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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.05.2026

Getrennte Liebe

Fast ein Leben
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Ende der 70er Jahre ist Erica gerade mit der Schule fertig. Bevor sie ihr Studium in England beginnt, möchte sie das süße Leben in Paris kennenlernen, ihren Horizont erweitern und sich endlich erwachsen ...

Ende der 70er Jahre ist Erica gerade mit der Schule fertig. Bevor sie ihr Studium in England beginnt, möchte sie das süße Leben in Paris kennenlernen, ihren Horizont erweitern und sich endlich erwachsen fühlen. Zufällig trifft sie auf Laure, eine Studentin der Kunsttheorie. Sie verlieben sich ineinander und genießen zwei unvergessliche Monate in Paris. Laure hatte nie vor sich zu verlieben und schon gar nicht in eine Touristin, doch als Erica zurück nach England geht, ist sie am Boden zerstört und bleibt mit gebrochenem Herzen zurück. Anfang der 80er Jahre ist es für Erica nicht denkbar sich vor ihrer Familie zu Laure zu bekennen und so wählt sie ein heterosexuelles Leben und träumt dennoch von Laure. Die beiden begegnen sich auf ihrem Lebensweg noch einige Male. Diese Treffen sind hoch emotional und strahlend und dennoch von viel Schmerz umrahmt. Die Liebe zwischen den beiden Frauen hatte zu Beginn etwas Reines, entwickelte sich im Laufe der Jahre aber zu einer Belastung. Den Beginn des Romans empfand ich als wirklich schön und besonders. Im Laufe der Geschichte stellte sich jedoch eine Vorhersagbarkeit ein, sodass Überraschungen ausblieben. Und das Ende empfand ich als zu gewollt. Es ist eine schöne tragische Liebesgeschichte, geprägt von Gesellschaftlichen Zwängen der 80er und 90er Jahre und ihren Auswirkungen, mit viel französischem Flair und britischem Understatement.

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Veröffentlicht am 30.04.2026

Düsteres Island

Home Before Dark
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An einem Abend vor 10 Jahren ist Marsibils Schwester Stina auf dem Heimweg spurlos verschwunden. Nur ihre blutige Jacke wurde gefunden. Marsibil lebt mittlerweile in Reykjavik, doch für dieses grauenhafte ...

An einem Abend vor 10 Jahren ist Marsibils Schwester Stina auf dem Heimweg spurlos verschwunden. Nur ihre blutige Jacke wurde gefunden. Marsibil lebt mittlerweile in Reykjavik, doch für dieses grauenhafte Jubiläum kehrt sie zurück in ihr Heimatdorf ins Haus ihrer Eltern. Dort geschehen seltsame Dinge und erschreckende Albträume und Erinnerungen suchen sie heim. Und ihr geheimer Brieffreund meldet sich plötzlich wieder bei ihr. Der mit dem sie sich in jener schicksalshaften Nacht treffen wollte und von dem sie seit 10 Jahren nichts mehr gehört hat. Die Geschichte wirkt von Anfang an sehr düster und atmosphärisch. Man spürt, dass doch jeder der Protagonisten sein eigens Geheimnis hat. Ich fand die Geschichte sehr temporeich und spannend. Irgendwann in der Mitte waren es mir dann doch ein paar zu viel ungelöste Rätsel und die Protagonisten zu sehr verwoben miteinander. Wenn man da nicht zackig weiterliest, kann man schnell den Überblick verlieren. Am Ende war ich mir sicher die Lösung zu kennen und wurde dann doch kalt erwischt. Mir hat das Buch gut gefallen. Ein solider, atmosphärischer Thriller zum wegsuchten.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Raffinierter Spionagethriller

Codename Herzstoß
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In den 80er Jahren war ich noch ein Kind, aber selbst mir ist das schreckliche Unglück von Rammstein noch in Erinnerung. Ich habe noch die Worte der Erwachsenen im Ohr und die Bilder aus den Nachrichten ...

In den 80er Jahren war ich noch ein Kind, aber selbst mir ist das schreckliche Unglück von Rammstein noch in Erinnerung. Ich habe noch die Worte der Erwachsenen im Ohr und die Bilder aus den Nachrichten im Kopf. Toni Garber hat in Anlehnung an diese Ereignisse eine spannende Geschichte geschrieben. Im Vordergrund steht der Kriminalkommissar Max und seine Mutter Theresa, die Verbindungen zum Geheimdienst hat. Sie suchen nach einer verschwundenen Agentin, die mit allen Wassern gewaschen ist. Ihre Suche führt sie in die DDR, wo sie Bekanntschaft mit einen prominenten und unliebsamen KGB-Mitarbeiter machen. Es beginnt eine wilde Verfolgungsjagd mit viel Spannung und Tempo quer durch Ost- und West-Deutschland. Ich fand die Einbindung der historischen Ereignisse sehr gelungen und die darum gesponnene Geschichte glaubwürdig. Auch das Eintauchen in die 80er Jahre hat mir viel Spaß gemacht. Die Figuren waren facettenreich und die Settings sehr bildhaft und gut beschrieben. Ein gelungener Spionagethriller mit Potenzial zur Fortsetzung.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Still und nachhaltig

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Wer waren unsere Großeltern eigentlich? Wie haben sie die Zeit des Nationalsozialismus erlebt? Judith Hermann begibt sich auf die Spuren ihres Großvaters. Er war damals im polnischen Radom stationiert. ...

