Die Liebe zu Büchern – wie groß kann sie sein?
Adalina und die Liebe zu den BüchernAdalina wuchs in einem der armen Bergdörfer Süditaliens auf. Während in Norditalien bereits die Wirtschaft einen Aufschwung bekommen hat, sind in Süditalien vor allem die Dörfer noch ärmlich. Die meisten ...
Adalina wuchs in einem der armen Bergdörfer Süditaliens auf. Während in Norditalien bereits die Wirtschaft einen Aufschwung bekommen hat, sind in Süditalien vor allem die Dörfer noch ärmlich. Die meisten jungen Menschen ziehen deswegen weg und hoffen auf bessere Jobs und auf ein besseres Leben im Norden Italiens. Da die Kinder in den Schulen immer weniger werden und die Situation an Traurigkeit für die Kinder immer höher wurde, beschloss der junge Lehrer Antonio La Cava, die Situation zu ändern. So kaufte er eine Ape und lies sie durch seinen Freund und Mechaniker zu einem rollenden Büchermobil umbauen. Innen versteckt er Bänke und Kissen, auf denen die Kinder Platz nehmen können, wenn er ihnen aus einem der Bücher vorliest oder Fragen beantwortet. Außen sind die Bücher durch Glasschränke geschützt, Kinder können aber bereits erkennen, welche Bücher der Maestro dabei hat. Mit diesem Konzept fährt er Schulen an und besucht auch einige Regionen am Nachmittag, um den Kindern die Zeit zu verkürzen. Dabei lernen sie den Maestro kennen und schätzen. Eine dieser besuchten Kinder war auch Adalina. Sie liebte diese Stunden mit dem Maestro und hat eine gewaltige Ehrfurcht vor ihm. Er unterstützte sie in all dem, was sie tat, und bestärkte den Willen, Schriftstellerin zu werden. Auch Adalina verlies in jungen Jahren ihr Bergdorf und ging nach Pisa, um dort ein paar Bücher zu schreiben und ihr Geld als Touristenführerin zu verdienen. Als sie einen neuen Roman schreiben soll, kehrt sie in ihre Heimat zurück. Sie verbringt dort glückliche Stunden und lässt das Bibliomotocarro wieder aufleben. Mit ihrer Unterstützung gelingt es dem Maestro und auch ihr, den Kindern wieder ein Strahlen in das Gesicht zu zaubern. Doch die Fahrten mit der Ape dauern – kann es sich Adalina leisten, ständig unterwegs zu sein, oder kann sie auf Unterstützung vor Ort hoffen? Wie gelingt es ihr, den Roman zu schreiben und doch die Bergdörfer anzufahren? Und wie soll sie finanziell über die Runden kommen? Die Übernachtungen in dem Gasthof kosten Geld und wenn sie den Roman schreiben kann, müsste sie auch die Vorauszahlung wieder rückerstatten? Wird sie es schaffen, alles zusammen zu halten?
Eine wundervolle Geschichte von Tessa Hansen. Eine Geschichte, die Berührt und die einem zum Nachdenken anregt. Der Maestro Antonio ist ein wundervoller Charakter. Er verbringt nicht nur seine Nachmittage als junger Lehrer bei den Kindern, sondern widmet sein gesamtes Leben den Kindern. Vormittags unterrichtet er als Lehrer, nachmittags besucht er die Kinder außerhalb. Als er in die Rente ging, fährt er vormittags auch die Schulen in der Umgebung an und beschert den Kindern so eine wundervolle Unterrichtsstunde. Dies schafft er allerdings nur durch seine wundervolle Frau Maria. Sie hält ihm den Rücken frei und beschwert sie nie, dass er kaum Zeit für sie hat.
