4,5*
Entromantisiert euch!Bei diesem provokanten Titel könnte man zunächst zurückschrecken, doch der Inhalt entpuppt sich als durchdacht und wertvoll. Das rosa Cover passt perfekt zum Thema, und der sachliche, ehrliche Schreibstil ...
Bei diesem provokanten Titel könnte man zunächst zurückschrecken, doch der Inhalt entpuppt sich als durchdacht und wertvoll. Das rosa Cover passt perfekt zum Thema, und der sachliche, ehrliche Schreibstil der Autorin hat mich von der ersten Seite an überzeugt. Unzählige Post-Its kleben mittlerweile in meinem Exemplar – ein sicheres Zeichen dafür, dass dieses Buch zum Nachdenken anregt.
Die zentrale Frage ist simpel und doch revolutionär: Warum gilt romantische Liebe als die einzig wahre, wertvollste Form der Liebe? Das Buch zeigt auf, wie sehr wir andere Formen von Liebesbeziehungen – besonders Freundschaften – systematisch abwerten. Eine Liebesbeziehung muss nicht automatisch sexuell sein, und emotionale Intimität kann oft viel tiefer gehen als körperliche Nähe.
"Was differenziert eine Liebesbeziehung von einer engen Freundschaft? Warum halten wir das eine für wesentlich wertvoller als das andere?"
Diese Frage hat mich wirklich aufgerüttelt. Bei Hochzeitseinladungen steht "+1" – aber wen nehmen wir mit? Den Partner:in oder die beste Freundin /den besten Freund? Warum verbringen wir automatisch den dreiwöchigen Sommerurlaub nur mit dem/der Partner:in, während Freunde maximal ein Wochenende bekommen? Haben wir je unsere besten Freunde nach ihren Lebensplänen gefragt oder sie aktiv in unsere Zukunft einbezogen?
"Wenn wir uns um unsere Freundschaften nicht aktiv kümmern, verkümmern sie. ... Geringschätzung von Freundschaft ist allerdings völlig normalisiert. Es ist für uns völlig normal, in Paarbeziehungen und Kleinfamilien zu verschwinden, völlig normal, andere Beziehungen zu vernachlässigen."
Freundschaften sind oft langlebiger als romantische Beziehungen, werden aber trotzdem systematisch nachrangig behandelt. Das Buch zeigt, wie die Ideologie der romantischen Liebe politische Funktionen erfüllt und uns zurück zum Patriarchat führt:
"Das die Ideologie der romantischen Liebe zu einem derart dominanten kulturellen Narrativ wurde, erfüllt spezifische politische und soziale Funktionen - die Funktion der Unterordnung von Frauen" "...Frauen darauf konditioniert wurden, dass Dienen aus Liebe sei ihre naturgegebene Aufgabe. Und darauf, dass Männer darauf konditioniert wurden, gar nicht auf die Idee zu kommen, dass Lieben irgendwas mit Geben zu tun haben könnte..."
Besonders erschreckend sind die Kapitel zu Femiziden und der Verharmlosung von Gewalt durch angebliche "Leidenschaft":
"Tatmotiv für ein Femizid: Eifersucht. Ganz so, als wäre ein Gefühl ein Grund für einen Mord, und nicht etwa die Unfähigkeit des Täters, einen Umgang mit diesem Gefühl und Gefühlen im Allgemeinen zu finden." "Wenn einen die Liebe mit all ihrer Leidenschaft erst einmal heimsucht, kann man(n) sich eben leider oftmals nicht mehr beherrschen."
Das Buch schließt mit einem wichtigen Punkt: Frauen, die bewusst ohne romantische Partnerschaft leben, werden gesellschaftlich nicht akzeptiert – obwohl Studien zeigen, dass unverheiratete, kinderlose Frauen oft die glücklichere Bevölkerungsgruppe darstellen.
Die wissenschaftlichen Quellen und Belege machen das Buch zusätzlich wertvoll. Es ist ein Aufruf, Freundschaften wieder den Stellenwert zu geben, den sie verdienen, und die Dominanz romantischer Liebe zu hinterfragen. Absolute Empfehlung für alle, die bereit sind, ihre Vorstellungen von Liebe und Beziehungen zu überdenken.