Wer waren unsere Großeltern eigentlich? Wie haben sie die Zeit des Nationalsozialismus erlebt? Judith Hermann begibt sich auf die Spuren ihres Großvaters. Er war damals im polnischen Radom stationiert. Sein Tattoo, das Erkennungszeichen, hat er sich, nie entfernen lassen. Aber um seine Geschichte herrscht großes Schweigen. Die Autorin besucht den Ort, an dem er stationiert war, versucht sich in sein damaliges Leben einzufühlen. Reist dann zu ihrer Schwester nach Italien und trifft auch dort auf die Schatten der düsteren Vergangenheit. Wir kennen sehr viele Geschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus. Doch hauptsächlich die der Opfer. Um die Geschichten der Täter ist es sehr still geworden. Und dennoch sind sie ja da. Die Täter leben in unseren Familien oder in den Erinnerungen unserer Familienmitglieder. Aber um die Schuld und die Taten ist es ganz still geworden. Doch was geht tief in einem Menschen vor, der dazugehörte? Ohne dem Buch hier vorzugreifen, auch die Autorin wird in diese Stille getaucht. Und gerade durch diese Geschichte, die nicht erzählt wird, wurde mir erst bewusst, wie mächtig und elementar dieses Schweigen noch immer ist. Ich liebe die Romane von Judith Hermann seit meiner Schulzeit. Aber es waren nie Geschichten, die sofort beim Lesen eine starke Wirkung auf mich hatten. Vielmehr setzte sich alles eher langsam in mir, lies mich nicht mehr los, brachte mich zum Nachdenken und wirkte so anhaltend. So ist es auch mit diesem Buch. Still und nachhaltig.

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Veröffentlicht am 07.03.2026

Halt in der Literatur

Das Alphabet bis S
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„Das Alphabet bis S“ von Navid Kermani
Sie ist Schriftstellerin, in ihren Vierzigern, verheiratet und Mutter eines Teenagers, als ihre Welt zu zerbrechen droht. Ihre iranischen Eltern leben schon lange ...

„Das Alphabet bis S“ von Navid Kermani
Sie ist Schriftstellerin, in ihren Vierzigern, verheiratet und Mutter eines Teenagers, als ihre Welt zu zerbrechen droht. Ihre iranischen Eltern leben schon lange in Deutschland, so dass die Protagonistin zwischen zwei Kulturen aufwuchs. Nun ist ihre Mutter gestorben. Ihre eigene Ehe steht vor dem Aus, als plötzlich der geliebte Sohn schwer krank wird. Alles schlägt über ihr zusammen und erschüttert sie zutiefst. Zwischen alltäglichen Handlungen und den Schrecken, die Trauer und Krankheit mit sich bringen sucht sie verzweifelt einen Rettungsanker und findet diesen in der Literatur. In ihrer Lesegruft warten viele ungelesene Bücher auf sie. So beginnt sie diese nach Autoren alphabetisch zu ordnen und zu lesen. Neben ihrer eigenen Geschichte taucht der Leser so auch in die weite Welt der Literatur ab. Navid Kermani nimmt uns mit durch Klassiker von Hermann Hesse, Ringelnatz oder Péter Nádas, aber auch durch die persische und deutsche Kultur. Dieses Buch war für mich keine leichte Kost. Mehrere Monate habe ich immer wieder darin gelesen und es dann für einige Zeit wieder weggelegt. Die Sprache empfand ich als poetisch und dennoch am Puls der Zeit. Eine Mutter die Angst um ihren Sohn hat. Eine Frau mit Lebenserfahrung und dennoch erschüttert von Krisen, die meinen alle gleichzeitig über ihr hereinbrechen zu müssen. Also das Leben wie es ist, manchmal einfach grausam und dennoch die Literatur als Schönheit des Lebens mit allen Facetten, die durch Krisen trägt und als ein Halteseil zum Leben dient. Ich denke für jeden Literaturbegeisterten ist dieses Buch eine Hommage an die Kunst des Wortes. Und Navid Kermani hat es uns vorgemacht: Egal wie wild das Leben auch tobt, sucht den Halt im Wort.

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