Auf der anderen Seite ist die finanzielle Situation in dem Buch sehr gut beschrieben, ohne zu jammern. La Cava hat schon immer einen Teil seines Gehalts bzw. später jetzt seiner Rente in das Bibliomotocarro einfließen lassen. Die Anschaffung der Ape, die Reparaturen, die Beschaffung der Literatur für Kinder – all das kostet Geld. Er nimmt keine Fördermittel in Anspruch, nur seine Besuche lässt er sich etwas bezahlen. Doch dies reicht bei weitem nicht aus. Die Schulen geben Geld, Veranstalter buchen ihn, um den Kindern schöne Stunden zu bescheren, doch letztendlich reicht das alles nicht aus. Er muss einen Teil seines Geldes in seine Berufung investieren, um über die Runden zu kommen.
Die Vertrautheit und das Vertrauen an sich wird ebenfalls beschrieben. Die Kinder dürfen sich ohne einen Ausweis ohne eine Notiz einfach so ein Buch aus dem Bibliomotocarro ausleihen. Der Maestro glaubt an die Kinder und deren Vernunft und Gewissheit, dass sie die Bücher wieder zurückgeben werden. Unvorstellbar, wenn man darüber nachdenkt, bei uns in einer Bibliothek ohne Ausweis sich einfach ein Buch auszuleihen. Unsere Bürokratie über alles. Aber auch das Vertrauen der Eltern an den Maestro, dass er sich um die Kinder kümmert, wenn sie bei ihm sind und schöne Stunden mit ihm verbringen. Ein wunderschönes Gefühl, wenn man den Kindern so viel Vertrauen und Geborgenheit entgegenbringt, wie es Antonio oder auch Adelina ihm gleichtut.
Auch von mir bekommt dieser Mann nur allerhöchsten Respekt. Dieser Herr investiert nicht nur seine Zeit, sondern auch sein privates Geld in die Besuche der Kinder. Um den Kindern eine schöne Kindheit zu bescheren und um ihnen Bücher und das Lesen näher zu bringen. Wer kommt ihm da gleich? Oder wer verhält sich in unserem Bekanntenkreis ähnlich? Eigentlich nur unsere Eltern, die uns unterstützen, egal weshalb und wofür. Aber sonst? Kennen wir jemanden, der so selbstlos sich und sein Geld aufopfert für andere? Ehrlicherweise ich nicht.
Die Geschichte handelt aber auch von der Freundschaft. Antonio hat seinen Freund, den Mechaniker Vincenzo. Dieser hilft ihm sehr. Er ist nicht nur als Freund für ihn da, sondern auch als Mechaniker, wenn die Ape Hilfe benötigt. Er haushaltet mit dem wenigen Geld, dass Antonio aufbringen kann und verzichtet auf eine Bezahlung seiner Arbeitsleistung. Genau das macht Freundschaft aus. Vincenzos Sohn Gianluca hatte als Kind ebenfalls diese Stunden mit dem Maestro genossen. Deswegen weiß er, wie wichtig diese Fahrten nicht nur für Antionio selbst, sondern auch für die Kinder sind. Auch Adelina ist eine Freundin von Antonio. Sie hilft und unterstützt ihn, als er es am meisten brauchte. Und sie schafft es, mit einem neuen Konzept diese Geschichte weiter zu leben.
Auch die Einsamkeit als junge Frau wird kurz thematisiert. Als junger Mensch kann man sich schnell einsam fühlen. Umso wichtiger ist es, Freundschaften zu schließen – am besten mit gleichaltrigen. Dies ist schwierig, wenn es kaum gleichaltrige in einem Dorf gibt, da alle weggezogen sind. Doch Adalina schafft es, Freundschaften aufzubauen, die ihr guttun. Sie schafft es, Verbindungen zu leben die ihr gut tun. Die sie unterstützen und das Bibliomotocarro.
Ein wunderschönes Buch mit Tiefgang und ganz viel Gefühl. Ein Roman – kein klassischer Liebesroman – sondern ein Roman für das Leben. Vor allem aber ein Roman für den echten Maestro, denn diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Tessa Hansen schafft es, dem echten Maestro etwas zurückzugeben: nämlich Aufmerksamkeit durch diesen wundervollen Roman. Lasst uns alle wieder etwas mehr so werden, wie der Maestro es uns vorlebt.