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Veröffentlicht am 23.04.2026

Tolles Buch, viel zu ausführlich

John of John
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„John of John“ ist ohne Zweifel ein richtig gutes Buch zu einem wichtigen Thema, in toller Sprache verfasst, leider hat es mir überhaupt nicht gefallen.

Cal wird von seinem Vater nach Falabay zurück geordert, ...

„John of John“ ist ohne Zweifel ein richtig gutes Buch zu einem wichtigen Thema, in toller Sprache verfasst, leider hat es mir überhaupt nicht gefallen.

Cal wird von seinem Vater nach Falabay zurück geordert, einer Insel im hintersten Irland, wo die Uhren anders ticken. Dort ist man nicht nur streng gläubig sondern presbyterianisch, züchtet Schafe, webt Tweed noch mit der Hand nach uralten Mustern und verachtet Katholiken für ihre losen Sitten.

In dieser Gesellschaft ist kein Platz für Homosexuelle. Cal hatte versucht, in Edinburgh neu anzufangen, aber sein Kunststudium ist dafür eine schwierige Basis. Frustriert und abgebrannt fährt er zurück nach Hause und ringt mit sich selbst. Soll er sich einfach fügen, sich an das streng reglementierte Leben anpassen wie früher? Soll er sich outen und die Wut seines Vater ertragen?

Das Buch ist wunderbar geschrieben, plastisch, eindringlich, oft brutal aber mit sehr feinem, bitterem Humor. Es breitet Cals Verzweiflung aus, lässt einen teilhaben an seinem inneren Ringen. Aber auch Cals Vater leidet, weil es sich schwer lebt mit solch strengen Regeln, genau wie Innes, der Nachbar und Freund der Familie.

Man bekommt hier blanke Tristesse und ganz viel Leid, die über 560 Seiten lang höchst eindringlich ausgebreitet werden. Es passiert nicht sehr viel, aber das Leid ist groß und das ist einfach schwer erträglich. Douglas Stuart schreibt toll aber auch unglaublich ausführlich. Auf die Hälfte gekürzt wäre das ein grandioses Buch zu einem tragischen Vater-Sohn-Konflikt. In dieser Form hat es deutliche Längen und das ist wirklich schade.

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Veröffentlicht am 25.03.2026

Brillant erzählt aber unfassbar kleinteilig

Eisen
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Ich bin großer Fan von Gusel Jachina und lese alle ihre Bücher. Die meisten davon liebe ich sogar, nur dieses hier macht es einem etwas schwer.

In ihrem Vorwort sagt sie, sie möchte einen Roman schreiben, ...

Ich bin großer Fan von Gusel Jachina und lese alle ihre Bücher. Die meisten davon liebe ich sogar, nur dieses hier macht es einem etwas schwer.

In ihrem Vorwort sagt sie, sie möchte einen Roman schreiben, der sich zwischen Fiktion und Sachbuch bewegt, der sich der Figur des Sergej Eisensteins respektvoll annähert, Fakten darlegt und fantasievoll ergänzt. Das tut sie in ihrem gewohnt wunderbaren Erzählstil, aber auch mit vielen Gedankensprüngen und Einschüben, die einem die Orientierung sehr schwer machen. Am Anfang kam mir das Buch vor wie ein großes Durcheinander, mit der Zeit gewöhnt man sich dann ein bisschen daran.

Sergei Michailowitsch Eisenstein, von seinen Freunden kurz „Eisen“ genannt, wurde 1898 in Riga geboren. Er hat Propagandafilme für die neu entstandene Russische Sowjetrepublik gemacht und wurde weltberühmt durch den Film „Panzerkreuzer Potemkin“, der noch heute zu den Klassikern der Filmgeschichte zählt.

Grundsätzlich erleben wir hier mit, wie Eisensteins Filme entstanden sind, einer nach dem anderen, vom Auftrag bis zum Kinostart. Dazwischen wird in kleinen Schlenkern das politische Umfeld sowie Eisensteins Kindheit und Privatleben eingeflochten.

