Einsamkeit auf der Insel
John of JohnMit Shuggie Bain und Young Mungo hat Douglas Stuart die Messlatte für mich extrem hoch gelegt – beide Bücher haben mich auf Englisch vollkommen mitgerissen. Entsprechend groß waren meine Erwartungen an ...
Mit Shuggie Bain und Young Mungo hat Douglas Stuart die Messlatte für mich extrem hoch gelegt – beide Bücher haben mich auf Englisch vollkommen mitgerissen. Entsprechend groß waren meine Erwartungen an John of John, die am Ende leider eher enttäuscht wurden.
Vor allem der Einstieg zieht sich sehr. Cal kehrt nach einem Anruf seines Vaters auf die Insel zurück, von der er stammt, und lebt dort gemeinsam mit seinem Vater John und seiner Großmutter, der Mutter seiner verstorbenen Mutter. Die Atmosphäre der Insel ist dabei zwar dicht und bedrückend beschrieben, gleichzeitig hatte ich aber lange das Gefühl, dass die Handlung kaum vorankommt.
Interessant fand ich vor allem die Dynamik zwischen den Figuren. Die Beziehungen auf der Insel sind stark verwoben, jeder scheint eigene Geheimnisse zu haben und vor allem die eigenen Interessen zu verfolgen. Dadurch entsteht eine unterschwellige Spannung, die sich durch das ganze Buch zieht. Besonders tragisch ist die Beziehung zwischen Cal und seinem Vater: Beide können über vieles nicht sprechen, wodurch auch Homosexualität ein unausgesprochenes Tabuthema bleibt. Diese Sprachlosigkeit gehört definitiv zu den stärkeren Aspekten des Romans.
Trotzdem wirkten einige Handlungsstränge auf mich seltsam oder nicht ausreichend ausgearbeitet. Der Briefkontakt, den Cal aufbaut, erschien mir teilweise eher merkwürdig, ohne dass daraus wirklich etwas Tiefgründiges entstanden wäre. Auch die Beziehung zu seinem Jugendfreund hätte deutlich mehr Raum verdient, weil dort eigentlich viel emotionales Potenzial gelegen hätte.
Was mich letztendlich doch noch überzeugt hat, war das Ende. Dort schafft Douglas Stuart es endlich, die emotionale Intensität zu entfalten, die ich mir über weite Strecken des Buches gewünscht hätte. Insgesamt ist John of John für mich trotzdem ein gutes Buch – atmosphärisch stark und mit interessanten Figuren –, aber im Vergleich zu Shuggie Bain und Young Mungo bleibt es deutlich weniger eindrucksvoll. Rückwirkend hätte ich aber auch lieber die englische Originalversion gelesen.
Gesamt: 3,5/5 Sternen