit einem jungen Mann, der mit 18 in New York steht. Fremd, arbeitslos, schwul und nur 50 Dollar. Das könnte der Anfang einer wilden Aussteiger-Geschichte sein. ...
„Die weite Welt“ von Lutz van Dijk beginnt mit einem jungen Mann, der mit 18 in New York steht. Fremd, arbeitslos, schwul und nur 50 Dollar. Das könnte der Anfang einer wilden Aussteiger-Geschichte sein. Ist es aber nicht. Zum Glück. Denn Lutz van Dijk erzählt nicht davon, wie jemand „die große weite Welt erobert“. Er erzählt davon, wie ein Mensch in dieser Welt seinen Platz sucht. Und wie andere Menschen ihm dabei begegnen.
Und genau diese Begegnungen sind für mich das Herz des Buches. Eine Putzfrau in Manhattan. Ein Flüchtling aus Haiti. Menschen, die helfen, obwohl sie selbst kaum etwas haben. Menschen, die verletzen. Menschen, die einfach bleiben. Menschen, die sterben. Menschen, die einem zeigen, dass ein Leben nicht groß wird, weil man viel herumkommt, sondern weil man sich berühren lässt.
Mich hat sehr beeindruckt, wie unaufgeregt Lutz van Dijk erzählt. Er hat unfassbar viel erlebt. Er stellt sich dabei aber nicht selbst ins Licht, sondern schaut auf die Menschen um ihn herum. Auf ihre Würde. Ihre Verletzlichkeit. Ihre Stärke. Und das macht dieses Buch so besonders.
Dabei geht es um queeres Leben, um Aids, Ausgrenzung, Rassismus, Armut, Apartheid, Erinnerung und Verantwortung. Große Themen, ja. Aber sie fühlen sich hier nie wie Schlagworte an, weil sie immer an konkrete Menschen gebunden sind. An Gesichter. An Geschichten und auch an Abschiede.
Besonders die Passagen über Südafrika haben mich sehr bewegt. Das Kinderhaus, das Leben mit Perry und den Kindern, die Aids-Krise, das Township-Leben: Man spürt auf jeder Seite: Hier schreibt jemand, der nicht nur gesehen hat, sondern wirklich hingesehen hat.
„Die weite Welt“ ist kein Buch mit klassischem Spannungsbogen. Es ist episodisch, manchmal ruhig, manchmal politisch und manchmal schmerzhaft. Aber für mich passt genau das. Weil das Leben selbst eben auch nicht sauber konstruiert ist.
„Die weite Welt“ von Lutz van Dijk ist eine außergewöhnlich starke, berührende und wichtige Lebenserinnerung über Fremdsein, Zugehörigkeit, queeres Leben, politische Verantwortung und die Kraft echter Begegnungen. Ein Buch, das zeigt, wie weit die Welt sein kann, wenn man bereit ist, anderen Menschen wirklich nahezukommen. Für mich ein tief beeindruckendes Leseerlebnis und eines dieser Bücher, bei denen man am Ende dankbar ist, dass jemand dieses Leben mit uns geteilt hat. Vielen Dank Lutz van Dijk!