Eisenstein hatte einen ganz eigenen künstlerischen Anspruch, wollte Realität zeigen, Realität überzeichnen, echte Gefühle einfangen, lieber Charaktere zeigen als gefällige Schönheit, wollte schockieren, Hässlichkeit zelebrieren, in Kämpfen das Blut fließen sehen. Das erreichte er durch unglaublich aufwändige Filmaufnahmen und seine innovative Montagetechnik. Er war ein Meister im Schneideraum, wo er wochenlang in Klausur ging, um seine Filme zu gestalten.

Gusel Jachina malt ihn als einen Getriebenen, eine tragische Gestalt zwischen Genie und Wahnsinn, exzentrisch, narzisstisch, genial und größenwahnsinnig, jemand der sich aufreibt zwischen Arbeit und Anstalt. Das ist sehr eindrucksvoll, toll erzählt, aber auch wirklich anstrengend zu lesen.

Durch dieses Buch musst ich mich kämpfen. Es erzählt brillant und unfassbar kleinteilig die Geschichte eines sehr komplizierten Menschen. Ja, man bekommt ein plastisches Bild davon, wie sich Eisenstein gefühlt haben mag, nur ein Spaß ist das nicht. Es ist ein anstrengendes Buch über einen anstrengenden Menschen, das mir zwar diesen Ausnahmekünstler nahegebracht hat, das mir aber insgesamt viel zu ausführlich war. Immerhin bin ich jetzt klüger.

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Veröffentlicht am 19.02.2026

Spannende Geschichte mit skurrilem Ansatz und recht eigenem Erzählstil

Immergrün
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Grundsätzlich ist dies ein spannendes Buch mit skurrilem Ansatz. Die Autorin fährt mit zwei Urnen im Gepäck von Deutschland nach Litauen, darüber kann man schon ein Buch schreiben.

Unterwegs denkt sie ...

Grundsätzlich ist dies ein spannendes Buch mit skurrilem Ansatz. Die Autorin fährt mit zwei Urnen im Gepäck von Deutschland nach Litauen, darüber kann man schon ein Buch schreiben.

Unterwegs denkt sie über das Leben ihrer Mutter nach und erinnert sich auch an ihre Kindheit, die nicht sehr glücklich war.

Ihre Mutter war Vida Vaitkuté, eine Sängerin, ein Superstar in Litauen in den 60er Jahren. Es zog sie erst nach Russland, dann nach Israel und schließlich mit Mann und Kind nach Deutschland. Das klingt hoch spannend, darüber würde man sehr gerne mehr erfahren. Leider ist das nur der Rahmen. Hauptsächlich erzählt die Autorin von ihrer eigenen Kindheit in Deutschland mit Eltern, die sich entwurzelt fühlen und einer Mutter, die daran verzweifelt, ein schillerndes Leben hinter sich gelassen zu haben.

Die Erzählweise ist eigen, streckenweise poetisch, wirkt aber distanziert. Während das Ambiente kunstvoll beleuchtet wird, bleiben die Figuren vage und die Handlung geht zügig dahin. Es wirkt wie ein Leben im Schnelldurchlauf, mehr die Zusammenfassung einer Geschichte als eine Geschichte.

Im letzten Drittel, wenn die kleine Ruth 14 ist, eskaliert die Situation, da wird es tatsächlich sehr berührend. Fast meint man, das ist die eigentliche Geschichte, sie hatte nur ein ziemlich langes Vorspiel, nur kommt dann auch noch ein üppiges Nachspiel.

Am Ende habe ich das Gefühl, an einer spannenden Familiengeschichte geschnuppert zu haben, wirklich kennengelernt habe ich dabei niemanden. Das ist ein bisschen schade, weil das Thema eigentlich viel hergibt.

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Veröffentlicht am 20.01.2026

Nette Geschichte

Einatmen. Ausatmen.
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Die Situation ist vielversprechend skurril. Marlene, einer erfolgreichen Managerin, fehlt nur ein bisschen Empathie für die Kollegen, um den nächsten Karriereschritt zu machen. In einem Achtsamkeitsseminar ...

Die Situation ist vielversprechend skurril. Marlene, einer erfolgreichen Managerin, fehlt nur ein bisschen Empathie für die Kollegen, um den nächsten Karriereschritt zu machen. In einem Achtsamkeitsseminar soll sie lernen, dass das Leben nicht nur aus Leistung besteht.

