Große Empfehlung
Das zweitbeste LebenIch liebe Geschichten, die meinen Blick auf das Leben und die Menschen hinterfragen, mein Verständnis von menschlichem Handeln herausfordern und im besten Fall sogar verändern. Solche, die einfach erzählen, ...
Ich liebe Geschichten, die meinen Blick auf das Leben und die Menschen hinterfragen, mein Verständnis von menschlichem Handeln herausfordern und im besten Fall sogar verändern. Solche, die einfach erzählen, ohne zu verurteilen, die mich als Leserin mein eigenes Urteil fällen lassen, mir für einen Moment eine völlig neue Perspektive eröffnen – und dadurch meinen Horizont erweitern. Tayari Jones‘ „Das zweitbeste Leben“ ist genau so ein Buch. Mit großem Einfühlungsvermögen widmet es sich dem Thema Bigamie und stellt dabei gängige moralische Urteile infrage.
„Du bist ein Geheimnis.“ Mit diesem grausamen Wissen wächst Dana bei ihrer Mutter Gwen auf, während ihr Vater James bei seiner rechtmäßigen Ehefrau Laverne und der gleichaltrigen Tochter Chaurisse die Illusion einer intakten Familie, einer heilen Welt, aufrechterhält. Jeden Mittwoch besucht er seine Zweitfamilie, bemüht sich, deren Bedürfnisse zu erfüllen, ein verantwortungsvoller Partner und Vater zu sein – und kann letztlich nur scheitern.
Besonders faszinierend an diesem Roman ist für mich die moralische Ambivalenz. Was von außen betrachtet wie ein schier ungeheuerlicher Betrug wirkt, erscheint bei genauerem Hinsehen und tieferem Eintauchen als die Konsequenz eines schwachen, aber zutiefst menschlichen Moments. James unterscheidet sich nicht von vielen anderen Männern, die betrügen und außereheliche Kinder zeugen. Doch während andere sich entscheiden, glaubt er, sich nicht festlegen zu müssen – er will beiden Familien gerecht werden, ohne aufrichtig zu sein, ohne den Beteiligten die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden. Er beansprucht mehr für sich, als einem einzelnen Menschen gesellschaftlich oder moralisch zusteht – und kommt damit bis zu einem gewissen Punkt durch. Das ist feige, aber nicht boshaft. Kein Verrat aus Bosheit, sondern aus Schwäche, vielleicht sogar aus falsch verstandener Liebe. Tayari Jones erzählt diesen Irrweg eindrucksvoll aus den Perspektiven beider Töchter und lässt ihre Figuren mit großer sprachlicher Feinheit und Authentizität lebendig werden.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Britt Somann-Jung.