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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.05.2026

Noir bleibt Noir. Zum Glück!n

Die Toten von morgen
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Wie klasse ist das denn: Kaum vier Wochen nachdem ich Die Guten und die Toten gelesen hatte, hatte ich Band zwei in der Hand. Nihal lässt einen nicht lange warten.
Berlin, Nacht, Asphalt. Rauer Sound, ...

Wie klasse ist das denn: Kaum vier Wochen nachdem ich Die Guten und die Toten gelesen hatte, hatte ich Band zwei in der Hand. Nihal lässt einen nicht lange warten.
Berlin, Nacht, Asphalt. Rauer Sound, schnelle Schnitte, Figuren mit Bruchlinien. Und wieder zieht einen dieser zweite Band rein, weil Koplin nicht einfach dieselbe Geschichte noch einmal erzählt, sondern tiefer geht – vor allem in das, was Nihal ausmacht und kaputt macht.
Ihr Vater liegt im Sterben. Und Nihal steht draußen. Denn sie hat ihren Bruder ins Gefängnis gebracht – der hatte mit ihrer Dienstwaffe einen Überfall begangen und einen Polizisten angeschossen. Was sie getan hat, war richtig. Das weiß sie. Hilft ihr kein bisschen. Die Eltern strafen sie mit Schweigen und Vorwürfen, und Nihal bestraft sich gleich selbst noch dazu. Schuldgefühle, die sie für sinnlos hält und trotzdem nicht loswird. Den Zorn kanalisiert sie, wie immer: in Sport. Gefühle zeigen? Kommt nicht in Frage. Das kennen wir ja.
Was neu ist: Saad und Leila sind wieder da. Nihal hatte den Kontakt gekappt – zu nah waren ihr die beiden gekommen, zu gefährlich für jemanden, der emotionale Distanz als Überlebensstrategie betreibt. Aber ein neuer Fall bringt sie wieder zusammen. Und diesmal ist Saad nicht nur am Rand der Geschichte – er scheint mittendrin zu stecken.
Zwei Männer werden hingerichtet, scheinbar ohne Zusammenhang. Dahinter steckt ein Versuch, den Berliner Drogenmarkt neu aufzuteilen: Ein Newcomer will King Charles vom Thron stoßen, der das Geschäft bisher kontrolliert hat. Koplin wechselt wieder in rasantem Rhythmus zwischen den Perspektiven – Nihal, Saad, King Charles –, und wer den ersten Band kennt, weiß: Durchhalten lohnt sich. Die Fäden fügen sich.
Stil und Ton: unverändert. Knapp, direkt, keine Schnörkel. Noir eben – konsequent und ohne Kompromisse, genau wie beim ersten Mal.
Das Ende ist diesmal fast zu aufgeräumt. Praktisch alles gelöst, alles geklärt – für eine Welt, die sonst so schön unordentlich ist, sind das schon paradiesische Zustände. Ob es daher einen dritten Band geben wird, scheint fraglich. Was wirklich schade wäre. Nihal hat, finde ich, noch einiges vor sich.
Wer Die Guten und die Toten mochte, wird hier nicht enttäuscht. Wer noch nicht angefangen hat: unbedingt mit Band eins beginnen.

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Veröffentlicht am 09.05.2026

Zwischen Harris-Tweed und heiliger Strenge

John of John
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Die Äußeren Hebriden – eine Welt aus Wind, Weite und Kargheit, geprägt von Schafzucht, Fischerei und dem rhythmischen Klang des Webstuhls. Der schottische Booker-Preisträger Douglas Stuart entführt uns ...

Die Äußeren Hebriden – eine Welt aus Wind, Weite und Kargheit, geprägt von Schafzucht, Fischerei und dem rhythmischen Klang des Webstuhls. Der schottische Booker-Preisträger Douglas Stuart entführt uns in diese raue Landschaft und in eine Geschichte voller unerfüllter Sehnsucht, erdrückender Religiosität und zerbrechlicher Geheimnisse.
Cal kehrt nach seinem Studium auf dem Festland – und einem kurzen Aufatmen in der Freiheit – auf die Insel zurück. Sein Vater John, ein streng presbyterianischer Weber, erwartet Gehorsam sowie die Unterwerfung unter Gott und die Gemeinde. Dass Cal schwul ist, verschweigt er wohlweislich; es würde den Ausschluss aus allem bedeuten, was diese enge Welt zusammenhält. Und so lebt er eingeklemmt zwischen seinem wahren Ich und den Erwartungen der Gemeinschaft.
Doch der eigentliche Schlüssel zum Verständnis dieser Geschichte liegt vielleicht weniger bei Cal als bei seinem Vater. John ist ein Mann, der sich selbst mit einer irritierenden Konsequenz verleugnet. Während er nach außen hin unbeirrt für die Einhaltung der Regeln kämpft, verstößt er insgeheim gegen das, was er vehement predigt. John weiß um seine eigenen Widersprüche, und der Hass auf sich selbst entlädt sich in Wut und Aggression – und trifft am härtesten jenen Sohn, den er doch über alles liebt. Dass beides gleichzeitig wahr sein kann, Hass und Liebe, macht John zur wohl tragischsten Figur des Buches. Stuart beschreibt diesen Zwiespalt mit einer Präzision, die einen nicht loslässt:
„So war es, wenn man John Macleod liebte. Man tat es gegen jede Vernunft und bessere Einsicht, und immer wenn er die Glut fast ausgetreten hatte, schaffte er es, so sanft in die Asche zu blasen, dass das Feuer wieder aufflammte.“
Obwohl es ein Buch der leisen Töne ist, hat es mich regelrecht erschlagen. Stuart erzählt in großen, eindringlichen Bögen: von den inneren Kämpfen der Figuren, der Doppelmoral einer frommen Gemeinschaft und der zärtlichen Verbundenheit, die zwischen Menschen aufscheint, denen Nähe versagt bleibt. Besonders berührt hat mich, wie Stuart die Sprache selbst zum Instrument macht: Die Weber-Metaphorik zieht sich durch den Text wie ein Kettfaden, Farbbeschreibungen leuchten immer wieder auf, und die gälischen Begriffe – kursiv gesetzt und teils direkt übersetzt – verleihen der Erzählung eine besondere Authentizität.
Ein Schmöker im besten Sinne: wuchtig, intensiv und mit Landschaftsbeschreibungen, die mich ernsthaft in Versuchung führen, die Hebriden bald selbst zu besuchen.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Spiele, Geheimnisse und ein Geist namens Louisiana Veda