Dagegen steht die Wellnessfarm, die sie besuchen soll, kurz vor dem Bankrott. Alex, der Coach für Achtsamkeit und positives Denken, leitet seit Jahren Kurse auf einem Schloss in Brandenburg, hat nur beim Ausbau seiner Kur-Oase den Blick für die Finanzen verloren. Da kann einen schon der Gleichmut verlassen. Außerdem hat der Coach für ein glückliches Miteinander selbst Beziehungsprobleme.

Das Setting hat Potenzial, nur leider fehlt ihm der Witz. Beim „Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ habe ich mich noch großartig amüsiert, aber hier hält sich der Autor sehr zurück, baut mehr auf Situationskomik als erlesenen Wortwitz.

Die Figuren und die Handlung wirken eher brav konstruiert und werden mit ordentlich Küchenpsychologie unterfüttert. Kaum ist Marlene angekommen, ist sie ein anderer Mensch, ihre Wandlung braucht nur wenige Tage. Dabei bearbeiten wir ihre Kindheit und die ihrer Mutter. Grundsätzlich lasst sich wieder feststellen, so eine Mutter hatte ja auch eine Mutter, genau wie so manch andere Mutter auch. Ach, immer diese Mütter!

Es passiert noch ein wenig was, es treten noch andere Menschen auf und am Ende sind alle geläutert, sogar Alex.

Das ist hübsch aber nicht sehr aufregend, eine nette Geschichte, die man mal lesen kann, aber nicht muss. Ich hatte mir mehr davon versprochen.

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Veröffentlicht am 27.11.2025

Melodram voller Klischees und Ungereimtheiten

Das Buch der verlorenen Stunden
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Die Idee dieses Buches ist wirklich hübsch und neu. Man stelle sich vor, es gäbe einen „Zeitraum“, einen Raum, der außerhalb der Zeit existiert und in dem in unendlich vielen Bücherregalen die Erinnerungen ...

Die Idee dieses Buches ist wirklich hübsch und neu. Man stelle sich vor, es gäbe einen „Zeitraum“, einen Raum, der außerhalb der Zeit existiert und in dem in unendlich vielen Bücherregalen die Erinnerungen aller Menschen aufbewahrt werden.
Dort landet die kleine Lisavet. Ihr Vater wollte sie vor den Nazis in Sicherheit bringen, konnte sie aber nicht wieder abholen. Lisavet ist dort gefangen, wächst alleine auf, jenseits der Zeit und lernt, sich mit fremden Erinnerungen zu unterhalten. Als sie feststellen muss, dass immer wieder Männer in den Zeitraum vordringen und gezielt Erinnerungen vernichten, wird es ihre Mission, möglichst viele davon zu retten.
So weit fand ich das Buch ganz wundervoll, nur verlässt es diese zauberhafte Ebene dann doch und wandelt sich zu einer Art Spionagethriller, wo die CIA gegen russische Agenten kämpft und beide versuchen, den Wandel der Zeit zu ihren Gunsten zu verändern.
Daran hätte ich mich noch gewöhnen können, wenn auch der Logikfaden oft arg strapaziert wird. Gar nicht gefallen hat mir Lisavets Wandlung vom neugierigen Mädchen zum Vamp, der über Leichen geht. Es ist schön, dass sie eine wehrhafte Frau geworden ist, aber die Methode, zuzuschlagen statt zu reden finde ich fragwürdig. Auch dass immer wieder jemand lügt, betrügt oder sogar mordet, nur um andere zu schützen ist ein unschönes Motiv, das hier überstrapaziert wird und noch dazu wenig nachvollziehbar ist.
Der Erzählstil ist blumig bis pathetisch und spart nicht mit Floskeln. Ständig verkrampfen sich Mägen, werden Lippen gebissen, Stirnen gerunzelt, ein- oder ausgeatmet und Augen zusammengepresst.
Dieses Buch hat durchaus einigen Unterhaltungswert, aber die schöne Grundidee geht unter in einem Melodram voller Klischees und Ungereimtheiten. Sehr schade.

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