Neuorientierung einer Frau nach ihrem sanften Fall
Hellere TageDer neue Roman "Hellere Tage" von Ulrich Woelk schließt thematisch an seinen Vorgängerroman "Mittsommertage" an. Letzteren habe ich allerdings nicht gelesen, ich beurteile also das neue Buch unabhängig ...
Der neue Roman "Hellere Tage" von Ulrich Woelk schließt thematisch an seinen Vorgängerroman "Mittsommertage" an. Letzteren habe ich allerdings nicht gelesen, ich beurteile also das neue Buch unabhängig davon.
Im Zentrum der Handlung steht Ruth, eine etablierte Universitätsprofessorin für Philosophie, die in der letzten Zeit einige Rückschläge einstecken musste: nachdem öffentlich wurde, dass sie als verblendete, radikale junge Frau gemeinsam mit anderen einen Strommast gesprengt hatte, ist ihr Karrierefortschritt ins Stocken geraten, auch wenn sie immer noch über eine sehr gute, etablierte Position verfügt und auch finanziell gut abgesichert und sozial eingebettet und vernetzt ist. Die Ehe mit ihrem Mann Ben ist zu Ende, er ist nun mit einer viel jüngeren Frau zusammen, möchte aber am liebsten immer noch in der ehemals gemeinsamen Wohnung bleiben, auch wenn er sich nicht wirklich leisten kann, Ruth auszuzahlen.
Bens Tochter und Ruths Ziehtochter Jenny, eine junge Frau im frühen Erwachsenenalter, irrt orientierungslos durch das Leben und durch wechselnde Beziehungen, wohnt mit anderen in einem besetzten Haus und ist sich nicht ganz sicher, was es für ihre Beziehung zur Ziehmutter bedeutet, dass diese nun nicht mehr mit dem Vater zusammen ist. Dazu gibt es noch einen sehr alten und dann sterbenden Vater von Ruth, dessen Briefe an einen alten Freund sie liest und die für sie ebenfalls einiges in Frage stellen.
Es geht somit um eine Frau, die eigentlich ganz gut im Leben stand und immer noch vergleichsweise sanft fällt, aber doch in den mittleren Lebensjahren so einiges, was sie als Gewissheiten angesehen hatte, in Frage stellen und sich neu orientieren muss. Das Buch ist - mit ganz wenigen Ausnahmen, in denen zu Jennys Perspektive gewechselt wird - überwiegend aus der Sicht von Ruth geschrieben. Wir erleben die Enttäuschung der Universitätsprofessorin über den Verrat des Ehemannes und die berufliche Degradierung, und ihre zaghaften Versuche, durch sexuelle Abenteuer einen zweiten Frühling zu erleben, sowie ihr Bemühen um das Aufrechterhalten oder Wiederherstellen einer guten Beziehung zu Jenny.
Eingebettet in die Handlung sind viele Themen, die insbesondere in der linksliberalen Szene derzeit eine große Rolle spielen: von der Legitimität zivilen Ungehorsams oder aktiven Widerstands durch Sabotageakte über Fleisch essen oder nicht bis zu verschiedensten sexuellen Orientierungen. Damit reiht sich das Buch perfekt in den aktuellen Zeitgeist ein, stellt zugleich aber auch immer wieder die Frage, wie die porträtierten Personen - und damit in Identifikation mit diesen auch wir als Leserinnen und Leser - sich zu diesen Themen positionieren möchten und was diese Stellungnahme für unsere nahen Sozialbeziehungen bedeutet. Somit ist es sehr geeignet für ein Reflektieren der Zeit, in der wir leben, und der Haltung, die wir selbst zu aktuellen Themen einnehmen möchten.
Das Buch liest sich insgesamt unterhaltsam, leicht und durchaus interessant, auch wenn mir die meisten Charaktere und insbesondere Ruth emotional nicht sehr nahe gegangen sind. Inhaltlich habe ich die Vermutung, dass ich durchaus davon profitieren hätte können, das Vorgängerwerk davor gelesen zu haben, weil sich manches dann vielleicht noch anders eingeordnet hätte. Insgesamt ist das Buch aber natürlich auch als eigenständiger Band gut lesbar und verstehbar.