Darkly
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Dia ist kein typischer Teenager: Sie spielt Backgammon, liebt Stickkissen, trägt Faltenröcke und verbringt ihre Nachmittage im Antiquitätenladen ihrer Mutter; ihre zwei liebsten Menschen sind über 75 Jahre. ...

Dia ist kein typischer Teenager: Sie spielt Backgammon, liebt Stickkissen, trägt Faltenröcke und verbringt ihre Nachmittage im Antiquitätenladen ihrer Mutter; ihre zwei liebsten Menschen sind über 75 Jahre. In ihrer altmodischen, ruhigen Welt verehrt sie vor allem eine: Louisiana Veda, die geniale Gründerin der Brettspielfirma Darkly, die vor 39 Jahren starb und deren rätselhafte Spiele noch heute als Kunstwerke gelten — Originale werden für Millionen gehandelt.
Als die Louisiana-Veda-Stiftung sieben Sommerpraktikantinnen und -praktikanten sucht, bewirbt sich Dia sofort. Hunderttausende konkurrieren — und Dia gehört wider Erwarten zu den Auserwählten. Sie fliegt nach London, doch was sie dort erwartet, ist kein ruhiges Büropraktikum, sondern das größte und gefährlichste Abenteuer ihres Lebens: gemeinsam mit sechs anderen jungen Menschen muss sie ein Rätsel lösen, bei dem möglicherweise das Leben auf dem Spiel steht.
Die Geschichte ist wirklich richtig spannend — und das liegt zu einem guten Teil daran, dass die Natur der Darkly-Spiele bewusst im Ungewissen gehalten wird. Alles wirkt mysteriös, hinter jeder Ecke scheint ein weiteres Geheimnis zu lauern. Dieser Kunstgriff funktioniert ausgezeichnet: Man liest weiter, nicht nur weil man wissen möchte, was als Nächstes passiert, sondern auch, weil man Louisiana Veda und ihre Spiele besser verstehen möchte.
Ja, manches mag etwas überzogen wirken — eine 17-Jährige, die plötzlich massiv über sich hinauswächst und Gefahren meistert, die vorher undenkbar waren. Aber die Geschichte ist so gut erzählt, dass man bereitwillig über diese kleinen Schwächen hinwegliest.
Was wirklich herausragt, ist die Aufmachung des Buches. Schon der Umschlag wirkt düster und mysteriös — ganz so wie alles, was sich um Louisiana Veda dreht. Der gesamte Buchschnitt ist bedruckt: geheimnisvolle Motive, passend zum Cover. Zwischen den Kapiteln finden sich immer wieder eingestreute Dokumente aus Louisianas Leben — Briefe, Zeitungsausschnitte, Anwaltsschreiben — die das Ganze ungemein auflockern und lebendig machen. Eine insgesamt wirklich tolle Aufmachung, die das Leseerlebnis deutlich bereichert.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Was macht den Menschen aus?

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Wow. Nach dieser Lektüre fühle ich mich regelrecht erschlagen. Und das Seltsame ist: Es passiert eigentlich nicht viel. Aber vielleicht ist genau das die größte Wucht dieses Buches.
Vierzig Frauen werden ...

Wow. Nach dieser Lektüre fühle ich mich regelrecht erschlagen. Und das Seltsame ist: Es passiert eigentlich nicht viel. Aber vielleicht ist genau das die größte Wucht dieses Buches.
Vierzig Frauen werden in einem Käfig ohne Tageslicht gefangen gehalten. Die Jüngste unter ihnen kennt kein anderes Leben – und aus ihrer Perspektive erleben wir alles. Niemand weiß, warum sie hier sind. Drei Wächter bewachen sie ununterbrochen, sprechen nie mit ihnen, lassen keine Nähe, keine Intimität zu. Die Toilette steht mitten im Raum, Wasser ist knapp, Kleidung kaum vorhanden. Berührungen sind verboten, ebenso wie laute Emotionen. Verstöße werden mit Peitschenhieben bestraft.
Dann, eines Tages, ein Alarm. Die Wächter fliehen. Die Schlüssel bleiben zurück. Die Frauen sind frei.
Doch die Freiheit, die sie erwartet, ist keine Erlösung, sondern nur eine andere Form der Gefangenschaft.
Während die älteren Frauen von Erinnerungen an ihr früheres Leben geprägt sind und unter dem Verlust leiden, steht die Erzählerin vor einer völlig anderen Herausforderung: Sie hat nichts verloren, denn sie hatte nie etwas. Für sie ist die Welt ein unbeschriebenes Blatt. Was für die anderen Verlust bedeutet, ist für sie Anfang. Was für die anderen Schmerz ist, ist für sie Neugier.
Diese Neugier wird zu ihrem eigentlichen Überlebenswerkzeug. Unermüdlich versucht sie zu verstehen. Sie beobachtet, misst, denkt nach. Mit Hilfe von Thea entwickelt sie eigene Systeme zur Zeit- und Entfernungsmessung – kleine, verzweifelte Versuche, Ordnung in eine Welt zu bringen, die keine Antworten mehr liefert.
Ihr Hunger nach Wissen ist grenzenlos, doch die Welt bleibt stumm.
Und genau darin liegt die eigentliche Kraft dieses Buches: Es verweigert Erklärungen. Man erfährt weder, warum die Frauen gefangen waren, noch, was geschehen ist. Keine Auflösung. Kein Trost. Nur Existenz.
So wird die Erzählerin zu einer Art philosophischem Urmenschen. Ohne gesellschaftliche Prägung, ohne kulturelle Orientierung, ohne Vergangenheit. Sie stellt die grundlegendsten Fragen: Was ist Zeit? Was ist Sinn? Was ist ein Mensch?
Unwillkürlich fühlt man sich an das Kaspar-Hauser-Phänomen erinnert – ein Bewusstsein, das sich selbst und die Welt erst erschaffen muss, ohne Anleitung, ohne Kontext.
Das Buch ist ruhig, fast emotionslos erzählt, und gerade deshalb so intensiv. Es zwingt einen, sich mit der vielleicht unbequemsten Frage überhaupt auseinanderzusetzen:
Was bleibt vom Menschen, wenn alles, was ihn definiert, verschwindet?
Eine beeindruckende, verstörende und tief nachwirkende Lektüre, die keine Antworten gibt – aber Fragen, die einen noch lange begleiten werden.

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Der Sommer, der nie endete

Kala
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Colin Walshs Debütroman beginnt mit Gedanken über Zeit und Ort – darüber, wie Erinnerung nie wirklich verschwindet und wie Orte uns prägen, selbst wenn wir sie verlassen. „Kala“ ist ein literarischer Thriller, ...

Colin Walshs Debütroman beginnt mit Gedanken über Zeit und Ort – darüber, wie Erinnerung nie wirklich verschwindet und wie Orte uns prägen, selbst wenn wir sie verlassen. „Kala“ ist ein literarischer Thriller, der weniger von der Aufklärung eines Verbrechens lebt als von der unheimlichen Macht der Vergangenheit.
Im Sommer 2003 genießen sechs fünfzehnjährige Freunde in der irischen Küstenstadt Kinlough ihren scheinbar endlosen Sommer – bis Katherine „Kala“ Lanann verschwindet und nicht gefunden wird. Fünfzehn Jahre später, kurz nachdem man Kalas Leiche entdeckte, treffen sich drei von ihnen in Kinlough wieder: Mush, der seine Narben hinter einem stillen Leben verbirgt; Helen, eine Journalistin, die ihrer Herkunft nie ganz entkommen ist; und Joe, ein gefeierter Rockstar auf der Flucht vor sich selbst.
In wechselnden Ich-Perspektiven entfaltet sich ein Geflecht aus Erinnerungen, Schuld und Verdrängung. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich, während die Figuren mit dem „Anderen Ort“ ringen – jenem inneren Rückzugsraum, in dem Wahrheit und Fantasie verschwimmen. Als schließlich neue Hinweise ans Licht kommen, zwingt die Wahrheit sie, sich dem zu stellen, was sie all die Jahre verdrängt haben.
Trotz kleiner Zufälle in der Handlung überzeugt der Roman durch seine dichte Atmosphäre, seine lebendigen Figuren und die eindringliche Darstellung der zerstörerischen und zugleich unausweichlichen Kraft von Erinnerung.Die fragmentierten Perspektiven greifen ineinander wie Zahnräder – bis zur finalen Enthüllung, die mehr kostet als nur Illusionen.
„Kala“ ist ein literarischer Thriller, der fast weniger von der Frage lebt, wer es war, als davon, was Erinnerungen mit uns machen – und was wir bereit sind, nicht wissen zu wollen.

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